Die typische Form schweizer Uhrwerke im 19. Jahrhundert

Diskutiere Die typische Form schweizer Uhrwerke im 19. Jahrhundert im Taschenuhren Forum im Bereich Taschenuhren; Tja eine schlüssige Antwort kann ich auch nicht geben. Ich bin weder Petro-oder Mineraloge und habe nicht die Spur einer Idee wie ich es...
#21
Ruebennase

Ruebennase

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Tja eine schlüssige Antwort kann ich auch nicht geben. Ich bin weder Petro-oder Mineraloge und habe nicht die Spur einer Idee wie ich es herausfinden sollte. Letztendlich ist es auch egal da Quarze sehr ähnliche Eigenschaften haben und nur wenig weicher sind. Berkristall gab es so zu sagen vor der Tür. Ich vermute trotzdem Korund, denn die Steine sind weitaus kleiner als die berühmten Liverpool windows. Das Foto verzerrt etwas. Bei dem 3'er Werk ist der größte Deckstein knapp 3 mm und sehr flach. Bergkristall ist glasklar und wenn eingetrübt eigentlich sehr grobwolkig. Erste "Taschenuhrgläser" waren Bergkristalle. Leider habe ich keine Vergleichsmöglichkeit mit einem Liverpooler. Korunde minderer Qualität in ähnlicher Größe konnte ich inzwischen auf treiben:

SAM_0688.JPG

es gibt noch weitere Farben in orange, grünlich, lila und eben auch durchsichtig klar und trüb bis weiß. Die Steine sind eben auch nicht ganz klar sondern ganz leicht getrübt. Nichts für die feine Schmuckproduktion. In erster Linie habe ich noch weitere Werke mir angeschaut.In diesem etwas komplizierterem Werk, dass ich zeitlich und formal auch den Lepine III zu ordnen würde, hat wirklich jeder Stein eine geringfügig andere Farbe bis auf die tiefroten Decksteine:
SAM_0686.JPG
Der Zentrumsstein ist auch exact so geformt und gefärbt wie die Steine beim Lepine III oben. Natürlich kann hier auch ob der geringeren Belastung Quarz gewählt worden sein, aber ein Materialwechsel finde ich schon komisch innerhalb eines Werkes, zumal dieses aus gutem Hause stammt. Wie dem auch sei. Diese Frage können wir Laien wohl nicht genau beantworten.

Grüße Rübe
 
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#22
Faisaval

Faisaval

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Wow Rübe, was für eine tolle Arbeit von Dir! Und wunderbar anschaulich erläutert. Vielen Dank dafür!:klatsch:
 
#24
Unruhgeist

Unruhgeist

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Ergänzend zu den Stückzahlen von 1861 stelle ich hier mal die Exportzahlen der schweizerischen Taschenuhrenproduktionen der Jahre 1890 bis 1905 ein. Zwar handelt es sich dabei größtenteils nicht um die beschriebenen Lepine-Kaliber sondern um deren Weiterentwicklungen, aber man kann erahnen was da so ging in den Jahren.
Leider liegen mir zuverlässige Daten zu früheren Jahrgängen nicht vor.

Taschenuhrexporte.jpg


Gruß,
Unruhgeist
 
#25
fantomaz

fantomaz

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W U N D E R B A R

Was ihr beiden da im Keller immer so austüftelt: Hut ab!

Eins noch

Diese „Arbeitsteilung” der Menschen in den Bergen, im Sommer auf dem Feld, im Winter in der Uhrenwerkstatt
hat dann später ja sogar einen Firmennamen und eine berühmte Firma hervorgebracht.

Valjoux

Man nannte dieses Tal in der Schweiz, welches im Winter fast komplett von der Aussenwelt abgeschnitten war,
da höher gelegen als 1000m, Valley de joux – Tal der Uhren. Die Menschen dort waren wohl so erfindungsreich
und präzise, dass Produkte von dort ziemlich gefragt waren. Bald überholten die Geschäfte aus dem Winter
den Ertrag aus dem Sommer und man fing an, Gastarbeiter anzuwerben, um die riesige Nachfrage zu befriedigen.

Breguet, AP, Blancpain und eben Valjoux sind wohl die bekanntesten Erben aus diesem Teil der Schweiz.

Alexander
 
#26
Ruebennase

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Da muß ich dich korrigieren: Werke der Zeit aus den Vallée de joux sind nach wir vor gefragte Sammlerstücke. Das war wahrlich ein ganz besonderes Tal aus dem wohl ausschließlich Feinzeug hervor gebracht wurde. Leider sind die Werke selbst am Ende des Jahrhunderts oft nicht signiert und nichts über viele der Meister mehr überliefert. Hochfeine, anglierte Detail verliebte unsignierte Werke werden zumeißt diesem Tal bzw.seiner direkten Umgebung zu geordnet. Um deine Worte zu unterstreichen mal ein unsigniertes Beispiel strukturell eines Lepine V mit Kronenaufzug grob datierbar um 1900 zu zeigen, dass eigentlich nur aus dieser Region kommen kann:

Valdejauxwerks.jpg

und warum nicht unter dem Federhaus, Sperrad etc. ein wenig verzieren ..könnte ja mal ein Kollege sehen und ist immer besser wegen der Ölhaftung und so :confused::

Valdejeaux.jpg

auch der Knick in der Unruhe ist kein Zufall denn er taucht bei ähnlichen, ebenfalls ungepunzten und hochpräzisen Werken bei anderen Sammlernin identischer Art und Weise auf (so etwas läßt man nicht auf dem FM rum liegen):

Unruhvaldejaux.jpg
Leider haben wir noch niemanden getroffen, der physikalisch den Vorteil/Grund erklären kann.

Wie ich sagte Sammlungstechnisch bedingt, habe ich mich intensiver mit dem freien wilden Westen beschäftigt. Innerhalb der einzelnen Kantone gab es unterschiedliche Rahmenbedingungen für die Uhrmacherei und eben auch dieses Zentrum der feinen Uhrwerke. Genf hatte wohl die strengsten Regularien mit klaren Vorschriften für die Gesellen Ausbildung, Niederlassung/Meister und eben auch die Vorschrift einer kompletten Uhrenherstellung innerhalb von Genf. Als besonderes Gütesigel für die aller feinsten Uhrwerke der Stadt, die strenge Vorgaben erfüllten, wurde 1886 das Genfer Siegel. Daher war der Ruf der Genfer Uhren besser als von den Neuenburgern, wo neben präsisen feinen Chronometern auch den Ruf der schweizer Uhren zerstörrender Kernschrott in den Mark gelangte. In der Folge war auf vielen Uhren "Geneve" zu lesen, von denen nicht ein Bauteil jemals in dieser Stadt war. Verbindliche Regulatorien, die für die gesamte Schweiz galten, wurden im Ländervergleich sehr spät eingeführt. 1878 das Handelsregister, November 1888 das Patentamt und ein guter Gebrauchsmusterschutz 1890. Das mußte sich dann auch noch ein bissel zurecht zuppeln bis die Rechtsfolgen durchgesetzt waren.

Der Wettbewerbsvorteil der Fabriken gegenüber dem Verbundsystem trotz rapide fallender Preise für Taschenuhren, lag zunächst insbesondere daran, dass Sie als Handelspartner für Großhändler attraktiver waren. Die Verhandlungen über immer größer werdende Volumen bei konstanter Qualität gestalteten sich mit Serienproduzenten einfacher als mit vielen kleinen Werkstätten bzw. Etablisseuren.

Grüße Rübe
 
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#27
J

JESV

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Hallo Rübe!
Solche Schätzchen sollten betrachtet und eingeordnet werden. Hier mal ein auch unsignierter Kandidat mit hoher Vollendung.
2018-04-24 10.23.42.jpg
Vier zusätzliche Decksteine und ein Lochstein für das Minutenrad, Wolfsverzahnung im Aufzug, alles schön.
2018-04-24 10.21.10.jpg
2018-04-24 10.50.20.jpg
Den Technikfreak begeistern immer wieder kleine Details, hier der extrem schlank ausgearbeitete Anker mit dem ungewöhnlichen Gabeleigriff über zwei senkrecht stehende Stifte.
2018-04-24 10.24.25.jpg 2018-04-24 10.24.00.jpg
Und diesem ehemaligen FM Care Teil konnte ich sogar ein neues Kleid spendieren.
Über evtl. ergänzende technische und historische Weiterungen dankend
Joachim
 
#28
ANTARES1958

ANTARES1958

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Mein alle Größter Respekt für die ganze Arbeit Ruebennase und für Dein Wissen! Vielen Dank!
 
#29
Ruebennase

Ruebennase

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Danke Roman und ich wünschte ich wüßte mehr. Dank auch Dir Joachim für das schöne Beispiel kurz vor der Jahrhundertwende wohl aus dem Vallée de joux. Wenn auch nicht mehr eindeutig zu klären ist, wer das Werk so prächtig vollendet hat, so ist zumindest die Herkunft des Rohwerkes wohl von Le Coultre aus dem Vallèe und es handelt sich um das Kaliber I (http://www.mikrolisk.de/show.php/209/chapter_122 und https://watch-wiki.org/index.php?title=LeCoultre,_Charles_Antoine). Verifizieren würde es die ZB Seite, aber die Wahrscheinichkeit ist nahezu 100%.
Japy aus Frankreich beherrschte am Anfang den Rohwerkemarkt und wie die Zahlen von 1861 zeigten, dominierte er ihn noch lange. Die hohen Stückzahlen der schweizer Eigenproduktion aus Fontainemelon kamen durch FHF (https://watch-wiki.org/index.php?title=Fabrique_d'Horlogerie_de_Fontainemelon), das kontinuierlich seine Stückzahlen erhöhte und letztendlich nach einigen Zusammenschlüssen heute, im Gegensatz zu Japy, immer noch als ETA und Uhrwerkshersteller existiert (https://watch-wiki.org/index.php?title=ETA) .
Ich habe leider keine Anschaulichen Vergleichszahlen aus 1890/1900 der beiden bzw. drei wichtigsten Firmen gefunden und wann Japy überholt wurde. Es wäre schön, wenn Jemand aushelfen könnte. Drei deshalb, weil man in der "Sammlerpraxis" an zuordnungbaren Rohwerken am Ende des Jahrhunderts am häufigsten Japy Werke in einfachen Gebrauchsuhren, FHF Werke in guten bis sehr guten Uhren findet und wenn es gut bis richtig richtig fein wird, eben Werke von LeCoultre, die ab 1835 komplette Rohwerke produzierten. Hinzu kommen noch in ihrer Zahl stetig steigend die häufig invidualisierten Werke der Uhrenfabriken, die zunehmend an Marktanteil gewinnen. Da jeder von Jedem abgekupfert hat und es auch lange rechtlich durfte, ist die Verwirrung der Zuordnung komplett. Ich bewundere die Sammler sehr, die recht zielsicher unzähige Kaliber zu ordnen können. Mit Glück findet man bei FHF, das mit der Zeit vom Rohwerk bis zum fertigen Werk alle Zwischenstufen im Programm hatte, manchmal auch dezent unterhalb von Brücken die Herstellerpunze.
Günter / Aquila2016 war so lieb zur Verdeutlichung der Entwicklung mir sein Foto aus dem Japy Museum zur Verfügung zu stellen um mal ein frühes "nacktes" Rohwerk eines Lepine I datiert 1820-1825 zu zeigen:

EboucheLep1.jpg
Im Startpost sind auf der leider schlechten Kopie spätere Rohwerke zu sehen. Ich selber kann leider nur ein deutlich späteres gutes Ebouche von ca.1930 zeigen das ebenfalls weder Hemmung noch Unruhe besitzt aber schon das Räderwerk und einen Unruhreif für eine Nivaroxspirale:

Ebouche1930.jpg
Typischerweise waren Aufzugskomponenten beigelegt, die hier leider fehlen.

Wie bereits erwähnt Rohwerke konnten im Verlauf des Jahrhunderts je nach Kundenwunsch vom "Messingklotz" bis zum fertigen Grundwerk ohne Hemmung und Spirale oder gar als Komplettwerk geordert werden. Manufakturen stellten eben nur alles selber her, aber es sah ähnlich aus. Hier ein Fund der mich höchst erfreut , ein paar unvergoldete Zenithrohwerke bzw. Teile davon, die allerdings auch aus dem 20. Jahrhundert stammen:

WErksseiten.jpg
Das Sammelsurium und eigenwillige Teilbearbeitungen wie z.B.ein eingesetzter Stein lassen mich "Übungsuhren" vermuten, da diese Firma wohl keinerlei "Halbzeug" vertrieb.

Grüße Rübe
 
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#30
Arno_Nühm

Arno_Nühm

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Vielen Dank, Rübe, auch von mir für diese inhaltlich und optisch feine Zusammenstellung. :klatsch:
 
#31
T

tickt´s?

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z´Wean
Vielen, vielen Dank, Rübe.
Ich bin beim Lesen dieses Threads demütig still geworden. Erstens über Dein enormes Wissen zu diesem Thema und zweitens auch über Deine Fähigkeit, dies anschaulich und auch für Laien wie mich, verständlich zu vermitteln.
Danke! :-)
 
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