Das Phänomen der Uhren zum Chinesischen Tierkreis

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ausserirdischesindgesund

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(Achtung lang. TLDR: Die Ochsen- und Rattenuhren könnten die Zukunft des Uhrenbaus sein ;)

Nachdem am 12. Februar (glaub ich, nach kurzem Googeln, ich hab leider davon keine Ahnung) das Chinesische Jahr des Metall-Ochsen begonnen hat, dürften wir jetzt alle "Ochsen-Uhren" für 2020/2021 vorgestellt bekommen haben. Von Swatch

OX ROCKS 2021! - SO27Z109 - Swatch® Deutschland

bis Jaquet Droz oder Vacheron Constantin

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Bild: Herstellersite, ART MEETS TRADITION IN A JAQUET DROZ LIMITED SERIES CELEBRATING THE CHINESE NEW YEAR | Jaquet Droz


Bild: Herstellersite, Métiers d'Art The legend of the Chinese zodiac - Year of the ox

finde ich dieses Phänomen eines der spannendsten am derzeitigen Uhrenmarkt. Leider spielt es sich großteils über meinem Preisniveau ab, aber andererseits: Das tun andere Phänomene (wie die gerade ausgelaufene Nautilus oder die anderen "Wartelistenuhren" auch. Und wenn ich mir vorstelle wie man z.B. die meistens sehr gelungenen Chopard-Varianten (heuer gefällt sie mir nicht, aber das Jahr der Ratte war z.B. toll) neben eine der gefragten Stahl-Sportuhren mit Warteliste im gleichen Preisbereich gedanklich auf ein Uhrentablett legt, dann frag ich mich:

1. Warum gibts sowas nur zum chinesischen Neujahr/Tierkreiszeichen, und nicht zu irgendeiner Form von abendländischer Bildtradition? Es hat im 19. Jahrhundert Taschenuhren mit Miniaturenmalerei am Zifferblatt gegeben, soweit ich das weiß, aber irgendwann war die Uhr dann nur mehr ein zwar hochwertiges, aber doch rein technisches Instrument, mit Ausnahme der Snoopy/Mickey Mouse-Uhren und der Swatch.

Es muß ja nicht gleich die Fliegeruhr mit dem aufgemalten Ikarus-Mythos sein, aber eine Dresswatch für den Opernfreund mit einschlägigen Motiven wäre für mich zumindest nicht völlig absurd. Ja, die Gruppe ist vermutlich nicht so groß. Oder um ein besonders gelungenes Beispiel zu bringen:

perpetual-calendar-watch-blutuhr-ochs-und-junior-0025_RGB.jpg


Herstellerbild: Für einen kalifornischen Kunden - ochs und junior, bitte unbedingt durchklicken und die anderen Bilder ansehen.

dafür würde ich jede Nautilus liegenlassen. Erst recht wenn ich einen persönlichen Bezug zum Thema hätte (was ich nicht hab, ich finde das trotzdem super). Und vermutlich ist das seit der Umstrukturierung von Ochs und Junior so auch gar nicht mehr möglich.

2. Das ist eine völlig andere Vorstellung von Luxus, die da dahintersteckt, die zumindest bei Herrenuhren sonst komplett ausgestorben ist. Ja, auch das anglieren der Werke ist Handarbeit, aber zwischen einer Nautilus und einer derartigen händisch bemalten Uhr, da stecken für mich Welten. Letztendlich ist eine PP Nautilus trotz allem ein Industrieprodukt, das sich auch äußerlich wie ein Industrieprodukt gibt (am Gehäuse und Zifferblatt). Und wenn man böse ist, dann könnte man sagen: Das ist durchaus lukrativer für die Hersteller. Egal ob PP, Rolex oder auch Omega mit der immer teurer werdenden Moonwatch. Wenige Hersteller scheren aus diesem Konzept von Luxus aus, bei den für Durchschnittsbürger halbwegs erschwinglichen z.B. Ochs und Junior.

3. Die Uhrenindustrie macht seit jeher eine Gratwanderung zwischen dem Industriellen und dem Handwerklichen. Daß eine zu industrielle Uhr (billig massengefertigt ohne Berührung einer menschlichen Hand) problematisch sein kann ist klar. Für eine Swatch System51, eine Allerwelts-Quarzuhr von Casio oder selbst eine Uhr mit einem undekorierten Powermatic 80 im schlichten Standardgehäuse gibt es eine Obergrenze was man realistischerweise verlangen kann. Aber auch in die umgekehrte Richtung hat man ein Problem: Wenn die Uhr zu sehr Handwerk wird, dann hat die Uhren-Industrie das Problem, daß die Schwelle für den Markteintritt zu sehr sinkt. Microbrands sind heute ein Aspekt davon, aber ich habe mal einen Text über die Anfänge der Uhrenindustrie in Glashütte gelesen, wo Firmen wie Lange auch peinlich darauf geachtet haben, daß die im Verlagssystem arbeitenden wohl meist bäuerlichen Arbeiter und kleinere Zulieferfirmen nur jeweils einen kleinen Ausschnitt der Uhrenproduktion zu Gesicht bekamen, damit sich da nicht zu viele Leute untereinander kurzschließen und als Konkurrenz auftreten. Marken wie Habring2 oder Naoya Hida stehen für mich für einen interessanten zumindest teilweise handwerklichen Zwischenbereich zwischen der Großserienproduktion und Microbrands die nur Großserienwerke einschalen und sich eine mal mehr, mal weniger blumige Geschichte dazu ausdenken.

4. Ich wurde uhrenmäßig in der Quarzkrise "sozialisiert". Ich habe von den daheim rumliegenden alltäglichen Vor-Quarzkrise 17-Steine-Handaufzügen oder vergoldeten allerwelts-Automatics über die Digitalwelle und die wie magische Verwandlung der schweizer Uhr in ein Luxusprodukt ab Mitte der 80er-Jahre bis Mitte der 90er-Jahre mitbekommen, aber eben auch das was dazwischen lag: Die kurze aber spannende Blüte der Swatch, die wieder Bilder auf die Zifferblätter brachte. Ja, in gewisser Weise sehe ich die Uhren zum chinesischen Neujahr auch als sowas wie die Nachfolger davon, nur ein bißchen teurer ;)

5. Nach jahrelangen Uhrenneuvorstellungen der Herstellern von der 57. Taucheruhr, die mit aus Fischernetzen geschmolzenen Plastikbändern die Hammerhaie (oder Wale oder verarmten Taucherinnen in wo auch immer) retten will (in limitierter Serie von 288 Stück, mit spezieller Bodengrafik), und dem 38. Racing-Chronograph, der sich Anleihen beim Auto eines berühmten Rennfahrers nimmt und für 2021 anders als 2017 jetzt einen Millimeter größer statt zwei mm kleiner als das Original von 1969 ist (oder umgekehrt) sind für mich die Uhrenneuvorstellungen zum Chinesischen Neujahr für mich immer ein Höhepunkt des Uhrenjahres. Nicht weil ich zuschlagen würde (das kann ich auch bei anderen Luxusuhren meistens nicht), sondern weil es Abwechslung bingt. Und ich hoffe innerlich, daß irgendwann in nicht allzu ferner Zeit, wenn jeder der eine will, eine Stahl-Sportuhr im Genta-Design daheim hat, dieses Phänomen der handwerklicheren, bildhafteren, individuelleren Uhren den Crossover vom chinesischen Tierkreis zu einem Thema schafft, das mehr mit mir und meinem kulturellen Hintergrund zu tun hat.
 
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Dr. Wu

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Nun ist der chinesische Geschmack eben viel verspielter als der westliche und der Markt vielfach größer und mit vielen Millionären gesegnet. Daher ist es kein Wunder wenn sich solche Auflagen von Sondereditionen lohnen.
Ich bin mal auf das Jahr des Schweins gespannt. :D
 
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