Eine kleine Geschichte: Der neue Kupplungshebel

Diskutiere Eine kleine Geschichte: Der neue Kupplungshebel im Taschenuhren Forum im Bereich Uhrentypen; Ich habe ja eine Schwäche für die Marke Aeby & Landry. Das liegt wohl daran, dass bei meinem ersten Flohmarkt-Fund eine Savonette aus dieser...

monozelle

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Ich habe ja eine Schwäche für die Marke Aeby & Landry.
Das liegt wohl daran, dass bei meinem ersten Flohmarkt-Fund eine Savonette aus dieser Schmiede dabei war, siehe meinen ersten Beitrag von Mai 2019. Seitdem bin ich immer mal mit einem halben Auge auf der Suche nach Werken mit dem eingepunzten Hahn... 😁

Ich konnte neulich eine als "defekt für Bastler" ausgeschriebene kleine Lepine ergattern, als "Aeby & Ballenstedt" bezeichnet wurde, wobei der Verkäufer wahrscheinlich eher "Aeby & Bellenot" meinte. Das Werk zeigt den gepunzten Hahn - eindeutig eine Aeby & Landry! Und was für eine Hübsche.
Auf den Bildern schien der Drückerstift zu fehlen und die Kronwelle war lose. Da sie ansonsten optisch sehr gut aussah und vor allem das seltene Zeigerspiel mein Interesse weckte, zog sie für einen kleinen zweistelligen Betrag in meine kleine Sammlung ein.

Aeby-Kupplungshebel-01.jpg


Es stellte sich zum Glück heraus, dass sich einfach nur die Schraube der Kronwelle gelockert hatte und dass der Drückerstift noch vorhanden war. Jedoch saß der verdächtig tief im Gehäuse...

Aeby-Kupplungshebel-04.jpg


Die Ursache war schnell gefunden. Der federnde Kupplungshebel war angeknackst und hing am "seidenen Faden".

Aeby-Kupplungshebel-06.jpg


Beim Ausbau fiel er dann natürlich ganz auseinander. Ein befreundeter Uhrmacher gab mir die Auskunft, dass federnde Teile meistens nicht zu reparieren sind und man um eine Neuanfertigung nicht herumkommt. Das würde mein Budget wohl sprengen, also war ich erstmal ratlos. Da meinte der Uhrmacher: "Probiers doch mal selbst!" Hmmm... 🤔

Also vermaß ich den Hebel und bestellte, mit null Ahnung von Metallbearbeitung, zwei Plättchen Federstahl mit der Werkstoffnummer 1.4310 in der Dicke 0,6 mm und 0,8 mm. Dass das bereits gehärteter Stahl ist und ich besser Silberstahl 1.2210 genommen hätte, habe ich dann später gemerkt. Aber es ging auch so. Doch eins nach dem anderen...

Den Gegendruckstift habe ich, dämlich wie ich bin, mit der Triebnietmaschine rausgeklopft. Dass er geschraubt und nicht genietet war, hätte mir auch einfallen können. Das war dann wohl mal ein Gewinde... der gebrochene Hebel wurde mit etwas wasserlöslichem Klebstoff auf der Platte fixiert, die Umrisse wurden mit einer Reißnadel grob nachgezeichnet und der Stand der Bohrungen angekörnt.

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Mit Dremel und Trennscheibe wurde das Teil ausgesägt und mit einem Fräsaufsatz näherte ich mich der Form grob an...

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Die Feinarbeit kam dann mit der Feile...

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Diese Hartmetallbohrer sind billige Dinger aus China. Als blutiger Anfänger wollte ich nicht gleich wertvolle Tools schrotten. Zwei davon gingen mir auch gleich hops, weil die Drehzahl zu gering war. Das nennt man wohl Lehrgeld...

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Aber die Löcher waren dann gebohrt. Die Bohrung für die Schraube wurde mit der Triebnietmaschine passend für den Schraubenkopf angesenkt.
Erste Einpassversuche... da muss noch was weg. 🙂

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Nach einiger Feilarbeit sah das dann so aus... nicht ganz orginal. Feilen will gelernt sein, und es war mein erstes Mal.
Leider ist mir die Bohrung für den Gegendruckstift etwas zu weit rechts geraten.
Aber egal, ich mach das Ding fertig...

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Rechts bei der Schraube passt es jetzt. Aber ich habe zuviel Material bei dem federnden Teil weggenommen. Die linke Bohrung sitzt jetzt nicht nur zu weit rechts, sondern auch bedenklich nah am Rand. Zu diesem Zeitpunkt ging ich schon davon aus, dass ich das Teil sowieso in die Tonne werfen kann. Also wurde ich wagemutig...

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Eine Klobenschraube aus meinem Fundus diente als Gegendruckstift. Die Bohrung wurde leicht aufgerieben und die Schraube dann vorsichtig reingedreht, so dass sie sich ihr eigenes Gewinde schnitt. Soll ja nur halten. Und - das tat es. Die Schraube sitzt bombenfest. 😳 Vielleicht würde das Ding doch funktionieren?

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Das überstehende Gewinde wurde plan gefeilt. Erste Funktionstests mit Drückerstift liefen überraschend erfolgreich.

Aeby-Kupplungshebel-18.jpg


Bei der Reinigung zeigte sich noch eine gerissene Aufzugsfeder. Insgesamt sah man dem Werk an, dass es ein bewegtes Leben hinter sich hat. Unter dem Unruhkloben wurden Rillen in die Platine getrieben, offenbar um etwas mehr Höhenluft zu schaffen. Auch an anderen Stellen weist das Werk etliche Reparaturen und Basteleien auf.

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Eine neue Aufzugsfeder wurde bestellt. Ein erster Test ohne Federhaus mit komplettem Räderwerk und Hemmung zeigt eine überraschend vitale Amplitude 😃 --->

Nach dem Zusammenbau... 🙂

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Die Gangwerte sind so lala... der Rückerzeiger ist nicht original und auch zu klein. Der Steg für das Spiralklötzchen ist Marke Eigenbau und wurde zusammen mit der Fassung an den Kloben angelötet. Die Rückerstifte wurden nach außen gebogen und stehen schräg. Trotzdem ist da zuwenig Luft zum Kloben, die Breguetspirale wird in eine zu enge Windung gezwungen. Ich nehme mal an, das erklärt den krassen Vorlauf. Eine kontrollierte Regulierung war nicht möglich. Nach einer Weile konnten wir beide uns auf etwa 1 Minute Vorlauf einigen. Damit kann ich leben.

Aeby-03.jpg


Zunächst blieb sie auch scheinbar willkürlich stehen. Das Werk ließ sich immer wieder anschubsen und tickte dann eine Zeitlang... mal eine halbe Stunde, mal nur wenige Minuten - und stoppte dann abrupt, während die Unruh aber locker auspendelte. Das Problem, so stellte sich dann heraus, lag nicht auf der Werks- sondern auf der Zifferblattseite. Ich hatte den Federhausdeckel nicht fest genug zugedrückt. Er stand minimal hoch und blockierte manchmal einen Schenkel des Kleinbodenrades. Das konnte ich dann mit relativ einfachen Mitteln beheben. Seitdem tickt sie stabil. Der Rückerzeiger steht immer noch weit im "Retard", aber ich gebe mich für's erste zufrieden. 🙂👍
Am stolzesten bin ich auf meinen selbstgebauten Kupplungshebel - die Zeiger lassen sich wieder stellen und der Aufzug funktioniert.

Den weiteren Tag und über Nacht lief sie dann reibungslos (haha) durch, und am Morgen ging sie, wie zu erwarten, etwa 1 Minute vor.
Ich würde sagen, das ist okay für eine 140 Jahre alte Taschenuhr.

Ende.

Aeby-04.jpg
 

Unruhgeist

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Echt klasse :super:
Was du dich da schon reingefuchst hast in den 2 Jahren die du dabei bist ist schon sagenhaft!
Ich murkse da ja maximal noch an Revisionen rum bei den Dreizeiger TU. Liegt aber vielleicht auch an den Interessenschwerpunkten. Du scheinst mehr in Richtung Technik / handwerklich zu marschieren, ich fahre mehr auf historische Zahlen, Daten, Fakten ab. Aber wie auch immer, wichtig ist, dass auch den einfachen Taschenuhren Aufmerksamkeit zukommt. Die einfachen Dinger erzählen oft mehr über die technische Entwicklung und Historie als die High End Werke, die ja meistens die damalige Spitze der Evolution darstellen.

Grüße,
Unruhgeist
 

monozelle

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Liegt aber vielleicht auch an den Interessenschwerpunkten. Du scheinst mehr in Richtung Technik / handwerklich zu marschieren, ich fahre mehr auf historische Zahlen, Daten, Fakten ab.

Und ich kratze gerade erst an der Oberfläche... es macht mich einfach so richtig zufrieden und happy, wenn ich so ein altes Teil wieder zum Laufen bekomme. Und ich finde es spannend, wie fein abgestimmt die Einzelteile sind und was es dabei alles zu beachten gibt. Ja, ich glaube, es ist schon eher die Technik, die mich fasziniert. Obwohl die ja in engem Zusammenhang mit der Historie steht.
 
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