Dachbodenfund": Wunderschöne Roamer von ca 1950 mit MST 372 Handaufzugswerk

Diskutiere Dachbodenfund": Wunderschöne Roamer von ca 1950 mit MST 372 Handaufzugswerk im Vintage Uhren Forum im Bereich Uhrentypen; Wer kennt sie nicht, diese Angebote in der Bucht: "Biete diese Herrnarmbanduhr der Marke ROAMER aus einem Dachbodenfund an... Werk läuft nicht..."...

zeityeti

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Wer kennt sie nicht, diese Angebote in der Bucht: "Biete diese Herrnarmbanduhr der Marke ROAMER aus einem Dachbodenfund an... Werk läuft nicht..." Keine genaueren Angaben und die Uhr ist auf dem Verkäuferfoto kaum zu erkennen!

Nun, zumindest zum Ausschlachten von Ersatzteilen kann ich sowas immer gebrauchen und habe auf zwei solcher Angebote gesetzt und gewonnen. Als ich die Uhren auspackte, war ich mehr als erfreut, um nicht zu sagen begeistert. Die zweite Uhr war eine Anfibiomatik in super Zustand, die ich demnächst überholen und vorstellen werde. Hier aber erstmal eine kleine Seltenheit, eine frühe, elegante Uhr von etwa 1950 mit dem Handaufzugswerk MST 372. Dieses Werk fehlte mir noch in der Sammlung.:-)



1950-MST372-uhr2.jpg


1950-MST372-uhr1.jpg


1950-MST372-wrist.jpg



Äußerlich war das gute Stück in einem für dieses Alter ungewöhnlich guten Zustand. Die 20 µ Vergoldung war praktisch makellos, nur ganz leicht matt von den vielen Jahren. Nach sanftem Polieren sieht das Gehäuse wieder praktisch wie neu aus. Auch der Bodendeckel zeigt keinerlei Spuren der sonst so üblichen unfachmännischen Öffnungsversuche. Dafür fanden sich zwei Uhrmachersignaturen, wovon eine auf September 1961 (oder 1967) hindeutet. Das Uhrglas hatte einen Sprung und mußte gewechselt werden, was aber keinerlei Problem war, ein passendes Glas hatte ich zum Glück vorrätig. Auch der Defekt des Werkes war schnell gefunden: Der Hebelstein war aus der Ankergabel gesprungen, weshalb die Unruh nicht richtig schwingen konnte. Offenbar hat die Uhr mal einen heftigen Schlag in axialer Richtung bekommen, was auch den Schaden am Glas erklären würde, und gab darauf hin ihren Geist auf. Mit wenigen Handgriffen war das Problem gelöst und das Werk fing wieder munter an zu ticken.

Beim Ausschalen des Werkes erlebte ich allerdings eine weitere Überraschung: Die Indizes und Stundenziffern sind nicht auf dem Zifferblatt fixiert sondern sind fest mit dem Gehäuse verbunden. Eine derartige Konstruktion habe ich bisher noch nicht gesehen, sie scheint mir allerdings verwand mit den aktuellen Competence-Modellen von Roamer, die ja angeblich auf Prototypen aus den 50ern basieren. Sehr erfreut war ich auch über das perfekt erhaltene und sehr schöne Zifferblatt, auf dem die Minuterie durch feine, goldene Punkte markiert ist. Auch die eleganten Dauphine-Zeiger sind in fantastischem Zustand, wie ich es noch kaum gesehen habe.



1950-MST372-zerlegt.jpg



Obwohl das Werk nun problemlos lief, wollte ich nichts riskieren und unterzog es einer vollständigen Revision. Außerdem tauchte hier im Forum ein Werk auf, das dem MST 372 verblüffend ähnelte, sich aber als HB 115MS herausstellte (https://uhrforum.de/rettungsversuch-t71237). Dem wollte ich nachgehen und das MST 372 bis auf die letzte Schaube kennenlernen. Daher wurde diese Revision vorgezogen, weshalb ich jetzt diese schöne Uhr vorstellen kann (@hiltibrant sei dank:-)). Wie ein erster Blick auf das Werk zeigt, ist die Kunstruktion nicht gerade weit verbreitet:



1950-MST372-werk.jpg




Die Räderwerksbrücke sowie Sekunden- und Zwischenrad scheinen eine Etage höher zu sitzen als der Rest des Werkes. Darunter befindet sich eine sehr massive Brücke für das Minutenrad, welches relativ weit oberhalb der Platine liegt und viel Platz für das Ankerrad läßt. Insgesamt scheint man sich nicht besonders bemüht zu haben, eine besonders geringe Bauhöhe zu erzielen. Sehr bemüht hat man sich dagegen, was die Qualität und Stabilität des Werks angeht, was man z. B. an den in Goldchatons gefaßten Lagersteinen auf der Brücke erkennen kann. Die vergoldete Schaubenunruh ist mit einer frühen Stoßsicherung ausgestattet, deren Lochstein nur axial gefedert ist, nicht jedoch radial. Die radiale Federung erfolgt durch die besonders langen und feinen Zapfen der Unruhwelle, wie sie auf dem Bild zu erkennen sind.



MST-372-unruh.JPG




Die Konstruktion dieses Werkes ist nicht nur etwas ungewöhnlich sondern auch ausgesprochen servicefreundlich. So hatte ich das Werk innerhalb kürzester Zeit gereinigt und wieder zusammengesetzt. Am mühsamsten war das Einregulieren, da ich über keine Zeitwaage verfüge und der Rücker keine Feinregulierung aufweist. Mittlerweile läuft das Werk stabil mit etwa ±10s pro Tag, womit ich vollauf zufrieden bin.

Im restaurierten Zustand gehört diese frühe Roamer zu den derzeit schönsten Stücken in meiner Sammlung, der Einsatz hat sich also mehr als gelohnt.:D
 

Käfer

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Beim Lesen des Titels in der Übersicht bin ich schon ein wenig zurückgezuckt - wohl ein Reflex. Aber der Inhalt des Fadens hat sich dann durchaus als sehr positive Überraschung herausgestellt. Sehr schönes Teil, weiss zu gefallen :super:.
 

Doerthe

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Tolle Vintage, ein wirklicher Glücksgriff:super:, herzlichen Glückwunsch, ein wenig Risikobereitschaft kann doch sehr lohnenswert sein:super:.
 

BSBV

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Von wegen Dachbodenfund. Die hast Du die ganze Zeit unter dem Kopfkissen versteckt.

Sehr schöne & gut erhaltene Uhr. Super klasse. Behalten !!!
 

Rata

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Hallo, Yeti;

herzlichen Glückwunsch zu dem schönen Stück:klatsch:! Die und den schönen (vintage?) Osmia-Kolbenfüller würde ich beide sofort nehmen..;-). Glaube aber nicht, dass du dich von einem der Stücke trennen wirst...:-D

Viele Grüße, Otto
 

lasch

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DRS
Wirklich sehr schöne Uhr, obwohl Gold ansonsten nicht ganz mein Fall. Allerdings ist die Variante mit den Ziffern am Gehäuse wirklich etwas Besonders! :super:
 

apple1984

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Granatenteil. Glückwünsche auch von mir. Beim Titel dachte ich auch "Na, jetzt geht das schon bei uns los!?" Aber nein, weit gefehlt.
Diese Konstruktion hatte ich bei der Eloga (https://uhrforum.de/vintage-eloga-17-jewels-mit-as-1187-apple1984-t64529) ebenfalls. Aber der Roamer Ziffernring sieht ja aus wie aus Stein gemeißelt! Sehr schön. Zeiger sind mir ein wenig gleich lang, da wird man sehen müssen, ob die Uhrzeiterkennung noch zufriedenstellend ist. Viel Spaß mit der Hübschen. Bei dem Werk und Schraubenunruh darf man auch gute Gangwerte erwarten.
 

JungHans

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Glückwunsch!:super:
Wenn die Dachbodenfünde mal alle so wären.
Ach ja bei dieser Junghans aus 1975 ist die ZB Konstruktion ähnlich. Wenn auch völlig anders.;-)
 

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zeityeti

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@alle:
Danke für das viele Lob, welches Meyer & Stüdeli als Hersteller der Uhr verdient haben.

@Käfer:
Ich hätte nicht gedacht, daß der Titel die Vintage-Freunde abschrecken würde. Allerdings ist auch ein Anführungszeichen vor "Dachbodenfund" verloren gegangen.

@BSBV:
Ich bin, wie immer, völlig unschuldig. Ich habe die Uhr erst seit etwa vier Wochen, der gute Zustand ist also dem Vorbesitzer geschuldet. Der hat sie aber wirklich sehr pfleglich behandelt, denn aufgrund der Revisionszeichen im Deckel kann man davon ausgehen, daß diese Uhr gute 10 bis 20 Jahre benutzt wurde.

@Rata:
Der Osmia ist von etwa 1950 und paßte daher so schön zur Uhr. In der Ausführung und dem Zustand ist er ähnlich selten, wie diese Roamer. Da man ja nie nie sagen soll, formuliere ich es mal so: Absolut unverkäuflich - beide.

@apple1984:
Ja, die Eloga scheint eine ähnliche Konstruktion zu besitzen, interessanter Vergleich. Sie dürfte ein paar Jahre jünger sein. Die Ablesbarkeit der Zeiger ist übrigens erstaunlich gut, der Minutenzeiger erscheint deutlich schlanker und ist auch ein gutes Stück länger als der Stundenzeiger. Auf dem zweiten Bild sieht man das eigentlich ganz gut.

@JungHans:
Sieht so ein bischen aus wie ein Rehaut, welcher die Indizes und die Minuterie trägt. Richtig?
 

apple1984

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@zeityeti: Na, dann bin ich aber erleichtert; stimmt du hast Recht: Erst auf den zweiten Blick sehe ich, dass der Minutenzeiger schlanker ist.

@junghans: Die Rehaut sollte eigentlich beim Ausschalen 'drin bleiben, ich hatte die bei der Eloga gleich in der Hand.
Sinniges Detail: Es gibt ein Kerbe samt Gegenstück, mit der die Ausrichtung wieder kinderleicht zu erledigen ist...
 

zeityeti

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Jaja, eine Roamer - auf dieses Glück warte ich auch noch ;-)

Vielleicht solltest Du einfach mal in der Bucht bieten.;-) Aber Scherz beiseite, ich finde dort immer wieder interessante Stücke für wenig Geld, die oft sehr gut erhalten sind. Besonders die Anfibios sind oft prima, da die speziellen Containergehäuse nicht nur sehr hochwertig sind, sondern auch grobmotorische Bastler abschrecken.
 

RiGa

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Hallo, zeityeti!

Muß ein guter Dachboden gewesen sein - zumindest ein sich wohltuend abhebender, von den hier ja nicht gänzlich einschlägig unbekannten. ;-)

So etwas erfreut natürlich das Sammlerherz, zumal Du ja eigentlich gedanklich etwas ganz anderes erwartet hast - gratuliere!

Interessant finde ich da auch die Lösung "Gehäuse-Indizes": So ist mir das bislang eigentlich nur bei Kaminuhren in Erinnerung.
Ist aber auch in kleineren Dimensionen durchaus sehenswert - und gibt doch eine gewisse Tiefe ...

Gruß, Richard
 

zeityeti

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Hallo RiGa,

ich weiß garnicht, ob es überhaupt so viele Häuser gibt, wie "Dachböden" in der Bucht auftauchen.;-) Über diesen Dachboden war ich jedenfalls hocherfreut, denn er spendete gleich zwei tolle Roamer für meine Sammlung. Und wie gesagt, bei dem Preis wäre es selbst als Ersatzteilspender noch OK gewesen.

Mit der Tiefenwirkung hast Du absolut recht, besonders die Zahlen wirken (und sind ja auch) echt dreidimensional. Das dürfte für die 50er recht ungewöhnlich gewesen sein und nimmt fast schon etwas die 70er voraus. Von Roamer gab es aus der Zeit einen Entwurf, in dem ein Ring mit massiven Ziffern und Indices praktisch ein frei schwebendes kleineres Gehäuse im Zentrum trägt, in dem sich das Werk befindet. Das ist damals nicht realisiert worden, war aber das Vorbild für einige aktuelle Roamer-Modelle. Interessanterweise gab es aber ein ganz ähnliches Modell von Pierce in den 50ern.
 
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