Chronometro Naval ‘Perfecto Vallès Ayerbe’ und das Roskopf-Prinzip

Diskutiere Chronometro Naval ‘Perfecto Vallès Ayerbe’ und das Roskopf-Prinzip im Taschenuhren Forum im Bereich Taschenuhren; Heute möchte ich einmal eine Taschenuhr zeigen, die bei mir in der Sammlung stellvertretend für Uhren mit dem ‘Roskopf-Prinzip’, bzw. für die...
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andi2

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Heute möchte ich einmal eine Taschenuhr zeigen, die bei mir in der Sammlung stellvertretend für Uhren mit dem ‘Roskopf-Prinzip’, bzw. für die Roskopf-Bauart steht. Ich habe sie schon eine ganze Weile, wohl etwa 2 Jahre schon. Sie kam von einem spanischen Ebay-Händler. Es ist eine Uhr aus der Schweiz, die für den spanischen Markt produziert wurde. Mit nur 45 mm Durchmesser ist sie eher eine zierliche Taschenuhr, nicht so ein fettes Trumm wie die meisten Roskopf-Uhren.

B.vorn.gross.2.png


C.vorn.seitlich.png


Ich habe die Uhr gereinigt und das Gehäuse aus Argentan poliert. Vom Emaillezifferblatt und den Zeigern wurden die spärlichen alten Leuchtmassereste entfernt und durch neue Leuchtmasse ersetzt. Die alte Leuchtmasse war zwar angedunkelt und fleckig, man sah aber dass sie einmal grünlich war. Ich entschloss mich, die Leuchtmasse nicht durch Einfärben auf alt zu trimmen, da sie im Neuzustand wohl ganz ähnlich ausgesehen haben dürfte, wie die, die ich verwendet habe.
Die Uhr bekam auch eine passende Kette, die wohl auch auch Argentan (Neusilber, Hotelsilber) besteht.

A.vorn.mit.Kette.png


Das Werk läuft gut und genau, die Abweichung liegt weit unter 1 min pro 24 h. Ich trage die Uhr gelegentlich und sie ist zuverlässig. Oft steht sie auch auf meinem Nachttisch auf einem Uhrenständer, weil sie ja leuchtet ist sie eine gute Nachtuhr. Hier mal ein Bild bei Dunkelheit:

B.z.Nightshot.Dial.png


Der hintere Deckel trägt eine Prägung mit der Bildmarke ‘Chronometro Naval’, eine gleiche Punze findet man auch auf dem Werk.

D.hinten.png


Das Uhrwerk zeigt alle Merkmale einer echten Roskopf-Patent-Uhr (bis auf die Aufzugfeder, die aber ja verborgen ist), obwohl sie recht spät entstanden sein muss. Leuchtzifferblätter gab es nämlich erst im 20. Jahrhundert, wohl kaum vor 1910. Ausserdem konnte ich die private Beschriftung auf dem Zifferblatt ‘Perfecto Vallès’ einer Person aus der spanischen Stadt Ayerbe in der Provinz Huasca zuordnen, der in einer Chronik der Stadt zweimal erwähnt wird.

E.hinten.mit.Glasring.Werk.png


Es gibt einen inneren verglasten Staubdeckel, wie man sieht, fehlt das Glas. Ich habe mir zwar ein neues Glas besorgt, aber das empfindliche, papierdünne Scheibchen beim Einbauversuch zerbrochen. So muss das jetzt warten, bis ich wieder mal Gläser bestelle (gibt es da eigentlich auch Plexigläser?)

F.Werk.a.hinten.1.png


Das Werk ist mit zwei Halteschrauben befestigt und hat alle Baumerkmale einer ursprünglichen Roskopf-Uhr, auch das Hemmungsmodul. Ich erkläre weiter unten die Besonderheiten einer Roskopf-Uhr.

Damit ich mich nicht zu sehr verzettle, hier erst einmal die Daten zur Uhr kurz zusammengefasst:

Äusseres der Uhr:

Durchmesser 45 mm, Höhe mit Pendant und Krone 55,5 mm, Dicke 14,6 mm.
Gehäuse aus Argentan, aufgepresster Glasrand ohne Scharnier, Rückendeckel und verglaster innerer Staubdeckel aufgepresst, ohne Scharniere. Rückendeckel aussen mit Punze der Bildmarke 'Chronometro Naval', innen mit Punze 'Argentan'.
Weisses Emaille-Leuchtzifferblatt mit arabischen Zahlen und skelettierte Leuchtzeiger. Zifferblattbeschriftung: Perfecto Vallès Ayerbe / Reloj de Précision.


Uhrwerk:
Chronometro Naval (mit Bildmarke gepunzt), Hersteller Fabrique Germinal SA / Picard & Cie (La Chaux-de-Fonds, Schweiz) .
17½ Linien; Gesamtdurchmesser: 39,5 mm; Durchmesser hinter der Grundplatine (Einbaudurchmesser): 38 mm.
10 Rubis (Unruh: 2 Lochsteine, 2 Decksteine, Anker: 2 Lochsteine, Ankerrad: 2 Lochsteine, zweites Rad des Räderwerks: 2 Lochsteine), dreispeichige schaubenlose Ringunruh mit Flachspirale und Metall-Impulsfinger, Modul mit Unruh, Anker, Ankerrad auf eigener Platine, zweiteiliges Gesperr aus Sperrhaken und Sperrfeder, Sperrad nicht unter einer aufgeschraubten Sperradbrücke, sondern mit zentraler Schraube befestigt.
Kronenaufzug, einfache Kupplungsschaltung, federnder Kupplungshebel mit Drücker.

Entstehungszeit ca. 1915-1930.

F.Werk.a.hinten.2.png


Hier die Zifferblattseite mit dem Stundenrohr:

F.Werk.a.vorn.mit.Stunde.png


Und hier noch einmal die Zifferblattseite ohne Stundenrohr (liegt links daneben). Man erkennt links neben dem zentralen Minutenrohr in einem Ausschnitt der Grundplatine das Wechselrad auf dem Federhaus, das die Zeiger antreibt (Erklärung siehe unten) und oben in der Mitte das stählerne Zeigerstellrad, sowie darüber die Kupplung, in die der Kupplungshebel (von links kommend) eingelegt ist:

F.Werk.b.vorn.ohne.Stunde.png


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Kurze Geschichte der Roskopf-Uhr

Die Geschichte der Roskopf-Uhr und die Technik wird ausführlich und reich illustriert auf dieser Seite dargestellt, die ich empfehlen möchte, auch wenn der Text englisch ist. Dort habe ich viele Daten für die nachfolgende Darstellung entnommen. Autor der Seite ist Ulrich Bretscher:
https://ecitydoc.com/download/the-roskopf-watch-ulrich-bretschers_pdf

Georges Frederic Roskopf (1813 – 1889) kam im badischen Niderwiller als viertes von zehn Kindern eines Metzgers und Wirtes zur Welt. 1829 wanderte er nach La Chaux-de-Fonds im Schweizer Jura aus, wo er von 1833 bis 1835 in der Firma J. Biber das Uhrmacherhandwerk erlernte. Schon nach drei Jahren, nachdem er geheiratet hatte, verliess er die Firma und versuchte sich in verschiedenen selbständigen und angestellten Tätigkeiten in der Uhrenbranche, bevor er 1867 die erste Serie der ‘Roskopf’-Uhren herausbrachte, die ihn berühmt machen sollten.

Sein Ziel war es, eine günstige Uhr auf den Markt zu bringen, eine ‘Montre Proletaire’, wie er sie selbst nannte, die sich auch ein Arbeiter würde leisten können. Sie sollte zwar einfach sein, aber robust und von guter Qualität. Er stellte die Uhren nicht selbst her, sondern liess die Komponenten nach seinen Vorgaben im Auftrag fertigen.
Die ‘Roskopf Patent’-Uhr von 1867 wurde sofort ein grosser Erfolg. Eine zweite, in einigen Details verbesserte Serie zeigte bereits alle Kennzeichen der typischen Roskopf-Uhren, wie sie noch jahrzehntelang quasi unverändert gebaut wurden. Die Uhren entstanden in maschineller Massenfertigung, wodurch sich Produzenten manuell gefertigter Uhren bedroht sahen, was zu Anfeindungen gegen Roskopf führte. Schon 1872 zog sich Georges Frederic Roskopf zurück und verkaufte die Firma. Die Nachfolgefirma und legitime Inhaberin der Rechte und Patente G.F. Roskopfs hiess ‘Wille Freres’.

Der Erfolg brachte es aber mit sich, dass bald auch zahlreiche andere Hersteller nachgeahmte Uhren auf den Markt brachten, die den originalen ‘Roskopf Patent’-Uhren zum Verwechseln ähnlich waren, viele von ihnen auch qualitativ gleichwertig. Einige Nachahmer kamen sogar aus der Familie Roskopf, weswegen sie diesen Namen ganz legal verwenden durften, einige andere führten den Namen Roskopf ohne ersichtliche Legitimation.
Der Sohn von G.F. Roskopf, Fritz-Edouard Roskopf (1835-1927) liess ab 1899 Uhren durch die Firma Société Horlogère (ab 1902 umbenannt in Reconvillier Watch Co. SA) herstellen, die mit F.E.-Roskopf gekennzeichnet waren und eine Distel als Bildmarke hatten.
Unter den Namen 'Louis Roskopf S.A.', 'Petit Fils Roskopf' und 'Roskopf Nieto' vertrieb dessen Sohn und Enkel des Erfinders, Louis-Frederic Roskopf etwa ab 1900 Uhren.
Viele andere Firmen benutzten aus rechtlichen Gründen den bewusst falsch geschriebenen Namen ‘Rosskopf’.

Bei meiner Uhr gibt es keinen Verweis auf Roskopf, obwohl sie alle technischen Kennzeichen einer echten typischen Roskopf-Uhr trägt und auch Designelemente kopiert, wie etwa die Markenpunze auf dem Rückendeckel.
‘Chronometro Naval’ war eine Marke des Herstellers Fabrique Germinal SA / Picard & Cie (La Chaux-de-Fonds, Schweiz); registriert 1895, Bildmarke (konzentrische Kreise) registriert 1899

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Merkmale einer Roskopf-Uhr

Die ‘Roskopf Patent’-Uhren wiesen einige typische Charakteristika und Besonderheiten auf, die auch meine ‘Chronometro Naval’ alle (u.U. mit Ausnahme des letzten Punktes 5) besitzt:

1) Antrieb der Zeiger durch das Federhaus mittels vorn aufgepresstem Wechselrad, das Zentrumsrad des Räderwerks entfällt.

Der Antrieb der Zeiger durch ein Wechselrad, das vorn auf den Federhausdeckel aufgepresst ist, kann als das wichtigste Konstruktionsmerkmal von Roskopf-Uhren bezeichnet werden.

Um dieses Detail besser erklären zu können, hab ich mich mal verkünstelt und mit Powerpoint und Paint ein farbiges Schema entworfen (und dabei festgestellt, dass die neue Version des ehemals guten Programms durch unnötiges Umstellen und Verkomplizieren des Aufrufs von Funktionen deutlich verschlechtert wurde, ohne dass es etwas Neues gibt. Danke Microsoft).

Roskopf.Schema.png


Das Federhaus (grün) trägt, wie auch bei Werken mit traditionellem Zeigerantrieb durch ein zentrales Minutenrad, am vorderen Rand einen Zahntrieb (grün Fh Rw), der an das erste Rad (blau Rw 1) weitergibt. Dieses Rad steht aber nicht im Zentrum des Werks, sondern seitlich davon, und es treibt auch nicht die Zeiger an. Zum Antrieb der Zeiger ist vorn auf den Federhausdeckel ein grosses Wechselrad mit zwei Zahntieben aufgepresst. Es treibt sowohl den Minuten- als auch den Stundenzeiger an. Der grosse untere Trieb (rot Wr M) treibt das Minutenrohr (rot Mr) an, der kleine obere Trieb (gelb Wr S) treibt das über dem Minutenrohr liegende Stundenrohr (gelb Sr) an. Vom äusseren Trieb (rot Wr M) wird auch das Zeigerstellrad (grau Zsr) angetrieben, das einfach mitläuft. Minuten- (rot Mz) und Stundenzeiger (gelb Sz) sind wie üblich auf die Rohre aufgesteckt. Das Minuten- und Stundenrohr sind locker auf einen festen zentralen Zapfen auf der Zifferblattseite der Grundplatine gesteckt.

Hier als Foto noch das Federhaus und das Minuten- und Stundenrohr eines Baumgartner-Werks, bei der Chronometro Naval sieht es quasi identisch aus:

Federhaus.BFG.cal.png


Die Zeigerreibung liegt zwischen dem Federhaus und dem Wechselrad auf seiner Vorderseite, beide sind durch Rutschkupplung verbunden. Das Wechselrad wird mit dem Federhaus mitgenommen und lässt das Zeigerstellrad mitlaufen. Beim Stellen kann über die Kupplung das Zeigerstellrad verdreht werden. Dadurch wird die Reibung zwischen Federhaus und Wechselrad überwunden und das Rad gegen das Federhaus verdreht.
Der Zeigerantrieb durch das Federhaus ermöglichte es, die Grösse des Federhauses über die Werksmitte hinaus auszudehnen, weil es kein zentrales Rad mehr gibt. Dadurch konnte eine längere Aufzugfeder verwendet werden, wodurch eine längere Laufdauer ermöglicht wird. Es wurde ein Rad im Räderwerk ganz eingespart, zwischen Federhaus und Ankerrad liegen also nur noch zwei Zahnräder. Eine Sekundenanzeige gibt es bei dieser Anordnung nicht, denn falls man mit geeigneter Übersetzung das neben dem Ankerrad liegende Rad nutzt, läuft die Sekunde im Gegenuhrzeigersinn um (sehr selten verwirklicht, sonst wurde bei Roskopfuhren mit kleiner Sekunde wieder ein drittes Rad im Räderwerk hinzugefügt).

2) Kronenaufzug, einfacher Kupplungsaufzug mit Drücker.

Ein solcher Kronenaufzug ist an sich nichts Besonderes, im letzten Viertel des 19. Jhds. Und im ersten Viertel des 20. war eine Vielzahl von Taschenuhren aller gebräuchlichen Bauarten in quasi identischer Form damit ausgestattet. Aber zu der Zeit, als die Roskopf-Uhren erstmals damit aufwarten konnten, dürfte es ein sehr modernes und luxuriöses Feature gewesen sein. Die erste Serie der Roskopf-Uhren von 1867-1870 hatten es noch nicht. Zwar hatten auch diese Uhren schon einen schlüssellosen Kronenaufzug, was damals auch schon sehr bemerkenswert war, aber es gab keinen Umschaltmechanismus zum Stellen, sondern die Uhr musste vorne geöffnet werden, und das Stellen erfolgte durch Drehen mit dem Finger am Minutenzeiger. Deshalb brauchten diese Uhren besonders kräftige Zeiger und der Minutenzeiger hatte einen langen Schwanz. Dieses typische Roskopf-Zeiger-Design wurde auch später bei vielen Uhren beibehalten, obwohl es technisch nicht mehr nötig war.

Aufzug.BFG.cal.png


Denn schon ab der zweiten Baureihe ab 1870 gab es den Umschaltmechanismus. Die Fotos, die ich davon zeige, stammen nicht von meiner Chronometro Naval, sondern von einem sehr einfachen Baumgartner-Werk, dort ist es aber quasi identisch. Die Fotos zeigen das Werk schräg von innen (bzw. von hinten). Das Werk wurde bis auf die Grundplatine zerlegt.
Es handelt sich um einen einfachen Kupplungsaufzug, der nur aus zwei Bauteilen besteht. Das Umschalten erfolgt mittels einer Kupplung (Ku), die an der Aufzugwelle nach oben oder unten geschoben wird, und entweder oben mit dem Kupplungsrad (Kr) oder unten mit dem Zeigerstellrad (Zsr) in Eingriff kommt. Diese sieht schon genauso aus und funktioniert, wie auch alle späteren Kupplungen bis heute. Sonst gibt es nur noch den langen federnden Kupplungshebel (f KH), der die Kupplung an der Aufzugwelle nach oben drückt, sodass sie in Eingriff mit dem Kupplungsrad ist, Dies ist die Aufziehposition. Zum Umschalten auf Stellen drückt man mit dem Fingernagel einen Drückerstift hinunter. An einer Stelle ist der federnde Kupplungshebel zu einem Druckpunkt (roter Pfeil) erweitert, auf den der Stift dabei drückt. Drückt man darauf, wird die Kupplung an der Welle nach unten gedrückt und kommt in Eingriff mit dem Zeigerstellrad, welches das Wechselrad auf der Federhausvorderseite verdrehen kann.

Auf den Fotos kommt nicht nur mein fetter Daumen gut zur Geltung, man sieht auch noch auf dem linken Bild eine Vertiefung für das Wechselrad an der Federhausvorderseite (Fh), innen ist ein ganzer Sektor aus der Grundplatine ausgeschnitten, um dem Wechselrad Zugang auf die Zifferblattseite zu geben. Man sieht auch den festen Zapfen für das Minuten- und Stundenrohr im Zentrum des Werks, der von der Grundplatine auf die Zifferblattseite ragt.
Das gesamte Federhaus ist viel grösser. Die beiden Zahnräder sind noch im Werk. Der Zahntrieb am Federhausrand erreicht den kleinen oberen Trieb des rechten, grösseren Zahnrads, dieses gibt mit dem grossen äusseren Trieb an das nächste Rad weiter.

3) Stiftankerhemmung: Anker mit Metallstiften anstatt Rubin-Palettensteinen, Unruh mit Metall-Impulsfinger anstatt Hebelscheibe mit Rubin-Ellipsenstein.

Die Stiftankerhemmung ist zwar typisch für Roskopf-Uhren, und sie dürften wohl auch die ersten Uhren in grösserer Stückzahl mit diesem Hemmungstyp gewesen sein. Für Roskopf war aber offenbar die Stiftankerhemmung beim Entwurf seiner Montre Proletaire eher ein nebensächliches Detail, ursprünglich wollte er eine Zylinderhemmung verwenden. Ich habe mehrfach gelesen, dass Roskopf die Stiftankerhemmung modifiziert und verbessert habe, aber kenne dazu keine Details. Auffällig ist, dass die Anker der Roskopfuhren Seitenanker sind – beide Arme mit den Stiften stehen nach der gleichen Seite von der Ankerachse ab. Am Ende ist die Achse zu einem langen, an der Spitze verbreiterten Kontergewicht verlängert, diese Spitze hat oft, wie bei meiner Uhr, die Form einer Raute, es gibt aber auch anders geformte Kontergewichte.
Zum Anstossen des Ankers gibt es bei Palettenankerwerken an der Unruhwelle eine tellerförmige Hebelscheibe, von deren Unterseite eine Rubin-Ellipse senkrecht nach unten ragt. Bei den Roskopf-Uhren gibt es hierfür hingegen einen ganz anders geformten Metall-Impulsfinger, der im rechten Winkel von der Unruhwelle absteht.
Hier im Foto die ähnliche Unruh eines Baumgartner-Werkes von der Unterseite, der Impulsfinger zeigt nach links zur 9-Uhr-Bildposition:

Unruh.BFG.cal.png


4) Modul mit Unruh, Anker und Ankerrad auf eigener Platine, diese mit Schlitz und Stellschraube.

Eine Besonderheit aller echten Roskopf-Patent-Uhren und auch der hochwertigen Nachbauten, ist die Montage des Hemmungs- und Schwingsystems (Unruh, Anker, Ankerrad) als Modul auf einer eigenen kleinen Platine. Ich habe das Modul aus dem Foto freigestellt, damit es besser zu erkennen ist:

F.Werk.a.hinten.Hemmungmodul - Kopie.png


Dieses Modul ist mit drei Schrauben im Werk befestigt, zwei davon werden von oben (hinten) eingeschraubt und befinden sich zu beiden Seiten des Unruhklobens (UK), eine dritte, grössere Befestigungsschraube wird von vorn eingeschraubt, so kann die ganze Plattform durch Lösen von drei Schrauben einfach und schnell aus dem Werk entnommen und durch ein anderes vorbereitetes Modul ersetzt werden. Diese dritte Schraube kann man auf den Fotos mit der Werksvorderseite weiter oben gut erkennen. Es ist die grosse Stahlschraube in der unteren Werkshälfte leicht rechts von der Mitte. Man sieht auch, dass die Grundplatine mehrere Löcher hat, dort wo in Modul die Lager von Ankerrad, Anker und Unruh sind. So können diese überprüft und geölt werden, ohne das Modul ausbauen zu müssen. Alle Lager im Modul und die Lager des folgenden Rades auf der Grundplatine sind Rubinlager, nur das erste Rad nach dem Federhaus hat einfache Metall-Lager (10 Rubis).
Interessant ist, dass diese Module immer über eine Einstellmöglichkeit für die Eingrifftiefe des Ankers in das Ankerrad verfügen: Zwischen dem Ankerkloben (AK) und dem Ankerradkloben (ArK) ist die Modulplatine tief geschlitzt, am Ende ist der Schlitz gerundet erweitert, wie bei einer Dehnungsfuge. Durch die Fuge wird ein schmal dreieckiges Stück der Platine, auf dem sich der Ankerradkloben befindet, bis zu einem gewissen Mass beweglich gegenüber dem Rest der Platine. Am Seitenrand der Platine ist eine Einstellschraube eingeschraubt, die durch den Schlitz geht. Durch Ein- bzw. Ausschrauben dieser Regulierschraube kann der Spalt verengt oder erweitert werden, wodurch die Stifte des Ankers tiefer oder weniger tief zwischen die Ankerradzähne greifen.

5) Philippe-Aufzugfeder nach Jean Adrien Philippe (1815-1894), zweiteilig mit Schleppfeder, Federhausinnenwand mit mehreren Riefen.

Die Philippe-Aufzugfeder wurde erst ab der zweiten Serie 1870 verbaut. Roskopf bezahlte jahrelang, bis zum Ende des Patentschutzes, Nutzungsgebühren an Philippe, einen der Gründer von Patek-Philippe.
Es handelt sich um eine zweiteilige Feder, d.h. aussen, an die Innenwand des Federhauses schmiegt sich eine kurze, etwa zwei Drittel des Umfangs lange Schleppfeder, die auf einer Seite einen kurzen, nach innen zur Federhausmitte gerichteten Haken hat. Die innen liegende lange Aufzugfeder hakt mit einer Lasche an ihrem äusseren Ende in den Haken der Schleppfeder ein, die dann der Windungsrichtung der Aufzugfeder entgegengerichtet ist. Beide Federn bilden also ein V. Die Federhausinnenwand hat mehrere vertiefte senkrechte Riefen. Das äussere freie Ende der Schleppfeder rutscht so lang an der Wand entlang, bis es in einer Riefe hängenbleibt. Die Feder kann dann aufgezogen und angespannt werden. Wird der Zug zu gross, wenn die Feder schon stark aufgezogen ist, springt das äussere Ende der Schleppfeder aus der Riefe, rutscht ein Stück an der Wand entlang zur nächsten Riefe und rastet dort wieder ein. Es kann also nicht weiter aufgezogen werden, auch wenn man endlos an der Krone drehen kann, denn die Schleppfeder rutscht immer wieder nach wie bei einer Automaticfeder. Dabei entsteht- wie ich in Beschreibungen las- ein typisches Rattern beim Einrasten, wenn die Schleppfeder von Riefe zu Riefe rutscht.

Tja, bei meiner Chronometro Naval kann man ganz normal aufziehen, bis es nicht mehr weitergeht. Die Feder rutscht nicht nach und es gibt natürlich auch kein Rattern. Deshalb nehme ich an, dass in der Chronometro Naval keine Philippe-Aufzugfeder verbaut ist.

Welchen Zweck hatte die Philippe-Feder? Ich habe zwei Begründungen gelesen:

A) Sie wurde als unzerbrechliche Aufzugfeder beworben, sollte also ein Abreissen der Feder durch zu starken Zug verhindern, was angeblich zur Zeit ihrer Einführung ein häufiger Schaden gewesen sein soll.

B) Sie sollte einen besseren Isochronismus ermöglichen, d.h. die Uhr kann während der ganzen Zeit des Ablaufens bei nachlassender Federspannung gleichmässig schnell laufen. Dies wurde dadurch erreicht, dass die Feder nicht maximal angespannt werden kann. Bei sehr hoher Anspannung läuft die Uhr deutlich schneller, während sie später ungeachtet des weiteren Nachlassens der Spannung bis kurz vor dem Ende recht gleichmässig schnell bleibt.
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Wer war Perfecto Vallès?

Das Zifferblatt meiner Uhr ist beschriftet mit ‘Perfecto Vallès Ayerbe’.
Ayerbe ist ein kleines spanische Städtchen in der Provinz Huesca (Aragonien) im Nordosten, nahe der nördlichen Küste mit heute gerade einmal 1071 Einwohnern.
Zuerst dachte ich nicht, dass Perfecto ein Vorname sein könnte. Ich hielt es für einen Firmennamen. Um zu sehen, ob es Informationen dazu auf dem Netz gibt, startete ich eine kombinierte Suchanfrage mit ‘Perfecto Vallès’ und ‘Ayerbe’. Und ich wurde fündig:
In einer Chronik der Geschichte des Ortes Ayerbe im 20. Jahrhundert, wo alte Dokumente zusammengefasst sind, wird eine Person dieses Namens zweimal erwähnt, 1924 und 1930.
https://es.wikipedia.org/wiki/Historia_de_Ayerbe_(siglo_XX)
Erste Erwähnung:
1924:
Casino de Ayerbe; Presidente - Don Perfecto Vallès
Was dieses Casino de Ayerbe genau war, weiss ich nicht. Das Präsidentenamt scheint aber ein wichtiges öffentliches Amt gewesen zu sein, da die Amtsinhaber jährlich genannt wurden.

1930 :
Am 12. Dezember 1930 kam es zum sogenannten Jaca-Aufstand: Ein Aufstand in der Garnison von Jaca, die die Abschaffung der Monarchie und eine demokratische Republik verlangte, konnte nur mit einigen Schwierigkeiten durch die Staatsmacht niedergeschlagen werden. Der antimonarchistische Aufstand war gegen die ‘Dictablanda’ des Regierungschefs General Berenguer und gegen König Alfonso XIII. gerichtet. Nachdem die aufständischen Truppen unter den Kapitänen Fermín Galán Rodríguez und Ángel García Hernández die Garnison und die Stadt Jaca eingenommen hatten, marschierten sie nach Ayerbe weiter, das sie ebenfalls eroberten. Beim Weitermarsch nach Huesca wurden sie von monarchistischen Truppen überrascht und besiegt.
In einer Liste von inhaftierten pro-republikanischen Unterstützern aus Ayerbe nach der Niederschlagung des Jaca-Aufstandes wird auch ein Perfecto Vallès genannt. Näheres geht nicht direkt aus dem Text hervor. Da aber bei einigen anderen Verhafteten angegeben wurde, dass für sie die Todesstrafe oder lebenslange Haft beantragt wurde, oder dass sie in der Haft verstarben, darf angenommen werden, dass Vallès später wieder aus der Haft freikam.

Ich vermute, dass Perfecto Vallès ein Uhrmacher war, der für seine Uhren Zifferblätter mit seinem Namen herstellen liess. Es kann aber auch sein, dass er der Erstbesitzer der Uhr war und diese mit einem Zifferblatt mit seinem Namen ausstatten liess.
Vielleicht weiss jemand von euch dazu mehr?

So, das war es wieder mal. Ich hoffe es war interessant, auch wenn der Text sehr lang ist. Ich freue mich über alle Kommentare, Ergänzungen und Berichtigungen…

Gruss Andi
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PS:
Ach ja, ich hätte auch noch Fragen:

- Kann man noch etwas zum Werk sagen? Ist es irgendwo verzeichnet (Paulson etc.)? Weiss man etwas über die Bauzeit?

- Kann ein Recherche-Genie noch etwas über Herrn Perfecto Vallès herausbekommen? War er Uhrmacher (vielleicht irgendwo verzeichnet)?

- Heisst es eigentlich der Trieb oder das Trieb (also bei Zahnrädern)?
 
Zuletzt bearbeitet:
#3
Spindel

Spindel

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Danke für Deine Mühe und Vorstellung.:super:

Natürlich gibt es Plexiglas um das Werk zu schützen.

Gruß Roland
 
#4
andi2

andi2

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Hallo Roman und Roland, danke für den Zuspruch! Wegen den Plexis werde ich wohl nochmal bei dir nachfragen Roland...

Ich hab noch ein paar zusätzliche Sachen zu zeigen:

Typisch für die Roskopf-Uhren waren 'Watch-Paper', runde - mit Werbung für die jeweilige Uhrenmarke bedruckte - Papierblättchen, die innen in den äusseren Rückendeckel der Uhr eingelegt waren. Auch die 'Chronometro Naval'-Uhren hatten solche Papiere. Bei meiner Uhr fehlt es leider. So sah es aus:

watchpaper.png
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So ging es mit den Uhren nach dem Roskopf-Prinzip weiter:

Man könnte mit etwas mehr Dramatik auch sagen: Der Niedergang der Roskopf-Uhren. Denn später wurden immer einfachere Werke nach dem Roskopf-Prinzip entwickelt und es wurde gespart, wo man nur konnte. Zuerst fiel das Modul mit der Hemmungspartie weg. Unruh, Anker und Ankerrad hatten ihr vorderes Lager nun direkt auf der Grundplatine. Man gab ihnen auch keine massiven Kloben mehr, das Ankerrad war direkt unter der Dreiviertelplatine des Pfeilerwerks verbaut, die Kloben von Unruh und Anker waren nur noch Metallplättchen, die oben auf die Dreiviertelplatine geschraubt waren, i.d.R. mit den Pfeilerschrauben, ebenso die Sperradbrücke und das Gesperr. Auch das Gesperr wurde vereinfacht und besteht nur noch aus einem Teil: die lange Sperrfeder hat an der Spitze den Sperrhaken, bzw. ist so geformt, dass sie zwischen Sperrad und Kronrad greift.
Viele dieser sehr simplen Werke- von zahlreichen verschiedenen Firmen - sind fast bauidentisch, viele Teile sind austauschbar, was den Schluss nahelegt, dass sie auf einen gemeinsamen Bauplan zurückgehen.

Hier einmal 2 solche Billig-Werke aus meiner Sammlung, beide identisch gross mit 19'':

Hier zunächst eine Uhr (mit Oris / Bentima 19'') von aussen, Gehäuse Eisen vernickelt, Emaille-Leuchtzifferblatt

Bild1.png

Bild3.png

Hier das Werk der Uhr:
Oris / Bentima 19'' (ca. 1920-1935), 0 Rubis

Bild8.png

Ben-003F.JPG

Bfn-002F.JPG

Und hier ein Baumgartner 19'' (ca. 1920-1935), 0 Rubis:

x.Werk.hinten.png

x.Werk.vorn.png

Abkürzungen:

A: federnder Kupplungshebel mit Drücker
B: Kupplungsrad / Aufzugsrad
D: Zeigerstellrad

F: Federhaus
Fm: Zahnkranz am Wechselrad für Minutenrohr
Fs: Zahnkranz am Wechselrad für Stundenrad (und Zeigerstellrad)

M: Minutenrohr
S: Stundenrohr

Kr: Kronrad
Sp: Sperrad
Sf: Sperrfeder (Gesperr)
Gb: Brücke für Gesperr

Hs: Halteschraube für Aufzugwelle
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Hier mal noch ein paar andere Threads im Uhrforum mit späten Uhren nach dem Roskopf-Prinzip:

Uhrenbestimmung - Alte Taschenuhr Roßkopf Patent mit Fragen
Bei diesem Werk scheint es kein Hemmungsmodul mehr zu geben, sondern alles ist direkt auf der Grundplatine verbaut, Trotzdem gibt es separate Kloben für Unruh, Anker und Ankerrad. Man sieht es nicht so deutlich auf dem Foto, aber wie es scheint, ist die Grundplatine zu beiden Seiten des Ankerradklobens tief geschlitzt. So kann ein Plattenstück zwischen den Schlitzen mit dem Ankerradkloben ein wenig verschoben werden, um die Anker-Eingrifftiefe einzustellen.
Die Uhr hat eine Sekundenanzeige und daher ein zusätzliches Rad im Räderwerk.

Uhrenbestimmung - LUXI Watch Co ...
Bei dieser 'Luxi' gibt es noch einen separaten Unruh- und Ankerkloben, das Ankerrad ist unter der Platine verbaut Es gibt kein Modul, aber wie es scheint, ist die Grundplatine auf beiden Seiten des Ankerklobens tief geschlitzt, um den Eingriff einstellen zu können (nicht gut auf dem Foto zu sehen)

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So, das war es nun wirklich.
Gruss Andi
 
Zuletzt bearbeitet:
#5
ANTARES1958

ANTARES1958

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Ausführlichere Erklärung fast nicht mehr möglich. Klasse Zusammensätzung ! Vielen Dank dafür!
 
#6
Z

Zentra

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Hallo Andi und Forenmitglieder,

eine erstklassige Vorstellung!!! Danke für Deine Arbeit. Das sind Beiträge die dieses Forum Wertvoll machen.

Gruß Herbert
 
#7
pretium intus

pretium intus

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Hallole,
wunderbar, jetzt kann ich mit meinem Zeigerreibungsproblem weitermachen....
Vielen Dank!!!
GuK
Hans
 
#8
husky

husky

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Toller Bericht.
Meine Hochachtung für die Recherchearbeit.
Mit freundlichen Sammlergrüßen
Michael
 
Thema:

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