Der eigentliche und ‚echte‘ Sea-Gull ‚1962‘ und ‚1963‘ chinesische Fliegerchronograph

Diskutiere Der eigentliche und ‚echte‘ Sea-Gull ‚1962‘ und ‚1963‘ chinesische Fliegerchronograph im Uhren aus China Forum im Bereich Uhrentypen; Liebe Gemeinde, heute möchte ich einmal über den Seagull-Fliegerchronographen schreiben und vor allem aufklären, was es mit den unterschiedlichen...
zamno

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Liebe Gemeinde,

heute möchte ich einmal über den Seagull-Fliegerchronographen schreiben und vor allem aufklären, was es mit den unterschiedlichen Ausführungen und Modellen auf sich hat und was das sogenannte „Original“ und was eher „Kopien“ sind. Ich schreibe das jeweils in Anführungsstrichen, was sich im Weiteren erklärt.

Erstmal in Kurzform zur Geschichte; Im Jahr 1961 erteilte das Ministerium für Leichtindustrie der VR China, der 1955 gegründeten Tianjin WuYi Uhrenfabrik, den Auftrag ‚Projekt 304‘, einen Fliegerchronographen für Luftwaffe zu entwickeln. Der Prototyp hatte die Basis des Kalibers ST2-A ‚WuYi‘ (bei Sammlern dieser Uhren sehr begehrt). Dieser wurde aber nicht hergestellt. Zur gleichen Zeit verkaufte der Schweizer Rohwerkehersteller Venus seine Maschinen und Werkzeuge zur Herstellung des Kalibers 175, welches z.B. zeitweise im Navitimer von Breitling verbaut wurde, da man Kapital für die Entwicklung und Herstellung des Kalibers 188 benötigte. Die Chinesen kauften also die Venusmaschinen und hatten auf einen Schlag alles was sie benötigten, um den Flieger-Chronographen zu bauen und etwa 1400 davon wurden dann gefertigt. Das Kaliber erhielt die Bezeichnung ST3 und in leicht veränderter Form wird es unter der Bezeichnung ST19 bis heute produziert (s.u.). Venus selber ging übrigens kurz danach in die Insolvenz.

1962 zog man in eine neue Fabrik und wurde in Tianjin Watch Factory umbenannt. 1966 wurden Uhren mit dem ersten eigenen Werk, Sea-Gull ST5, mit dem Namen ‚Dong Feng‘ vertrieben, was soviel wie Ostwind bedeutet und erstmals 1973 international. Die 90iger Quarzkrise ging auch an Sea-Gull nicht vorbei und erst ab Ende 1997 wurden wieder mechanische Uhren gebaut. 2000 geht Tianjin Sea-Gull Watch Group Co. Ltd. an die Börseund stellt eines für Seagull bedeutenste Uhrwerk (ST25) vor. In 2006 gibt es die erste chinesische "Minute Repeater" Uhr sowie erste Tourbillons (hier gäbe es noch viel berichten aber es geht ja um die Fliegeruhr :-))

Mit einem jährlichen Output von 6 Millionen Uhrwerken und einem Marktanteil von 25% ist Sea-Gull der größe Uhrwerkherstelller der Welt.

Kommen wir aber zurück zum Thema, nämlich die Fliegeruhr, denn um am internationalen Markt bestehen zu können konzentrierte man sich auf Chronographen Uhrwerke. Als Weiterentwicklung des ST3 basierend auf dem Venus 175 fertigte man ab 2003 das modular aufgebaute Kaliber ST 19 zur Herstellung unterschiedlicher Varianten wie z.B. 24-Stunden-, Datum- oder Gangreserve-Anzeige. Eine zu nennende Verbesserung, war die Stoßsicherung.

Dieser Schaltrad-Chronograph mit der Bezeichnung D304-1963 wurde von Sea-Gull tatsächlich erst in 2020, als wie sie es selbst nennen ‚Classic Reproduction‘ in einer Stückzahl von 5500 auf den Markt gebracht. Etwa zeitgleich kam auch die 1962 Plan B auf den Markt mit einer Stückzahl von 650. Diese hat auch etwas Leuchtmasse. Beide Editionen hängen mit dem 65-jährigen Bestehen von Sea-Gull/Tianjin zusammen.

Die technischen Daten der Sea-Gull Uhren sind:

Wasserdicht: 3 bar
Durchmesser: 38 mm
Höhe: 13 mm
Bandanstoß: 18 mm
Uhrwerk: ST1901
Frequenz: 21600
Handaufzug mit Gangreserve: 45 Stunden
Steine: 21
Glas: Acryl
Gehäuse: Edelstahl

Die 1962 Plan B wurde so nie ausgeführt und existierte bis zum Erscheinen in 2020 als Referenz 819.17.1962 nur auf dem Papier:

Bildschirmfoto 2021-10-31 um 22.52.28.png

Hier nun zuerst ein paar Bilder der '1962 Plan B':

1962planb2eckig.jpg

Detail Zifferblatt-62.jpg
(da hatte ich vergessen vor dem Foto die Folie abzuziehen)

1962planbnightshoteckig.jpg

1962back.jpg

und noch ein Wristshot, bei Armumfang 190 mm:

2020-08-24 13.58.57.jpg

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Und nun die Bilder der 1963:

304-andtextilban.jpg

304-seitlich.jpg

Detail Zifferblatt-63.jpg

304-rücken.jpg

Kommen wir schließlich zu dem was ‚Original‘ oder ‚Kopie‘ ist. Die Merkmale der beiden Sea-Gull Uhren sind wie folgt und an diesen von anderen sogenannten ‚Sea-Gull‘ Uhren zu unterscheiden:

Durchmesser 38 mm, Acrylglas, ausschliesslich verzierter Metallboden, Brücke im Uhrwerk mit Venus Logo (Sea-Gull-Logo), beide Sekundenzeiger sind ‚lange‘ Zeiger, glatte Krone ohne Logo, 2-zeilger Text auf Zifferblatt bei der 1963 (welche ausschliesslich die sog. Kopie ist)

Hier das Bild des Laufwerks von Sea-Gull selbst:

seagull-venuslaufwerk1.jpgseagull-venuslaufwerk2.jpg


Und hier von meiner Uhr, das Laufwerk mit dem Venuslogo. Auf meinen Fotos seht ihr die Uhr mit Glasboden. Ich habe den im Handel erhältlichen Glasboden von der Redstar auf meine ‚originalen‘ Seagull 1962 geschraubt, weil dieses Laufwerk eben so sehenswert ist:

2020-08-24 13.40.40.jpg

2020-08-24 13.44.42.jpg

2020-08-24 14.07.25.jpg


1962ab.jpg


Und dann noch das Bild mit beiden:

62-63-1.jpg
(dummerweise wieder die 1962 mit Kleber auf Glas)
......
......



Es ist unklar wie Redstar zu Sea-Gull steht. Soweit bekannt bezieht Redstar Teile oder Uhrwerke von Seagull, aber es weicht die Qualität der Laufwerke ab. Vorgenannte Merkmale sind bei Redstar nicht zwingend vorhanden.

Hier noch ein paar Bilder einer Redstar:

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21235339-oq9wyxg0xus2ejz7waqzgcpe-ExtraLarge.jpg


Ich persönlich mag nur ‚Originale‘. Ich hatte mich mit den Fliegeruhren schon vor längerer Zeit befasst und stieß eben darauf, daß Redstar die Uhr baute, so ähnlich wie sie ursprünglich für das Militär gebaut wurde. Der Stern auf der Krone gefällt mir gut und ist passend, auch den Glasboden finde ich gut, denn der Schaltradchronograph ist schön anzusehen auch wenn nicht alles Gold was glänzt und die ‚gebläuten‘ Schrauben eben nur lackiert sind, aber der Preis muss ja irgendwo herkommen. Redstar hat seine Berechtigung und dafür gesorgt, dass diese Uhr im Gedächtnis blieb. Da ich aber nun die Möglichkeit habe/hatte das ‚Original‘ zu kaufen und auch nie etwas anderes wollte, griff ich in 2020 zu, denn die Redstar Uhren würden für mich nie in Frage kommen. Davon abgesehen, sind natürlich alle 1963iger verkauften, die Redstar’s.

Auf meinen Fotos seht ihr die Uhr mit Glasboden. Ich habe den im Handel erhältlichen Glasboden von der Redstar auf meine ‚originalen‘ Seagull 1962 geschraubt, weil dieses Laufwerk eben so sehenswert ist.

Viele fragen sich vielleicht warum Sea-Gull diese Uhr erst jetzt wieder gebaut hat. Man muss dazu verstehen, dass man sich zunächst einmal als Werkhersteller begreift. Außerdem war man ja mit wirklichen Komplikationen beschäftigt wie etwa Tourbillons, welche für den Ruf wohl wichtiger erschienen.

So, ich hoffe, ich konnte etwas über diese Uhren aufklären. Wenn Fragen, dann fragen.
 
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Dr. Wu

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Danke für diese Erläuterungen! Ich finde diese Uhr ganz "lustig" ,wie eine kleine Zeitreise in die Vergangenheit. Als Neovintage strahlt sie einen eigenen Charme aus.
 
ketap

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Danke für den Beitrag.
Die lange Fertigungspause ist interessant.
Die Quarzkriese fing aber in den 70ern an, nicht in den 90ern, da ging doch schon wieder das Revival der Mechas. ;-)
Bei über 200 Chronographen habe ich die ausgelassen, naja kann ja noch kommen. ;-)
 
mannberlin

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Interessant ist ja, dass sie mit dem st19 ja seit Jahren von vielen (?) anderen Herstellern gefertigt wird. Zu einem Drittel des seagull Preises.
 
zamno

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Ziffern bei 'Kopie' und 'Original' sind eigentlich gleich? K.A. was du meinst?

Sea-Gull hat natürlich analoge Quarzwerke gebaut, die man viel in Fakes Schweizer Uhren vorfinden konnte. In 1992 hat man die komplette Produktion mechanischer Uhren eingestellt und erst 97 wieder damit begonnen.

Ja, z.B. Redstar fertigt ja das ST19 nur ist eben nicht ganz klar ob es nicht doch von Sea-Gull kommt und die bei Redstar nur die Endfertigung machen. Habe das nicht in Tiefe angeschaut.
 
mannberlin

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Ist redstar denn eine Marke? Ich dachte einer der Hersteller ist Sugess.
 
hhoefi

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Danke, als Fan der Uhr wirklich sehr interessant für mich ! :super:

Zeigt auch auf das ich auch eine „1962 Plan B“ brauche.
 
zamno

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Ist redstar denn eine Marke? Ich dachte einer der Hersteller ist Sugess.
Diese Uhren werden weithin Redstar genannt, ja ich glaube Sugess stellt die her und Laufwerke kaufen die bei Seagull, wenngleich Seagull in Shijiazhuang in 2003 eine Tochter gegründet hat, dort wo auch Sugess seine Fabrik hat. Habe mich wie schon geschrieben mit dem Teil nicht sehr befasst, da es da nur am Rande drum geht.
 
Master Diver

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Was macht eigentlich das ST1901 (bzw. Uhrwerke generell) so laut? Mangelnde akustische Entkopplung zw. Werk und Gehäuse? Das Teil tickt auf dem Nachttisch in 1m Entfernung immer noch ordentlich hörbar ;-)
 
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