Die Anfertigung eines neuen Windfangtriebes für eine Standuhr aus dem 18. Jahrhundert

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Zeitmaschinenschlosser

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Hallo Zusammen,

heute will ich mal zeigen, wie man Triebe für Großuhren anfertigt. Bei einer englischen Standuhr aus der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts hatte ich das Problem, dass die Zähne des Windfangtriebes stark eingelaufen waren:

P1017273.JPG

Das konnte natürlich nicht so bleiben, also entschied ich mich, ein neues Trieb für die Uhr anzufertigen. Zunächst wurden die Maße abgenommen und skizziert, dann habe ich den best passendsten Fräser aus meiner Wühlkiste gesucht. Die Verzahnungen waren zu der Zeit natürlich nicht genormt, sodass hier der Fräser so ausgewählt wird, dass er möglichst ohne Lichtspalt in die Lücke der alten Verzahnung passt.

P1017214.JPG

Dann wurde der Rohling vorgedreht. Als Material verwende ich den ETG100, einen vorvergüteten Stahl, der bereits eine gewisse Härte besitzt, sich aber noch gut zerspanen lässt.

P1017219.JPG

Verzahnt wird auf einer Habegger JH102 mit indirektem Teilapparat und Schaublin Höhensupport.

P1017222.JPG

Im Höhensupport wird der Verzahnungsfräser aufgenommen und "auf Mitte" ausgerichtet, anschlißend kann verzahnt werden:

P1017225.JPG

Der so verzahnte Rohling wird dann fertig gedreht:

P1017228.JPG
P1017230.JPG
Um auf beiden Seiten der Triebverzahnung eine scharfe Kante zu erhalten, drehe ich mit einem rechten und einem linken Drehmeißel, damit keine Stufe entsteht tuschiere ich die Mantelfläche mit rotem Edding. Anschließend kratze ich mit dem anderen Drehmeißel die Tuschierung an, sodass ich nur die rote Farbe abnehme, aber noch kein Material. Mit dieser Einstellung drehe ich dann über die gesamte Länge und erhalte so eine gleichmäßige Oberfläche.

P1017233.JPG
P1017234.JPG

Dann kommt die andere Seite dran:

P1017241.JPG
Eine Nut für den Windfang brauchen wir auch noch:
P1017242.JPG
P1017247.JPG
Aus Bequemlichkeit drehe ich die Fase mit dem Handstichel an, ich nehme einfach den Drehmeißel als Auflage für diesen, so brauche ich nicht zwischen Kreuzsupport und Handstichelauflage zu wechseln und auch nicht den Kreuzsupport auf den Winkel einzustellen.

P1017248.JPG
Dann kommt noch die Arroniderung des Zapfens

P1017251.JPG

Und schließlich werden die Zapfen noch mit dem Rollimat rolliert. Ich halte die dünne Welle hierbei mit einem Drehherz:

P1017258.JPG

Zuletzt wird noch der Eingriff im Eingriffzirkel überprüft:

P1017264.JPG
Fertig!

P1017269.JPG

Gruß
Oliver
 

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JackDaniels83

JackDaniels83

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Vielen Dank für diesen super Beitrag. Immer wieder schön, echtes Handwerk zu sehen.
 
Paulchen

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Vielen Dank für deinen anschaulichen Bericht. :super:
 
Der Stromer

Der Stromer

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Sehr schöner, anschaulicher Beitrag. Habe ihn mir sehr gerne angesehen. Danke fürs Zeigen!
 
fantomaz

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Wunderbar, einfach wunderbar! Gern hätte ich die Zeit, Geräte und das Wissen
um das ein oder andere Zahnrad neu zu erstellen -> ein wenig Neid schwingt da mit :super:
 
Harpye

Harpye

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Hochachtung.. toller Bericht.. genau das was ich hier so liebe.. und es wird tendentiell mehr.. Wieder mal eine Gelegenheit, bei der ich (diesmal Dich) ein bissel um die Grösse Deiner Drehbank beneide.. meine is viel zierlicher..
Was mir noch auffällt ist der schwache Zahnfuss bei dem antreibenden Rad... das kommt wohl als nächstes
 
Schraubendreher

Schraubendreher

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Sehr schöne Arbeit, meine Hochachtung.
Eine Frage: der Stahl lässt sich mit HSS und von Hand zerspanen, ist aber ohne weitere Härtung hart genug um als Trieb und als Zapfen zu funktionieren? Oder hast Du ihn nach dem Drehen und Fräsen noch gehärtet?
 
Zeitmaschinenschlosser

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Sehr schöne Arbeit, meine Hochachtung.
Eine Frage: der Stahl lässt sich mit HSS und von Hand zerspanen, ist aber ohne weitere Härtung hart genug um als Trieb und als Zapfen zu funktionieren? Oder hast Du ihn nach dem Drehen und Fräsen noch gehärtet?
Ich schrieb oben, dass ich das Trieb aus ETG100 hergestellt habe. Das ist ein vorvergüteter Stahl, d.h. er besitzt bereits eine Härte von 32HRC. Das originale Trieb war auch so weich, dass sich mit der Feile Material abnehmen ließ und hat etwa 270 Jahre gehalten, von daher mache ich mir da absolut keine Gedanken.
Ich bin sogar so ketzerisch und behaupte, dass nicht allein die Härte des Triebes für dessen Haltbarkeit verantwortlich ist. Schau dir mal alte Uhren an, dünne Messinghemmradzähnchen sind unversehrt und glasharte Stahlpaletten sind stark eingelaufen.
Für dieses Verschleißbild ist vor allem Schmutz und Staub verantwortlich, vermischt mit Öl, das in der Verzahnung von Uhren nichts zu suchen hart.
Was die Zapfen angeht, diese sind druckpoliert worden und damit ausreichend hart, die 270 Jahre alten Zapfen sahen ja auch nicht unrettbar schlimm aus. Ich muss ja keine 300 Jahre Garantie geben :D
 
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