Der Osten ist rot (Teil 2). Eine goldene sowjetische Wostok (ca. 1980) mit rotem Zifferblatt und dem ungewöhnlichen Wostok 2414 A

Diskutiere Der Osten ist rot (Teil 2). Eine goldene sowjetische Wostok (ca. 1980) mit rotem Zifferblatt und dem ungewöhnlichen Wostok 2414 A im Vintage Uhren Forum im Bereich Uhrentypen; Wenn auch die Zeiten schlimm sind jetzt, möchte ich trotzdem einige Uhren hier zeigen. Ich habe Zeit und brauche die Ablenkung… Dies ist meine...

andi2

Themenstarter
Dabei seit
13.02.2013
Beiträge
1.480
Wenn auch die Zeiten schlimm sind jetzt, möchte ich trotzdem einige Uhren hier zeigen. Ich habe Zeit und brauche die Ablenkung…

Dies ist meine rote Wostok im goldenen Kleid. Sie war ein Zufallsfund und ich konnte sie einfach nicht liegen lassen in dem guten Erhaltungszustand, sie ist fast makellos. Ihr markantes Retrodesign verweist auf die ‘70er Jahre. An einem Reiskornband aus meinem Fundus kommt sie gut zur Geltung.

Wostok.Uhrforum.1b.png


Wostok.Uhrforum.3b.png


Das Gehäuse aus Messing ist gelb vergoldet. Es hat einen tonneauförmigen Umriss und die obere Fläche hat eine Längsstreifenprägung. Die Seiten fallen senkrecht ab. Der Rand um das Glas herum ist eingesenkt, die Absenkung mit querovalem Umriss, an den Seiten breit, aber nach oben und unten sehr schmal werdend. Mit einer Breite (ohne Krone) von 37 mm und einer Höhe von 42,5 mm ist sie auch für heutige Verhältnisse nicht gerade klein.

Wostok.Uhrforum.6b.png


Wostok.Uhrforum.7b.png


Sie ist 9,6 mm dick, inclusive des Acrylglases, das am Rand steil ansteigt und oben flach ist. Wenn man sie von der Seite betrachtet, sieht man, dass sie der Länge nach leicht gebogen ist wie eine Curvex. Die Bandanstösse (18 mm) sind verdeckt. Ein eingelegter flacher Bodendeckel (Edelstahl) ist mit einem Schraubring (Edelstahl) befestigt. Auf dem Bodendeckel ist rundum eingraviert: 'пылеэашишенные' («pylezaschischennye»/ staubgeschützt) . 'противоударный баланс' (protivoudarnyy balans / stossgesicherte Unruh).

Wostok.Uhrforum.4b.png


Das Zifferblatt hat einen Sonnenschliff und ist von einem warmen metallischen Rot (rote lasierende Farbe auf goldenem Grund). Die Stunden sind durch breite und flache, aufgesetzte dreiteilige Indices markiert, die aussen golden und in der Mitte weiss gefärbt sind, die Stunde Zwölf mit umgekehrter Färbung. Die goldenen Zeiger für Stunde und Minute sind skelettiert und weiss ausgelegt (keine Leuchtmasse). Auch die Minuterie und die Beschriftung ist weiss gedruckt. Auf dem Zifferblatt steht in der oberen Hälfte 'Bостос' (Wostok) und in der unteren Hälfte '17 камнеи' (sollte das nicht eigentlich камни heissen?: 17 Kamni / 17 Steine), unten auf dem Zifferblatt, ganz am Rand 'сделано в СССР' (sdelano v SSSR / hergestellt in der UdSSR).

Wostok.Uhrforum.8b.png


Das enthaltene Werk ist ein Wostok 2414 A, die Kalibernummer ist auf der Räderwerksbrücke eingestempelt, ausserdem SU für Sowjetunion. Das Werk ist mit zwei Werkhalteschrauben an einem massiven Werkhaltering aus Stahl festgeschraubt.

Wostok.Uhrforum.9b.png


Ich weiss nicht, wann die Kaliberfamilie Wostok 24xx auf den Markt gebracht wurde, ich schätze, es dürfte im Lauf der 70er Jahre gewesen sein. Anders als die meisten anderen sowjetischen Hersteller hat Wostok die Krise nach dem Zusammenbruch der UdSSR überlebt und besteht bis heute. Die 24xx-Werke werden immer noch gebaut, heute meist als Automatic, während die Handaufzugvarianten seltener geworden sind. Sie treiben die beliebten ‘Komandirskie’ und ‘Amphibia’ an, von denen es fast unzählige Designvarianten gibt, oft mit Darstellungen aus dem militärischen Bereich.

Wostok.Uhrforum.10b.png


Über den inneren Aufbau der Wostok-24xx-Kaliber gibt es eine detaillierte Darstellung mit vielen Fotos im Uhrwerksarchiv von Christoph Lorenz:
Wostok 2414A
Neben dem Wostok 2414 A sind noch einige weitere Werke aus der Kaliberfamilie verzeichnet.

Alle Eigenentwicklungen von Wostok sind ungewöhnliche Werkskonstruktionen. Die 24xx-Werke machen da keine Ausnahme, sind aber ganz anders aufgebaut als die 28xx- und 22xx-Werke.
Wenn man das Wostok 2414 A von der Werksseite her betrachtet, fällt sofort die Blattfeder auf, die neben dem Unruhkloben auf der Federhausbrücke angeschraubt ist und zur Werksmitte geht. Solche Blattfedern sind typisch für Werke mit einer indirekten Zentralsekunde. Die Blattfeder drückt hinten gegen die Zentralsekundenwelle und hält sie in Position. Die Zentralsekundenwelle, hinten mit einem Zahntrieb, ist einfach von hinten durch die hohle Minutenradwelle hindurchgesteckt und vorn wird der Sekundenzeiger aufgesteckt. Beim Setzen des Zeigers muss bei einer solchen Konstruktion die Blattfeder hinten unterstützt werden.

Werkskonstruktionen mit einer indirekten Zentralsekunde sind nicht selten. Sie wurden dann verwirklicht, wenn man ein bestehendes Werk mit klassischem Räderwerksaufbau und einer dezentralen kleinen Sekunde (bei Armbanduhren meist unten bei der Sechs, selten gegenüber der Krone bei der Neun), nachträglich mit einer Zentralsekunde aus der Mitte ausstatten wollte.

Wostok.Uhrforum.Schema.Grafik.4.png

Klassischer Räderwerksaufbau mit dezentralem Sekundenrad (schematisch)

Bei solchen klassischen Räderwerken liegt der Radreif des zentral im Werk liegenden Minutenrades am weitesten oben und über dem Federhaus, das Trieb am Reif gibt weiter an das Kleinbodenrad, dessen Radreif eine Etage darunter angeordnet ist, noch weiter darunter liegt der Reif des dezentralen Sekundenrades, und meist noch darunter der Ankerradreif. Der Reif jedes folgenden Rades im Kraftfluss liegt also eine Etage weiter unten.

Wostok.Uhrforum.Schema.Grafik.2.png

Klassischer Räderwerksaufbau und nachträglich hinzugefügte indirekte Zentralsekunde, Antrieb durch das Kleinbodenrad mittels hinten aufgepresstem Radreif mit Zahntrieb (schematisch)

Wenn man nun eine Zentralsekunde hinzufügen will, muss die Zentralsekundenwelle ganz von hinten durch die Minutenradwelle hindurchgesteckt werden, das Zentralsekundentrieb liegt also noch oberhalb des Minutenradlagers. Die Zentralsekunde soll vom Kleinbodenrad angetrieben werden (dies ist bei weitem die häufigste Variante), es bleibt keine andere Möglichkeit, als die Kleinbodenradwelle hinten über das Lager hinaus zu verlängern und oben einen zweiten Radreif mit Zahntrieb aufzupressen, der mit dem Trieb der Zentralsekunde verzahnt ist und sie indirekt antreibt.

Wostok.Uhrforum.Schema.Ingraham.png

Hier das Ingraham 17 size, ein sehr einfaches Stiftankerwerk als Beispiel für eine solche Konstruktion mit Antrieb der Zentralsekunde durch ein zweites, oben aufgesetztes Trieb am Kleinbodenrad aus einem alten Thread von mir. Das Trieb der Zentralsekunde wird von einer Blattfeder bedeckt.
Ingraham Sentinel Sweep (1953) mit indirekter Zentralsekunde / Ausschalen bei Ingraham

Die Wostok-24xx-Werke wurden aber von vorneherein als Zentralsekundenwerke konzipiert, deshalb konnte eine elegantere und sparsamere Konstruktion verwirklicht werden:

Der Radreif des Kleinbodenrades liegt oberhalb des Radreifs des zentralen Minutenrades und auch höher als das zentrale Minutenradlager, das in einer vertieften Ausfräsung der Federhausbrücke liegt. Die Zentralsekundenwelle wird von hinten durch die hohle Minutenradwelle hindurchgesteckt und das Trieb liegt dann in der Ausfräsung und damit auf gleicher Höhe, wie der damit verzahnte Radreif des Kleinbodenrades, der sowohl den Antrieb für die Zentralsekunde liefert, als auch auf dem Weg des Kraftflusses an das kleine Trieb des dezentralen Sekundenrades weitergibt. Die Triebe der indirekten Zentralsekunde und des dezentralen Sekundenrades sind gleich (gleich viele Zähne).

Wostok.Uhrforum.Schema.Grafik.1.png

Räderwerksanordnung bei der Kaliberfamilie Wostok 24xx mit indirekter Zentralsekunde und Antrieb durch das Kleinbodenrad (schematisch).

Wostok.Uhrforum.Schema.2.png

Räderwerksanordnung im Wostok 2414 A.

Ar = Ankerrad, Sr = Sekundenrad, Kbr = Kleinbodenrad, Mr = Minutenrad, Whs = Werkhalteschraube, Zs = Halteschraube für Zifferblattfuss (von der Seite), x = Druckpunkt an Winkelhebel
Linkes Bild: eigene Aufnahme
Rechtes Bild: Superimposition von zwei Aufnahmen von Christoph Lorenz aus der Werksbeschreibung des Wostok 2414 A (Wostok 2414A)

Obwohl die Wostok 24xx von vorneherein als Zentralsekundenwerke konstruiert wurden, und das Winkelverhältnis zwischen Sekundenradwelle und Kronenposition hierfür ungünstig ist, gibt es auch eine Variante, bei der das dezentrale Sekundenrad für eine kleine Sekunde genutzt wurde, das Wostok 2403. Die kleine Sekunde liegt dann bei der Stunde Neun, die Krone bei Stunde Zwei. Daran sieht man, dass bei der Konstruktion des Werkes die Variante mit kleiner Sekunde wohl keine Rolle spielte. In einem Thread bei Watchuseek sieht man eine solche Uhr mit seltenem Zifferblatt, auch das Werk, dem die Blattfeder und die Zentralsekundenwelle fehlen, wird gezeigt:
Vostok 2403

Das wäre alles. Vielleicht habt ihr noch etwas anzumerken oder zu korrigieren. Ich hoffe, es war interessant.

Bleibt gesund!

Gruss Andi
 
Zuletzt bearbeitet:

Königswelle

Dabei seit
27.03.2010
Beiträge
3.683
Danke auch für diesen interessanten Beitrag. Ich frage mich gerade, wieso ich in letzter Zeit etwas von den Russinnen abgekommen bin...

Das Vostok 2403 ist auch recht interessant. Trotz kleiner Sekunde ist die Vorrichtung für die große Sekunde erhalten geblieben. Man kann diese Uhren also mit zwei Sekundenzeigern betreiben. Kenne ich in der Form von anderen Werken nicht. Bei mir müsste auch noch eine rumliegen, aber die läuft leider nicht mehr. Für den Uhrmacher ist sie aber nicht "wertvoll" genug.
 

andi2

Themenstarter
Dabei seit
13.02.2013
Beiträge
1.480
Hallo Bernd,
Man könnte ein Wostok 2403 durch Hinzufügen der Zentralsekundenwelle und Blattfeder sicher wirklich mit 2 Sekundenzeigern betreiben. Bei Werken mit indirekter Zentralsekunde dürfte das wohl generell möglich sein. Weitgehend ist das 2403 ja nur um die Zentralsekunde abgespeckt. Als einzige spezielle Zutat dürfte es eine vorn verlängerte Sekundenradwelle haben zum Aufstecken des kleinen Zeigers bei Stunde 9.
Je nachdem, was bei deiner Uhr mit 2403 kaputt ist, kannst du ausser des Sekundenrades wohl alles von anderen 24xx-Kalibern einfach umtauschen, z.B. eine Unruh samt Kloben etc. (was aber bei UdSSR-Werken manchmal mit Metallplättchen angepasst ist und beim Tausch nicht immer passt). Oder eben das Sekundenrad in ein funktionierendes Werk umbauen und das Zentralsekundengedöns rausschmeissen. Da würde ich an deiner Stelle bei Gelegenheit mal selbst dran basteln.
Hast du die 2403-Uhr mit dem grünen Zifferblatt? Die sieht man am häufigsten. Insgesamt sind diese Uhren eher selten.
Gruss Andi
 

uwe733

Dabei seit
30.09.2018
Beiträge
546
Jetzt erst gesehen und begeistert gelesen. Vielen Dank für diese tolle Vorstellung und Lehrstunde!
:super:
Viele Grüße, Uwe
 
Thema:

Der Osten ist rot (Teil 2). Eine goldene sowjetische Wostok (ca. 1980) mit rotem Zifferblatt und dem ungewöhnlichen Wostok 2414 A

Der Osten ist rot (Teil 2). Eine goldene sowjetische Wostok (ca. 1980) mit rotem Zifferblatt und dem ungewöhnlichen Wostok 2414 A - Ähnliche Themen

Der Osten ist rot (Teil 1). Eine sowjetische Komandirskie (ca. 1970) mit rotem Zifferblatt und dem ungewöhnlichen Wostok 2234: Ich möchte euch gern nacheinander zwei verschiedene sowjetische Wostok-Uhren mit zwei unterschiedlichen Kalibern des Herstellers zeigen. Dabei...
Billigheimer nach Roskopf-Bauart mit Zentralsekunde: 'Chronographe de Sport' / 'Hors Norme' / 'Made in France' (ca. 1945): Heute steigen wir nicht auf schwindelnde Gipfel der Haute Horlogerie, sondern wir wühlen - ganz im Gegenteil – im Bodensatz der Billiguhren des...
Meine französische Taschenuhr mit Spindelhemmung, Kette und Schnecke (Verge Fusee) aus der Zeit des Empire, ca. 1800: Heute will ich euch mit Stolz meine erste und einzige Spindeluhr zeigen. Gleichzeitig ist sie auch die älteste Uhr in meiner Sammlung. Sie hat...
Die «verbesserte Roskopf-Uhr»: ‘F. Bachschmid Etat’ mit Ankerhemmung und indirekter Zentralsekunde (Patent CH 27553, 1904): Im Jahr 1867 brachte G.F. Roskopf eine Taschenuhr mit einem neuartigen Werksaufbau auf den Markt. Seine ‘Montre Prolétaire’, die er selbst noch...
Normandia Digital, genial einfache Billig-Scheibenuhr der 70er Jahre mit dem ungewöhnlichen Eppler 16 digital: Heute möchte ich eine ausgesprochene Billig-Uhr der ‘70er Jahre zeigen, die aber durch ihr ungewöhnliches Aussehen und die genial einfache...
Oben