Eine schöne ATO-Uhr, original von Leon Hatot. Ca. 1930

Diskutiere Eine schöne ATO-Uhr, original von Leon Hatot. Ca. 1930 im Sonstige Uhren Forum im Bereich Sonstige Uhren; So, also wiedermal mein Sprachfehler. Aber diesmal habe ich nachgeholfen, denn diese Uhr wollte ich persönlich in den Fingern und auf dem Tisch...
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Der Stromer

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So, also wiedermal mein Sprachfehler. Aber diesmal habe ich nachgeholfen, denn diese Uhr wollte ich persönlich in den Fingern und auf dem Tisch haben... Also: Ein kräftiges Ja, als mein Bekannter fragte, ob ich denn mal....:ok:
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Die Spule, die das Werk antreiben soll.

5882-Anlieferung.jpg

Zum Hersteller ist folgendes zu bemerken:

Leon Hatot wurde am 22. April 1883 geboren. Er erlernte das Uhrmacherhandwerk in Besancon. Eine Lehre als Gehäusegraveur schloss sich an und bereits 1911 übernahm er die Firma Bredillard in Paris. 1919 begann Hatot mit der Produktion Batteriebetriebener Uhren. Er beschäftigte sich schon sehr früh mit der als "neuen Kraft" bezeichneten Elektrizität. Er wollte diese Kraft unbedingt als Energie für Uhren nutzen. 1923 Trat Marius Lavet in die Firma ein und etliche Patente, am 26. September 1923 wird das Patent Nr.: 583 331 in Frankreich für das ATO - Prinzip angemeldet, gingen aus dieser Zusammenarbeit hervor, unter anderem der Schrittmotor in Quarzuhren.1925 gewann Leon Hatot für seine Kollektion elektrischer Uhren im Art-déco-Stil den Grand Prix der Exposition internationale des Arts Décoratifs et industriels modernes und wurde zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. 1929 wird eine Automatik-Armbanduhr "Rolls" auf den Markt gebracht. Größer war jedoch die Beachtung für die kleinen elektrischen Uhren, die ab 1928 auf den Markt gebracht wurden. Das waren die ATO-Uhren. Die Uhr, die ich nun hier vorstellen möchte, stammt aus dem Jahr 1930. Diese Art Deco Uhr wurde in vielen Varianten Produziert, diese Variante ist recht selten. Gläserne Scheibe trägt das Ziffernblatt mit den Verchromten Ziffern und der Stufensockel ist aus Bakelit. Das Werk fand in vielen ATO-Uhren Verwendung, aber dieses hier ist verchromt und durch die Glasscheibe als Objekt bestens zu sehen. Das macht die Faszination dieser Uhr aus. Die sich bewegenden Teile beobachten zu können.

Die Uhr hat jetzt also schon fast 90 Jahre auf dem Ziffernblatt und da kann schon mal was den Geist aufgeben. Hier war es aber auch ein "Uhrmacher", der sich an dieser Uhr versucht hat und irgendwann die Lust verloren hat, weiter an diesem Stück Uhrgeschichte zu "werkeln". Nach langer Zeit des Stillstandes als Standuhr auf einem Schrank, kam sie zu mir.

Also. Uhr zerlegt, ist eigentlich nichts großes, man muss nur überlegen, wie dieses gute Stück mal zusammengesetzt wurde. Des Pudels Kern, das Werk, kann nach Abnahme der Zeiger mit drei Schrauben aus dem Runden Gehäuse genommen werden. Es wäre nur schön gewesen, wenn mein Vorreparateur die original-Schrauben wieder beim Zusammenbau verwendet hätte und nicht irgendwelche Gewindestangen (M2,2) und entsprechende Muttern.

Es gibt nichts schlimmeres und größeren Pfusch als falsche und lose Schrauben! Na ja, meine Schraubenschachteln geben so manches her, was sich im Laufe meiner Uhrzeit angesammelt hat.
Warum hat nun diese Uhr ihren Dienst versagt? Wie es dazu kam, kann man kaum noch eruieren. Aber jetzt war die Spule kaputt (unendlich Ohm). Alle Anschlüsse waren lose und es fehlten Schrauben und Muttern. So hing das ATO-Schildchen auf dem Werk wirklich auf Halbsieben und blockierte das Wechselrad. Eine Befestigungsschraube am Spulenkörper war falsch und natürlich zu lang, sie stellte ungewollt eine leitende Verbindung von Masse zum Spulendraht her. Also erst mal die Spule ausgebaut und geschaut "habe ich so einen Draht??" Nein, hatte ich natürlich nicht. Der benötigte Draht hat einen Durchmesser von 0,02 mm, für "modernere" ATO-Uhren verwende ich 0,06 mm. Als alter (im wahrsten Sinn des Wortes) Elektriker habe ich mir aber gedacht "Die neuen Spulen haben einen Widerstand von 1,6 K Ohm. Wenn ich also meinen 3 mal dickeren Draht auf den Kern wickle, sollte ich bei voller Ausnutzung des Spulenkörpers so auf ca. 1,5 K Ohm kommen. Bei einer Spannung von 1,5 Volt gibt das pro Schaltvorgang ca. 100µA. Normal haben diese Uhren eine Stromaufnahme von 75µA. Also das sollte nicht viel ausmachen. Gedacht und gewickelt: Die neue Spule hat tatsächlich 1,6 K Ohm. Nachdem die Spule gewickelt war, kam erst mal die Generalschraubenersatzundanzugsarie. Fast alle Schrauben waren an diesem kleinen Werklein lose. Was der Vorreparateur damit bezweckt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Dann der Einbau der Spule - kein Problem, Hatot hat an die Uhrmacher nach ihm gedacht - mit meinem "electrotest U" wieder Spannung auf die Spule, und... sie bewegt sich doch. Das Messinstrument zeigt eine Stromaufnahme von 100µA wie berechnet. Damit wird die Uhr bei einer Batterie D ca. 5 jahre laufen, wenn die Batterie sich nicht vorher selber auffrisst.
Jetzt noch etwas zu den Besonderheiten diese Werkes: Angetrieben wird das Werk durch die Pendelschwingung. Das ist ja das Prinzip der ATO-Uhren. Die Spule ist fest am Werk angebracht und das Pendel besteht aus einen gebogenen Stabmagneten. Bei dieser Uhr gibt es keine Pendelfeder.Das Pendel ist mit zwei Drahtaufhängungen gelagert, die elektrische Verbindung zum Kontakt wird durch eine Bronzefeder gewährleistet. Der mechanische Kontakt wird vom Pendel betätigt und zwar so, dass immer dann der Kontakt geschlossen wird, wenn der Stabmagnet ca. 3/4 in der Spule ist. Durch das nun entstehende Magnetfeld wird der Magnet mit sanftem Stups aus der Spule hinaus befördert und so werden die Verluste durch Reibung und so weiter ausgeglichen. Da das Pendel sehr kurz ist, muss verhindert werden, dass es unkontrolliert zu weit schwingt. Das kann vorkommen, wenn eine neue Batterie nötig wird. Daher gibt es auf der anderen Seite des Werkes einen Kupferring, in das der Stabmagnet eintaucht. Macht er das zu heftig (neue Batterie) so bremsen die Wirbelströme im Kupferring entsprechend den Elan des Pendels. Der Gang kann also hier nur und bestens durch das kleine Gewicht am Pendelstab reguliert werden.

Jetzt kam natürlich noch das, was immer folgt: Ich habe zum Putzlappen gegriffen! Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Eine schöne, seltene, schon antike Uhr von Leon Hatot.

Übrigens: In der Bucht geistert dauernd so eine Uhr - allerdings mit schwarzen Zeigern - für einen Fantasie-Preis herum.

5881-Marke-auf-halb-sieben.jpg
Im gelben Kreis: Die ATO - Marke auf "Halbsieben"

5884-Die-Spule-ohne-Widerst.jpg
Na ja. Der Reparateur könnte auch der Meinung sein, ein Auto fährt mit Wasser...


5886-Kontakte-und-Kontaktfe.jpg
Rot: die Spiralfeder zur Kontaktherstellung zum Pendel und grün die Kontakte für die Spule. Übrigens: Das Pendel hängt in Drahtösen, hier leider nicht zu sehen


5887-Wie-beim-Haareschneide.jpg
Wie beim Haarschneiden: Die alte Wolle muss runter!


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Spulenkörper voll ausgenutzt, ergibt 1,6 K Ohm


5881-Spule-defekt.jpg
Im Kreis: die defekte Spule


5882-Anlieferung.jpg
Bei der Anlieferung


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Werk und Spule ausgeschalt.


5890-Seitenansicht.jpg 5891-Das-Werk-mit-Marke-und.jpg
Testaufbau - und sie bewegt sich doch! Ganz unten: Das verstellbare Pendelgewicht zur Regulierung des Ganges.


5892-Spule-Wirbelstrombrems.jpg
Rot: die Antriebsspule und grün: der verchromte Kupferring als Bremse!


5893-Testlauf-250µA.jpg
Mein alt-ehrwürdiger electrotest U in Aktion. Angezeigt wird ein Strom von etwas über 200µA beim Schalten. Verbrauch also ca. 100µA. Genug für 5 Jahre.



5895-Spule-eingebaut.jpg
ATO - Schildchen und die Pendelaufhängung mit Drahtösen.



5894-Der-Kontakt.jpg
Recht aufwändig: die Kontakte.

5900-Fertig.jpg
Habe fertig!


5896-von-hinten.jpg
Hinten verschließt ein Deckel das Gehäuse.




5898-Wieder-alles-zusammen.jpg

Und noch etwas zu diesen Uhren in Lizenz von Leon Hatot. Als erste Ausländische Lizenz wurde eine Lizenz zum Vertrieb von Uhren an Haller & Benzing vergeben. Allerdings mussten die Werke der Uhren - jetzt in Runder Form - von Hatot bezogen werden. Nach H&B gingen die Lizenzen mit Genehmigung von Hatot auf die HAU über. Als die HAU von Junghans beherrscht wurde, meinte Junghans, auch im Besitz der Lizenzen für ATO-Uhren zu sein. Junghans stellte ATO-Uhren auch als Anlagenuhren mit bis zu 160 Nebenuhren her. Hatot klagte gegen diesen ungenehmigten Nachbau und gewann den Prozess 1953, nach fast 20 Jahren Prozessdauer durch den WKII und im Jahr seines Todes . In der Zwischenzeit hatte Kieninger & Obergfell (KUNDO) Lizenzen zum Nachbau von Hatot erworben. Die Werke dieser Uhren sind bekannt geworden unter der Bezeichnung EM1000 für Elektomagnetisch und 1000 Tage Laufzeit. Junghans klagte nun auch gegen KUNDO - das Werk soll dem Junghanswerk entsprochen haben - verlor aber auch diesen Prozess. KUNDO entwickelte dann eine Steuerung mit Transistor an Stelle des mechanischen Kontaktes, einem Widerstand und zwei Spulen, die 1955 auf den Markt kam und viel Aufsehen erregte. Etwas später- 1958 - wurde dann auch die Transistor-gesteuert Uhr von Hatot vorgestellt. Junghans hat die Uhren dieser Art nie mit Transistorsteuerung auf den Markt gebracht. Bis zuletzt waren diese Junghansuhren mit mechanischen Kontakten ausgerüstet. KUNDO entwickelte dann noch einen Antrieb mit 2 Transistoren und einer externen Platine, der auch mit nur einer Spule auskam.

Der Unterschied bei den Werken: Rechteckige Bauform = Leon Hatot; Runde Bauform = Werke in Lizenz von Hatot an H&B, HAU und KUNDO. Tropfenförmige Werke: Wurden währen des Rechtsstreites Junghans vs. KUNDO von KUNDO so verbaut. Nach Ende des Prozesses stellte KUNDO wieder die ursprüngliche runde Form her. Teilweise wurden die Werke auch mit Nummern versehen, weiß der Teufel, warum. Es gibt diese Werke auch mit 8 Rubin-lagern, aber wohl nur aus ästhetischen gründen und nur von KUNDO.

Das hat übrigens nichts mit den Uhren zu tun, die unter "LIC. ATO" verkauft wurden. Das sind die Drehschwinger. Auch von Hatot entwickelt und Patentiert, Lizenzen aber an viele Uhrenhersteller. Hettich, Hermle, EMES, und so weiter haben Werke nach diesem Patent hergestellt und erfolgreich auch weiter entwickelt. Hier war alles Rechtens.

Viele dieser Uhren tun auch heute noch ihren Dienst wie eh und je. Nur einige haben das Manko, dass die Spulen kaputt gehen. Man hat früher Lötmittel mit Säureanteile als Flussmittel verwendet. Und im Laufe der Jahrzehnte zerfrisst die Säure den Isolierlack und dann das Kupfer. Ich habe bei diesen Uhren noch nie einen defekten Transistor gehabt. Wie auch, bei dieser Leistung: Betriebsspannung 1,5 Volt und Strom im Schnitt 75 - 100µA. Da brennt halt nichts. Auch kein GE-Transistor!

Pps.: Der Transistor wurde 1948 von den Bell-Laboratories vorgestellt und zur Serienreife entwickelt. Erfunden haben ihn aber zwei Deutsche Wissenschaftler schon 1925 und 1934 (erstes Patent).
 

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Servus Rol-Dieter,

vielen Dank für deinen Bericht, sehr schön geschrieben.
So eine Magnetpendeluhr von Leon Hatot habe ich leider noch nicht im Original gesehen, geschweige repariert. In meiner ATO-Sammlung habe ich „nur“ Uhren von Junghans.
Die Vielfalt dieser Uhren ist ja sehr groß, von der kleinen Tischuhr bis zu den Mutteruhren und Wanduhren.

(Sehr interessant zu lesen ist auch das kleine Büchlein vom Stadtmuseum Schramberg über die ATO-Uhr)

Viele Grüße

Willi
 
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