Die Scheibenuhren der 1930er

Diskutiere Die Scheibenuhren der 1930er im Vintage-Uhren Forum im Bereich Uhren-Forum; Kürzlich habe ich mich ja mit einem kurzlebigen Modetrend der 30er beschäftigt, nämlich den „Duo Dials“ oder „Doctor’s Watches“: Die „Doctor’s...

DRGM

Themenstarter
Dabei seit
25.03.2013
Beiträge
544
Kürzlich habe ich mich ja mit einem kurzlebigen Modetrend der 30er beschäftigt, nämlich den „Duo Dials“ oder „Doctor’s Watches“:

Die „Doctor’s Watches“ der 30iger Jahre oder: die Faszination des geteilten Zifferblattes

Da liegt es nahe, sich auch mit einem anderen Strohfeuer zu beschäftigen, nämlich mit den Scheibenuhren der 30er Jahre

01_Jump-Hours_Still_02a_1600.jpg

“Diese Scheibe ist ein Hit!“ sang sehr viel später einmal ein deutscher „Blödelbarde“ und trifft den Nagel ungewollt auf den Kopf, denn die Uhren mit Scheiben waren zumindest für eine sehr kurze Zeit ein Riesenhit. Jene Uhren, die im französischsprachigen Raum als „Heures sautantes“ (springende Stunde), „Montre sans aiguilles“ (Uhr ohne Zeiger) oder als „Montre à guichets“ (Uhr mit Fensterchen), im Englischen als „Jump Hour“, „Jumping hour“ oder verkürzt sogar als „Jump Watch“ bezeichnet wurden.

Hier soll es nur um jene „Scheibletten“ gehen, welche bis etwa Mitte der 30er Jahre verkauft wurden. Im Gegensatz zu anderen Modeerscheinungen feierte die Scheibenuhr ja in den 50er und vor allem in den 70er Jahren (aus dem das o. g. Lied stammt) fröhliche U(h)rständ. Für die - oft farbenfrohen - Scheibenuhren der 70er gibt es ja hier bereits einen Beitrag:

Scheibenuhren - zeigen!

Die Idee, statt Zeiger Scheiben mit Ziffern zu verwenden, war aber auch in den 30ern nun alles andere als neu. Bei Taschenuhren gab es das mindestens (!) seit den 1880er Jahren - nur beispielhaft hier das US-Patent Nr. 312.754 von Josef Pallweber aus Salzburg, welches 1883 angemeldet und 1885 erteilt wurde:

02_US312754_Pallweber-Salzburg.jpg

Aber selbst bei Armbanduhren gab es schon viel früher Ideen, Scheibchen einzusetzen - hier das möglicherweise älteste Patent, das am 12. Juli 1915 von den Herren Arthur Dubois und Alfred Spori (Inhaber einer Fabrik für Emaille-Zifferblätter) beim Schweizer Patentamt angemeldet wurde und letztendlich als Schweizer Patent Nr. 71942 registriert wurde:

03_CH71942_Spori-Dubois_Scheibenuhr.jpg

Die beiden Herren meldeten am 31. Oktober 1915 ihre Erfindung auch als Modell (vulgo: Geschmacksmuster oder Design) mit dem Titel „Montre-bracelet sans aiguilles“ an:

04_CH26189_Spori-Dubois_Scheibenuhr.jpg

Man beachte: Minutenscheibe oben, Stundenscheibe in der Mitte, wobei unterhalb der „8“ auch klein die „20“ der späten Stunde angeordnet ist.

Ob diese Uhr tatsächlich produziert wurde? Ich weiß es nicht. Immerhin hat der Herr Arthur Prosper Dubois die Idee weiterverfolgt und zusammen mit Ulysse Jeanrichard am 29. Dezember 1920 das Schweizer Muster Nr. 32132 angemeldet, das eine Scheibenuhr zeigt, welche dem typischen Design der 30er doch recht nahekommt:

05_CH32132_Dubois-Jeanrichard_Scheibenuhr.jpg

Danach wurde es erst einmal still um Armbanduhren mit digitaler Anzeige. Sehr still. Bis die Weltwirtschaftskrise 1929 kam und alle Firmen gezwungen waren, sich etwas auszudenken, um Käufer zu finden. Wie man so sagt: Not macht erfinderisch. Jedenfalls halte ich es nicht für Zufall, dass es sowohl bei den Duo Dials, als auch bei den Scheibenuhren im Jahre 1929 langsam los ging.

Den Anfang machte wohl Glycine. Diese Firma meldete im November 1929 ein Schweizer Modell Nr. 45176 an, welches die dann stillprägende Scheibenuhr zeigt:

06_CH45176_Glycine.jpg

Im Mai 1930 ließ Glycine dann das Schweizer Patent Nr. 148534 folgen, mit dem ein Werk einer Scheibenuhr („Montre bracelet à guichets“) geschützt wurde:

07_CH148534_Glycine.jpg

Glycine bewarb die Scheibenuhr auch - interessanterweise mit dem geflochtenen Band, das auch im oben gezeigten Muster zu sehen ist:

08_DAVOINE-1932-Glycine.jpg

Vor Glycine hatte allerding Benrus bereits eine „Halb-Scheibe“ zum Patent angemeldet, nämlich am 26. August 1929 (Schweizer Patent Nr. 142509):

09_CH142509_Benrus.jpg

Interessant hierbei ist auch, dass die Schweizer Tochter der eigentlich amerikanischen Firma Benrus als Anmelderin fungierte.

Mit „Halb-Scheibe“ meine ich übrigens jene Uhrwerke, bei denen nur die Stundenanzeige als (springende) Scheibe ausgestaltet ist, während Minuten und Sekunden in konventioneller Weise mit Zeigern angezeigt werden. Diesen Weg gingen einige Hersteller, bei welchen Gruen und Rolex besonders hervorzuheben sind.

Wo wir schon bei den Herstellern sind: die Scheibenuhr der 30er war praktisch eine rein Schweizer Angelegenheit, vornehmlich der weniger bekannten Marken. Amerikanische Firmen machten den Trend größtenteils nicht mit - eine Scheibenuhr von Hamilton, Elgin, Waltham und anderen Firmen wird man vergeblich suchen. Nur Benrus, Bulova und Gotham (Ollendorff) waren mit am Start - allerdings stammten die Werke dieser Marken ausnahmslos aus Schweizer Produktion.

Im Jahre 1930 sind nur wenige Aktivitäten bzgl. Der Scheibenuhr zu vermelden. Audmemar, Piguet & Co. Bewarb ihre Scheibenuhr abbildungslos in einer Annonce im „Indicateur Davoine“ (im Folgenden kurz: Davoine).

10_Davoine_1930_Audemars-Piguet.jpg

1931 nahm die Sache dann langsam Fahrt auf. Paul Piguet-Capt bewarb eine „3/4-Scheibe“, bei der Stunden und Minuten auf Scheiben angezeigt werden, der Sekundenzeiger aber konventionell ist:

11_Davoine_1931_Piquet-Capt.jpg

Helvetia präsentierte ebenfalls 1931 ihre Interpretation des Themas:

12_Actes de la Société jurassienne d'émulation_1931_Helvetia.jpg

Robert Cart ließ sich das Schweizer Modell Nr.48668 schützen - das Werk einer Scheibenuhr:

13_CH48668_Robert-Cart.jpg

Und im November 1931 findet sich dann eine der ersten Offerten in einer amerikanischen Zeitung:

14_Star_Tribune_Thu__Nov_19__1931_.jpg

Interessant an dieser frühen Anzeige: es wird nicht DER Vorteil der Scheibenuhr erwähnt, der später gebetsmühlenartig wiederholt werden wird, sondern es wird darauf hingewiesen, dass man die Uhrzeit durch zwei separate Fensterchen ablesen kann, „like the speedometer of your automobile“- also wie beim Tacho des eigenen Fahrzeuges. Und in der Tat waren die Tachometer der Autos jener Epoche (auch) scheibenförmig.

Wie erwähnt machten sich die Hersteller im Jahre 1931 so langsam warm - und dann kam DAS Jahr der Scheibenuhr:

[/b]Das Jahr 1932[/b]

Wie bei keinem anderen Uhrentyp war EIN Jahr, nämlich das Jahr 1932, bei der Scheibenuhr DAS Jahr, in dem praktisch alles passierte. Danach brach das plötzlich hell lodernde Feuer ganz schnell wieder in sich zusammen. Wer also eine Scheibenuhr jener Zeit sein Eigen nennen kann und keck behauptet, die sei von 1932, der läuft kaum Gefahr, daneben zu liegen. +/- 1 Jahr vielleicht.

Eine geradezu hektische Tätigkeit entfaltete sich auch im Patentbereich. Mehrere Hersteller von Werken und Gehäusen hatten urplötzlich ganz dufte Ideen zum Thema de jour. Nur beispielhaft hier mal ein deutsches Patent Nr. 586221 von FHF, welches auf eine Schweizer Basisanmeldung vom Mai 1932 zurückgeht. Interessant insofern, als dass FHF hier die Konstruktion auf die Spitze trieb und vier Scheiben auf der Platine rotieren ließ:

15_DE586221_FHF.jpg

Eine der frühesten Annoncen bzgl. Einer Scheibenuhr stammt vom 26. Februar 1932 und zeigt eine Movado:

16_The_Indianapolis_News_Fri__Feb_26__1932_Movado.jpg

Hier fällt der SEHR hohe Preis von 75$ auf. Nunja, eine Movado. Die gerne auch mal mit Gehäusen in 18K oder 14K Gold daherkommen und für die heutzutage atemberaubende Preise aufgerufen werden. Movado gehört hier zu den wenigen „großen“ Namen, die jene Mode mitgemacht haben.

Ebenfalls begegnet uns hier zum möglicherweise ersten Mal DAS Argument für die Scheibenuhr:

„It has no large crystal to get broken”

Auf Deutsch: “Kein Glas, das kaputt gehen könnte“. Dieses Argument findet sich dann in praktisch allen Werbeanpreisungen, mit denen den Kunden die Scheibenuhr schmackhaft gemacht werden sollte.

Auch in Deutschland nahm man 1932 diese neue Idee zur Kenntnis. In der „Uhrmacher-Woche“ wird Anfang 1932 mit Bezug auf einen Schweizer Artikel von 1931 die „Baguette-Uhr ohne Zeiger“ der Marvin Watch Co. vorgestellt.

17_Uhrmacher-Woche_1932_S65_Marvin-Scheibenuhr.jpg

Dass Marvin - anders als im Artikel dargestellt - nicht die erste Firma war, die eine Scheibenuhr in eine Formuhr integrierte, wissen wir ja bereits. In der Eigendarstellung gab sich Marvin ein wenig bescheidener und pries die Uhr schlicht mit „Neuheit für 1932“ an:

18_DAVOINE-1932-Marvin.jpg

In der „Uhrmacher-Woche“ gab es 1932 noch einen anderen, weitaus interessanteren Artikel zum Thema jenes Jahres:

19_Uhrmacher-Woche_1932_S441_Reparatur-der-Scheibenuhr01.jpg

20_Uhrmacher-Woche_1932_S442_Reparatur-der-Scheibenuhr02.jpg

En passant wird dort u. a. erwähnt, dass die englische Bezeichnung für jenen Uhrentyp „direct read“ sei. Hm, diese Bezeichnung ist jedenfalls mir noch nicht untergekommen.

Schön dagegen sind die Darstellungen und Beschreibungen von zwei Werken. Bei dem Werk gemäß Bild 2 dürfte es sich um ein abgewandeltes AS 340 handeln, auf das ich später noch eingehen werde. Bei dem anderen Werk gemäß den Abbildungen 4 und 5 bin ich mir recht sicher, dass es sich um ein FHF 29 Digital handelt:

bidfun-db Archiv: Uhrwerke: FHF 29 digital

1920s/1930s? mechanical digital wristwatch movement

Fontainemelon nickel chrome vintage wristwatch, circa 1935 - Black Bough | Ludlow

Leider fehlt bei Ranfft die Sekundenscheibe; in den anderen beiden Links kann man aber ganz gut das Charakteristikum des FHF 29 Digital erkennen: die exzentrisch in der Minutenscheibe gelagerten Sekundenscheibe. Dieses Merkmal ist auch beim Bulova Kaliber 13AT vorhanden, mit dem die Bulova-Scheibenuhren ausgestattet sind:

Bulova 1932 Jump Hour | myBulova.com


Daher möchte ich einmal annehmen, dass die Bulova-Werke entweder direkt von FHF stammen, oder doch zumindest in Kooperation mit FHF entwickelt wurden.
 
Zuletzt bearbeitet:

DRGM

Themenstarter
Dabei seit
25.03.2013
Beiträge
544
Teil 2

So, nun einfach mal ein paar Annoncen des Jahres 1932 - entweder aus (vornehmlich US-amerikanischen) Zeitungen, aus dem Davoine oder aus „La Fédération d’Horlogère Suisse“ (im Folgenden kurz Fed.). Dabei wurde natürlich auch außerhalb der Schweiz und der USA für diesen neuen Uhrentyp Werbung gemacht. Beispielsweise in England:


21_The_Guardian_Fri__Dec_16__1932_Jumping.jpg

Oder in Australien (hier allerdings bereits aus 1933):

22_ The_Sydney_Morning_Herald_Sat__Feb_25__1933_.jpg

Aber der hauptsächliche Absatzmarkt waren die USA. Wo man sich solche Uhren leisten konnte - trotz Wirtschaftskrise. Und wo man gegen ein bisschen zusätzliches Blingbling nichts einzuwenden hatte:

23_Daily_News_Sun__May_22__1932_Diamond-Baguette-Jump.jpg

Wie bereits erwähnt, ließen es sich zumindest die drei US-Firmen Benrus, Bulova und Ollendorff (Gotham) nicht nehmen, an dem Kuchen zu partizipieren.

Benrus:

24_Daily_News_Thu__Jun_9__1932_Benrus.jpg

Bulova:

25_The_Sacramento_Bee_Fri__Oct_28__1932_Bulova.jpg

Ollendorff (Gotham):

26_Lincoln_Journal_Star_Fri__Sep_30__1932_Ollendorff-Gotham.jpg

Die allermeisten Scheibenuhren wurden allerdings namenlos offeriert. Da so ein blankes Gehäuse nicht jedermanns Sache war, wurden auch (kostenlose) Initialen des Besitzers angeboten:

27_The_Times_Fri__Oct_28__1932_.jpg

Hier wird dann nichts Weniger als die größte Uhrensensation des Jahres 1932 angeboten:

28_Daily_News_Wed__Mar_16__1932_.jpg

Ein wenig bescheidener ging es aber durchaus auch. Nun ja, angesichts eines Werkes mit nur 7 Steinen ist ein wenig Bescheidenheit auch angebracht. Die Gehäuseform weiß aber dennoch zu gefallen:

29_The_Evening_Sun_Tue__Jul_12__1932_.jpg

Aus den einschlägigen Schweizer Quellen für amerikanische Einkäufer (Davoine, Fed.) konnte sich der beflissene Handelsvertreter nach Belieben einen Hersteller von Komplettuhren oder von Gehäusen aussuchen, die ihn alle mit ihren 1932er Scheibenuhren beglücken wollten.

Zodiac:

30_DAVOINE-1932-Zodiac.jpg

A. Eigeldinger Fils:

31_DAVOINE-1932-Eigeldinger.jpg

Mimo - reichlich frech damit werbend, die Ersten mit der Scheibenuhr gewesen zu sein:

32_DAVOINE-1932-Mimo.jpg

Scherz Frères:

33_FedHorl_1JUN1932_Scherz-Freres.jpg

Bielna - hier interessant die Angabe, dass ein Werk von FHF oder ein AS 624 verbaut sei:

34_FedHorl_3AUG1932_Bielna.jpg

Noch mehr Werke standen zur Verfügung, wenn man sich für ein Gehäuse von Les Fils de Robert Gygax entschied:

35_FedHorl_1JUN1932_Gygax.jpg

Je nach Werkgröße standen zur Verfügung Werke der Firmen: Peseux, Wasa, ETA, AM (Michel), AS, Felsa, FHF und Reymond. Was natürlich bedeutet, dass jene Fabriken Werke für Scheibenuhren liefern konnten.

Soweit der kleine (!) Einblick in „das Jahr der Scheibe“ 1932. Im folgenden Jahr 1933 spielt die Scheibenuhr schon fast keine Rolle mehr. Ein paar Nachzügler gab es zwar, aber nicht viele. Zu diesen gehören Pauli Frères und Gerber Frères:

36_DAVOINE-1933-Pauli-Freres.jpg

37_FedHorl_4JAN1933_Gerber-Freres.jpg

Auch in den amerikanischen Zeitungen werden nur noch selten Scheibenuhren angeboten. Hier eine Annonce aus dem Jahre 1934 - interessant insofern, als die „alte“ Scheibenuhr neben dem Star des Jahres 1934 angeboten wird: der Duo Dial…

38_The_San_Francisco_Examiner_Sun__Dec_9__1934_02.jpg

In den folgenden Jahren wird es recht still um den einstigen Helden des Jahres 1932. 1936 ist das Jahr, in dem die letzten Anzeigen geschaltet werden - wohl, um „betriebstreues Inventar“ (vulgo: Ladenhüter) los zu werden. Denn 1936 waren „curvy models“ DER Trend schlichthin - die man natürlich ebenfalls im Angebot hatte:

39_The_San_Francisco_Examiner_Sun__Dec_6__1936_Jump_vs_curved.jpg

In Sacramento bediente man sich zur Förderung des Absatzes „bewährter Modelle“ (sprich: Uraltware) Methoden, die wohl das Gegenteil von Seriosität ausdrücken:

40_The_Sacramento_Bee_Tue__Oct_13__1936_Copy-of-a-50USD-model.jpg

“New” oder gar “entirely new” (völlig neu”) ist schon mal reichlich dreist. Aber „Copy of a $50 Model (Kopie eines 50$-Modells) ist an Abgebrühtheit kaum zu toppen!

Soweit die Kurzgeschichte der Scheibenuhr der 30er Jahre. Man mag sie mögen oder nicht: sie ist ein Kind ihrer Zeit und spiegelt den Geschmack jener Epoche recht gut wider. Es sind jedenfalls Uhren, bei denen man die Zeit ganz gut ablesen kann. VORAUSGESETZT, man ist in einem Alter, in dem man noch keine Lesebrille benötigt. Als ich vor …ach ewig her! einigen Jahren meine Hoverta kaufte (folgt in Teil 4), konnte ich sogar die Sekunden problemlos ablesen. Heute schaffe ich nicht mal mehr die Stunden. Selbst mit Lesebrille nicht mehr ganz so flott.
 

DRGM

Themenstarter
Dabei seit
25.03.2013
Beiträge
544
Teil 3 - eine namenlose Scheibenuhr

Diese Namenlose stellt m. E. eindrücklich unter Beweis, dass Namenlosigkeit nicht mit minderer Qualität gleichgesetzt werden muss. In diesem Falle: ganz im Gegenteil.

Scheibenuhr_Rotary_01_1600.jpg

Scheibenuhr_Rotary_02_1600.jpg

Scheibenuhr_Rotary_03_1600.jpg

Scheibenuhr_Rotary_05_1600.jpg

Die Uhr ist mit 33 x 26 mm ein ziemlicher Klopper, der von einem 22mm Band am Arm gehalten wird

Scheibenuhr_Rotary_Wrist_1600.jpg

Die Uhr stammt noch aus meiner „Scheibenuhr-ablesen-kein-Problem“-Zeit - ich habe sie also schon recht lange. Ebenso lange gibt sie mir einige Rätsel auf, die nur peu à peu knacken konnte. Das letzte Rätsel aber bislang nicht.

Das erste Rätsel ist (war) das Gehäuse:

Scheibenuhr_Rotary_07_1600.jpg

Scheibenuhr_Rotary_08_1600.jpg

Nun, weder der Goldstempel 14K, noch das (warum auch immer überschliffene) Eichhörnchen waren irgendwie rätselhaft. Der Stempel „4/10“ aber durchaus. Keine Ahnung, wieviel Seiten ich über Goldstempel gewälzt habe - dieser Stempel war nirgends aufgeführt. Bis ich durch puren Zufall auch einen Artikel in der „Uhrmachkunst“ von 1935, Seiten 243/244 gestoßen bin:

Uhrmacherkunst_1935_S243_Dickenstempel.jpg

Uhrmacherkunst_1935_S244_Dickenstempel.jpg

Aha! Der bekannte E. Gübelin aus Luzern höchstselbst schreibt da im Artikel, dass ein Dickenstempel doch was ganz Feines wäre. Und dass der Zentralverband Schweizerischer Uhrmacher (Union Centrale des Horlogers) den Dickenstempel bereits eingeführt hätte. Na, an letzterer Behauptung habe ich so meine Zweifel, denn ich konnte keinerlei Veröffentlichung des genannten Zentralverbandes finden, aus der eine irgendwie verbindlich gehaltene Anweisung hervorgehen würde, dass der Dickenstempel für alle Mitglieder des Verbandes verbindlich wäre. Bis auf weiteres halte ich den Stempel für ein „Privatvergnügen“ von Gübelin. Und wenn man nach güldenen Uhren von Gübelin recherchiert, kann man die eine oder andere Gübelin-Uhr finden, die mit einem solchen Dickenstempel versehen ist.

Insofern möchte ich ganz vorsichtig annehmen, dass zumindest das Gehäuse der Uhr von Gübelin in Auftrag gegeben wurde - auch wenn sie nicht mit „Gübelin“ gestempelt ist.

Das nächste Rätsel-Komplex stellt das Werk dar. Ganz ohne Hersteller-/Vertreiber-Vermerk. Das einzige, was man als Marke des Herstellers ansehen kann, ist ein Flügelrad auf dem Federhaus:

Scheibenuhr_Rotary_12_1600.jpg

Nun ja, Flügelräder gab es eine Menge. Aber zeitlich passend kommt eigentlich nur Rotary in Frage, oder? Die Firma, die sich seinerzeit noch „Fils de Moïse Dreyfuss“ nannte, aber auch als „Fabrique Enila“ unterwegs war, war ja bekanntermaßen vor allem in Großbritannien unterwegs. Wie eindrucksvoll eine schöne Annonce von Rotary aus dem Davoine von 1932 (sic!) zeigt:

DAVOINE-1932-Rotary.jpg

Außerdem war Rotary grundsätzlich ja auch nicht abgeneigt, sich mit Scheibenuhren zu befassen, hatte Rotary (Dreyfuss/Enila) doch ein paar Muster zu Scheibenuhren-Gehäuse im Jahre 1932 (wieder dieses Jahr!) zum Musterschutz angemeldet:

CH49747_Dreyfuss-Enila.jpg

Diese haben nun leider rein gar nichts mit meiner Uhr gemein. Aber etwas Besseres ist mir zur Deutung des Flügelrades als Hinweis auf den Hersteller noch nicht eingefallen.

Das Werk selbst steckt ebenfalls voller Geheimnisse, von denen ich zumindest einige entschlüsseln konnte. So sieht es denn dann aus:

Scheibenuhr_Rotary_09_1600.jpg

Scheibenuhr_Rotary_10_1600.jpg

Was ich bislang herausfinden konnte: das Werk stammt von Peseux und basiert auf der Familie Peseux 38, die „Badener“ dankenswerterweise hier vorgestellt hat:

Identifizierte Uhrwerke, die weder bei Ranfft, Lorenz noch im Watch-Wiki zu finden sind

Ich wusste auch schon, dass „Cut & Comp.Bal A. I.“ keine Firmenbezeichnung sondern - übersetzt - für „Eingeschnittene Kompensationsunruh“ steht, d.h. sie ist aus Bimetall hergestellt mit 2 offenen Enden, so dass sich ja nach Temperatur der Reif vergrößern bzw. verkleinern und dadurch den Temperatur-Fehler der Unruhe kompensieren kann.

Scheibenuhr_Rotary_13_1600.jpg

Dennoch gibt das Werk noch ein paar Rätsel auf. Wofür steht die „210“?

Scheibenuhr_Rotary_11_1600.jpg

Ein Peseux Kaliber 210 ist es ja nicht, das sieht ganz anders aus. Auf praktisch allen entsprechenden Peseux-Scheibenuhr-Werken ist aber diese Zahl 210 vorhanden.

Das nächste Rätsel ist die seltsame Stoßsicherung, im obigen Foto mit der Nummer „210“ recht gut zu erkennen. Diese kommt wohl nur bei den 210er-Werken für Scheibenuhren vor (?).

Peseux verfügte übrigens nicht nur das auf dem Werk erwähnte Schweizer Patent Nr. 104593 von 1924 (welches sich auf ein Formwerk bezieht, bei dem das Räderwerk ein dezentrales Großbodenrad beinhaltet und das Federhaus außerdem direkt ein zentrales Minutentrieb antreibt - Zitat von Badener), sondern auch über das Schweizer Patent Nr. 164256, welches im Jahre… na ratet mal! genau: 1932 angemeldet, aber erst im September 1933 eingetragen wurde:

CH164256_Peseux-Scheibenuhr.jpg

Dass diese Patent-Nummer nicht auf dem Werk angegeben ist, hat natürlich rein gar nichts zu sagen. Könnte (!) aber darauf hindeuten, dass das Werk meiner Uhr vor September 1933 hergestellt wurde. Wovon ich ja sowieso ausgehe.
 

DRGM

Themenstarter
Dabei seit
25.03.2013
Beiträge
544
Teil 4 - Scheibenuhr Hoverta


Mit 33 x 25,5 mm und einem20 mm-Band nicht ganz so groß wie die goldene Unbekannte, kann die Hoverta vor allem mit einem punkten: mit einem Namen auf dem Gehäuse.

Hoverta_01_1600.jpg

Hoverta_02_1600.jpg

Hoverta_Wrist-01_1600.jpg

Es ist zwar nur ein „kleiner“ Name - aber ein Name. Wie erwähnt sind die meisten Scheibenuhren der 30er namenlos - die Hoverta ist es immerhin nicht. Wie man heutzutage leicht herausfinden kann, gehörte die Marke „Hoverta“ seit 1926 Hermann Hofer in Grenchen - der seine Firma später in H. Hofer AG umfirmierte:

CH61283_Hofer_Hoverta.jpg

CH120161_Hofer_Hoverta.jpg

1932 noch nicht, aber 1933 gab Hofer an, auch Scheibenuhren im Angebot zu haben:

DAVOINE-1933-Hofer-Hoverta.jpg

Ich möchte aber annehmen, dass meine Hoverta ebenfalls 1932 hergestellt wurde.

Wie man sieht, sind hier im Gegensatz zu „Goldie“ drei Scheiben vorhanden, welche Stunde, Minute und die Sekunde anzeigen:

Hoverta_04_1600.jpg

Das Gehäuse innen offenbart, dass es aus Nickel-Chrom besteht. In diesem Fall übrigens ein wahnsinnig schnell anlaufendes Material, so dass man mit dem Putzen kaum hinterherkommt. Andernfalls wird das Gehäuse ganz schnell matt und nimmt eine gelbliche Farbe an.

Hoverta_07_1600.jpg

Wie man erkennen kann, sind da zwei Gewindebohrungen vorhanden, die auf den ersten Blick keinen Sinn machen.

Richtet man den Blick auf die innere Vorderseite, sieht man das Scheibchen und einen erhellenden Stempel „BREV. DEP - BP+ „was „Patent angemeldet“ bedeutet.

Hoverta_08_1600.jpg

Man ist für einen solchen Hinweis dankbar, ermöglicht es doch einem, das entsprechende Patent zu recherchieren - und zu finden:

CH155173A_Schmitz-Freres_Glasbefestigung_Scheibenuhr.jpg

Die Fa. Schmitz Frères in Grenchen hatte also bereits in Jahre 1931 ein Patent auf die Glasbefestigung bei Scheibenuhren angemeldet. Da man seitens Schmitz an eine große wirtschaftliche Bedeutung glaubte, hatte man zusätzlich noch ein paar Fränkli für ein deutsches Patent Nr. 570218 locker gemacht. Durchaus erwähnenswert, denn die Fa. Schmitz Frères verfügte insgesamt nur über vier deutsche Patente, dagegen über eine Vielzahl Schweizer Patente.

Die Sache mit den Gewindebohrungen wird dann durch ein anderes Patent von Schmitz Frères erklärt:

CH163602_Schmitz-Freres-Werkbefestigung.jpg

Nun, durch beide Patente weiß ich, dass das Gehäuse meiner Hoverta von Schmitz Frères stammt. Schön. Was steckt denn nun drin? Das hier:

Hoverta_09_1600.jpg

Hoverta_10_1600.jpg

Wie oben bereits erwähnt, handelt es sich hier um ein für Scheibenuhren abgewandeltes AS 340. Also auch kein Rätsel, sondern ein Werk, dass ich einer Vielzahl von Scheibenuhren verbaut wurde.

Nochmal zurück zu Schmitz Frères: diese Firma war 1932 natürlich auch dabei, als es darum ging, die Kompetenzen hinsichtlich Scheiben-Uhren zu präsentieren:

FedHorl_4Mai1932_Schmitz-Freres.jpg

Ich würde mich freuen, wenn andere ihre Scheibenuhren der 30er hier zeigen würden!
 

fantomaz

Dabei seit
14.05.2011
Beiträge
2.342
Ort
Cremlingen + Area 42/75
Meinen tiefsten Respekt für diesen Beitrag über Uhren, die mein Herz sofort genau in der Mitte treffen!

Mehr kann man glaube ich nicht über diesen Uhrentyp herausfinden :super: und
klasse Fotos noch obendrein....
 

CFG

Dabei seit
09.02.2019
Beiträge
5.097
Einfach toll, was hier so erarbeitet wird, wie schon im oben erwähnten andern Faden.
 

Faisaval

Dabei seit
31.08.2013
Beiträge
4.555
Wieder mal eine absolut wunderbare Vorstellung von Dir, die Ihres Gleichen sucht und dazu noch zu einer Uhrengattung, die mich schon lange begeistert. Bravo und herzlichen Dank dafür.:klatsch:

P.s. Eine dieser frühen mechnanisch Digitalen kann ich glücklicherweise auch mein Eigen nennen:

3048726
eine amerikanische WALTHAM Jump Hour

Geöffnet zeigt sich auf der Vorderseite dieses Bild
3048728

Und innen

3048730
tickt das hauseigene Kaliber L-7.25, Grade Nr. 767, das wohl um 1930 das Licht der Welt erblickte.
 
Zuletzt bearbeitet:

Nichtsnutz

Dabei seit
06.12.2014
Beiträge
480
Vielen dank. Da ich absoluter Kuriositäten Fan bin hast du mir eine Riesenfreude gemacht. Absolut Top der Bericht.

Gruß Alex
 

DRGM

Themenstarter
Dabei seit
25.03.2013
Beiträge
544
Ich danke Euch Allen für Eure freundlichen Worte!

Bernd: Danke für das Zeigen der Enicar-Werbungen. Interessant! Sind denn Realstücke von Enicar bekannt?


Hallo Valentin,

eine amerikanische WALTHAM Jump Hour (…) tickt das hauseigene Kaliber L-7.25, Grade Nr. 767, das wohl um 1930 das Licht der Welt erblickte

Arrrg! Um mich selbst zu zitieren:

eine Scheibenuhr von Hamilton, Elgin, Waltham und anderen Firmen wird man vergeblich suchen.(…) allerdings stammten die Werke dieser Marken ausnahmslos aus Schweizer Produktion.

Tscha…. Da habe ich meine Hausaufgaben wohl doch nicht gründlich genug gemacht. Eine Waltham habe ich nirgends finden können - und dann noch ein amerikanisches Werk.

Jedenfalls eine schöne Uhr! Danke für’s Zeigen.
 

Faisaval

Dabei seit
31.08.2013
Beiträge
4.555
Hallo Martin,
danke Dir. :-P Und wie heißt es doch so schön: "Ausnahmen bestätigen die Regel". Und meine Waltham dürfte wohl so eine Ausnahme gewesen sein. Ich hatte auch über sie und mögliche andere amerikanische Scheibenuhren im Netz recherchiert und so rein gar nichts (weder Werbeanzeigen noch irgendwelche Hinweise, geschweige denn Patentanmeldungen und dergleichen) finden können.
Der Markt war zu jener Zeit in Sachen digitaler Scheibenuhren wohl fast gänzlich in schweizer Hand.
 

MaJoLa

Dabei seit
15.12.2010
Beiträge
4.306
Ort
Parkhaus 1 vom Centro
Hallo Martin,

eine exzellente Ausarbeitung und Recherche zu einem Uhrentyp, bei dem sich meine Begeisterung eindeutig in Grenzen hält. Ich gehöre alsonicht zur Fangemeinde. Dennoch sind diese Uhren ein Teil der Geschichte des Zeitmessers und haben es daher verdient, von Dir in dieser Form wertgeschätzt zu werden.

Zwei Anzeigen, die Dir sicher bekannt sind mit Modellen, hier mal nicht fürs Handgelenk. Und diese, besonders oder besser GANZ besonders jene von Robert Cart 1932, haben auch mich begeistert. Wobei die Cart Uhr für diese Zeit hoch modern war und auch heut sicher noch verkauft werden könnte:
38502627hg.png


38502629va.png


Und von Cart dann auch noch was für das Handgelenk 1931:

38502863fk.png


Diese Anzeige hab ich in erster Linie des Bandes wegen gespeichert. Vor einiger Zeit waren ca. 3-4 französische Uhren in der Bucht mit diesen Bändern angeboten worden. Ich war der festen Überzeugung, diese wären aus den 70ern gewesen, bis ich dann auf diese Anzeige gestoßen bin. Leider viel zu spät.

Ich war ursprünglich von 1931 ausgegangen, als diese Uhren auf den Markt kamen. Das es schon 1929 war, wusste ich nicht.

Meiner Ansicht nach, sprangen damals ettliche Hersteller auf diesen Zug auf, dessen Fahrt ja relativ kurz war. Ich glaube, daß allgemeine Interesse an solchen Uhren, hielt sich sehr in Grenzen und so kam das AUS recht früh.

Wann begegnete man damals einer digitalen Zeitanzeige? Ich denke, sehr selten, wenn überhaupt. Man war mit dieser Anzeigenform nicht vertraut. Bei der herkömmlichen Uhr erfasste man im Bruchteil einer Sekunde die Zeit. Allein und ausschließlich nur durch die Stellung der Zeiger. So war es immer und das seit Jahrhunderten. Ziffern waren im Grunde nebensächlich. Und dann Das. Keine Zeiger mehr, nur noch Zahlen. Musste das nicht schief gehen. Zeigte eine Scheibenuhr 2:40 an, brauchte der Träger bestimmt 1-2 Sek. Bedenkzeit, um für sich diese Angabe richtig einzuordnen und sich klar darüber zu werden, daß es nicht 20vor 2 sondern 20vor 3 ist und das sich die 40 bei der 8 befindet.

Ich kann das natürlich nicht beweisen, bin aber überzeugt, daß es einigen so erging. Man war diese Art der Darstellung schlicht nicht gewohnt und so manch einer dürfte sich auch nach dem Sinn dieser "Modetorheit" - wie bei der Speer Anzeige so schön beschrieben - gefragt haben.

Und das bei dem einen oder anderen Modell die Anzeige aufgrund Ihrer Größe eher was für Adleraugen war, tat wohl sein übriges.

Eine kritische Betrachtung dieser Uhren scheint man aber wohl - zumindest in der deutschen Fachpresse - nicht zu finden, oder?

Kritik an diversen Blattgestaltungen dafür schon.

Vielleicht waren diese Uhren in USA bedeutend erfolgreicher als im konservativen Deutschland. Das wäre mal interessant, ob es darüber Erkenntnisse gibt.
 
Zuletzt bearbeitet:
Thema:

Die Scheibenuhren der 1930er

Die Scheibenuhren der 1930er - Ähnliche Themen

You’re Driving Me Crazy - die “Drivers Watch” der 30er Jahre: In den 30er Jahren gab es die eine oder andere kurzlebige Erscheinung auf dem Uhrensektor - sie kam jeweils schnell und mit viel Getöse...
Die „Doctor’s Watches“ der 30iger Jahre oder: die Faszination des geteilten Zifferblattes: Als ich kürzlich eine sogenannte „Doctor’s Watch“ von ZentRa (!) sah, da war sie schlagartig wieder wach - die Liebe zu jenen nur für ganz kurze...
Croton Acurator - oder: nicht hinter jedem Münzschlitzdeckelchen steckt eine Batterie: Ich habe einen weichen Zahn für ungewöhnliche technische Lösungen. Von außen regulierbare Uhren zum Beispiel, wie die...
Speer-Patent und Speer-Band: Es kommt ja nicht so häufig vor, dass ein Uhrenhersteller durch ein einziges Modell bekannt wurde - bei der Fa. Wilhelm Speer aus Hamburg ist das...
Uhrenbestimmung Eine Kalos von HOGA? mit Fragen, auch zum Werk!: Liebe Freunde alter Uhren, neulich fand ich im Netz diese Uhr.. Ihr in typischer Manier der frühen bis Mitte der 50er Jahre zweifarbig...
Oben