Ein "Dame âgée" vor dem sicheren Tod gerettet...

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Der Stromer

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Einer Französin das Zählen der Zeit wieder beigebracht.

Mal ein seltener Gast auf meinem Tisch. Eine Französin, Baujahr ca. 1850 – 70 hat auf meinem Tisch Platz genommen. Auf die Welt hat sie wohl einer der Brüder Japy gebracht und daher war sie auch recht schnell zu erkennen: Runder Käfig, 8-Tage Werk mit Schlagwerk auf Bronzeglocke, gesteuert durch eine Französische Schlussscheibe.

Eigentlich ein schönes, robustes Werk. Aber, wie meine Französin hier bewies, leider nicht unkaputtbar.

Eigentlich sah das Werk so auch noch ganz gut aus. Nur nach dem Öffnen des Werkkäfigs… Der alte Reim „…wo rohe Kräfte sinnlos walten…“ trifft es hier voll auf den Zahn. Ein Grobschmied hat sich wohl gedacht, Zähne sind zum Umbiegen da und hat sich mal daran versucht. Das leidtragende Rad war das Rad, dass vor der der Schlussscheibe sitzt. Ehrlich! 1, 2 oder 5 Zähne haben ja schon mal gefehlt. Aber das hier? Rundherum alle Zähne in eine Richtung. Da hat jemand mit Kraft das Rad gegen seinen Willen in eine Richtung gebürstet. Im geschlossenen Zustand war dieser Schaden nie zu sehen! Dass das dem Schlagwerk nicht wohl bekommen ist, ist klar. Oder?
0702-Grossbodenrad.jpg

Auch den Kloben vom Wechselrad hat es kalt erwischt!
0694-einfach-abgesaegt.jpg

0696-Da-fehlt-was-Kloben-We.jpg

Aber das war natürlich nicht alles. Die Pendelaufhängung – ehemals wohl eine Fadenaufhängung – wurde in eine Pendelaufhängung mit Pendelfeder umgebaut. War vom Uhrmacher zur Verstellung von vorne über der 12 gedacht. Aber auch hier: Die 3 Zustände einer Schraube, noch dazu einer Schraube mit Linksgewinde: Lose, fest und ganz lose. Dieser Block ist nicht mehr reparabel. Anfertigen wäre eine Möglichkeit. Scheiterte aber an den Kosten. Na gut. Dann eben die Pendelfeder direkt am Block anbringen und vor Einbau ins Gehäuse so abgleichen, dass die Pendelverstellung in der Mitte der Gewindestange steht. Das sollte eigentlich gehen.
0706-Pendelverstellung.jpg

0743-Pendelmimik.jpg

0746-Pendelfeder.jpg
So gehört das eigentlich zusammen.

Frisch ans Nachdenken. Das Großbodenrad musste neu gemacht werden. Ersatz aus einem Ersatzteilspender war wenig erfolgsversprechend. Die Herren Japy hatten zwar diese Uhren in fast allen ihrer Werke in dieser Form hergestellt, aber scheints nicht nach einheitlichem Plan. Nichts passte.
0826-Rechts-das-neue-Rad.jpg
Links das Rad, das als Ersatz aus einem Teilespender gedacht war. Es war aber zum klein! Rechts das neue Rad, dass Herr Wibmer aus Österreich angefertigt hat. Die Welle ist die alte, die konnte weiter verwendet werden.

Da kam mir der Uhrmachermeister Wibmer aus Österreich in den Sinn. Ich habe Ihn angeschrieben und ein gutes Bild mitgeschickt. Prompte Antwort: ja, kann ich anfertigen. Kostet so und so viel. Trocken geschluckt, aber entschieden, ok, besser als das Ührlein zum Schrott. 1 Woche später kommt das kleine Einschreiben aus Österreich. Rechnung ist wesentlich günstiger, da das Trieb doch verwendbar war. Ach, ich vergas: Das Rad hatte ein Hobby-Uhrenexperte mit Weichlot auf dem Trieb fest gelötet, da sich anscheinend bei der Drehorgie auch die Vernietung gelöst hat.

Jetzt konnte es so langsam ans montieren gehen. Reinigung (natürlich nur zerlegt, ohne Federn im US-Bad)
0829-Raeder-gesetzt.jpg
Drangvolle Enge im runden Käfig...

Das Setzen der Räder ging noch leicht von der Hand. Aber dann…

0832-Zwei-Sperren.jpg
Das Problem bei diesen Werken sind die Positionen von 2 - eigentlich 3 Rädern. Erstes ist in Bildmitte, oben zu sehen. Dieser Stopp liegt in Ruhe auf dem Hebel links an. Wird der Schlag vorbereitet - durch anheben der Auslösehebel durch das Rad mit den zwei Stiften auf der Minutenwelle (Viertelrohr), - läuft das Schlagwerk um 3 - 6 Umdrehungen vom Windfang an. Wichtig ist nach diesem Anlauf - auch Warnung genannt, - dass der Hebnagel unten links zu sehen, noch NICHT den Hebel zum anheben des Hammers berührt. So 1 - 3 Millimert Luft MÜSSEN noch dazwischen sein.
Dann stoppt das ganze wieder durch den Stift, den man hier links neben dem Windfang sehen kann. Erst wenn jetzt der Freigabehebel vom Stift auf dem Viertelroh-Rad abfällt, kann das Schlagwerk auch wirklich schlagen.
Die Krux ist: Um die Eingriffe der erstgenannten beiden Räder einrichten zu können, muss der Käfig offen sein. Und bei der drangvollen Enge verdrehen sich die Räder immer wieder. Rodiko hilf! Und es hilft!
0833-Rodiko-hilft.jpg
Das Hebnägelrad (das Großbodenrad) kann eingerichtet werden. Da gibt es auf dem Käfig einen Kloben für die Justage.

Für den geneigten Leser: Die Schlossscheibe - auch Schlussscheibe - ist mit zügiger Reibung auf der Welle angebracht. Es ist empfehlenswert, diese Reibung im ausgebauten Zustand zu überprüfen und ggf. gängig zu machen. Sonst droht Zahnausfall. Denn mit dieser Reibung ist es möglich, die Schlossscheibe richtig in den Eingriff zu bekommen.

...und alles, was sonst so anfällt, war schon gemacht. Auch die Federn aus den Häusern, gereinigt und frisch gefettet wieder eingesetzt, Lager und Zapfen überprüft – hier hatte ein Vorreparateur auch 6 Lager ersetzt – Lager (die schon ersetzten) nachgearbeitet (die Lager sind fertige Bronzelager). Aber die sind in der Höhe etwas unter Platinenmaß. Sieht a.) nicht gut aus und hat b.) den Nachteil, dass der vorhandene Rand nach Innen das Einfädeln der Zapfen zu einer Sysiphos-Arbeit werden lässt, Zapfen poliert.

So. Soweit als schon mal so gut. Das nächste Problemchen: Eigentlich wird der Gang (grob) dieser Werke mit einer Schraube unter der Pendellinse - wie ja bekannt - eingestellt. Da man bei dieser Gehäusekonstruktion aber nach Einbau des Werkes nicht mehr an diese Schraube heran kommt, gibt es eigentlich eine Stellvorrichtung von vorne. Erkenntlich an einem kleinen Loch über der 12. Diese Vorrichtung besteht hauptsächlich aus einer Mutter (Linksgewinde, nicht Metrisch), einem Zahnrädchen und einer Schraube (linksgewinde) welche sich in dieser Mutter durch drehen der Selben auf- und ab um ca. 8 Millimeter verstellen lassen könnte. Ging bei dieser Uhr nicht mehr, denn der Grobschmied vom Anfang hat auch hier zugeschlagen und das Gewinde mit Gewalt so vernudelt, dass die Pendelfeder um keinen Millimeter mehr verstellen ließ. Aus kostengründe (neu herstellen ca. 100,- €) habe ich das unterlassen, die Teile aber für eine spätere originale Wiederherstellung natürlich aufgehoben.
0706-Pendelverstellung.jpg
0743-Pendelmimik.jpg

Einen Eindruck von der Ölsardiene gibt das Bild eines Federhauses wieder:
0704-Oelsardine.jpg


Dann ging es ans Gehäuse. Wer nun meint, dieses Marmor-Gehäuse wäre aus dem Vollen gearbeitet, der Irrt gewaltig. Die Französischen (auch andere, da bin ich mir fast sicher) Gehäusemacher haben ihre Creationen aus vielen Teilen zusammen geklebt und die Reste und Abfall ihrer Arbeit in die Hohlräume mit eingearbeitet.

0840-Gehauese-aus-Resten.jpg

Einen Testlauf mit Super Konstruktion (Schraubzwinge, Schraubstock, etc - hatte wirklich Alpträume, das könnte nachts....) wurd natürlich auch gemacht, schon um den Gang zu Regulieren.
0834-Probelauf.jpg
Das, was da so schief aussieht, ist der Optik meines digitalen Knipsers geschuldet!

Aber letztendlich präsentiert sich die "Dame âgée", eben meine Französin, geboren ca. 1850 - 1860 in einer Fabrik der Gebrüder Japy, so wie hier:

0844-Rueckseite.jpg

0845-Habe-fertig.jpg

Ich bin der Meinung, der Aufwand hat sich gelohnt!

Ach, und noch etwas: Uhren dieser Bauart dürfen NIEMALS rückwärts gestellt werden. Das beschädigt ganz sicher die Laterne am Viertelrohr! Beim Stellen in Uhrzeiger-Sinn ist es wichtig, den Schlag um Voll und Halb IMMER ausschlagen zu lassen. Sonst stimmt die Uhrzeit nicht mehr mit dem Schlag überein.

Umstellung von Sommer auf Winterzeit: Ganz einfach die Uhr anhalten. (schräg stellen) Winterzeit auf Sommerzeit: 1 Stunde Vorstellen.
Und immer BEIDE Federn komplett aufziehen!

Dann macht so eine hübsche Französin richtig Freude!
 

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