Revision Die mysteriöse Mamsell - ca. 1980

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Der Stromer

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Ein Nachbau aus China oder Indien, ca. 1980.
Diese Uhr hat ein Vorbild von der Firma Junghans. Aber dieser Nachbau ist wesentlich jüngeren Datums, so um 1980 herum. Die Uhr arbeitet nach dem Prinzip des Gegenpendels mit mechanischem 5-Tage-Werk.
4394-Zeigt-wieder-die-Zeit.JPG

Die Bodenplatte, eine Marmorplatte, ist bei der Besitzerin der Uhr geblieben, das ersparte einiges an Portokosten! Das Uhrwerk wurde schon mal versucht, wieder in Gang zu bringen. Leider funktionierte die Idee nicht und so kam die Uhr dann zu mir. Eigentlich wollte ich da nicht dran gehen, denn Fake sind immer so eine undankbare Aufgabe.
Ich habe also der Besitzerin geschrieben, dass es sich bei dieser Uhr NICHT um ein Original der Firma Junghans handelt, sondern um eine Kopie entweder aus China (sagen die Experten aus Wien) oder aus Indien (meine Meinung). Die Besitzerin wollte aber unbedingt DIESE Uhr repariert haben. Sie hatte sich in diese mysteriöse Mamsell verliebt.
4120-Blick-hinter-die-Kulis.JPG
Na ja, lange Rede kurzer Sinn: Ich konnte (wieder mal) nicht NEIN sagen und so stand sie (die Uhr) dann erstmal bei mir herum.
Was war zu machen? Also erstmal war das Pendel sehr „gebastelt“. Ebenso der Anker-Kloben. Dazu rutschte noch der Anker auf seiner Welle – ein Vierkant – hin und her, weil nicht richtig befestigt. Die Stifte des Ankers waren zu dick und nach Art der Brocot-Hemmung abgeflacht. Auch waren die krumm und schief. Der hintere Gehäusedeckel und der Stellknopf fehlten und falsch zusammengesetzt war das Werk auch noch, nichts bewegte sich.
4388-Werk-zerlegt.JPG
4122-Hintere-Platine.JPG
4389-Kleinteile.JPG

Da eine Anfertigung dieser Teile meine Fähigkeiten sowohl Zeitlich wie auch nach den erforderlichen Werkzeugen, übersteigen würde, habe ich intensiv nach Ersatzteilen gesucht. Nach 3 Monaten wurde ich fündig und konnte so ein Teil-Werk ungünstig im Netz erstehen.
Bis auf die Brücke war bei diesem Werk alles vorhanden, auch der hintere Deckel und der Stellknopf. Nun konnte ich also richtig los legen. Die Brücke für den Anker anfertigen war keine Hexerei. 1,5mm Messingblech ausgesägt und zugefeilt, drei Bohrungen – 2 für die Befestigung in Übergröße zur Justage – und eine für das Ankerlager. Hier wurde dann noch ein Hartmessingfutter eingeschlagen und angepasst. Bei allen Lagern auf den Werkplatinen musste ich die Ölhaltung noch nachträglich anbringen. Die waren einfach nicht vorhanden.
Lager-unten.jpg

Dann die Reinigung aller Teile und Konservierung mit R.Wachs, wie gehabt. Der Zusammenbau war eigentlich eine Kleinigkeit, waren es doch nur 5 Räder im Werk selbst und nochmal 3 für das Zeigerwerk. Hier musste auf absoluten Leichtlauf geachtet werden, weil sich sonst die Zeiger nur mit ner Kneifzange hätten bedienen lassen!
4124-Hinterm-Ziffernblatt.JPG
4391-Es-geht-voran.JPG
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Die offene Zugfeder habe ich mit einem Kabelbinder außerhalb der Uhr zusammen gebunden, bis sie genau mit dem Durchmesser in das Werk passte und auch die Schlaufe ohne Hakeln über seinen Pfosten ging.
Dann den Kabelbinder (nach Spannen der Zugfeder) entfernt und bei waagerechtem Werk den Abfall – Anker ist zügig auf der Welle befestigt – eingestellt. Natürlich war das Werk viel zu schnell, da ja das Gegenpendel (Uhrengehäuse und Pendelgewicht) noch fehlte. Beim Einbau gab es dann noch ein kleineres Problem, dass ich vorher nicht bemerkt hatte: Beim Original-Werk war ein falsches, weil zu niedriges Kunststoffglas verbaut und da drückte die Minutenwelle gegen.
Da konnte nur der Uhrmacher meines Vertrauens in Regensburg helfen. Und wirklich: Mit einem großen Glasabheben konnte das zu niedrige Glas entfernt werden und Passgenau ein höheres eingesetzt werden. Danke, Herr Gerlach.
Wieder zu Hause, die letzten Teile angebracht, das Werk aufgezogen und alles in die Halterung mit Glaslagern gesetzt, die Spannung steigt, einen Stupser und die Mamsell hält die pendelnde Uhr in ihrer Hand. Na, schaun mer mol, wie lange.
Die Feder hatte ich nur 5 halbe Schlüsselumdrehungen aufgezogen und das reichte der Mamsell für 3 Tage Zeit. Schwierig war dann noch die Justage. Gegenpendel haben da ein wirklich extravagantes Eigenleben: Ein klein wenig zu viel, und statt schneller wird sie langsamer. Aber letztendlich habe ich gesiegt! Die Mamsell-Uhr zeigt recht genau die Zeit.
4406-Ganz-gut.JPG

So, jetzt ist sie also wieder in Ordnung und ich hoffe, dass es auch noch ein paar Jahre so bleibt. Denn Uhrmacher, die solche Uhren in die Hand nehmen und reparieren werden, kann man mit der Lupe suchen und leider werden sie (die Uhrmacher, die das können und wollen) immer seltener. Müssten eigentlich schon unter „Artenschutz“ Stehen.

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Tiktakbrasil

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Ich kann dein Leid mit dieser Uhr sehr gut verstehen, habe dieselbe hier in Brasilien auch wieder in Ordnung gebracht. Auf dem Zifferblatt war ein J im Stern, wie Junghans, aber natürlich ist es keine. Die Werkbefestigung im gegossenen Gehäuse war katastrophal, die Zeiger zu Kurz, die Feder zu schwach, die Schrauben das Liederlichste und das Kunststoff Glas auch zu flach . Habe ich durch Echtglas ersetzt. Das Werk war der gleiche Schrott wie bei deiner Uhr. Man kann das natürlich alles so gut wie möglich Instand setzen, ist aber wirtschaftlich absolut unrentabel. Hab das auch nur für den Krebs Arzt meiner Frau gemacht. Mit der neuen, passenden Feder läuft das Ührchen übrigens jetzt 6 1/2 Tage.

Grüße aus der Ferne, Tiktakbrasil :super:
 
falko

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Voe ein paar Jahren hatte ich mal eine solche Schwingpendeluhr auf dem Tisch. Ich hielt sie für ein Original von Junghans. Obwohl das Werk auch keine Haute-Horlogerie war, schien sie doch insgesamt feiner gearbeitet. Nach meiner Kur lief sie wieder ganz brauchbar, wobei ein windstiller Aufstellungsort hilfreich war. Einige Zeit später brachte man mir gleich zwei solcher Uhren, die unzweifelhaft als Nachbau erkennbar waren. Eine davon brachte ich zum Laufen, die andere war irreparabel.

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pretium intus

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Hallole,
Ich bewundere immer wieder das Engagement und die Begeisterung mit der Leute wie der Stromer ans Werk gehen!:klatsch::klatsch::klatsch:
Die Arbeit, die hier geleistet wird, ist unbezahlbar!!!
▀█▀ ███ █▄▄ █▄▄ , das mußte mal gesagt werden!
Sonnige Grüße aus dem Wasgau
Hans
 
Ghorrim

Ghorrim

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Wirklich beeindruckender Bericht! :super: Klasse, was hier an Zeit und Engagement aufgewendet wurde!
 
Spindel

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Hallo Rolf-Dieter,
Denn Uhrmacher, die solche Uhren in die Hand nehmen und reparieren werden, kann man mit der Lupe suchen und leider werden sie (die Uhrmacher, die das können und wollen) immer seltener. Müssten eigentlich schon unter „Artenschutz“ Stehen.
Ich glaube da gehörst Du auch dazu:super:

Wieder super hinbekommen.Hatte auch immer mal mit so einem Teil geliebäugelt.Mein Freund der Uhrmacher hat so ein Teil mit einem Elefanten im Schaufenster.Hat ihn auch Nerven gekostet bis sie richtig pendelte.Habe mal eine originale bei einer Austellung gesehen,alles andere waren solche Teile wie hier zu sehen.Auch beim Preis von solchen Sachen merkt man sofort ob echt oder nicht.
Gruß Roland
 
Quickly

Quickly

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Servus Rolf-Dieter,
da hast du mal wieder sehr viel Ausdauer und Sachverstand bewiesen. Sehr gut gemacht und schön berichtet!

Hier noch ein kleiner Tipp:

Bei Federn mit offener Schlaufe (Endhaken) nehme ich die Feder immer ganz heraus. Das Räderwerk lässt sich so viel einfacher zusammen bauen, besonders wenn zwei Federn wie beim Wecker vorhanden sind.
Die Feder dann einfach bis zum Haken aufziehen, um den Federkern legen und mit dem Schlüssel aufziehen. Die offene Schlaufe wird nach dem Aufziehen von ca. 2/3 der Federlänge im Pfeiler eingehängt.

Viele Grüße
Willi
 
Der Stromer

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Hallo, Willi.

Eigentlich hast Du Recht. Ließ sich aber bei diesem Werk so nicht machen, da zu wenig Platz da war. Und mit dem Kabelbinder hat es dann nach 3 Versuchen auch sehr gut geklappt. Alles nicht zur Strafe, sondern nur zur Übung:D

@ All: Vielen dank für den Zuspruch und das Interesse! Ich werde sicher weiter berichten:super:
 
uri3047

uri3047

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Hallo, Willi.

Eigentlich hast Du Recht. Ließ sich aber bei diesem Werk so nicht machen, da zu wenig Platz da war. Und mit dem Kabelbinder hat es dann nach 3 Versuchen auch sehr gut geklappt. Alles nicht zur Strafe, sondern nur zur Übung:D

@ All: Vielen dank für den Zuspruch und das Interesse! Ich werde sicher weiter berichten:super:
Hallo! ein Tipp von mir,bei offenen Federn,voll aufziehen und mit Draht/Kabelbinder arretieren und dann Feder entspannen oder ablaufen lassen.Da bleibt die Feder wie sie ist und läßt sich besser wieder einbauen !:super:

gruß uri
 
Der Stromer

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Ja, Uri, schon richtig. Nur die Feder ist eine Neue und nicht in dem Durchmesser, den ich brauchte, gewickelt. Als blieb nur die Lösung mit dem Kabelbinder. Das funktionierte ja auch ganz gut, aber ich habe nicht darauf geachtet, wo der Rest vom Kabelbinder hin zeigte. Und daher 3 x neu in den Kabelbinder eingewunden, bis es passte.

Manchmal gehts nicht anders. Trotzdem: Danke für den Tipp:super:
 
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