Die billigste Fliegeruhr (45mm) der Welt oder wie man mit 4,90 Euro eine Uhr retten kann

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falko

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Irgendwann im Herbst dieses Jahres lag einer Uhrenzeitschrift ein Prospekt des Atlas Verlages bei, in dem ein Replikat einer Luftwaffen-Beobachtungsuhr für sage und schreibe 4,90 Euro angeboten wurde. Als ich dann noch las, dass ein mechanisches Präzisions-Handaufzugswerk verbaut sei, war mein Interesse geweckt und ich schickte die Bestellkarte ab. Nach etlichen Wochen, ich hatte die Sache fast schon vergessen, trudelte die Uhr ein. Verpackt in einer Pappschachtel, sanft gebettet in ein graugrünes Tuch, lag sie dann vor mir. Der erste Einduck: nicht wirklich schlimm, aber etwas billig wirkend und sehr leicht. Beim Aufziehen setzen sich tatsächlich die Zeiger in Bewegung, nur schien zuweilen der Sperrkegel nicht zu greifen und die Krone drehte wieder zurück. Also den recht fest sitzenden Druckboden geöffnet und nachgeschaut. Inmitten eines grossen Kunststoff-Werkhalteringes fand sich ein 12liniges Shanghai Kaliber in skelettierter! Ausführung, bei Ranfft als 2650 S bezeichnet. Das Sperrad war schief eingebaut, so dass es in einem Sektor unter dem Sperrkegel hindurch lief. Der Vierkant des Federkerns war sehr unpräzise gefertigt, aber nach geringfügigem Nachfeilen war die Funktion wieder hergestellt. Auf der Zeitwaage machte das Werk kein schönes Bild und am Arm zeigte die Uhr leichte Schwankungen zwischen Vor- und Nachgang, mit denen man durchaus hätte leben können. Ich sann jedoch auf Abhilfe und erinnerte mich einer Uhr, die ich mal in der Bucht für einen Euro erstanden hatte. Diese Uhr hatte ein sehr gut laufendes, unskelettiertes Shanghai Werk, aber ein zwar neuwertiges, jedoch grottenschlechtes Gehäuse. In der gleichen Schublade schlummerte noch eine Prätina mit mangels Ersatzteilen irreparabelem Skelettwerk gleicher Provenienz. Ich machte mich also an die Arbeit. Das Gehäuse der Fliegeruhr scheint aus Leichtmetall zu bestehen, ist aber nicht schlecht verarbeitet und hat einen satt schliessenden Stahlboden mit O-Ring Dichtung. Beim Ziehen der Welle stellte ich zu meiner Überraschung zwei Kronendichtungen fest, eine davon dichtet die Welle im Tubus ab. Das Zifferblatt hat sogar Füsse, die in Bohrungen der Grundplatine eingreifen, die Chinesen fanden es jedoch sicherer, es zusätzlich mit Klebepads zu fixieren. Die drei mir vorliegenden Shanghai-Werke unterscheiden sich in Details, es war jedoch kein Problem, das unskelettierte Werk mit dem Fliegeruhr-Zifferblatt zu verbinden. Am meisten störte mich der mattsilberne Sekundenzeiger, den ich im Futter etwas erweitern musste, weshalb ich ihn mit Leuchtfarbe belegte. Nach Zusammenbau ergänzt nun ein schon etwas patiniertes Hirsch Liberty (22mm) die Uhr. In den letzten Tage zeigt die Uhr nun einen täglichen Vorgang von etwa 3 Sekunden und wirkt imho mit dem neugestalteten Sekundenzeiger nicht mehr so billig. Die Leuchtkraft der Zeiger und Indizes ist jedoch nicht sehr stark und hält kaum die ganze Nacht durch.
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Nun hatte ich noch ein slelettiertes Werk übrig. Ursache des mässigen Ganges war mangelndes Öl, vor allem an der Hemmung. Ich konnte es in die Prätina einbauen, hatte aber zunächst Schwierigkeiten mit dem zu hohen Zeigerwerk dieses Exemplares. Nach Behebung dieser Probleme ist jetzt noch eine fast neuwertige Prätina-Skelettuhr entstanden, die ebenfalls sehr gut läuft.
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Resümierend kann ich nun sagen, dass sich die Investition in diese Fliegeruhr gelohnt hat. Die Schrauberei hat Spass gemacht und es sind zwei durchaus tragbare Uhren entstanden. Zu meiner Überraschung musste ich feststellen,dass diese Uhren in der Bucht schon zu Preisen von über 50 Euro verkauft wurden. Manche machen hier ein Geschäft mit Unwissenden.
 
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plein

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Meinen Glückwunsch, eine schöne Vorstellung mit schönen Bildern.
 
stepi

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Hallo Gerd,

Glückwunsch zur gelungenen Rettung und den beiden Uhren :klatsch:
Sehen nicht mal so übel aus die 2 Ticker, durchaus angenehme Erscheinung und gut tragbar.

Je es ist schon erschreckend, für eine schöne Vintage Uhr in sehr gutem Zustand bekommt man manchmal kein 30 € und die China Dinger gehen teilweise weg für über 50 € :shock:

Wünsche Dir auf jeden Fall viel Spaß beim Tragen.
Freude am Zusammenbau hast du ja schon gehabt :super:
 
hansvonholstein

hansvonholstein

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Geniale Bastelarbeit.

Meinen Respekt! :super:

Das Tragegefühl einer (zweier) selbstgebauter Uhren muß herrlich sein.

HANS
 
SirChronos

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Da haste dir aber ne schicke Uhr zusammengebastelt,daß Resultat gefällt mir sehr gut,schön wenn man Ahnung von sowas hat:klatsch:
 
falko

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Euch allen vielen Dank für Eure Kommentare! Was einige als "Armrotz" bezeichnen, gewinnt durchaus an persönlichem Wert, wenn man sich selbst eingebracht hat. Vor dem Umbau habe ich die Uhr nur mal zu Hause probegetragen, nun scheue ich mich nicht, sie auch in der Öffentlichkeit zu zeigen. Etwas anderes sind die Geschäfte in der Bucht. Es ist zwar legitim, Gewinne zu erzielen, wenn der Preis aber um mehr als das zwölffache steigt, bleibt imho doch ein "Geschmäckle". Immerhin muss der Preis von 4,90 Euro (incl. Versand!) als Lockpreis verstanden werden, die tatsächlichen Gestehungskosten sollten auch bei einer Chinauhr höher liegen.
Hier habe ich noch eine gefunden:
http://www.ebay.de/itm/Beobachteruhr-Fliegeruhr-Atlas-45mm-Handaufzug-NEU-Baumuster-B-/220943840897?pt=DE_Kleidung_Schmuck_Accessoires_Uhren_Armbanduhren&hash=item3371477681

--- Nachträglich hinzugefügt ---

Nachtrag: mich würde interessieren, ob noch Andere hier das Angebot des Atlas-Verlages angenommen haben. Nur keine Scham!;-)
 
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r-winter

r-winter

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Interessant was man alles mit ein wenig handwerklichem Geschick machen kann! :klatsch:
Meine Glückwünsche zu Deinem Umbau! :super:

Ich wünsche Dir noch viel Freude daran!

PS: Ich denke es wird Zeit mal in ein paar Versuchsobjekte zu investieren ...
 
Cosmic

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Verdammt, ich habe die Karte irgendwo hingelegt, ich such schon die ganze Zeit...
...denkt Omega511...
:D

Ich gestehe, ich habe nach der Lektüre des Eingangsposts auch gegoogelt, aber derzeit gibts beim Atles-Verlag nur eine bildhässliche versilberte Taschenuhr mit kaputtem ZB. Bei ebay bin ich über Fliegeruhren der "Marke" Atlas für 50+x Euro auch schon gestolpert. Den Verkäufern mache ich dennoch keinen Vorwurf. Es muss doch keiner die Uhr kaufen. Ähnlich ist es ja auch mit den Gratis-Damast-Taschenmessern (Rockwellhärte HRC 60, jaja! ;-) ). Dort für lau erworben - ohne jede Verpflichtung, nicht mal "abmelden" von irgendeinem Abo muss man sich - finden sich die Messer auch bei ebay und gehen selbst bei 1-Euro-Start-Auktionen für 15 oder mehr Euro weg.

@falko
Zurück zu Deiner Fliegeruhr: Die ist, so wie sie jetzt ist, etwas ganz besonderes. Handmade in Germany. :-)

--- Nachträglich hinzugefügt ---

... aber derzeit gibts beim Atlas-Verlag nur eine bildhässliche versilberte Taschenuhr mit kaputtem ZB...
... und schon taucht eine hier auf dem MP auf. :lol:
 
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falko

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Ich danke Euch sehr für Eure netten Kommentare und will Euch die aktuelle Entwicklung nicht vorenthalten. Ich trage die Uhr täglich und sie erfreut durch konstanten Gang von 2-4 s/d im Plus, sowie einen, durch das geringe Gewicht von 75g, angenehmen Tragekomfort. Nun habe ich noch eine Fliegerkrone eines deutschen Uhrenherstellers montiert, womit auch der letzte Hinweis auf die Herkunft "Atlas-Verlag" verschwunden ist. Imho trägt die neue Krone zu einem wertigeren Eindruck bei.


Hier zunächst noch ein Bild des von mir eingebauten, unskelettierten Handaufzugswerk chinesischer Provenienz.
006.jpg


Die neue Krone:
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Der klägliche Versuch eines Nightshots:
009.jpg
 
BSBV

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Hallo Gerd,

sehr schöne Arbeit. Echt klasse, auch die Bilder.

Manch einer hätte sich die Arbeit nicht gemacht und die Uhr wäre sicherlich bei Ebay oder in einer Schublade verschwunden.
 
BBouvier

BBouvier

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Ach - wie nüddelüch man aber auch!! :klatsch:

...wie das schlichte Kleinwerk - weich&warm gebettet in einem füllig-schmusigen
Bett aus Echtplaste - munter&fröhlich vor sich so hinwerkeln tun tuht.

Alles Gute! - Nur das Beste dem Kleinen! :super:
=>
Auf dass es einst gross&stark werde und demnächst das Gehäuse
voll fülle! ;-)

Grüsse auch!
BB
 
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Stoneweapon

Stoneweapon

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Das ist mal ein gelungenes DIY Projekt und dann noch mit so kleinem Budget.
Viel Spass mit den Uhren und danke für die Vorstellung.
 
dingodog

dingodog

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Respekt vor deinem handwerklichen Geschick und viel Freude an den "Selbstgeschraubten".

Wenn ein Werkhaltering fast die Hälfte des Gehäuses füllt, dann überrollt mich allerdings die Gänsehaut am Rücken (beginnend vom Hals abwärts bewegend)
 
falko

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Danke Euch! Das Problem des kleinen Werkes im grossen Gehäuse ist aber kein China-spezifisches. Auch hierzuland werden Fliegeruhren in ähnlicher Grösse angeboten (z.B. von Steinhart, 47 mm), in denen das bekannte ETA 2824-2 werkelt, das sogar noch eine halbe Pariser Linie kleiner ist als dieses hier. Das sieht dann noch lustiger aus, ist aber ein zeittypisches Phänomen.
 
Rata

Rata

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Danke Euch! Das Problem des kleinen Werkes im grossen Gehäuse ist aber kein China-spezifisches. Auch hierzuland werden Fliegeruhren in ähnlicher Grösse angeboten (z.B. von Steinhart, 47 mm), in denen das bekannte ETA 2824-2 werkelt, das sogar noch eine halbe Pariser Linie kleiner ist als dieses hier. Das sieht dann noch lustiger aus, ist aber ein zeittypisches Phänomen.
Hallo, Gerd, wie wahr, wie wahr:-). Meine Laco-Fliegeruhr (inzwischen verkauft) hatte bei 41 mm im Durchmesser das ETA 2671-Damenuhrwerk drin, wobei das kleine Kaliber durchaus exakt und zuverlässig lief:

Laco Flieger - 01.JPG
Laco Flieger - 04 ETA-2671.JPG

Schöne Geschichte, ich freue mich, dass du das Stück wieder zum Laufen gebracht hast.:super:

Viele Grüße, Otto

PS @Cosmic: Hallo, Dirk, auf etwa 48 HRC bringt es das von dir genannte Messer schon, wie schön, wenn man bei der Arbeit auf ein Härtemessgerät zugreifen kann.;-) Als etwas ungewöhnlicher Brieföffner taugt es allemal..
 
Namibia

Namibia

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Hallo Gerd,

tolle Geschichte, die Du uns da erzählt hast. Und Respekt für dein handwerkliches Geschick. :super:

Die Uhren zu verkaufen, verbietet sich eigentlich von selbst. Bei dem Werdegang...

Viel Spass beim tragen.

Gruß Frank
 
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