Revision Eine etwas ältere Jahresuhr – Hersteller JUF ab 1912 mit Louvre-Gehäuse

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Der Stromer

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Eine etwas ältere Jahresuhr – Hersteller JUF ab 1912

Diese Uhr hat ein sog. Louvre Gehäuse. Das Gehäuse ist vergoldet, das Werk Messing.
2945-Gehauese.JPG
2946-JUF-Pendel-1912.JPG

Zum Schutz gibt es einen Echtglas-Dom, den ich aber nicht fotografiert habe.

Welche Probleme gab es mit dieser Uhr?

Nun, ich könnte fast sagen: das Übliche!
Gehäuse verschmutzt, Werk ebenfalls und dann ein Zuviel an falschem Öl, gepaart mit einer falschen und defekten Pendelfeder. Und das alles verhinderte, dass die Uhr die Zeit zählen konnte.
2948-Pendelfeder-alt.jpg
2952-Vor-dem-Bad.JPG

Also frisch ans Werk.

Ich hatte so ein Gehäuse noch nie auf dem Tisch. Daher erst einmal studieren, wie ich an die Einzelteile der Uhr kam.
Zuerst ganz oben (in luftiger Höhe von 31cm) die Krone abgeschraubt. Die Rändelmutter saß unter dem Deckel und plumpste natürlich ins Werk, weil ich mit meinen dicken Fingern sie nicht festhalten konnte.
Unter diesem Deckel dann 4 weitere Schrauben, die mittels Abstandhülsen (Messing) das Werk hielten.
So, das Werk war also aus dem Käfig heraus. Das Zerlegen vom Käfig erforderte wieder mindestens drei Hände, ging aber. Nur über den Zusammenbau begann ich mir schon so meine Gedanken zu machen.

Aber zuerst das Werk. Zeiger und Ziffernblatt (Emailblatt von 10cm Durchmesser) abgenommen, das Werk in Einzelteile zerlegt und ab ins Bad.

Danach dann, was immer folgt. Polieren und nochmals Polieren. Dann mit Renaissance Wax versiegelt, Lager gereinigt, Zapfen überprüft und ebenfalls poliert.
2980-Frisch-vom-Waschen.JPG

Die Gangfeder hat geklebt, als wenn Jemand da einen Leim reingeschüttet hat. Also das Haus auf und mit dem neuen Federwinder die Feder entnommen. Man, warum habe ich mir so ein Teil nicht schon früher zugelegt!!!!
2955-Klebe-Feder.JPG

Das Reinigen der Feder war recht problematisch. Denn es hatte wirklich jemand mit Kleber gearbeitet. Den Federkern einfach mit dem Kleber an der Feder festgeklebt, damit wohl beim Einbau das Federende auch wirklich in den Ausschnitt eingriff. Nun, diesen Kleber habe ich nur mit Nitroverdünnung runter bekommen. So was ist mir auch noch nicht passiert. Dann die Feder gut eingefettet und wieder (gelobt sei der Federwinder, der Neue) in ihr Haus manövriert.

Das Werk selbst war dann eigentlich kein Problem mehr, da ich hier schon einiges an Routine habe und auch keine weiteren Probleme zu sehen waren. Auch hatte zum Glück Niemand am verstellbaren Ankerlager gedreht, weil dadurch vielleicht ja die Uhr wieder in Gang… Na, zum Glück für mich wurde hier nicht gedreht und der Anker selbst hat feste Paletten.
2985-Werk.JPG
2987-Vorn.JPG
2989-Rueckseite.JPG

In der Zwischenzeit wurde auch das 4-Ball-Pendel ins Bad geschickt.

Zum Pendel dieser Uhren ist folgendes zu bemerken: Am Anfang der Jahresuhren waren nur Scheibenpendel bekannt. Es gab die eigentümlichsten Konstruktionen, um den Gang und die Ungenauigkeit bei Temperaturschwankungen in den Griff zu bekommen. In der einschlägigen Literatur gibt es die entsprechenden Abbildungen.

So um die Jahrhundertwende herum kamen dann die ersten Kugelpendel auf den Markt. Das erste dieser Art wieder von der Jahresuhrenfabrik. Einige Modelle waren auch durch D.R.P. (Deutsches Reich Patent) geschützt. Aber die Erfindungsgabe der Tüftler kannte keine Grenzen und jeder Hersteller hatte bald sein eigenes Balldrehpendelpatent in der Tasche. Allerdings waren die Probleme der Temperatur mit diesem Pendel auch nicht aus dem Weg geräumt, aber man konnte den Gang der Uhr einfacher (über einen Zeiger am Boden des Pendels und wenig später dann über eine Rändelschraube oben) verändern. Damit konnte sich der Besitzer der Uhr meist das Anreisen eines Uhrmachers zur Justage der Uhr sparen. Noch besser wurde es dann mit der Entwicklung der sog. „Legierten Stähle“ für die Pendelfeder.

Heute sind das alles keine Probleme mehr, denn durch unsere fast durchgängig wohltemperierten Wohnräume und die modernen, legierten Stähle, aus denen jetzt die Pendelfedern sind, gibt es kaum noch Probleme – wenn nicht obskure „Pendelfederverkäufer“ unbedarften Hobbyisten auf Deutsch gesagt „Mist“ in Form von Bronzefedern etc. verkaufen würden. Aber das ist ein anderes Thema!

Nach dem Bade erstand das Pendel jedenfalls wieder in altem Glanz.

Nun zum Werk. Es zum Testen und Justieren in das Gehäuse einbauen war nicht nur unpraktisch (man kommt nirgends mehr dran), sondern auch unmöglich, weil die Teile vom Gehäuse auch gerade einer gründlichen Reinigung unterzogen werden.

Wie schon eingangs angesprochen: Das Gehäuse ist vergoldet. Und da diese Vergoldung natürlich nicht sehr dick ist, war Vorsicht beim Reinigen geboten. Hier hat es ein ganz normaler Haushaltsreiniger erledigt. Das Ergebnis hat selbst mich überrascht! Leider kamen nach der Reinigung auch einige Stellen zum Vorschein, an denen wohl mal mit einem groben Poliermittel versucht wurde, den Schmutz der Jahrzehnte zu beseitigen. Diese Stellen konnte ich nicht beseitigen, eine neue Vergoldung wäre die einzige Möglichkeit. Aber wer will das bezahlen?

Aber auch so sieht das Louvre-Gehäuse jetzt wieder toll aus. Und ein paar Fehler unterstreichen nur das Alter der Uhr!

Nachdem nun Gehäuse, Pendel und Werk schön sauber waren, ging es an das Zusammenbauen. Ich sage nur – 4 Hände hätte ich haben müssen.

Die letzte Krönung der Montage war wirklich die Krone. Bis mir RODIKO eingefallen ist. Damit habe ich die Mutter auf einem Schaschlikspieß (natürlich ohne Schaschlik) geklebt und erst dann konnte ich die Kronenschraube als letzte befestigen.

Und so sieht die Uhr jetzt aus:
3003-Schoen-fertig.jpg

Eigentlich schade, dass sie nicht bei mir bleiben kann.
 
mira

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Hallo Rolf-Dieter,

na wenn das nicht ne 1a Arbeit ist.
Super, kann dich gut verstehen - die würde sich bei mir auch wohlfühlen.
...Hast du jetzt eigentlich ein Turmuhrwerk bestellt ?
Beste Grüße
Mike
 
Nick62s

Nick62s

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Großes Lob,
ist toll geworden, wie lief / läuft sie denn so ?


LG

Nick
 
Der Stromer

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@ Nick: Ich hoffe, sie läuft nicht davon, sondern zählt nur die Zeit. Aber das hat sie sehr genau gemacht. ca. 1 Minute im + in 96 Stunden kann sich sehen lassen. Aber nach dem Transport und Aufstellen muss generell noch Nachjustiert werden.

@ Mike: Also, mit dem Turmuhrwerk bin ich noch in Verhandlungen:). Vielleicht erst ein größeres Auto????

...und danke für das Lob. Man(n) tut halt, was man kann.
 
mira

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Hallo Rolf-Dieter,

...spar dir das neue größere Auto, investiere in das Uhrwerk. Wir können es ja gemeinsam abholen, habe reichlich Platz in meinem Land- Rover.
Grüße
Mike
 
G

gleiter

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Schöne Uhr, tolle Arbeit.

Schau Dir doch mal das Vergolden an, erst mal so rein in der Theorie. SOOO kompliziert ist das nun auch wieder nicht. Und ich wage mal die mutige Behauptung dass Einer, der so mit einem Uhrwerk umgehen kann, auch das Händchen hat um mit ein wenig Übung Blattgold anschiessen zu können.

Nur mal so am Rande daher gedacht...

Gruß, André.
 
Der Stromer

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@ Mike: Gute Idee. Und Aufstellen werden wir die dann mitten auf dem marktplatz in Apolda :)

@ André: Danke. Aber das Gehäuse ist feuervergoldet, kein Blattgold. Und das, wenn überhaupt, ist heute sehr teuer, da mit enormen Auflagen verbunden. Hies ja nicht umsonst im Mittelalter: Fallen die Vögel vom Himmel, kommen die Vergolder!
 
XS-Freund

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Servus, Rolf-Dieter,

mal wieder eine sehr informative Geschichte einer Revision, ich lese sie immer wieder gerne.

Die jetzt von Dir rangenommene Uhr sieht meiner recht ähnlich, vor allem das Zifferblatt.
Wenn sie mal eine Revision benötigt (was erst vor 3 Jahren geschah) komme ich sicher auf Dich zurück.
Sie muß zwar zweimal im Jahr aufgezogen werden, dafür läuft sie aber recht genau. Ein, zwei Monate nach dem Aufziehen mit etwas Vorgang, dann ca. 3 Monate lang sehr genau (im Chronometerbereich!) und dann, wenn die Federspannung nicht mehr so stark ist, wieder etwas Nachgang.
Damit bin ich zufrieden und kann damit leben.
Hier übrigens der Link zur damaligen Vorstellung:
https://uhrforum.de/wer-kennt-diese-jahresuhr-t67412

Gruß, Stephan
 
Der Stromer

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@ All: Vielen dank für das Lob. Auch der Uhr hat es bei mir gefallen....... 8-)

@ Phill: Auch ein Dankeschön und grüß mir Schöneberg und ganz besonders, wenn Du mal hinkommen solltest, die Caspar-Theys-Straße :D
 
Uhr-Enkel

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Tolle Uhr und hochinteressant geschrieben. Vielen Dank!

Wieviel müßte man für so eine Uhr eigentlich anlegen?
 
Der Stromer

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@ Uhr-Enkel,

Das kommt ganz darauf an. In der Bucht ab 180,- bis 1280,- €uronen, OHNE Garantie, dass die Uhr auch wirklich in Ordnung ist. Immer den Preis für eine Revision von vornherein mit Einrechnen!
Seriöse Angebote liegen so bei 4-6 Hundert aus der Zeit um 1900.

Oder mit Glück im Antiquariat für alte Uhren.

Ps.: Besondere Vorsicht bei Angeboten von Gustav Becker!!!!

Pps.: Wie geht es der Bulova?
 
Thema:

Eine etwas ältere Jahresuhr – Hersteller JUF ab 1912 mit Louvre-Gehäuse

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