Die typische Form schweizer Uhrwerke im 19. Jahrhundert

Diskutiere Die typische Form schweizer Uhrwerke im 19. Jahrhundert im Taschenuhren Forum im Bereich Taschenuhren; Diese grobe Zusammenfassung ist ursprünglich entstanden, weil ich mich mit einem polnischen Sammler aus tauschte und dem konnte ich mich mit...
#1
Ruebennase

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Diese grobe Zusammenfassung ist ursprünglich entstanden, weil ich mich mit einem polnischen Sammler aus tauschte und dem konnte ich mich mit meinem denglisch nicht verständlich machen und lies Bilder sprechen. Da ich nun von einem lieben Forumsmitglied eine wunderschöne Werksergänzung erhalten habe, habe ich die grobe Zusammenfassung noch einmal überarbeitet.

Nun ist mir Entscheidend für die Form eines Werkes ist das „ebouche/blanc/blanc rouland“ bzw. Rohwerk. Rohwerke sind fast so alt wie der Uhrenbau, da die Herstellung der Grundplatinen eine gute Werkstattausstauung erforderte. So tauchten die ersten Rohwerke bereits Mitte des 17. Jahrhunderts in England auf, als die Uhrenindustrie in der Schweiz noch nicht etabliert war.
Auf dem Kontinent war Ende des 18 Jahrhunderts die französische Uhrenindustrie mit der Westschweiz durch regen Austausch und Handel eng miteinander verbunden. Rohwerke wurden in beiden Ländern in den etwas größeren Werkstätten, den sogenannten Blantiers, gefertigt. Energielieferanten waren zumeist Ochsen oder Pedalkraft (Fusswippe). Z. B. im Kanton Neuenburg , wo es keinerlei Restriktionen der Zünfte gab, erfolgte die Uhrenfertigung im sogenannten Verbundsystem. Jemand kaufte ein Blanc und fügte hinzu was er dachte und verkaufte sein Produkt weiter. Das bedeutet, dass viele Kleinstwerkstätten auf Einzelteile rund um die Uhr spezialisiert waren. Häufig waren diese Werkstätten ein familiärer Nebenerwerb und wurden neben dem Hof betrieben. Zur Erntezeit wurde der Teilbetrieb dann stillgelegt bzw. die Arbeit an der Uhr zum Melken unterbrochen. Es gab um die 3000 unterschiedliche Berufe vom Zapfendreher bis zum Gehäusebauer. Die Zahl der unterschiedlichen Spezialisten an einer Uhr wird im Durchschnitt im Jahre 1830 mit 54 beziffert und steigt 1870 auf 100. Zu der Zeit hatten sich auch die Produktionsstrukturen gewandelt. Neben den aufstrebenden Fabriken war aus dem Verbundsystem der Etablisseur hervor gegangen. Dabei handelte es sich um gute Uhrmacher, die die Gesamtproduktion einer Uhr auf dem Weg durch die Werkstätten bzw. die Herstellung der Einzelkomponenten qualitativ überwachten und Vorgaben machten. Blantier war also der Unterlieferant für Rohwerke, Blancs oder Ebauches, an den Etablisseur. Die Rohwerke bestanden aus Gestell, Federhaus und Aufzugsmechanismus, zunächst ohne Laufwerksräder, später meistens mit den Rädern. Die Etabisseure begannen nun auch neben den Manufakturen Handelsnamen bzw. Punzen und Namen des Endabnehmers am Werk oder auf dem zifferblatt einzuführen.
In Besançon/ Frankreich gründete 1771 Frédéric Japy die erste maschinelle Produktion von Rohwerken. Er begann mit der Energie aus einem Göpelwerk und stellte bereits 1790 hochmodern auf eine Dampfmaschine um. Seine Rohwerkeproduktion stieg rasant von 40.000 Stück in 1795 auf bereits 180.000 im Jahre 1805. Diese Rohwerke gab es in verschiedenen Finessierungsstufen und bestanden zumeist aus den Platinen und dem Räderwerk. Niemals wurde ein blanc mit einer Hemmung oder Spirale verkauft.
Japy hatte schnell eine große Marktdominanz und war somit hauptverantwortlich für den Stil und auch der Technologie der sogenannten kontinentalen Taschenuhr. (Kontinental im Gegensatz zur englischen und später auch amerikanischen Taschenuhr, die jedoch im 19. Jahrhundert nicht in relevanten Zahlen exportiert wurde, sondern die USA war auf Grund der großen Binnennachfrage, ein Importmarkt für Uhren.)

So sah es dann 1861 aus:

Japie Frères & Cie 640.000 Stück
Frankreich ohne Japy 160.000 Stück
Fontainemelon 260.000 Stück
Schweiz ohne F. 25.000 Stück

Der Durchschnittspreis für ein Lepine blanc lag in dem Jahr bei 2,50 francs während der Preis für wohl immer noch produzierten Spindel blancs mit 1,50 angegeben wurde.
Wie man sieht, war Japy sehr lange dominierend. Hinzu kommt, dass es keinen Gebrauchsmusterschutz o.ä. für Rohwerkkaliber gab und der Mode/dem technischem Stand entsprechend wohl auch andere Blantiers identische der Mode entsprechende bzw. sehr ähnliche Rohwerke produzierten. Die Konstrukteure und Entwickler der Werke sind leider unbekannt. Das macht es uns Taschenuhrsammlern recht leicht die kontinentalen Taschenuhren grob zu klassifizieren. Dies hat Adolphe Chapiro getan, wobei er deutlich darauf hin weißt, dass die Ausnahme die Regel ist:

1. Lepine (runde Brücken) 1795-1800 (1815)
2. Lepine I 1800-1825
3. Lepine II/IIa 1825-1835 (sehr häufig bis ca.1850 an zu treffen insbesondere in Damenuhren)
4. Lepine III 1830-1840
5. Lepine IV 1835-1850 (sehr häufig bis 1900 in einfacheren Uhren)
6. Lepine V ab 1850 (Typ IV and V seit 1870 auch mit Kronenaufzug)

japykatalog.jpg

Noch einmal der deutliche Hinweis: Dieses ist eine nachträglich durchgeführte Gruppierung für den faulen Sammler damit er sich schnell grob orientieren und Untereinander einfach verständigen kann. Selbstverständlich haben die damaligen Uhrmacher davon noch nichts geahnt und gemacht was sie wollten. Insbesondere die Kaliber II und IV wurden noch lange nach ihrer Hochzeit gerne verarbeitet und zahlreiche Mischformen/Ausnahmen existieren.

Im beginnenden 19. Jahrhundert stand technisch insbesondere die Verbesserung der Hemmung im Vordergrund, die zu vielen spannenden Konstruktionen führte. In dieser kleinen, sehr lückenhaften Zusammenfassung möchte ich jedoch nur zeigen, was tatsächlich typisch und häufig für die Zeit ist, zumal ich dafür auch Bilder habe. Für die Lepine Werke ist die häufigste Hemmung die Zylinderhemmung. Im beginnenden Jahrhundert war es Stand der Technik und man findet sie auch in High-end Werken zum Teil mit Rubinzylinder. Um die Jahrhundertwende wurde, um eine höhere Präzision zu erreichen kräftig im Bereich der Hemmungen experimentiert, erfunden und entwickelt. Es existieren spannende seltene Lösungen die den Sammler begeistern. Dominant blieb die Zylinderhemmung, die im Laufe des Jahrhunderts „veraltete“ und sie wurde durch die genauere Ankerhemmung ersetzt die sich allgemein etablierte. Die Zylinderhemmung überlebte jedoch als einfachere und billigere Lösung für günstigere Gebrauchsuhren weit über das Jahrhundert hinaus und ist sogar in Einzelfällen noch in Uhren bis ca.1940 zu finden. Zu dieser Zeit ist jedoch die typische Hemmung im unteren Marktsegment der um 1900 etablierte Stiftanker (Rosskopf Patent von 1867). Um optisch möglichst vergleichbare Bilder zu erhalten habe ich wenn möglich, Werke mit Zylinderhemmung verwendet und nur Frontseiten gezeigt.

Das Lepine I
Das Lepine I ist am sogenannten "fliegenden Federhaus" erkennbar. Dies besagt, dass das Federhaus direkt in der Grundplatine gelagert ist. Dadurch mußten die Stellungen zur Begrenzung der Federnutzung auf dem Federhaus liegen. Das Zentrumsrad unterhalb der anderen Räder liegt:

LepineIuhrenwerkeI.jpg

Frühe Kaliber haben zumeißt eine Stellung mit "Noggen" nach Breguet/Lepine während man bald darauf bereits das Malteserkreuz (rechts), wie in den Folgekalibern verwendete

Lepinefedereingrenzer.jpg

Das Lepine II
Hier wird das Federhaus unter einer Charakteristisch geformten Brücke/Teilplatine gelagert. Das Gesperr befindet sich auf dieser Platine. Das Federhaus selber, ist in der Brücke und manchmal auch zusätzlich in einer Brücke der Grundplatine gelagert. Das Zentrumsrad ist nun, wie bei allen Folgekalibern, oberhalb des restlichen Räderwerks zu finden:

LepineIIwerke.jpg

Eine zeitlich paralell verwendete, jedoch seltener an zu treffende Variante ist das sogenannte Kaliber IIa. Das charakteristische Merkmal ist der Federhauskloben den man nur in dieser Aera an trifft. Das Gesperr ist seitlich am Kloben angebracht.

LepineIIa.jpg

Diese Werksform wurde auch gerne von Breguet für seine Uhren mit Komplikation verwendet, da es etwas leichter war, etwas Platz heraus zu zirkeln. Ein Beipiel habe ich leider nicht :D

Das Lepine III
Diese Werksform entspricht dem Aufbau des Vorgängers nur das das Federhaus nun an einer geknickten schmaleren Brücke gelagert ist.

LepineIIIwerke.jpg

Innerhalb dieser"Kaliberfamilie" ist das Gesperr im Laufe der Zeit von der Brücke vollständig zur Seite gewandert, wie es auch bei den Folgekalibern ist. Bereits beim 2a ist dieser Aufbau bauartbedingt zwingend notwendig gewesen, aber er hatte sich noch nicht unverzüglich durchgesetzt.

LepineIIIclickwanderung.jpg

Das Lepine IV
Dieses Kaliber ist wohl das häufigste Kaliber unter den Schlüsselaufzügen. In seine Aera fällt auch den Beginn der preiswerten Massenproduktion sowie eine deutlich größere Bandbreite von Designvariationen. Auf Grund schlechter wirtschaftlicher Rahmenbedingungen waren insbesondere häufig die im klassischen Verbundsystem ohne "Aufsicht" eines Etabliesseurs produzierten Werke, von minderer Qualität. Gleichzeitig entwickelte sich auch eine "haute-holorgerie" , so dass ein extrem breites Qualitätssprektrum bei diesen Werken zu finden ist. Die frühen IV'er Werke dieser Aera unterschieden von den III'ern dadurch, dass das Minutenrad anstatt eines Klobens nun eine Brücke erhielt. HIer wurden auch Ankerwerke häufiger, so dass rechts jeweils diese "feineren" Werke zu sehen sind:
Lepinevierfrüh.jpg

LepIVfrüh.jpg

Die Anker der frühen Lepine IV sind typischer Weise sogenannte Seitenanker. Technisch gesehen haben sie wohl weder Vor- noch Nachteile gegenüber dem ab 1870 in der Breite fast ausschließlich verwendeten "ancre ligne droite" (Anker, Ankerrad und Unruhe in gerader Linie). Eine allgemein bekannte Ausnahme der Regel ist die Firma Longines, die auch nach 1900 den Seitenanker bevorzugte.
Das vernickelte Werk auf der rechten Seite unten ist eines von den hochwertigen Varianten und ein schönes Beispiel für inviduelles Design. Designanpassungen gab es insbesondere auch z.B. durch die Verwendung von Halb- oder Dreiviertelplatinen für den wichtigen englischen Markt, wobei die Grundstuktur Lepine IV oder später V erhalten blieb. Die Sperrklinke war beim "Platinendesign" rund um den Aufzug auf der Platine gelagert.
Bei späteren Lepine IV liefen die KLoben nicht mehr spitz zu sondern wurden gerade. Während bei den älteren Werken grundsätzlich das Räderwerk zifferblattseitig eine eigene Platine hatte verschwand diese und das Räderwerk wurde direkt auf die Grundplatine gesetzt. Mit der inzwischen erreichten maschinellen Genauigkeit wurde dieses nicht mehr unbedingt notwendig, ist aber bei High-end Werken noch lange an zu treffen.
LepIVZylinder.jpg
Hier ein einfaches Lepine IV mit Zylinderhemmung und einer recht häufigen ländlichen Reparatur, wo der Deckstein der Unruhe einfach durch Wachs ersetzt wurde.

Das Lepine V
Das letzte Schlüsselaufzugswerkdesign zum Ausklang des Jahrhunderts ist das Lepine V. Hier wurde der radiale Verlauf der Brücken zum Zentum aufgegeben. Die Minutenradbrücke macht eine 180 Grad Wende und der gerade Schenkel erläuft nun paralell zur Unruhe. Der Verlauf der Brücken ergibt in meinen Augen ein sehr eleganteres Bild im geordneten Streifenmuster. Zu dieser Zeit ist die Ankerhemmung bereits Standart und die Cylinderhemmung, wie auch bei den späteren Lepine IV Werken, nur noch im preiswerten Segment an zu treffen:

LepVZylinder.jpg

Lagersteine für das Räderwerk, wie hier zu sehen, sind ebenfalls üblich und waren weitaus preiswerter und verfügbarer als in früheren Jahren. Bei den frühen Lepine IV Werken waren sie noch den hochwertigeren vorbehalten. Ein besteintes Räderwerk war Anfang des Jahrhunderts unüblich und nur selten an zu treffen. Jedoch sind die Messinglager früher Lepine erstaunlich haltbar, was ich einer präziseren Produktion an rechne, als den Lagern in späteren Jahren im Niedrigpreissegment.
Hier zwei typische Ankerwerke mittlerer Qualität der Zeit mit 15 Steinen und dem Ancre ligne droite:

LEPVanker.jpg

Dem aufmerksamen Beobachter fallen beim rechten Werk die funktionslosen Scheindecksteine auf. Eine durchaus häufiger in dieser Zeit an zu treffende Verkaufslackierung. Man sieht an der fehlenden Glasperle, die ein Deckstein simuliert, dass keinerlei Kontakt zum Zapfen besteht. Selbstverständlich gibt es Decksteine auch in funktional, aber bei einer offensichtlichen Steinflut auf einem normal finessierten schweizer Werk der Zeit ist ein genauer Blick nicht verkehrt :shock:. Daher zum versönlichen Abschluß noch ein wirklich feines Lepine V Werk mit in Rotgold gefaßten funktionalen Decksteinen am Anker und Ankerrad und einer feinen Wippenchronometerhemmung:

LepineVwippe.jpg

Am Ende des 19 Jahrhunderts war das große Thema bei den Dreizeigeruhren in der technischen Weiterentwicklung der Kronenaufzug und bereits 1847 mit Zeigerstellung per Krone (https://watch-wiki.org/index.php?title=LeCoultre,_Charles_Antoine). Leider fehlt mir da ein schönes klassisches Beispiel. In der Zeit findet man nun auch äußerst interessante experimentelle Entwicklungen. Schlußendlich mündet es im Kupplungsaufzug, den man heut zu Tage in jeder mechanischen Armbanduhr findet.


Ich hoffe der Eine oder Andere hat durch gehalten. Ich für meinen Teil bin jetzt hundemüde

Danke Willy für das schöne 2a und

Grüße an Alle
Rübe

Literatur:
Adolphe Chapiro: Taschenuhren aus vier Jahrhunderten
A. Pfleghart: Die schweizerische Uhrenindustrie
Das Pocket watch forum
 
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#2
kater7

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Wow, was für eine Arbeit diese Zusammenfassung Schweizer Uhrengeschichte. Hochinteressant für mich (hoffentlich auch für andere) und sehr gut erklärt. Diese Trennung zwischen Rohwerkehersteller und Etablisseur kenne ich aus den USA überhaupt nicht, da kam üblicherweise alles aus einer Hand. Ich wußte wohl das es so war, aber die Hintergrundinformationen dazu fehlten mir stets. Auch interessant für mich: diese Geschichte mit den Scheindecksteinen :shock: kenn ich von den Amis auch nicht, da kenne ich nur Funktionssteine. Jetzt versteh ich auch besser warum Du so skeptisch bei den Steinzahlen bist.

Das Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhunderts mehr und häufiger Lagersteine in Uhrwerken Verwendung fanden ist nicht verwunderlich, wurden vorher ausschließlich natürliche Steine (Diamant, Saphir, Rubin etc) verwendet gelang es um 1902 mit dem Verneuil-Verfahren erstmals synthetische Rubine in großer Menge und sehr guter Qualität zu erzeugen. Jetzt erst standen Rubine in hervorragender Qualität und zu einem günstigen Preis unbegrenzt zur Verfügung.
http://www.deutsches-museum.de/file...erlag/060_KuT/2014/42-47Vaupel_Druck_korr.pdf

Danke für diese tolle Arbeit, werde ich mir mehrmals durchlesen müssen.
 
#5
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holli

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Hallo Rübe,
tolle Präsentation:super:
ist auch für einen "Laien" wie mich sehr verständlich ausgeführt.
Danke für's zeigenund die die viele Arbeit;-)
 
#6
Ruebennase

Ruebennase

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@Roland ..Du hast natürlich vollkommen recht. Es sind von der Herkunft/Entwicklung/Erfindung (Lepine/Paris) und auch der ursprünglichen Volumenproduktion (Japy/ Beaucourt) Franzosen. Sie werden auch korrekt deshalb als die "Französischen Lepinewerke" bezeichnet. Da sie zu 100% die Basis und Form der Werke der aufstrebenden schweizer Uhrenindustrie bildeten, habe ich es im Titel allgemein gehalten ausgedrückt. FHf nahm die Rohwerksproduktion im größeren Stil 1827 auf war wie man sieht 1861 noch deutlich unterhalb der Zahlen von Japy. Eigene Stile haben meines Wissensnach vorerst nicht entwickelt. Du weißt ja, der Kern meines Sammelinteresses beginnt 1865 in Le Locle und daher habe ich mich vermehrt mit dieser Region beschäftigt. Am Ende des Jahrhunderts haben die Schweizer vom Volumen die Franzosen weit überflügelt so das auf den Dachböden dieser Welt zumeißt Lepine IV mit schweizer Herkunft bei Uhren aus dem 19.Jahrhundert zu finden sind. Der stückmäßige Marktanteil der Schweizer lag weltweit 1870 bei 72% (Wert 68,7) und 1900 bei 90% I*. Die Vermeidung von Kriegen und Revolutionen helfen bei der wirtschaftlichen Entwicklung ungemein.

@ Kater Ja Frank, Du hast recht ,aber diese Werke sind in der Regel Alle vor 1902 gebaut worden. Bei nochmaliger Durchsicht hat keines der Werke moderne Steine.
Die Alpenländische Region ist nicht für große Rubin/Korrundvorkommen bekannt :-). Neben der Verfügbarkeit ob der langen Wege war auch die präzise Verarbeitung der winzigen harten Steinchen ein nicht zu unterschätzender Aufwand um 1800. Quantitativ gab es grundsätzlich genug, da die Steinchen unterhalb der Qualität für die der Juvelen lagen. Die Steine unterschiedlicher Werke haben auch keine einheitliche Farbe. Das kam erst mit dem von Dir erwähnten Verneuil-Verfahren im 20. Jahrhundert auf. Der Schliff der "alten" war auch rund um das Zapfenloch während die modernen Steinchen mit Farbtiefe so "gedoomed" und oben plan geschliffen sind. Zusammen mit der Befestigung. ob gepresst oder gefaßt, hilft es auch als Hinweis auf das Alter.
Hier ein feines frühes Ankerwerk (Lepine III) mit "alten" Steinchen wo man sich nicht fragen muß, warum es kein Gehäuse mehr hat:

LepineIIIanker.jpg

@Hollie..Du bist also ein Laie *lach*


Grüße Rübe

I* Zahlen entnommen: Hans Kocher "Die Geschichte der Uhrmacherei in Büren/Schweiz"
 
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#7
kater7

kater7

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Rübe, ja Du hast frühe Werke mit Natursteinen präsentiert, doch auch hier darfst Du die gesamte Entwicklung von Wissenschaft, Technik und Industrie nicht außen vor lassen. Ab etwa 1860 ging es in Kontinentaleuropa massiv voran mit Dampfschiffahrt und mit der Eisenbahn, das hat Transporte massiv beschleunigt und verbilligt. Zusammen mit verbesserten Bearbeitungsmethoden dürfte der Preis für die Steinchen kontinuierlich gesunken sein, gleichzeitig entstand eine neue kaufkräftige Bevölkerungsschicht: das Bürgertum.

Warum hat das zum Schluß gezeigte Werk kein Gehäuse mehr? Seh ich einen gravierenden Fehler nicht? Oder meinst Du wegen einem Echtgoldgehäuse das in der Schmelze gelandet ist? Wenn es das ist so sollte es in ein neues Gehäuse einziehen dürfen, ist doch wunderschön anzuschauen ....
 
#8
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holli

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Rübe, ja Du hast frühe Werke mit Natursteinen präsentiert, doch auch hier darfst Du die gesamte Entwicklung von Wissenschaft, Technik und Industrie nicht außen vor lassen. Ab etwa 1860 ging es in Kontinentaleuropa massiv voran mit Dampfschiffahrt und mit der Eisenbahn, das hat Transporte massiv beschleunigt und verbilligt. Zusammen mit verbesserten Bearbeitungsmethoden dürfte der Preis für die Steinchen kontinuierlich gesunken sein, gleichzeitig entstand eine neue kaufkräftige Bevölkerungsschicht: das Bürgertum.

Warum hat das zum Schluß gezeigte Werk kein Gehäuse mehr? Seh ich einen gravierenden Fehler nicht? Oder meinst Du wegen einem Echtgoldgehäuse das in der Schmelze gelandet ist? Wenn es das ist so sollte es in ein neues Gehäuse einziehen dürfen, ist doch wunderschön anzuschauen ....
Hallo Frank,
Du hast natürlich recht;-)
Rübe hat geschrieben "grobe Zusammenfassung" und das ist es ja auch.
würden all die von Dir aufgeführten Parameter berücksichtigt,käme ein Buch mit mehr als 200 Seiten heraus.
 
#9
kater7

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......würden all die von Dir aufgeführten Parameter berücksichtigt,käme ein Buch mit mehr als 200 Seiten heraus.
Eher 40 Bände mit je 200 Seiten, alleine für die Entwicklung des Eisenbahnwesens im behandelten Zeitraum könnte ich problemlos zwei der Bände füllen und es bliebe ein "grobe Zusammenfassung" ;-)

Ich möchte doch Rübes Arbeit hier in keinster Weise schmälern oder so :oops: es ist ein toller kurzer Überblick über die Entwicklung von 100 Jahren Uhrentechnik :super:
 
#10
Ruebennase

Ruebennase

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Ja Frank deine Erklärung mit den sinkenden Steinpreisen ist vollkommen richtig und die erklärende Erweiterung des Satzes, dass zu Zeiten des Lepine V (1850 - 1900) die Kosten für Lagersteine deutlich gesunken waren und zum Standart eines mittelklasse Werkes gehörten. Selbstverständlich war der Preis ein kontinuierlicher Prozess bedingt durch den technischen Fortschritt in Transport, Energieverfügbarkeit und Verarbeitungsgerät. Auch die rasante Steigerung der Produktionszahlen wäre ohne eine sich neben dem Adel herausbildenden Käuferschicht sinnfrei. Hinzu kommt noch das um die Jahrhundertwende die Uhrzeit im Alltag eine immer wichtigere Bedeutung bekam ( Arbeitszeiten (Schicht), Zugfahrpläne, Geschäftsöffnungszeiten). Davor kam der Bürger gut mit dem Sonnenstand aus :-). Außen vor lassen wollte ich nichts und wenn Du ergänzen magst, fühle dich herzlichst aufgefordert dieses zu tun. Wie Hollie sagte ein Buch kann und wollte ich nicht schreiben.

Ja, das Lepine III ist ein technisches high-end Produkt seiner Zeit und wohnte mit Sicherheit in einem 750'er Gehäuse. Wenn es so leicht wäre passige Gehäuse zu finden hätte es schon Eines. Jetzt wohnt es in einem Plexiegasschächtelchen und wird regelmäßig bewundert.

Grüße Rübe
 
#11
ketap

ketap

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Ein sehr schöner Artikel liebe Silke und dann an dieser Stelle liebe Grüße.
Schöne Werke fallen halt nicht aus Maschinen sondern werden zwischen Erntezeiten und Heueinfahren nach Sonnenuntergang bei Petroleumlicht gefertigt.

Dafür gab es sogar eine spezielle Glaskugelvorrichtung die das trübe Licht bündelte und auf das Werkteil lenkte.
 
#12
Badener

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Hallo Rübe,

vielen Dank für diese tolle Übersicht und die Mühe, die du dir damit gemacht hast!

Gruß

Badener
 
#13
Ruebennase

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Moin und Danke für den ZUspruch.

@ Carlo Ich habe die Kugel im Netz gefunden. Sie wird "Schusterkugel" genannt. Danke für diese Information: https://de.wikipedia.org/wiki/Schusterkugel inkl. für mich verständlicher Erklärung https://www.wdrmaus.de/filme/sachgeschichten/schusterkugel.php5

Im übrigen fällt mir ein, dass diese "Bauernuhrmacherrei" sich auch innerhalb der Schweiz auf den westlichen Teil , insbesondere auf den Kanton Neuchâtel bezieht, wo es wie oben beschrieben, keinerlei Zunft- oder Niederlassungsregularien gab. Jeder durfte alles machen wenn er sich dafür berufen hielt. Auch Frauen wurden in die Arbeit rund um die Uhr integriert, wobei es hauptsächlich dekorative Arbeiten wie z.B. Zifferblattgestaltung und Polituren ging. In der Region war es Sitte, dass junge Burschen zur Lehre das Elternhaus verließen und dann wieder heimkehrten. So ergab sich aus den traditionellen Strukturen eine Art Ausbildungssystem. Es existierten kleine reine Uhrmacherwerkstätten mit ggf. Angestellten ebenso. In Genf, das fest in der Hand der Zünfte war und offiziell lange den Import von externen Rohwerken ihren Uhrmachern verbot, sah es strukturell anders aus. Allerdings wurde dieses "Import" Verbot zunehmend unterlaufen und ein eigenständiger Werkstypus wurde meines Wissens bei den Schlüsselaufzügen nicht entwickelt.
 
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#14
Gemeinagent

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Super Zusammenfassung! Vielen Dank für die Mühe, die Du Dir gemacht hast!
 
#15
kater7

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Ich finde das mit der "Bauernuhrmacherei" hochinteressant, verschiedene Heimtätigkeiten wie Figuren schnitzen, klöppeln, Besenbinden usw sind mir ja geläufig, das auch Uhren so entstanden war mir völlig unbekannt, ja ich bin nicht mal auf den Gedanken gekommen :shock: Das die Burschen auf Wanderschaft gingen war in sehr vielen Gewerken üblich.
 
#16
Ruebennase

Ruebennase

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Natürlich muß man auch diese Art von Uhrmacherei als Teil eines Prozess sehen. Neben den kleinen Heimwerkstätten gab es auch zunehmend reine Uhrmacher. In dem Canton Neuenburg wurden alle Arten von Qualitäten hergestellt. Um aus dem Pfleghart über die Zeit in Neuchatel bis 1848 zu zitieren: "Uhrmacher die die allergrößte Sorgfalt und Kunstfähigkeit erforderten Chronometern herunter bis zu den allergewöhnlichsten , an die Soldaten der französischen Armeen abgesetzte Ausschußware, deren einzelne Stücke ihres unregelmäßigen Ganges wegen nicht mehr auf den Namen von Zeitmessern Anspruch erheben konnten." Die schweizer Uhr existierte noch nicht. Daher gucken wir TU Menschen auch immer sehr genau auf das Werk und nicht was alles auf der Uhr drauf steht :D Mit der Gründung der Manufakturen Mitte des Jahrhunderts änderte sich dort einiges. Ebenso gab es auch je nach wirtschaftlicher Lage einen Zuzug von Uhrmachern bzw. Facharbeitern. Hier ein paar ausgewählte Daten aus La Chaux de Fonds (Pfleghart):

1808 47.026 Einwohner 12.431 "Kantonsfremde" 3.939 Uhrmacher
1812 50.122 Einwohner 13.942 "Kantonsfremde" 3.220 Uhrmacher
1822 50.874 Einwohner 13.267 "Kantonsfremde" 4.055 Uhrmacher
1837 59.448 Einwohner 18.631 "Kantonsfremde" 7.488 Uhrmacher
1846 68.247 Einwohner 24.642 "Kantonsfremde" 10.134 Uhrmacher

Spätere Daten aus dem Kanton Neuchatel:

1883 14.525 Uhrenarbeiter davon in 3 Fabriken mit 729 Angestellten
1888 14.629 Uhrenarbeiter davon in 30 Fabriken mit 1.644 Angestellten
1895 waren es bereits 232 Fabriken mit 6.498 Arbeitern wobei ich leider keine Zahlen mehr für die "freien Uhrenarbeiter" finde. Entsprechend der Volkszählung von 1901 dürfte dieser noch über 50% gelegen haben. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es sich häufig um Spezialisten handelte, die eine spezielle Arbeit an Werksteilen, Blatt oder Gehäuse in Serie fertigten.

Grüße Rübe
 
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#17
andi2

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Hallo Rübe!
Auch von mir vielen Dank für die lehrreiche Zusammenfassung der Lepine-Werke und auch die vielen Fotos. Das ist eine Arbeit von bleibendem Wert, die auch in Jahren noch als Nachschlagwerk genutzt werden wird. Ganz klar eine Sternstunde des Forums.
Als kleine Ergänzung von mir: zusätzlich zu den genannten Merkmalen kann man die Lepine IV und V auch noch dadurch unterscheiden, dass die Minutenradbrücke bei beiden Typen umgekehrt herum eingebaut ist (Lepine IV: gerader Schenkel der Brücke gegenüber dem Unruhkloben; Lepine V: gerader Schenkel der Brücke auf der Seite des Unruhklobens)- bei unklaren 'Mischtypen' ist das mein persönliches letztes Entscheidungsmerkmal.
Gruss Andi
 
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#18
Ruebennase

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Ja, klar Andy und Du wirst lachen, denn Ich mache das auch so. Gerade gegen Ende der "Lepine Aera" franst das System durch aufkommende Kalibervielfalt aus. Der Kronenaufzug und die Manufakturen die eigene Kaliber mit einen inviduellen Stil entwickeln, tun ihr übriges. Insofern wende ich das System beschreibend nur für die Schlüsselaufzüge an ggf. noch wenn Kronenaufzüge nachträglich ergänzt wurden. Ich Eule, vielen, vielen Dank für den wichtigen Hinweis. Ich werde das sinniger Weise im Text oben gleich aufnehmen.

Grüße und Danke Rübe

Nachtrag: Hier noch ein wunderschönes hoch feines Beispiel für "Ausrutscher" aus meiner "lose Werke Sammlung" eines Designkalibers mit 2/3 Platine für den amerikanischen Markt mit und ohne werksseitigem Aufzug der Nicoud/Jacot/Laval/Salzmann crew. Die Parameter sprechen m.E. noch für ein Lepine IV, aber sie sind so eigenständig das die Zuordnung irrelevant ist.

SAM_0677.JPG

Wie mehrfach gesagt. Es ist nur eine von Adolphe Chapiro eingeführtes nachträgliches beschreibendes System, dass sehr hilfreich ist, um kontinentale Uhren grob innerhalb des Jahrhunderts zu datieren und hilft ein Werk leichter zu beschreiben. Wenn man TU Sammlern, die sich mit diesen Uhren beschäftigt haben, sagt: "Es ist ein normales spätes Lepine IV mit Zylinderhemmung und 6 Steinen", dann ist alles gesagt und das richtige Bild vor Augen. Die Steine sitzen dann auch an den beanspruchsten Tellen, sprich 4 an der Unruhe und zwei am Zylinderrad. Das Ganze ist dann in der Zeitlinie als ein einfaches Werk zu klassifizieren.
 
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#19
pretium intus

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Hallole Rübe,
sehr ausführlicher Bericht, hab´ ich in der Art noch nicht gesehen :shock::super:
Auch das Lepine III mit Ankerhemmung habe ich mit so großen Steinen auf den Kontinent auch noch nicht gesehen.
Wäre vergleichbar mit "Liverpool Windows" von der Insel. Bei so großen Steinen stellt sich außerdem die Frage, ob es sich hierbei nicht um Quarz und nicht um Saphir handelt. (Wurde bei den Engländern häufig gemacht)
Danke für die Mühe!
LG aus dem sonnigen Wasgau
Hans
 
#20
andi2

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Ich hatte auch an Quarz gedacht, als ich das Foto sah (ein wunderbares Werk). Korund gibt es ja in verschiedenen Farben (z.B. blau = Saphir, rot = Rubin), aber so ganz wasserklaren Korund hab ich noch nie gesehen.
Gruss Andi
 
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