Eine PIERPONT aus Biel/Bienne

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Faisaval

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Liebe Freunde alter Uhren,

vor kurzem hatte ich das Glück diese Armbanduhr der Marke PIERPONT für einen überschaubaren Betrag zu erstehen. Ihr klassisches schlichtes Design hat mich einfach angesprochen, sodass ich nicht umhin konnte sie zu erwerben.

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Sie verfügt weder über eine besondere Komplikation, noch über eine zukunftsweisende Technik, oder einen bekannten Namen. Nein, sie gehört vielmehr zu den zahllosen „unbekannten“ Marken schweizer Herkunft, die einzig und allein durch ihre gute Qualität auch noch nach Jahrzehnten besticht.
Mit einem Durchmesser von 32 mm und einer Bauhöhe von 9 mm würde sie heutzutage nur noch als Damen-Armbanduhr angepriesen werden können, hatte aber zu jener Zeit (ca. Mitte der 40er Jahre) als sie auf den Markt kam, eine durchaus übliche Größe, um ein männliches Handgelenk zu zieren.

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Ihr Zustand ist für Ihr Alter (schätzungsweise 75 Jahre) noch erstaunlich gut. Das vermutlich vernickelte Gehäuse, wie auch der gepresste Edelstahlboden zeigen so gut wie keinen Abrieb. Lediglich das wohl versilberte ZB hat an mehreren Stellen Patinierungspunkte zu verzeichnen. Auch die Leuchtmasse (vermutlich Radium) der Stundenzahlen und des Stunden- und Minuten-Zeigers sind weitestgehend noch vollständig, haben aber ihre einstige Leuchtkraft in der Nacht gänzlich verloren. Bemerkenswert ist auch das verbaute Echtglas, welches keinerlei Kratzer aufweist.

Die Stege der 16 mm breiten Anstöße sind fest verschweißt. Glücklicherweise hatte ich in meinem Fundus noch ein passendes NOS-Lederband aus der Zeit, welches ich von einem lieben Member aus dem UF erstehen konnte. Uhr und Lederband passen meines Erachtens recht gut zusammen.

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Zur Marke Pierpont wollte ich natürlich mehr erfahren und so begann ich ein wenig zu recherchieren, fand aber leider nicht allzu viel:

Man schrieb das Jahr 1901 als das Unternehmen „Bourquin Sauter und Cie“ in Biel/Bienne gegründet wurde mit dem Ziel Uhren, Uhrwerke, sonstige Uhrenteile, Schatullen- und verpackungen herzustellen.

„Felicia“ war der erste Markenname, den das Unternehmen bereits am 22. Mai 1901 für sich registrieren ließ.

Im Jahre 1903, genauer gesagt am 27. Juli 1903 reichte das Unternehmen im Eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum (Buero fédéral de la propriété intellectuelle) unter der Nummer 9839 zwei Uhrwerksmodelle patentamtlich ein:

No. 9839, 27.07.1903; Bourquin Sauter &Cie.JPG


1904 ließ man die Markennamen „Oriana“ und „Portena“ für sich eintragen.

1906 kam es zur Einreichung der Patente Nr. 34142 für einen Uhrenkloben mit Spiralbolzen und Nr. 34261 für einen Uhrenregulator.

Zu jener Zeit hatte das Unternehmen seinen Firmensitz in Biel/Bienne in der Schützengasse 37 (37 Rue du Stand)

Schützengasse 37, Biel, Luftbild.JPG


Man beteiligte sich auch 1906 an der Weltausstellung in Mailand

Poster_ufficiale_di_Expo-Milano-1906_di_Leopoldo_Metlicovitz.jpg


und konnte eine Silbermedaille gewinnen

Auszug La Federation Horlogerie Suisse_24.01.1907.JPG

(Auszug aus "LA FÉDÉRATION HORLOGÈRIE SUISSE", 24. Januar 1907)

In Kelly’s Directory of Merchants, Manufacturers and Shippers aus dem Jahre 1907 wird auf Seite 1464 das Unternehmen Bourquin Sauter & Cie als Hersteller für Damenuhren aufgelistet.

Bourqin 1907 (aus Kelly's Directory of Merchants, Manufacturers an Shippers, Seite 1464, 1907).JPG


Dann schrieb man das Jahr 1909 als in der deutschen Uhrmacherzeitung folgendes zu lesen war:

1. Januar 1909.JPG


Mit der Firmierung des Unternehmens „Sauter Frères“ (bzw. Sauter Frères & Cie) am 1.Januar 1909 durch die Gebrüder Georges Friedrich Sauter und Paul Albert Sauter erfolgte auch die Übernahme der aufgelösten Firma Bourquin, Sauter & Cie einschl. ihrer registrierten Markennamen.

1916 verwies eine Anzeige des Unternehmens auf die hauseigene Herstellung von Anker- und Zylinderuhren für Damen, Armbanduhren und Kalotten, die Spezialisierung auf dünne 11-linige Anker-Uhrwerke und ganze Uhren, 9 3/4 bis 10 1/2 linige Uhrwerke, drei speziellen Kaliber und Uhrwerken mit Abmessungen, die gut geeignet Goldgehäuse waren.

1918 war es dann soweit, der Markenname „Pierpont“ wird aus der Taufe gehoben und am 08. Februar 1918 für das Unternehmen Sauter Frères & Cie als Markenname eingetragen.

Die folgenden Jahre und Jahrzehnte waren geprägt von steigenden Umsatzzahlen und der Erweiterung der eigenen Produktpalette. So beschränkte man sich nicht nur mit der Produktion von Damen-Armbanduhren, sondern kreierte ab den 1920er Jahren zunehmend auch Herren-Armbanduhrenmodelle.
Zu jener Zeit hatte das Unternehmen seinen Sitz in der Florastraße 32 (32 Rue de la Flore) in Biel/Bienne.

Mitte der 40er Jahre bewarb man unter anderem auch den Markt in Großbritannien unter dem Namen PIERPONT WATCH CO. / SAUTER FRERES & CO. S. A. BIENNE (SWITZERLAND) mit Anzeigen wie diesen:

Werbeanzeige 1946.jpg

Übersetzt:
„Schauen Sie sich diese Armbanduhr an - PIERPONT!
Moderne Zifferblätter, pfiffiges Design, Uhrwerke von bester Verarbeitung, sorgfältige Zeitmessung, Preise, die einer guten Materialqualität entsprechen, sind einige Vorteile dieser Uhren. Materialien für PIERPONT-Uhren sind dank unseres etablierten Materialservice schnell erhältlich, der Ihre Reparaturen erleichtert.“


Ab 1945 residierte das Unternehmen in dem eigens dafür geschaffenen neuen Gebäude in der Straße Gurzelen 6 in Biel/Bienne.

Gurzelenstr. 6, Biel.JPG

Ehemaliges Fabrikgebäude der Sauter Frèrès & Cie in Biel/Bienne, Gurzelen 6.

Die nachfolgende Anzeige aus dem Jahre 1947 ist interessant, denn sie zeigt eine Herren-Armbanduhr, die gestalterisch meiner Uhr sehr ähnlich ist.

Werbeanzeige 1947.jpg


1949 nahm das Unternehmen auch an der Basler Messe teil.

Im Jahre 1951 firmierte das Unternehmen unter dem Namen PIERPONT, SAUTER FRERES & CO. SA.

Eine Quelle nennt in diesem Zusammenhang die Onsa Watch aus Niedau, welche 1951 begann in der Schweiz Pierpont-Uhren zu vertreiben. Hierfür ließen sich meinerseits jedoch keine weiteren Belege finden.

Werbung 1953.JPG

(Werbenazeige von 1953)

In Großbritannien erfolgte laut Pritchard der Vertrieb der Pierpont-Uhren 1959 und 1963 von A. Brun, London.

1966 firmierte laut Pritchard das Unternehmen wieder als SAUTER FRERES & CO., PIERPONT WATCH CO.

Die wachsende Konkurrenz aus Fernost und nicht zuletzt die Quarz-Krise führten auch bei Sauter Frèrès & Co zu existenzgefährdenden Umsatzeinbußen.

1985 kam es zur erneuten Umfirmierung des Unternehmens in „PIERPONT SA BIENNE“.
Die neue Firmenadresse lautete Ende 1995 Gottstattstraße 72 in Biel/Bienne.

Doch am 10. Februar 2005 schlossen sich die Pforten für immer, denn es erfolgte gemäß Beschluss der Generalversammlung die endgültige Auflösung des Unternehmens.

Der kurze geschichtliche Abriss ist in einigen Punkten noch sehr lückenhaft, aber bis dato konnte ich nicht mehr an Infos in Erfahrung bringen. Ich hoffe trotzdem, dass er Euch einen kleinen Einblick zur Marke „PIERPONT“ und dem Unternehmen „Sauter Frèrès & Cie S.A.“ vermitteln konnte.

Welche Motorik in meiner Uhr nun steckt, wollte ich natürlich auch wissen.

So öffnete ich den gepressten Bodendeckel

IMG_E6541.JPG



und zum Vorschein kam

IMG_E6533.JPG


das Kaliber FHF 1156, welches bisher sehr zuverlässig seine Arbeit verrichtet.

Im Uhrwerksarchiv unseres lieben Members @uhrenbastler ist das Uhrwerk wunderbar detailliert beschrieben Das Uhrwerksarchiv: FHF 1156

Auch wenn die Uhr klein ist und eigentlich nicht viel zu bieten hat, so hat sie es doch verdient ab und an getragen zu werden.

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Faisaval

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@Brambilla, Hallo Paul, vielen Dank für Deine positiven Zeilen. Freut mich, dass die Geschichte für Dich interessant war. 🤗

@PeterV, danke Dir. Ich tendiere auch dazu, dass die Lume der Zeiger wohl schon mal erneuert wurde. Dies muss aufgrund der leicht gequollenen Struktur aber schon vor längerer Zeit passiert sein. :-P
 
Watcher48

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Ich denke, die Zeiger wurden erst kürzlich recht grob und unschön neu gefüllt. Das geht besser und würde der schönen Uhr auch besser stehen.

Gruß
Hein
 
Faisaval

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@Watcher48, hallo Hein, da gebe ich Dir Recht, da ist ausführungstechnisch noch Luft nach oben. ;-)
Werde mal mit meinem Uhrmacher diesbezüglich das Gespräch suchen.

@Pirandello, hallo Timo, vielen lieben Dank für Deinen Zuspruch. Freut mich echt, dass es Dir gefallen hat. :-P
 
MaJoLa

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Grüß Dich, mein Lieber,

das ist mal wieder eine ausgezeichnete Vorstellung einer durchaus interessanten Uhr und einer Marke, die wohl alles andere als häufig auftaucht.

Ich finde es immer wieder unglaublich, woher Du diese Informationen nimmst. Dazu wunderbar und erstklassig bebildert.

Mir hat es wieder mal Spaß gemacht, Deinen Ausführungen zu folgen und nach 3 Anläufen hab ich jetzt mal Ruhe gehabt, auch wirklich alles zu lesen.

Bzgl. der Lume hatten wir uns ja an anderer Stelle schon ausgetauscht.

Handwerklich sicherlich nicht übermäßig ausgeführt, aber dennoch behaupte ich, die Lume ist definitiv alt. Dieses Giftgrün wurde damals so verwendet, ist aber zum Glück nicht übermäßig oft zu sehen. Man kann aber sicherlich nicht ausschließen, daß die Lume mal einige Jahre später erneuert wurde. Allerdings bleibt dann die Frage, warum?

Ich bleibe also zunächst bei meiner Behauptung, daß sie original ist.
Und sieht man sich genau die Färbung der Ziffern an, bemerkt man, daß diese in einem schwachen Grün ausgelegt sind. Würde man dieses Grün abdunkeln bzw. sättigen, käme man mit ziemlicher Sicherheit deutlich an das Grün der Zeiger. Typisch ist da auch die Schwammstruktur der Lume.

Ansonsten bedarf es wohl keiner Frage, daß ein so rein funktionelles und schlichtes Design zwischendurch, optisch sehr erholsam sein kann.

Danke Dir:klatsch::klatsch::super::super:
 
Faisaval

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Lieber Markus, vielen Dank für Deinen Zuspruch. Hat mich sehr gefreut. 🤗Ja und das mit der Lume hatten wir ja schon an anderer Stelle diskutiert. Wäre natürlich toll, wenn Du Recht hättest, so wär sie durch und durch im Originalzustand.😀
 
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