Die retrofuturistische Difor Automatique (1973) und die Scheibenmechanik des TD 1393

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Wenn man heute dem Designer den Auftrag gäbe „machen Sie mal was ultramodernes“, dann bekäme man wohl eine Uhr mit fünf Zentimeter Durchmesser und einem Totenkopf auf dem Zifferblatt. In der ersten Hälfte der 70‘er Jahre bekam man eine digitale Scheibenuhr. Das heisst, vorausgesetzt es sollte ein mechanisches Werk verwendet werden. Digitale Scheibenuhren waren wohl ein Versuch, den aufkommenden digitalen LED- und LCD-Quarzuhren Paroli zu bieten. Letztlich ohne Erfolg. Die kurze Blüte der Scheibenuhren endete im Lauf der zweiten Hälfte der 70‘er, und die Welt der mechanischen Uhren ging im Sog der Quarzkrise nahezu unter. Dabei war die Idee der rotierenden Scheiben und die Mechanik dahinter keineswegs neu, sondern es war ein Rückgriff auf die 30‘er Jahre, wo die digitalen Scheiben-Armbanduhren schon einmal für kurze Zeit in Mode gewesen waren.

Difor.1.neu.png
Das Design der 70‘er-Scheibenuhren ist immer aussergewöhnlich und manchmal sogar bizarr. Bei meiner ‚Difor Automatique‘ ist das Thema eher klassisch und zurückhaltend umgesetzt. Man könnte sagen, hier wurde das Art-Deco-Design der Scheibenuhren der Vorkriegszeit neu interpretiert. Das tonneauförmige, vergoldete Gehäuse ist kaum länger als breit mit breit abgerundeten Ecken und hat ein schmales längliches Uhrglas, das nur etwa ein Drittel der Gesamtbreite (35,5 mm) einnimmt.
Das goldene Zifferblatt, das bei einer Scheibenuhr ja eigentlich diesen Namen nicht verdient, ist eine Abdeckplatte mit drei Fenstern, durch die man jeweils einen Ausschnitt der rotierenden Scheiben sehen kann. Die Minutenscheibe rotiert kontinuierlich, wie das auch ein Minutenzeiger tun würde und hat ein grösseres und bogenförmiges Fenster, um einen ausreichenden Sektor der Minutenscheibe sehen zu können zum sicheren Ablesen der Minute. Die Stundenscheibe links daneben wird nur einmal stündlich weitergeschaltet (springende Stunde, jump hour, heure sautante) und hat, wie die Datumsanzeige unten, ein kleines quadratisches Fenster, in dem die aktuelle Stunde zu sehen ist. Das Blatt hat einen konzentrischen Sonnenschliff, was unter dem dicken, schmalen und von hinten im Gehäuse eingelegten Uhrglas einen schönen Schillereffekt beim Kippen ergibt. Es ist weiss bedruckt und schlicht gehalten: Alle Fenster haben einen weissen Rahmen und es gibt ein Fadenkreuz. Im oberen linken Sektor steht nur ‚Difor Automatique‘. Der Rand ist bei allen Fenstern abgeschrägt. Weil die Datumsscheibe merklich tiefer liegt, als die Scheiben für Stunde und Minute, ist der Rand des Datumsfensters ein tiefer trichterförmiger Schacht.

Bild10.DIFOR.TD1393.png
Das Gehäuse ist helmartig weit heruntergezogen und der Länge nach leicht gebogen wie eine Curvex. Das Acrylglas ist ebenso gebogen, wie das Gehäuse, überragt die Oberfläche aber um ein weniges, was ein Aufpolieren leicht ermöglicht. Die breite obere Gehäusefläche neben dem Glas hat einen groben queren Streifenschliff, die seitlichen, schrägen Flanken und der heruntergezogene umlaufende Gehäuserand sind glatt und hochglänzend, sie wurden von mir auch wieder etwas aufpoliert. Auf der Seite gegenüber der Krone gibt es eine sehr kleine Punze, die Aufschluss über die Vergoldung gibt (vergrössertes Einschubbild).
Bei den verdeckten Bandanstössen (20 mm breit) ist der Rand ausgefräst, es gibt also keine Hörner und die Löcher für die Federstege liegen sehr eng beim Schraubdeckel, was bei der Anbringung eines Metallbandes Schwierigkeiten machen kann.

Ein Metallband sollte es aber sein. Erst mal muss man etwas finden, was zu der Uhr passt. Zuerst hatte ich die Uhr an einem massiven, dreireihigen Band. Es gefiel mir nicht so recht. Vor wenigen Wochen fand ich dann genau das richtige: Ein ungetragenes Band, das wohl aus der Entstehungszeit der Uhr stammt. Die Elemente haben skelettartige Durchbrüche und werden von kleinen Ringen zusammengehalten. Das Design erinnert an das Art-Deco der 20’er und 30’er Jahre. Damit die Uhr an den variablen Teleskop-Anschlüssen nicht hin und her rutscht, sondern schön in der Mitte bleibt, habe ich diese mit Sekundenkleber fixiert.
Und so sieht die Uhr jetzt aus. Sie ist zur Zeit an meinem Arm und läuft ausgesprochen gut und genau. Etwa alle 4 Tage muss ich um eine Minute zurückstellen.

aBild2.Difor.png

aBild1.Difor.png

aBild3.Difor.png

aBild5.Difor.png

Wer bis hierher durchgehalten hat, ist nun sicher neugierig, einen Blick auf das Uhrwerk zu werfen. Der Schraubdeckel aus Edelstahl mit der Prägung ‚Automatic / Stainless Steel Back / Antimagnetic‘ hat Nutzungs- und leider auch Öffnungsspuren.
Bild11.DIFOR.TD1393.png

Also schnell weg damit. Das Automaticwerk ‚Tenor-Dorly 1393‘ ist silberfarben und kontrastiert mit dem goldenen Gehäuse.

Bild14.DIFOR.TD1393.png
Überraschenderweise hat es einen Produktionsstempel beim Kronrad, dort wo die Aufzugswelle in das Werk geht (im Bild oben und Vergrösserung links). Dort steht ‚9.73‘, das Werk stammt also aus dem September 1973. Ich habe schon einige TD 1393 gesehen, einen solchen Produktionsstempel, mit dem man das Werk datieren kann, hatte aber keines.

Bild13.DIFOR.TD1393.png

Bild12.DIFOR.TD1393.png
Hier noch einmal das Werk im Detail. Der Rotor mit dem attraktiven Wirbelschliff trägt die Gravur ‚Twentyone 21 Jewels / TD/ Unadjusted Swiss‘. Unter der Unruh, nah am Rand, ist die Kaliber-Signatur ‚TD 1393‘ in die Basisplatine gestempelt.
Das TD 1393 wird im Ranfft-Uhrwerkarchiv beschrieben:
http://www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db.cgi?00&ranfft&0&2uswk&TD_1393

Tenor-Dorly, der Hersteller des Uhrwerkes

Dort erfährt man auch etwas über den Hersteller des Werkes Tenor-Dorly aus Tramelan in der Schweiz:
http://www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db.cgi?00&ranfft&0&2uswk&TD_000
Die Firma bestand von 1955 bis 1975. Um 1970 begann man mit der Fertigung eigener, selbst entwickelter mechanischer Uhrwerke, genau zu Beginn der Quarzkrise, zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt also. Es entstand nur eine einzige Kaliberfamilie, alle Kaliber sind im Ranfft-Uhrwerkarchiv zu finden. Die Werke waren zum Entstehungszeitpunkt auf der Höhe der Zeit und von guter Qualität und gerade von den digitalen Versionen TD 1383 und 1385 (Handaufzug) und TD 1393 und 1395 (Automatic) wurde wohl eine recht grosse Stückzahl abgesetzt, denn man findet noch heute recht oft Uhren mit diesen Kalibern. Letztlich blieb der Erfolg aber aus und schon nach fünf Jahren war Schluss, nach 1975 sind keine Aktivitäten der Firma mehr nachzuweisen.

Die selteneren digitalen Kaliber TD 1385 und 1395 haben im Gegensatz zum 1383 und 1393 noch einen zentralen Sekundenzeiger. Auf Basis des TD 1395 entstand das einzige Chronographenwerk mit digitaler Scheibenanzeige der Uhrzeit. Das Werk TDBK 1376 wurde von Kelek entwickelt und erhielt einen Chronographen-Aufbau mit Schaltrad, der von Dubois-Dupraz für die analoge Version des TD-Automaticwerkes TD 1335 entwickelt worden war (TDB 1369).
In Post #5 dieses Threads von Forumskollege Uhr-Enkel kann man einen solchen digitalen Kelek-Chrono sehen, ansonsten geht es um die analoge Chrono-Version:
https://uhrforum.de/mikado-automatic-chronograph-cal-kelek-tdb-1369-a-t102796

Sarda-Difor, der Hersteller der Uhr

Die in Besançon (Frankreich) ansässige Firma wurde um 1893 von einem H. Sarda gegründet. Obwohl der Hersteller in Frankreich ziemlich bekannt und wohl auch erfolgreich war, ist nicht viel über die Firma bekannt. Wenn der Gründer Herr Sarda nicht ein Patent beantragt hätte, in dem sein vollständiger Name genannt wurde, wüsste man nicht einmal seinen Vornamen Hyacinthe.
Die Uhren wurden zunächst unter der Marke ‚Sarda‘ vertrieben, im Lauf der 60’er Jahre trat aber die hauseigene Marke ‚Difor‘ immer mehr in den Vordergrund, wie auch hier auf einem Foto des Sarda-Stammhauses gut zu sehen ist:
http://p6.storage.canalblog.com/64/79/803921/92251503_o.jpg
Im Jahr 1979 verschwand die Marke Difor, nachdem die Firma von Maty aufgekauft worden war.
Hier findet man kurze Abrisse der Firmengeschichte und bekommt einige interessante Abbildungen von Werbeanzeigen etc. zu sehen:
http://hans-weil.faszination-uhrwerk.de/sarda-besancon.pdf
http://vivreauxchaprais.canalblog.com/archives/2013/12/14/28650183.html
http://forum.horlogerie-suisse.com/viewtopic.php?t=12531&p=115963

Das war aber noch nicht alles. Weil ich noch ein zweites Exemplar des TD 1393 habe, möchte ich hier auch einmal die Scheibenmechanik des Werkes zeigen.

Die Scheibenmechanik des Tenor-Dorly 1393

Dies hier ist mein zweites TD 1393 aus einer ziemlich abgenutzten ‚Camy‘. Es gibt ein paar kleine Unterschiede zum Werk der ‚Difor‘.

z.c.Werk.hinten.png
Die Werksbrücken und –Kloben zeigen eine Hammerschlagoberfläche, während sie beim Werk der Difor einen einfachen Parallelschliff haben. Der Rotor ist auch etwas anders geformt. Dort steht in der Gravur TDB anstatt TD und das Werk hat nur 17 Jewels, während das der Difor 21 hat. Interessanterweise lautet auch die Kaliber-Signatur unter der Unruh TDB 1393 und nicht TD 1393 wie bei der Difor. Die Unruh des Werks der Difor hat einen Incabloc, das Werk aus der Camy hat eine andere, mir unbekannte Stosssicherung.

z.g.Werk.Zifferblatt.png
Um an die Zifferblattseite des Werks zu kommen, muss man die Abdeckplatte mit den Fenstern abnehmen, die ebenso wie ein normales Zifferblatt mit zwei Zifferblattfüssen befestigt ist, die sich leicht von der Mitte versetzt bei der Zwölf und der Sechs-Position befinden. Unter dem Blatt liegt ein abnehmbarer Abstandsrahmen aus Plastik, der sich ganz aussen am Rand des Werkes abstützt.

z.h.Werk.vorn.png
So sieht die Zifferblattseite des Werks aus. Angezeigt wird 11:00 Uhr am 20. Tag des Monats. Am Rand sieht man die Löcher für die Zifferblattfüsse (Z) die von einer Sicherungsschraube (s) daneben fixiert werden. Die beiden Scheiben für Stunde (links) und Minute (rechts) sind von der Mitte versetzt und von vorn mit kurzen Schrauben auf niedrige Sockel auf der Datumsplatine geschraubt. Dort gibt es keinen Antrieb. Der Antrieb für die Scheiben kommt vom zentralen Minutenrohr. Es ist auf die zentrale Minutenradwelle aufgepresst, die Zeigerreibung liegt zwischen Minutenradwelle und Minutenrohr. Die Scheiben sind gleich gross und ziemlich klein. Aussen überragen sie den Werksdurchmesser nicht und innen, zwischen ihnen, bleibt Platz, wodurch es möglich wird, der Sekundenradwelle vorn einen Sekundenzeiger aufzusetzen. Die Sekundenradwelle bei den digitalen Werken mit Zentralsekunde (TD 1385, TD 1395, TDBK 1376) dürfte zu diesem Zweck vorn länger sein als hier beim TD 1393, wo sie das Niveau des Antriebsrades der Stunden- und Minutenscheibe nicht überragt.

z.t.Werk.Schaltrad.Scheiben.png
Auf diesem Bild ist die Minutenscheibe (min) ganz vom Werk entfernt, und rechts daneben massstabsgetreu zum Werk von der Rückseite gezeigt. Man sieht, dass sie hinten ein Trieb besitzt (Zahnkranz mit 50 Zähnen). Die Antriebsscheibe (1), die sowohl die Stunden- als auch die Minutenscheibe antreibt, ist vorn auf das zentrale Minutenrohr aufgepresst. Auch sie ist ein zweites Mal massstabsgetreu links neben dem Werk dargestellt.

Das Trieb an der Rückseite der Minutenscheibe wird vom Zahnkranz am Aussenrand der Antriebsscheibe (1) angetrieben, der ebenso wie das Trieb an der Minutenscheibe 50 Zähne hat, dadurch ist die Rotationsgeschwindigkeit beider Scheiben 1:1 und beträgt jeweils eine Stunde. Vorn hat die Antriebsscheibe (1) in einigem Abstand vom Rand einen einzigen, nach vorn ragenden Zapfen, der die Stundenscheibe pro Umdrehung einmal weiterschaltet (in dem Bild oben an der Scheibe kurz nach der 12-Uhr-Position).

Die Stundenscheibe ist ebenfalls entfernt, aber der Schaltstern mit 12 Zähnen auf der Rückseite der Stundenscheibe (h) befindet sich noch festgeschraubt an seiner Position auf dem Werk. Das wäre eigentlich gar nicht möglich, denn der Schaltstern sollte fest auf die Scheibe gepresst sein, hat sich aber bei diesem Werk abgelöst und kann nun nicht mehr stabil damit verbunden werden, was der Hauptgrund dafür ist, dass ich die Camy nicht mehr funktionsfähig machen kann. In den Schaltstern greift oben eine hakenförmige Sperrklinke ein, die von einer darunter befindlichen Drahtfeder (im Bild nicht zu erkennen) unter Spannung gehalten wird.

z.t.Werk.Stundensprung.png
Die zentrale Minutenwelle mit dem Minutenrohr und der Antriebsscheibe rotiert im Uhrzeigersinn, deshalb drehen sich die Stunden- und Minutenscheibe im Gegenuhrzeigersinn. Auf diesen beiden Bildern ist der Schaltvorgang der Stundenscheibe gezeigt.
Im linken Bild hat der Zapfen auf der Vorderseite der Antriebsscheibe den Schaltstern der Stundenscheibe erfasst und schon so weit gedreht, dass die hakenförmige Sperrklinke bis zur Spitze des nächstfolgenden Zackens am Schaltstern gerutscht ist. Im nächsten Moment wird der Haken über die Zackenspitze wegrutschen und in der nächsten Vertiefung einrasten, wie im rechten Bild zu sehen, womit der Schaltvorgang beendet ist. Er dauert etwa 2,5 min, zwischen Minute 57 und 00.
Bei der Zwölf-Uhr-Position ist in einem Ausschnitt der Datumsplatine ein tiefer liegendes Rad zu sehen, das fast so gross ist, wie die Antriebsscheibe der Stunden- und Minutenscheibe und von dieser teilweise verdeckt wird. Dieses Rad ist das Datumschaltrad, das die Datumscheibe antreibt.
Um die Datumsschaltung zeigen zu können, muss es entfernt werden, ebenso die darüberliegende Antriebsscheibe für Stunde und Minute und der Schaltstern der Stundenscheibe.


Sorry, gleich geht es weiter. Das ist noch nicht alles, ich will auch noch die Datumsschaltung zeigen. Ich kann aber leider keine weiteren Bilder einfügen. Vielleicht geht es, sobald eine Antwort gepostet wird (Limit der Bilderanzahl erreicht)...

Gruss, bis dann
Andi
 
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Horologist

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Am einfachsten wäre es (gewesen :D), wenn du dir selbst geantwortet hättest.
So grätsche ich dann mal dazwischen und schreibe vorerst > Äußerst interessant, bitte weitermachen. :prost:
 
andi2

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Vielen Dank, Horologist, auch dafür, dass du den ellenlangen Text gelesen hast. So kann es vielleicht weitergehen. Ich habe es schon so probiert, mir selbst zu antworten. Der Text wird dann mit "Nachträglich hinzugefügt" gekennzeichnet und unten angehängt. Das Bildlimit bleibt trotzdem bestehen...
Gruss Andi

PS: Mist, es geht immer noch nicht. Leider sehe ich nicht, wann ich wieder was einfügen kann. Dann halt erst später irgendwann...

--- Nachträglich hinzugefügt ---

Nun also der Rest:

Die Datumsschaltung:


z.x.Werk.Datum.1.neu.jpg
Das Datumsschaltrad ist entfernt und links neben dem Werk massstabsgetreu von der Rückseite gezeigt (gelber langer Pfeil). Das Schaltrad rotiert, von vorn gesehen einmal in 24 Stunden gegen den Uhrzeigersinn, auf der Rückseite hat es eine Schaltnase (gelbes Pfeildreieck auf der Drei-Uhr-Position des Datumschaltrades). Diese Schaltnase greift in eine Einkerbung am Rand einer Schaltklinke (Schaltklinke: rot A, Kerbe für Schaltnase: gelbes Pfeildreieck auf Klinke A). Die Schaltklinke A wird von einer Drahtfeder (auf dem Foto rot eingefärbt) in Position gehalten. Ihre Spitze ist unter der Datumsplatine verborgen, sie greift bei Tag 7 oben am Datumsring zwischen zwei Zähne der an der Innenseite gezähnten Datumsscheibe ein.

Eine zweite Sperrklinke (grün B) wird von einer von einer zweiten Drahtfeder (auf dem Foto grün eingefärbt) unter Spannung gehalten. Diese Klinke B sorgt dafür, dass das Datum nicht langsam schleichend schaltet, sondern plötzlich umspringt (springendes Datum, schnalzendes Datum). Auch diese Klinke ist teilweise unter der Datumsplatine verborgen, sie greift bei Tag 25 zwischen zwei Zähne am Innenrand der Datumsscheibe ein. Die Form und Position der beiden Klinken der Datumschaltung und der dazugehörigen Federn rot A und grün B wird in den kleinen Einschub-Bildern rechts oben und links unten neben dem Werk gezeigt.

Das Datumschaltrad erhält seinen Antrieb am äusseren Zahnkranz (mit 40 Zähnen) vom oberen kleinen Trieb (20 Zähne) des zentralen Stundenrades (messingfarbenes Zahnrad mit zwei Zahnkränzen in der Werksmitte).
Es ergibt sich ein Umlaufverhältnis von 2:1, das Stundenrad rotiert einmal pro 12 h und dreht das Datumschaltrad um 20 Zähne weiter, dieses macht dabei eine halbe Rotation.

Das Stundenrad erhält seinen Antrieb indirekt über ein dezentrales Zwischenrad vom darunterliegenden Minutenrohr an seinem unteren, grossen Trieb (36 Zähne). Dieses Zwischenrad, bzw dessen oberes kleines Trieb mit 8 Zähnen sieht man bei Bildposition 4 Uhr (wo aussen am Werk Tag 19 der Datumsscheibe steht). Das untere grosse Trieb des Zwischenrades ist grossteils unter einer Abdeckplatte verborgen, man sieht aber bei Bildposition 3 Uhr, wie das Zeigerstellrad rechts darin eingreift. So lange die Krone nicht gezogen ist, läuft das Zeigerstellrad mit. Bei gezogener Krone kann das Zeigerstellrad über die Kronenwelle bewegt werden, überwindet die Zeigerreibung am Minutenrohr, wodurch die Zeiger, bzw. hier die Scheiben vom Werk getrennt werden und gestellt werden können.

z.x.Werk.Datum.2.png
Die beiden letzten Bilder zeigen den Vorgang der Datumsschaltung. Das Datumschaltrad rotiert gegen den Uhrzeigersinn (gelber Pfeil), die Pfeilspitze zeigt etwa den Punkt, wo die Schaltnase die Kerbe der Schaltklinke erfasst. Auf dem linken Bild hat die Schaltnase auf der Rückseite des Datumschaltrades die Schaltklinke (A) bereits erfasst und die Klinke weit nach rechts geschoben (roter Pfeil). Die Datumsscheibe bewegt sich dabei nicht, denn sie wird von der Sperrklinke (B)in Position gehalten, die Schaltklinke rutscht aber am Rand des nachfolgenden Zahns der Datumsscheibe entlang. Wenn sie die Spitze des Zahns erreicht und darüber rutscht, wird die Datumsscheibe plötzlich um einen Zahn gegen den Uhrzeigersinn gedreht (grüne Pfeile) und die Spitze der Schaltklinke rastet in der nächsten Einkerbung ein, dabei bewegt sie sich wieder nach links (roter Pfeil).

aBild6.Difor.png
So, das war es nun wirklich. Es ist wieder mal viel mehr Text geworden, als ich wollte.
Ganz zum Schluss gibt es noch ein Bild mit der Uhr am Handgelenk, was gar nicht so einfach einhändig zu fotografieren ist, weshalb die Uhr ein wenig unscharf ist und die Pose ziemlich doof aussieht.

Gruss Andi
 
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Komet

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Da hasst du dir aber ganz schön Mühe gegeben. Eine nicht alltägliche Uhr und Vorstellung. Vielen Dank fürs Zeigen der Rarität.
 
Frank0815

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:shock: WOW. Fast schon wissenschaftlich recherchierte Präsentation einer heutzutage eher seltsam anmutenden Uhr :-D

Klasse :super:

Darf man das sagen? (ich hege nicht den Anspruch darauf, den einen unfehlbaren Geschmack zu haben :oops: ) Aber ich persönlich

finde dieses spezielle Design eher "unschön" ;-)


Trotzdem und gerade auch deshalb: Interessantes Artefakt längst vergangener Tage 8-)
 
thesplendor

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Sehr informativ. Fast schon eine wissenschaftliche Arbeit. Ich verleihe dir ehrenhalber den "M.A. in Uhrengeschichte". :klatsch:
 
Baumeister

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Scheibenuhren.... Immer im Grenzgebiet zwischen toll und schräg...

Aber diese Vorstellung... Ganz eindeutig toll!
Ich bin immer wieder begeistert von ungewöhnlicher Technik, die im Detail mit ganz viel Hintergrund gezeigt wird.

Vielen Dank dafür, war mit Sicherheit eine Menge Arbeit. Hat sich aber gelohnt.

Nochmals vielen Dank, Philipp
 
Königswelle

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Danke für die tolle und lesenswerte Vorstellung. :super:

Ich mag Scheibenuhren und habe selbst eine. Allerdings ist die nicht ganz so ausgefallen wie deine. ;-)
 
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Hochinteressant, was für eine detaillierte Vorstellung, die gerade im Hinblick auf die technischen Details vorbildlich ist. :klatsch:

Scheibenuhren finde ich hochspannend, in meiner Sammlung befindet sich ein Exemplar von Zeno de Luxe. Leider ist, gerade bei stark kurzsichtigen Menschen wie meiner einer, die Ablesbarkeit gelinde gesagt "suboptimal"
 
andi2

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Hallo Leute,

Danke für den Zuspruch, da macht es Spass, eine Uhr vorzustellen. Eigentlich will ich nie so viel schreiben, aber am Ende ist es dann meist doch ein ganz schöner Riemen.
Ja, ziemlich schräg sind die Scheibenuhren schon, sicher nicht jedermanns Geschmack. Und praktisch eigentlich auch nicht. Mal ehrlich: in Punkto Ablesbarkeit würde meine Difor gegen fast jede Konkurrenz auf dem letzten Platz landen.
Mir gefallen Scheibenuhren einfach. Und auf die Idee, althergebrachte Mechanik, die damals keiner mehr wollte, so neu zu verpacken, muss man ja auch erst mal kommen.

Gruss Andi

PS: Trost für dich ,Markus: Eines Tages liegst du mit deiner Kurzsichtigkeit wieder vorn, das gleicht z.T. die Altersweitsichtigkeit aus. Ich bin auch kurzsichtig, sonst könnte ich ohne Lesebrille die Difor gar nicht mehr ablesen. Der Arm wäre einfach nicht lang genug.
 
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Badener

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Hallo Andi,

vielen Dank für diesen sehr interessanten technischen Einblick in die Welt der Scheibenuhren. Tragen würde ich das Teil jetzt nicht unbedingt ;-).

Gruß

Badener
 
pallasquarz

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Hochinteressant, was für eine detaillierte Vorstellung, die gerade im Hinblick auf die technischen Details vorbildlich ist. :klatsch:

Scheibenuhren finde ich hochspannend, in meiner Sammlung befindet sich ein Exemplar von Zeno de Luxe. Leider ist, gerade bei stark kurzsichtigen Menschen wie meiner einer, die Ablesbarkeit gelinde gesagt "suboptimal"

Hallo Markus, da bist Du nicht alleine ;-). Bin jetzt auch in das Alter gekommen, wo ich mich wundere, daß Leute bereits bestehende Datumslupen weghaben wollen :confused:
Du brauchst ganz klar eine Scheibenuhr mit aufgesetzten Lupen :-D

Grüsse Christoph

Grüsse Christoph
 
tiktak66

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Jepp. Sitze jetzt gerade auf meiner Terrasse, die Sonne scheint und ich habe mir mene Zeno Scheibe mit facettiertem Glas umgelegt. Solange die Kontrasste gut sind, ist alles im grünen Bereich. Aber nachher, wenn's dämmert..........:oops:

Aber faszinierend sind sie.:super:

@ Andi2: Absolut, ohne Gleitsicht/Lesebrille geht gar nichts. Mit meiner normal korrigierten Sonnenbrille oder der Kontaktlinse ist auch bei Tageslicht Schicht im Schacht.:???:
 
Schwanni

Schwanni

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Wow, das nenn ich mal eine ausführliche Vorstellung. Super:klatsch: Ich bewundere Leute, die sich hinsetzen und sich Zeit nehmen, die mal so richtig recherchieren und das Forum mit solchen Beiträgen bereichern. Klasse:super:
 
Thema:

Die retrofuturistische Difor Automatique (1973) und die Scheibenmechanik des TD 1393

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