Ein Taschenuhrchronometer vom Flohmarkt

Diskutiere Ein Taschenuhrchronometer vom Flohmarkt im Taschenuhren Forum im Bereich Vintage-Uhren; Vor ungefähr fünf Jahren entdeckte ich auf dem Flohmarkt diese schöne Uhr. Der Händler wollte dafür 90 Euro und pries sie mir als „goldene Uhr“...
Uhrenfreak

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Vor ungefähr fünf Jahren entdeckte ich auf dem Flohmarkt diese schöne Uhr. Der Händler wollte dafür 90 Euro und pries sie mir als „goldene Uhr“ an. Das habe ich natürlich nicht ganz geglaubt, aber mir stach das Wort „Chronometer“ auf dem Zifferblatt ins Auge.:-P

Um das Uhrwerk zu begutachten, wollte ich die Uhr sofort öffnen. Aber dies gelang mir nicht und dem Verkäufer erst recht nicht. Erst zuhause entdeckte ich, dass der Bodendeckel geschraubt war und sich mit einem festen Druck nach links öffnen ließ. Welch freudige Überraschung war das, als ich das Werk vor mir liegen sah.

Wenn man die Werknummer 3 696 436 auf einer Dueberseite im Internet eingibt, erfährt man folgendes: Größe 16’’, Modell 5, Kaliber 555, geschätzte Produktionszahl dieser Serie 2 250, Open Face, ¾ Brückenplatine aus Nickel, Aufzug und Stellen der Uhr mittels Krone und damit verbundener Aufzugswelle, Doppelroller, Adjustments in 5 Positionen.
Chronometer bedeutet, dass das Uhrwerk eine Reihe verschiedener Testverfahren durchlaufen hat. Z. B.: Dass es extremer Hitze und Kälte ausgesetzt wurde und die Ganggenauigkeit des Werks auch in verschiedenen Positionen getestet wurde.
Das Produktionsjahr wird nach der Werknummer im Internet auf 1924 geschätzt.
Nach einer anderen Quelle wäre das Produktionsjahr 1918, was stimmt denn jetzt?

Ich habe diese Uhr auch im National Watch and Clock Museum
Pocket Watch, c.1918
mit demselben Werk und einem ähnlichen Gehäuse entdeckt. Auch hier wird die Entstehung der Uhr mit ähnlicher Werknummer auf 1918 geschätzt.

Hier noch etwas zur Firma Dueber-Hampden Watch Company in Canton Ohio, der Museumsseite entnommen.

John C, Dueber besaß eine der größten Taschenuhrgehäusefabriken im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Viele andere Uhrenfabriken vereinten sich zu einem Boykott gegen die Firma Dueber, nachdem 1886 ein Antikartellgesetz verabschiedet worden war.
Dueber hatte eine schwierige Entscheidung zu treffen. Wie sollte er sich gegen diese Bedrohung behaupten? Er kaufte deshalb die Hampden Watch Co. von Springfield, Massachusetts und gründete somit die Dueber-Hampden Watch Co., die jetzt beides produzierte Gehäuse und Uhrwerke. Er verlegte die neu gegründete Firma nach Canton, Ohio.1889 zum Ende des ersten Produktionsjahres produzierte er 600 Uhren täglich. 1890 wurde die erste 16’’ Uhr produziert.
Die Firma bestand bis 1930 als die Firma für 325 000 $ nach Russland verkauft wurde. 28 Lastwagen gefüllt mit Maschinen und Maschinenteile wurden auf den Weg nach Moskau gebracht, wo die 1. sowjetische Uhrenfabrik gegründet wurde. 21 ehemalige Arbeiter von Dueber-Hampden halfen dabei, die russischen Arbeiter in der Technik des Uhrenbaus auszubilden im Rahmen des ersten Fünf-Jahres-Plans. Diese neue Firma „Amtorg“ produziert heute noch.
 

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Poljotnik

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Eine sehr interessant Uhr, ein wahrlich guter Fang.

Als kleine Ergänzung zu Deinem Text oben: "Amtorg" war die sowjetische Aussenhandelsfirma, die den Kauf der Dueber-Technik einrührte. Auf Basis der Dueber-Technik wurde die 1. Staatliche Uhrenfabrik gegründet, die später zur 1. Moskauer Uhrenfabrik "Poljot" wurde und heute unter dem Namen "Maktaim" produziert.
Da genau das von Dir vorgestellt Kaliber als Kaliber Typ 1 in der UdSSR produziert wurde, hast Du quasi die Mutter aller Sowjetischen Uhren und definitv die Mutter aller Poljots vor Dir.

Es grüßt und bestaunt die schöne Uhr,

P.
 
Spindel

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Hallo Uhrenfreak,
einen schönen Schnapper hast du da gemacht.Herzlichen Glückwunsch für 90 €,alles gut erhalten.Veschraubte goldene Chatons und Feinregulage schönes zweigeteiltes Blatt und auch noch Chronometer.
Würde auch in meine Sammlung passen.
Gruß Roland
 
El Loco

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:klatsch: Eine wunderschöne, toll erhaltene Uhr! :klatsch:

Herzlichen Glückwunsch zu diesem uhrengeschichtlich bedeutenden Fang!

Vielen Dank für die ausführlichen Infos (und P-E für die Ergänzung :-D ).


es grüßt
EL LOCO • • AWO • MoB • VCC • IRU • DVSC • •
 
Luke Short

Luke Short

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Danke für den Bericht, eine faszinierende Uhr...
...und die faszinierende Geschichte eines bemerkenswerten
West-Ost-Technologietransfers.
Uhren und Uhrenteile, als essentielle Tools für die Funktionsfähigkeit der USSR,
mußten ab 1926 teuer in Goldwährung im dem Ausland gekauft werden.
Da kam das Angebot aus den USA gerade recht.
Sicher eine hochpolitische Aktion...damals...

Luke
 
Uhrenfreak

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Vielen Dank für Euere anerkennenden Kommentare :klatsch::klatsch: und den zusätzlichen Informationen zur Technik der Uhr und zu der russischen Uhrengeschichte.

Dazu möchte ich bemerken, dass der Firmengründer John C. Dueber aus Koblenz stammt, also in Deutschland geboren ist.

Also hat doch jede Poljot ihre Wurzeln in Deutschland. Das wird ja immer besser.:lol::klatsch::super:
 
Poljotnik

Poljotnik

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...und noch ein kleiner Nachtrag, das Kaliber Typ 1 wird seit kurzem wieder gebaut, und zwar in der Zlatoust Uhrenfabrik...Die Dueber-Story ist also nicht zu Ende...

P.
 
Mapkyc

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...das Kaliber Typ 1 wird seit kurzem wieder gebaut, und zwar in der Zlatoust Uhrenfabrik.
Also wurden die Maschinen aus Moskau irgendwann genau dorthin weitergereicht. So meine Schlußfolgerung. Oder möglicherweise evakuiert, so wie die 2.MUF. Daraus entstand ja später der Hersteller Wostok.
 
Uhrenfreak

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In zwei Jahren könnte dann dieses Uhrwerk den hundersten Geburtstag feiern. Das klingt für mich nach absolutem Weltrekord.
Dem Buch Amerikanische Taschenuhren Band 2 von Anton Kreuzer "Zeit aus zarter Hand" entnehme ich:

"Diese Präzisionsuhrwerke wurden ab 1912 produziert. Sie waren eine Weiterentwicklung der Brückenmodelle von 1902, die noch verdeckte Aufzugsräder besaßen. Alle drei Ausführungen Chronometer, New Railway und Ohioan hatten 21 Steine und geschweifte Unruhekloben."
 
pretium intus

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Hallole,
gaaanz toller Schnapp!:klatsch::klatsch::klatsch:
Noch ´ne Frage:
Ist das Zifferblatt aus Metall, oder Email?

Grüßle

Hans

P.S. Wo ist dieser Flohmarkt?8-)
 
Luke Short

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...die Verwandtschaft der Ende der 50er Jahre
gebauten Taschenuhren der Zlatoust Watch Factory
im Vergleich zu der Dueber von Uhrenfreak ist unverkennbar...
 

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El Loco

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... aber qualitativ doch mit deutlichem Unterschied! :D
 
Uhrenfreak

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@pretium intus: Die Uhr schaut durch ein Emailleziffernblatt auf die Welt und der Flohmarkt fand erst heute wieder statt, leider ohne mich, in Wörnitz. Das liegt an der Autobahn zwischen Feuchtwangen und Rothenburg in Bayern.
@Luke Short: Toll, dass Du die Vergleichsbilder gefunden und eingestellt hast.
@El Loco: Durch das aufwendige Finishing, das auf die Qualität des Uhrwerks keinen Einfluss hat, ist schon manche Uhrenfabrik pleite gegangen. Natürlich hast Du recht mit den Qualitätsunterschieden. Vorallem trifft es auf diese zwei Punkte zu, auf die Spindel hingewiesen hat, nämlich die verschraubten Chatons und die Feinregulage.
Aber auch ohne diese technischen Feinheiten, werden die russischen Werke wohl von guter Qualität sein.
 
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Eros

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Ja aber gerade dieses aufwendige Finish ist doch bei dieser Uhr der Beweis das es sich lohnt. Michael und Ralf Schuhmacher sind auch brüder.
Ich finde da hast du wirklich ein Schmuckstück erwischt.
 
Rocketman

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Ein deutschstämmiger Amerikaner ist der Gründervater der sowjetischen Uhrenfabrikation.
Auch die Uhrenwelt ist ein Dorf.

Wirklich eine tolle Uhr, Uhrenfreak.
Danke für die schöne Vorstellung und auch vielen Dank ins Forum für die zusätzlichen Infos zur Uhr. :super:

Da der sowjetische Typ 1 mit kurzer Unterbrechung im Prinzip bis heute gebaut wird, gehe ich davon aus, dass auch die einfache Variante dieses Werks eine gewisse Qualität aufweist.
Ein Werk minderer Qualität würde nicht über einen solch langen Zeitraum nahezu unverändert gebaut werden.
Es muss also schon ein ganz besonderes Kaliber gewesen sein, was der gute Herr Dueber damals produzieren ließ.

Zufall, dass die Sowjets ausgerechnet diese Produktionsanlagen aufkauften? :hmm:
Ich galube nicht.
 
H

holger 57

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Hallo Volker,
die UdSSR kaufte 2 Uhrenfirmen in den USA.
Eine Firma für Dollar-Watches und die Dueber-Hampden.
Dollar-Watches wurden erst gar nicht produziert. Der Grund war wohl die Weitläufigkeit des Landes.
Eine Dollar-Watch, die nach kurzer Zeit nicht mehr läuft wäre z.B. in der Taiga nicht zu reparieren gewesen.
Hochwertige Uhren, wie die von Dueber-Hampden brauchten nicht so schnell einen fachkundigen Service.
Zum Verkauf von Dueber-Hampden kam es aber sicher nur, weil es der Firma im Konkurrenzkampf nicht so gut ging.
Gruß Holger
 
Uhrenfreak

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Hallo Uhrenfreak,
einen schönen Schnapper hast du da gemacht.Herzlichen Glückwunsch für 90 €,alles gut erhalten.Veschraubte goldene Chatons und Feinregulage schönes zweigeteiltes Blatt und auch noch Chronometer.
Würde auch in meine Sammlung passen.
Gruß Roland
Zunächst nochmals Dank für Deine fachlichen Ergänzungen zur Technik der Uhr.
Was versteht man unter zweigeteiltem Blatt? Ist damit die Vertiefung über der 6 für die Anzeige der Sekunden gemeint?
 
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Spindel

Spindel

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Hallo Uhrenfreak,
sorry bin vor einer Stunde erst rein.
Unter zweigeteilten Zifferblatt versteht man das wie bei deiner Uhr das Blatt aus zwei Teilen besteht.Das Blatt mit der Sekundenanzeige bzw. Chronometer Schriftzug und das Blatt mit Stunden und Minuten.
Wenn du genau hinschaust dann siehst du auch einen Farbunterschied.Oder schaue mal über das N von dem Schriftzug da sieht man eine winzig kleine Abhebung.
Gruß Roland
 
Aeternitas

Aeternitas

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Sehr interessantes Werk. Allein die Windungen der Unruhspirale. Sehr schön. Die Regulierung ist ja auch super. Gratulation. Ich glaube, dass man bei Taschenuhren auf dem Flohmarkt echt noch Schätzchen bekommen kann.
 
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