Das Geheimnis der Medana

Diskutiere Das Geheimnis der Medana im Vintage Uhren Forum im Bereich Uhrentypen; Vor einiger Zeit entdeckte ich im trüben Wasser der Bucht eine Medana mit vergoldetem Gehäuse und Dauphine-Zeigern, typisch für die Zeit um 1960...

zeityeti

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Vor einiger Zeit entdeckte ich im trüben Wasser der Bucht eine Medana mit vergoldetem Gehäuse und Dauphine-Zeigern, typisch für die Zeit um 1960 und recht gut erhalten. Ich stutzte kurz und war dann begeistert, die wollte ich haben. Aber warum eigentlich? Schaut sie euch mal an, ganz hübsch aber um 1960 absolut nichts ungewöhnliches.

Medana_uhr.JPG

Nun, warum mich diese Uhr interessierte wird klar, wenn man mal eine hochwertige Roamer daneben legt, die ebenfalls von etwa 1960 stammen dürfte.

Medana_zb.jpg

Medana_roamerzb.jpg



Alles klar? Da wo Medana drauf steht ist 100% Meyer & Stüdeli (MST = Roamer) drin! Auf dem Gehäuse findet sich zwischen den Bandhörnern auf einer Seite die folgende Punze, die auf eine 10 µ Vergoldung hinweist. Daneben ist aber auch die MST Punze, die angibt, wer das Rohgehäuse hergestellt hat.

Medana_gehäuse.JPG

Auch das Werk ist von MST, Kaliber 962. Dieses Werk hatte ich vorher noch nie gesehen, was diese Uhr ebenfalls für mich interessant machte. Da keine Sau sich für Medana interessiert, wechselte sie für einen angenehm kleinen Betrag den Besitzer und lag kurz darauf auf meinem Werktisch.:-)

Das Werk ist deutlich einfacher als das, was typischerweise in den hochwertigen Roamers verbaut wurde und hat einige interessante Eigenheiten. Nach dem Entfernen des Bodendeckels blickt einem erstmal eine geschlossene Metallabdeckung entgegen, die als Werkhaltering dient. Der "Pickel" in der Mitte dient zur Justierung, damit das Werk nicht locker sitzt. Nach dem Abheben dieser Käseglocke sieht man auf ein etwas eigenwillig geformtes Werk mit einer Dreiviertel-Platine, ein Zwischending aus Vollplatinen- und Pfeilerwerk.

Medana_halter.JPG


Medana_werk1.JPG

Auch die Zifferblattseite hat was zu bieten: Die Kronenschaltung funktioniert über eine Wippe statt über den weiter verbreiteten Aufzugs- und Zeigerstelltrieb. Außerdem ist das Gesperr auf dieser Seite des Werkes zu finden. Was wohl eher nicht von MST stammt ist der erkennbare Siff und die Korrosionsspuren, es gab also klaren Handlungsbedarf.

Medana_werk2.JPG

Im Laufe der weiteren Zerlegung des Werks zeigten sich dann noch ein paar andere Details. Zum Beispiel fand ich, daß die Ankerpaletten und der Ellipsenstein farblos sind, was ich zwar schonmal gesehen habe, allerdings nicht besonders oft.

Medana_unruh.JPG



Da Neugier meine Berufskrankheit ist, bin ich der Farbe der Steine mal etwas nachgegangen, was ich ganz interessant fand. Die in Uhrwerken typischerweise verwendeten Rubine sind alle synthetisch und werden durch ein Schmelz-Kristallisations-Verfahren aus billigem Aluminiumoxid und etwas Chrom hergestellt. Die erzielte Kristallmodifikation nennt sich Korund und wird in gigantischen Mengen als besonders hartes Schleifmittel produziert, fast so hart wie Diamant. Genau deshalb setzt man es als Lagerstein ein. Die rubinrote Farbe wird durch Chromionen erzeugt und hat vermutlich rein ästhetische Gründe. Wenn man reines Aluminiumoxid verwendet sind die Kristalle farblos und man nennt sie weißen Saphir. BINGO! Das ist das Material aus dem Saphirgläser gemacht werden.

Schließlich zeigt sich noch ein hübsches Detail am Zwischenboden: Das Lager des Minutenrads ist in einem Chaton verschraubt, was eher nicht Standard ist, zumindest nach dem Wenigen das ich bisher gesehen habe. Außerdem zeigt sich hier, daß die Grundplatine einige Ausfräsungen besitzt, aber die obere Platine durch Pfeiler gehalten wird.

Medana_platine.JPG

Nach der Gründlichen Entfernung von Korrosionsspuren und Dreck sowie einer porentiefen Reinigung im Ultraschallbad konnte alles wieder zusammengebaut und geölt werden. Das Werk lief problemlos wieder an und ließ sich gut einregulieren.

Das Gehäuse zeigt einige mehr oder minder deutliche Gebrauchsspuren, eine größere und ein paar kleinere Schrammen. Die 10 µ Vergoldung setzt Grenzen, so daß ich nur sehr milde poliert habe, um die ansonsten vollständige Vergoldung nicht durchzureiben. Das Zifferblatt zeigt leider ein paar kleine, hellere Punkte, die wie Oxidationsspuren im Lack aussehen. Im Alltagsgebrauch fällt das kaum weiter auf, man sieht es nur bei entsprechendem Lichteinfall. Die Zeiger waren noch sehr gut erhalten und wurden nur sehr vorsichtig gereinigt. Das leicht verkratzte Glas konnte mühelos poliert werden, wogegen der Edelstahlboden auch jetzt noch die unfachmännischen Öffnungsversuche von irgendwelchen Berserkern dokumentiert. Außerdem hat sich da - auf der Außenseite !!! - ein Uhrmacher verewigt, der die Uhr wohl 1968 revisioniert hat. Hier ein paar Bilder der fertig restaurierten Medana:

Medana_wrist.jpg

So, ich hoffe, das ich eurere Geduld nicht überstrapaziert habe. Für mich als bekennenden Roamer-Sammler ist das halt ein sehr interessantes Stück Firmengeschichte. Ich hatte schon mal gelesen, daß MST seine Uhren auch unter der Marke Medana vermarktet hat, hier ist ein Beweisstück. Was ich bisher von Medana gesehen hatte stammte aus den 40er Jahren und hatte äußerst primitive Werke. Die hier vorgestellte Medana hat ein sehr anständiges und sogar interessantes Werk, das aber keinesfalls mit der Qualität eines zeitgenössischen MST 414 oder 430 mithalten kann (die oben gezeigte Roamer hat ein MST 430). Offenbar wurden also die einfacheren Qualitäten unter Medana vermarktet, während die hochwertigen Uhren als Roamer verkauft wurden. Es würde mich sehr interessieren, ob sich das mir eueren Erfahrungen deckt.
 

Rata

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Hallo, Yeti;

es hat mich gar nicht gelangweilt!:-) Eine schöne Vorstellung von einer hübschen Uhr mit guten Fotos und vielen Informationen über die (mir bis dato unbekannte) Roamer-Hausmarke. Sie mag vielleicht einfacher sein als eine Roamer, aber das ist bei dem hübschen Teil meiner Meinung nach wirklich eine Nebensache.

Ich wünsche dir weiterhin viel Spaß mit der schönen Kleinen und danke fürs Zeigen.

Viele Grüße, Otto

Tante Edit sagte mir gerade: "Otto, du hast vorhin eine Frage vergessen!" Tja, äh, ähäm: Was bedeutet das "Pm" unterhalb von "Made"?
 
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zeityeti

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Danke allerseits. Ich habe übrigens vergessen zu erwähnen, daß die Uhr natürlich wieder einwandfrei und präzise läuft.

@rata: Keine sorge, "no child left behind". Ich mag die Medana nicht weniger als meine Roamers, vom Äußeren her sieht man kaum einen Unterschied. Mir ging es mehr darum, auf die Unterschiede in der Wertigkeit der Werke hinzuweisen. Ich hatte mich immer gewundert, warum sich MST den Luxus geleistet hat, so viele verschiedene Werke zur gleichen Zeit zu produzieren. Langsam wird es mir klar, man mußte einfach verschiedene Preissegmente abdecken und hat dafür offenbar auch verschiedene Markennamen benutzt.

Tja, über das "Pm" habe ich mir auch schon den Kopf zerbrochen, es findet sich jedenfalls immer wieder auf Modellen von Roamer, immer an der gleichen Stelle. Vielleicht hat es irgendwas mit der englischen Abkürzung für Nachmittag zu tun, aber ich wüßte nicht, was der Zweck davon sein sollte. Vielleicht weiß ja hier sonst irgendwer etwas darüber?
 

El Loco

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Keine Langeweile, wieder mal was dazu gelernt! :super:
So muss das sein! Ich liebe dieses Forum.
Viel Spaß mit der Tarn-Roamer!
 

zeityeti

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An anderer Stelle hat Badener dazu mitgeteilt, dass es sich um die Abkürzung von Promethium (radioaktiver Stoff in der Leuchtfarbe) handelt.

ICH LIEBE DIESES FORUM!!! Irgendjemand weiß immer eine Antwort und teilt sie mit uns Unwissenden.:-) Danke an NurUhr.

So, nun weiß ich, daß ich Besitzer einiger Atome eines ausgesprochen seltenen, radioaktiven Elementes bin, vor dessen ß-Strahlung gewarnt wird. Übrigens ist die Leuchtmasse in den Zeigern noch schwach aktiv, was bei so alten Uhren eher eine Seltenheit ist. Angesichts des Werkszustands hat diese Uhr bestimmt niemand mehr in den letzten Jahrzehnten revisioniert und demnach wohl auch nicht die Leuchtmasse erneuert. Ich gehe mal davon aus, daß es sich noch um die ursprüngliche handelt. Bei der zum Vergleich gezeigten Roamer leuchtet garnichts mehr, sie dürfte vergleichbar original sein und trägt ebenfalls das strahlende "Pm" auf dem Rehaut.
 

Aeternitas

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Habe den Threas schon heute morgen kurz aus Neugierde angezappt und bin deswegen fast zu spät zum Arbeiten gekommen! Danke dafür!
 

zeityeti

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@Aeternitas: Sorry, für Risiken und Nebenwirkungen wird natürliche keine Haftung übernommen, aber ich versuche mich zu bessern.;-)
 

Mirius

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Ja sind Sie völlig korrekt. Meyer & Studeli herstellte Uhren unter mindestens zwei verschiedenen Marken - Roamer und Medana nd. Medana scheint, ein preiswerteres Modell gewesen zu sein und hatte häufig die großen Platten. Sie scheinen sehr allgemein, in den USA verkauft worden zu sein.

Das ist ein sehr nettes Medana, ich denken das Beste, das ich gesehen. Glückwünsche auf Ihrer Entdeckung.
 

Doerthe

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Eine schöne Vintage in Klassischem Design mit einer interessanten Geschichte, herzlichen Glückwunsch und vielen Dank für die ausführliche Darstellung.
 

bghdh

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Langweilen ?
Im Gegenteil :klatsch: für solche Geschichten liebe ich dieses Forum besonders!:super:

Vielen Dank dafür !

Grüße aus dem Schwabenland.
Bernd
 

falko

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Habe die Uhr jetzt erst entdeckt, da ich zur Zeit der Vorstellung im Krankenhaus lag. Sehr gute Arbeit an einer interessanten Uhr.:klatsch:
Die weissen Ankerpaletten findet man häufig. Wie Du schon richtig schriebst, unterscheiden sie sich nur durch die fehlende Einfärbung von der roten Paletten. Das Lager des Minutenrades ist übrigens nicht chatoniert, sondern besitzt ein Decksteinplättchen.
 

zeityeti

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Danke für die Aufklärung bezüglich der richtigen Bezeichnung, Chaton ist tatsächlich falsch. Ein Decksteinplättchen ist es aber auch nicht, eher eine Lagersteinfassung oder Fassungsplättchen. Bei MST-Werken sind diese Plättchen ganz typisch, in anderen hochwertigen Werken habe ich sie auch häufiger gesehen. Hast Du einen Überblick wie üblich diese geschraubten Fassungen sind?

Ich hoffe, Du bist gesundheitlich wiederhergestellt. Ansonsten noch gute Besserung.
 

falko

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Danke, mir geht es wieder gut! Nachdem ich mir das Bild noch einmal angesehen habe, bin ich überzeugt, dass es kein Deckstein ist. Das Steinlager ist offenbar durch das Plättchen zur leichteren Demontage in der Brücke verschraubt. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich diese Konstruktion schon mal in anderen Werken gesehen habe.
 

zeityeti

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Interessant, ich dachte es wäre weiter verbreitet. Leider bin ich gerade auf Reisen und komme nicht an meine Bilderdatenbank mit allen meinen Werkphotos. Ich meine, das Durowe 1032 hat eine ähnliche Lösung. Ganz sicher aber das Enicar AR 1147B, das ich kürzlich revisioniert habe. Hier ist ein Bild davon:


AR-1147B-Minutenlager.jpg


Bei der nächsten Revi, werde ich mir die Sache mal genauer anschauen und besser dokumentieren.
 
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