Dazugelernt!: Anfertigung von Unruhwellen

Diskutiere Dazugelernt!: Anfertigung von Unruhwellen im Uhrenwerkstatt Forum im Bereich Uhren-Forum; Hallo zusammen, ich hatte das seltene Glück, an einem Seminar teilzunehmen, bei dem das Anfertigen einer TU-Unruhwelle erlernt werden sollte...
  • Dazugelernt!: Anfertigung von Unruhwellen Beitrag #1
Alberich

Alberich

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Hallo zusammen,

ich hatte das seltene Glück, an einem Seminar teilzunehmen, bei dem das Anfertigen einer TU-Unruhwelle erlernt werden sollte. Diese komplexe Arbeit möchte ich hier mit einigen Bildern vorstellen:
Zum Ziel führen immer verschiedene Wege: Wir haben uns hier für das Drehen in der Spannzange unter Verwendung von hartem Tamponstahl entschieden.
Die Frage, ob "mit Umspannen" oder "in einer Einspannung" ist für manchen Profi sicher eine Weltanschauung, wir haben umgespannt, ausgerichtet, und es funktioniert.

Zuerst wurde an Schrott-Unruhen das Entfernen der alten Welle geübt. Dazu wird der Unruhteller abgedreht, und der Rest mit der Triebnietmaschine ausgedrückt.

bild01.jpg
bild02.jpg
bild03.jpg

Dann wurden alle relevanten Arbeiten an Tamponstahl-Rohlingen geübt.

bild04.jpg
bild05.jpg

Mit dem spitzen Handstichel wird die Unterstechung für die Vernietung mit der Unruh eingedreht. Sie sind aus Hartmetall-Bohrerschäften hergestellt, und werden an der Diamantscheibe geschliffen.

bild06.jpg

Als nächstes wurde- ohne Einhaltung von Maßvorgaben- eine "Phantasiewelle" gedreht, um daran das Rollieren und Arrondieren der Zapfen zu üben.
Hier wird die Welle gerade abgestochen, um nach dem Umspannen die untere Höhe fertigzustellen.

bild07.jpg
bild08.jpg

Danach erst ging es an ein reales Objekt: Für ein Molnija 3602 sollte eine Welle gefertigt werden. Mit dem Feintaster werden alle Maße abgenommen, die Gesamtlänge kann aus dem Werk -ohne Decksteine- entnommen werden.

Die wichtigsten Erkenntnisse für mich waren:

1. Immer zuerst den Zapfen drehen
2. Kritische Passungen (Plateau, Spirale) ca. +3/100 vordrehen und mit einem Degussit Schleifstein auf Maß schleifen.
3. Alle Arbeiten können "fliegend", d. h. ohne Reitstockvorsatz durchgeführt werden.

Hier wird die neue Welle vernietet. die Unterstechung ist deutlich erkennbar.

bild09.jpg

Wenn die Zapfen fertiggestellt sind, wird die Unruh probeweise eingebaut (unterer Deckstein bereits montiert). Mit dem Staubbläser angeblasen, dreht sie frei!:-D

bild10.jpg

Danach wird ausgewuchtet, und der Flachlauf kontrolliert. Es hat alles auf Anhieb gepasst. :super:
Zum Schluß haben wir noch einen Glasboden eingebaut.

bild11.jpg
bild12.jpg

Darüber berichte ich später.


Viele Grüße!

Matthias
 
  • Dazugelernt!: Anfertigung von Unruhwellen Beitrag #2
fantomaz

fantomaz

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Boah! Meinen allertiefsten Respekt, ich verneige mich!

Das muss sowas von Spaß machen und sowas von tiefster
Befriedigung sein, zu sehen wenn dann die Unruh schwingt,
unglaublich.

Wo kann man denn solche Seminare belegen?

Alexander
 
  • Dazugelernt!: Anfertigung von Unruhwellen Beitrag #3
JungHans

JungHans

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Auch wenn ich vom "metallern" keine Ahnung hab, find ich es sehr interessant. Danke fürs zeigen.:super:
 
  • Dazugelernt!: Anfertigung von Unruhwellen Beitrag #5
alte Uhr

alte Uhr

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Hallo Matthias,
ich bin sprachlos.........:super:..........vor Bewunderung.
Da sieht man das Handwerk.

Vielen Dank für`s Zeigen

Regulierte Grüße
Helmuth
 
  • Dazugelernt!: Anfertigung von Unruhwellen Beitrag #6
Haider

Haider

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Schön Matthias,
da setzt sich jemand intensiv mit dem Thema auseinander.

Gruss
Karsten
 
  • Dazugelernt!: Anfertigung von Unruhwellen Beitrag #7
nobrett

nobrett

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Hallo.

Ein interessantes Thema, ich wusste nicht, dass es da Seminare gibt. Es ist immer interessant zu sehen wie andere das machen. Ich kämpfe mich autodidaktisch durch die Materie. In der Tat führen mehrere Wege ans Ziel. Ich drehe z.B. nicht den Teller ab, sondern wenn das ohne Beschädigung der Unruh geht lieber die Vernietung. Dadurch kann ich nach dem Abschlagen des Unruhreifs noch die Höhe des Tellers messen. Es geht aber auch anders, indem man mit Unruh misst und die Dicke des Unruhschenkels abzieht...

Dass ihr da in der Spannzange gedreht habt, ist aber ein Sakrileg. Das darf man natürlich nur zwischen Spitzen. ;-)

Gruß
Norbert
* der auch guten Gewissens in der Spannzange dreht und umspannt und mit der Messuhr gerne beweisen kann, dass die Welle so auch rund wird wenn man sie richtig ausrichtet *
 
  • Dazugelernt!: Anfertigung von Unruhwellen Beitrag #8
Ripley

Ripley

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Hallo,

ich hab zwar Zerspanungsmehaniker gelernt aber so etwas filigranes zu bearbeiten. nein das kann ich leider nicht.
Meine Hochachtung.
Unsere Teile waren viel viel größer.
 
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  • Dazugelernt!: Anfertigung von Unruhwellen Beitrag #9
Philclock

Philclock

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Ich drehe z.B. nicht den Teller ab, sondern wenn das ohne Beschädigung der Unruh geht lieber die Vernietung. Dadurch kann ich nach dem Abschlagen

Dass ihr da in der Spannzange gedreht habt, ist aber ein Sakrileg. Das darf man natürlich nur zwischen Spitzen. ;-)

Hm,also den Teller ab zu drehen hat den Vorteil,dass man nicht die Gefahr anläuft den Unruhreif zu beschädigen.

Zwischen Spitzen drehen ist so eine Sache und eher was fürs Arbeiten mit dem Handrad.
So macht man die Unruhwellen in der Schweiz noch.

--- Nachträglich hinzugefügt ---

Hallo Matthias,
da hast Du eine wirklich tolle Arbeit abgeliefert!
Vielen Dank fürs Mitnehmen!:super:
 
Zuletzt bearbeitet:
  • Dazugelernt!: Anfertigung von Unruhwellen Beitrag #10
Alberich

Alberich

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Hallo zusammen,

Euch allen vielen Dank für Lob und Eure Beiträge.

Dir Philipp auch von hier nochmal vielen Dank, unsere Arbeit hat hier allgemeine Anerkennung gefunden. :super:

Viele Grüße!


Matthias
 
  • Dazugelernt!: Anfertigung von Unruhwellen Beitrag #11
mahlekolben

mahlekolben

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Huch - eine Privatstunde vom Phil?

Da werde ich mich wohl auch mal einschreiben müssen...

(Das war nicht zuuufällig die Prätecma, oder? Wird wohl nur der Phil verstehen - oder auch der Matthias...)

Tolles Thema - tolle Bilder - spannende Geschichte dazu!

Was will man mehr, außer mehr?

(Und vielleicht mal selbst mitmachen dürfen??)
 
  • Dazugelernt!: Anfertigung von Unruhwellen Beitrag #12
U

unahoraest

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Sehr schön, vielen Dank für die Teilhabe!

Was mich allerdings wundert: Teile deiner Erkenntnisse halte ich zumindest so für fragwüdig!
Zu 1.: Geschmackssache! Allerdings ist es meine Erfahrung, dass gute Uhrmacher bevorzugt den Zapfen zuletzt andrehen.
Zu 2.: Auch hier ist Redebedarf. :D Ein Degussit, ich weiß nicht; oft sind die Kanten dafür schlicht nicht scharf genug ausgearbeitet. Eine Saphirfeile (zB Bergeon, ~ 150€) hat deutlich schärfere Kanten und die Schulter die man damit herausarbeitet, ist auch wirklich im rechten Winkel.

Bitte nicht als Kritik sehen, aber da Du die Dinge selbst als "Erkenntnisse" einordnest, sind sie scheinbar auch für Dich bisher nicht Teil des Ablaufs gewesen. Wie hast Du bisher gearbeitet und welche Stichel benutzt Du beim Drehen von Hand? Dankend im Voraus. :-)
 
  • Dazugelernt!: Anfertigung von Unruhwellen Beitrag #13
F

FritzP

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Sehr schön, vielen Dank für die Teilhabe!

Was mich allerdings wundert: Teile deiner Erkenntnisse halte ich zumindest so für fragwüdig!
Zu 1.: Geschmackssache! Allerdings ist es meine Erfahrung, dass gute Uhrmacher bevorzugt den Zapfen zuletzt andrehen.
Zu 2.: Auch hier ist Redebedarf. :D Ein Degussit, ich weiß nicht; oft sind die Kanten dafür schlicht nicht scharf genug ausgearbeitet. Eine Saphirfeile (zB Bergeon, ~ 150€) hat deutlich schärfere Kanten und die Schulter die man damit herausarbeitet, ist auch wirklich im rechten Winkel.

Bitte nicht als Kritik sehen, aber da Du die Dinge selbst als "Erkenntnisse" einordnest, sind sie scheinbar auch für Dich bisher nicht Teil des Ablaufs gewesen. Wie hast Du bisher gearbeitet und welche Stichel benutzt Du beim Drehen von Hand? Dankend im Voraus. :-)

Zu 1. Wenn zwischen Spitzen gedreht, dann natürlich zuletzt, ansonsten zuerst.
Zu 2. Volle Zustimmung, wobei der Spiralrollenansatz maßhaltig gedreht werden kann. Und 3/100 finde ich zuviel Aufmaß.
Gruß Fritz
 
  • Dazugelernt!: Anfertigung von Unruhwellen Beitrag #14
Alberich

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Hallo unahoraest,

zu 1. Nein, nicht Geschmacksache, sondern abhängig von der Methode. In den Lehrbüchern wird nicht "fliegend" gedreht, sondern Broschen oder Hohlspitzen gegengelagert. Dann kann man auch den Zapfen zum Schluß drehen. Wenn der Gesamtdurchmesser durch das Drehen von Plateau- oder Spiralrolenansatz aber schon geschwächt ist, kann beim "fliegend" drehen sich die Welle leichter biegen, und es kommt zum Zapfenbruch.

zu 2. Der Degussit Stein ist künstlicher Rubin, und hat von allen Schleifsteinen daher die größte Formstabilität. Möglich, daß Saphirfeilen die erste Wahl sind, aber 150 € gegen 20-25 € für einen Degussit, na - ja.

Alle Stichel sind aus Hartmetall-Bohrerschäften Durchm. 3,2 mm mit einer Diamantscheibe geschliffen.


Viele Grüße!


Matthias
 
  • Dazugelernt!: Anfertigung von Unruhwellen Beitrag #15
Rostfrei

Rostfrei

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Hallo Matthias,

schöner Bericht der ein wenig zeigt, was für ein großer Aufwand die Herstellung einer Unruhwelle ist. Das Thema gehört definitiv in die Königsklasse der Uhrmacherei. Viele Profis (mich eingeschlossen) scheuen sich vor solchen Tätigkeiten, eben wegem dem Aufwand.
 
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