Billigheimer nach Roskopf-Bauart von Ed. Kummer Bettlach (EKB) / Ebauches Bettlach (EB) und eine digitale Scheibenuhr mit springender Stunde (ca 1932)

Diskutiere Billigheimer nach Roskopf-Bauart von Ed. Kummer Bettlach (EKB) / Ebauches Bettlach (EB) und eine digitale Scheibenuhr mit springender Stunde (ca 1932) im Taschenuhren Forum im Bereich Uhrentypen; Dieser Thread ist eigentlich eine Fortsetzung meines Roskopf-Billigheimer-Theads mit den Werken von Lapanouse: Billigheimer nach Roskopf-Bauart...
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Dieser Thread ist eigentlich eine Fortsetzung meines Roskopf-Billigheimer-Theads mit den Werken von Lapanouse: Billigheimer nach Roskopf-Bauart mit Zentralsekunde: 'Chronographe de Sport' / 'Hors Norme' / 'Made in France' (ca. 1945)

Ich habe mich entschlossen, für diesen neuen Beitrag einen eigenen Thread zu eröffnen, denn es geht um Werke eines anderen Uhrwerk-Herstellers, nämlich der Ed. Kummer A.-G. Bettlach (EKB), später nach der Übernahme 1931 durch die ASUAG und Umstrukturierung umbenannt in Ebauches Bettlach (EB).

Ich habe zwei Uhren mit Werken des Herstellers EKB / EB zu zeigen, eine davon hat eine interessante Komplikation und ist eine digitale Scheibenuhr mit springender Stunde.

Ich möchte mit den Beiträgen nach und nach zu Klassifizierung dieser kaum bekannten und sehr einfachen Roskopfwerke mit fest integriertem Pendant beitragen, die zum Verwechseln ähnlich von zahlreichen Herstellern gebaut wurden. Wenn die Werke eines Herstellers jeweils einen eigenen Thread bekommen, kann ich zusätzliche Informationen zu den Werken oder weitere Werke später hinzufügen, ohne dass es zu sehr durcheinander geht.

Pat.136701.Bild2.png


Die erste Uhr, die ich zeige, kann gleich zweifach dem Hersteller Ed. Kummer SA Bettlach (EKB) zugeordnet werden. Zum einen durch den Namen 'Inventic', der von der Firma 1915 als Marke registriert wurde (siehe Mikrolisk - The horological trade mark index), zum anderen durch das Schweizer Patent 136702, das 1929 ebenfalls für die EKB eingetragen wurde.

Markennamen, die wie Schwesterschiffe der Titanic klingen, waren bei den Billig-Roskopfuhren beliebt, neben 'Inventic' (EKB) gab es z.B. auch 'Magnific' (EKB) oder 'Competic' (AM).

Pat.136701.Bild3.png


Die Uhr ist in einem guten kosmetischen Zustand. Das Uhrglas aus Zelluloid (Celluloid) war aber fast undurchsichtig geworden und wurde von mir wieder aufpoliert. Ich nutze dafür einen groben Baumwollstoff, der mit Spiritus (Ethanol) befeuchtet wurde und das Zelluloid anlöst. Beim Polieren entsteht durch den enthaltenen Campher ein Geruch wie Eukalyptusbonbons. Nun ist das Glas wieder schön durchsichtig, aber vergilbt, weswegen das in Wirklichkeit silberne Zifferblatt golden wirkt. Ein innerer Kreis ist durch eine Stufe abgesenkt. Aussen auf dem Rand gibt es eine Eisenbahnminuterie und fett geschriebene arabische Stundenzahlen, im inneren Kreis steht 'Inventic' und darüber in einem Bogen entlang des Randes rot gedruckt 'Shock-Proof',unten etwas kleiner Patent 136702 und ein Schweizer Kreuz. Die Kathedralzeiger sind gebläut.

Das zweiteilige Gehäuse hat einen Pressdeckel und besteht aus vernickeltem Eisen (magnetisch).

Pat.136701.Bild4.png


Pat.136701.Bild5.png


Das Werk wird wie das Lapanouse-Werk in der 'Cimier' mit 2 rechtwinklig gebogenen Laschen im Gehäuse gehalten, dies findet man so bei verschiedenen Herstellern. Auf der Deckplatine ist eingeprägt 'Patent ✚ 136702 SWISS MADE ' und daneben noch das rätselhafte 'M', das man so oft in Werken verschiedener Hersteller findet.

Das Zifferblatt ist mit 2 kleinen Schräubchen von vorn ans Werk geschraubt.

Kaliber EKB / EB 44,3 mm, Höhe 6,0 mm mit Patent 136702 (für vernietete Unruh-Körnerlager)
Hier eine Abbildung der Zifferblattseite (links) und der Werksseite (rechts):

Pat.136701.Bild7.png


Wofür steht denn nun diese Patentnummer, auf die stolz auf dem Zifferblatt und auf dem Werk hingewiesen wird? Wer eine geniale Idee erwartet, wird enttäuscht. Es handelt sich bei dem Patent von 1929 um eine Rationalisierungsinnovation zur billigeren Produktion: Das Patent schildert eine Lagerung der Unruh in Körnerlagern, die (vorderes Lager) in die Platine eingepresst, bzw. (hinteres Lager) mit dem Unruhkloben vernietet werden. Bei dem vernieteten hinteren Lager ist der Kopf am Rand so mit einer Rinne versehen, dass der Ring mit Regulierschlüssel (Rücker) und Rückerzeiger darin festgehalten wird. Der Kopf des Unruh-Körnerlagers ist auch noch mit einem Schweizerkreuz gepunzt, wodurch noch ein drittes Mal auf das Patent hingewiesen wird.

Pat.136701.Patent.S1.png

Patent 136702 (1929) Ed. Kummer A.-G. Bettlach: Gesamte Patentschrift

Pat.136701.Patent.S2.png

Patent 136702:
A) Einzige Abbildung in der Patentschrift
B) Farbiges Schema
C) Das beschriebene Unruhlager verwirklicht in der 'Inventic'


Wenn ein Werk, so wie dieses hier, mit der Patentnummer gepunzt ist, kann es mühelos dem Hersteller EKB / EB zugeordnet werden. Es muss aber gesagt werden, dass dies nicht immer der Fall ist, wenn solche vernietete Körnerlager verwendet werden. Oft fehlt die Punze mit der Patentnummer und es gibt nur die Schweizerkreuzpunze direkt auf dem Unruhlager, oder es fehlt auch dort jeder Hinweis. Ausserdem gibt es das gleiche Werk, sonst mutmasslich völlig identisch, auch mit den traditionellen Zapfenlagern (wie bei dem zweiten EKB / EB-Werk, das ich hier im Anschluss zeige). In diesem Fall muss das Werk anhand seiner Merkmale erkannt werden. Die Angabe 'Shock Proof' auf dem Zifferblatt bezieht sich wohl auf die Körnerlagerung der Unruh, denn tatsächlich sind solche Unruhen wesentlich unempfindlicher gegen Stösse und Schläge als eine Zapfenunruh. Allerdings nutzen sie sich mit der Zeit ab und die Welle müsste dann ersetzt werden, während Zapfenunruhen weniger von Verschleiss betroffen werden.

Im Vergleich zu den Werken, die von Lapanouse konzipiert wurden und im Thread beschrieben sind, den ich ganz oben genannt habe, fallen mehrere Unterschiede auf (die bei beiden EKB / EB-Werken, die ich untersucht habe, so vorkommen).

  • Die Zeigerwerkübersetzung ist anders als bei den Lapanouse-Werken. Das Minutenrohr mit 18 Zähnen (bei Lapanouse 12 Zähne), das Stundenrohr mit 66 Zähnen (bei 36 Lapanouse Zähne)

    Pat.136701.Bild9.png


  • Auf der Zifferblattseite kann man bei beiden EKB-EB-Werken oben nahe des Randes in dem Ausschnitt mit Einblick auf die Aufzugteile erkennen, dass in die Rinne der Kupplung ein federnder Kupplungshebel eingelegt ist. Der lange federnde Kupplungshebel kann von der Seite gesehen werden, er liegt zifferblattseitig unter dem Federhaus und erstreckt sich bis zu dem Pfeiler, wo auch die Sperrad-Kronrad-Brücke festgeschraubt ist. Der Rand der Feder ist dort halbkreisartig ausgeschnitten und stützt sich an dem Pfeiler ab. Im Gegensatz dazu gibt es bei den Lapanouse-Werken keinen Kupplungshebel, sondern es ist unsichtbar eine Feder (wohl eine Spiralfeder, wie bei einem Druck-Kugelschreiber) im Inneren des Pendanten eingebaut. Bei der Lapanouse-Konstruktion ist ausserdem die Aufzugwelle, das Aufzugstrieb und die Kupplung Teil des Pendanten (alles aus einem Stück), während wahrscheinlich bei der altmodischeren EKB / EB-Konstruktion die Welle traditionell von einer Schraube gehalten wird und herausgezogen werden kann, Aufzugstrieb und Kupplung dürften wohl wie normalerweise üblich einzelne Bauteile sein. Dies muss ich aber später noch näher untersuchen, wenn ich die Werke zerlege.
    Interessanterweise gibt es ein Schweizer Patent 67787 (1913) der Ed. Kummer A.-G Bettlach (EKB) für ein Werk, das fest mit dem Pendanten verbunden ist und ebenso konstruiert ist. Die Details hierzu muss ich aber wie gesagt später noch durch eine Zerlegung des Werks ermitteln.

    Pat.Patente.Pendant an Werk.png

    Patent 67787 (1913) der Ed. Kummer A.-G Bettlach. Zeichnung aus der Patentschrift: Der Pendant und seine Befestigung im Werk, seitlich; von mir neu beschriftet

  • Bei den beiden untersuchten Lapanouse-Werken ist (auf der Zifferblattseite) die Grundplatine um das Ankerlager herum hufeisenförmig ausgeschnitten, dieser hufeisenförmige Ausschnitt fehlt bei den EKB / EB-Werken.
  • Das Federhaus hat bei den beiden untersuchten EKB / EB-Werken eine geschlossene Seitenwand, während bei den beiden untersuchten Lapanouse-Werken die Federhausseitenwand nur aus einem Kranz aufgebogener Laschen des Federhausbodens besteht.

    Pat.136701.Bild8.png


  • Der Anker hat bei den beiden untersuchten EKB-EB-Werken eine identische Form mit zwei U-förmigen Schlingen, deren kreisförmig erweiterte Enden die Ankerstifte tragen (es gibt ein Foto dieses Ankers bei der unten noch folgenden Beschriebung der zweiten EKB / EB-Uhr. Diese Ankerform ist aber für die Zuordnung zu einem Hersteller aber generell nicht geeignet, denn sie ist weit verbreitet und bei mehreren Herstellern zu finden.
  • Die EKB / EB-Werke haben einen kurzen Ankerkloben, der weitab vom Werksrand mit einer eigenen Schraube festgeschraubt ist, während die Lapanouse-Werke einen längeren Ankerkloben haben, der bis an den Rand des Werkes reicht und dort mit einer Pfeilerschraube festgeschraubt ist. Dieser kurze Ankerkloben hat einen recht speziellen, asymmetrischen Umriss, allerdings etwas variabel im Vergleich mehrerer Werke. Seine Form ist dazu geeignet, bei der Bestimmung des Uhrwerks den Kreis der Hersteller einzuengen, aber es gibt ähnliche kurze Ankerkloben mit eigener Schraube auch bei anderen Herstellern (zumindest bei AM und bei Oris, möglicherweise noch bei weiteren).
    Es gibt eine interessante Seite mit den Werken des Herstellers A. Michel, dort werden auch mehrere Beispiele für das AM-Werk mit fest integriertem Pendant gezeigt (Modell No 1 einfach): Werk-Modell No. 1 „einfach“. Das Werk 'No 1 einfach' von AM ähnelt den EKB /EB-Werken sehr, aber sie haben eine spezifische Form des Unruhklobens und der Ankerkloben ist meist symmetrisch (bei EKB / EB immer asymmetrisch). Für eine Bestimmung eines Werkes genügt die Form des Unruhklobens nicht, sondern nur als eines der Indizien.

    EB.digital.Vergleich.Kloben.png
Soviel zu der ersten Uhr. Aber ich habe ja noch eine zweite. Die zeige ich gleich in einem zweiten Post, den muss ich nun erst noch erstellen. Alles auf einmal wäre mir zu viel geworden.

Bis gleich...
Gruss Andi
 
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Eine digitale Scheibenuhr mit springender Stunde der EKB / EB, basierend auf einem Billig-Roskopf-Werk mit fest integriertem Pendant (ca. 1932)

Die Uhr, die ich im zweiten Post zeige, ist eine Besonderheit: Eine digitale Scheibenuhr mit springender (besser: geschalteter) Stunde. Digitale Scheibenuhren mit springender Stunde (jump hour), vor allem als Armbanduhren, waren eine Mode der frühen 1930er Jahre. Sie kamen ca. 1932 auf den Markt und blieben nur wenige Jahre populär. Es gibt bereits einen sehr interessanten Thread unseres Kollegen @DRGM zu diesem Thema:
Die Scheibenuhren der 1930er.

EB.digital.1.png

Das zweiteilige Gehäuse mit Pressdeckel besteht aus vernickeltem Eisen (magnetisch). Wie bei allen Scheibenuhren der '30er gibt es vorn kein grosses Uhrglas, sondern die Vorderseite ist verschlossen und es gibt nur zwei kleine Fenster zum Ablesen der Stunde (oben) und der Minute (unten). Quasi immer hat das Minutenfenster diese Form, die an den Umriss von Lippen erinnert.

EB.digital.2.png

Die Gehäuse der digitalen Armbanduhren der '30er waren fast immer viereckig und auch sonst kantig ohne Rundungen, eckige Uhren waren damals sehr in Mode. Auch bei dieser runden Taschenuhr ist diese Kantigkeit verwirklicht: vorn und hinten ist sie vollkommen plan und eben, die abfallenen Flanken am Rand sind eckig gestuft und der Seitenrand ist ebenfalls ganz ungerundet und flach.

EB.digital.3.png

Kaliber EKB / EB 44,3 mm, Höhe 5,1mm: Digitale Scheibenanzeige mit springender Stunde

EB.digital.6.png

EB.digital.5.png

Hier eine Abbildung der Zifferblattseite (links) und der Werksseite (rechts):

EB.digital.4.png
Rote Pfeile (Zifferblattseite) = drei Schrauben mit hohen Schraubenköpfen als Abstandhalter zum Gehäuse
Weisse Striche (Werksseite) = zwei rechtwinklig gebogene Stahl-Laschen halten das Werk im Gehäuse


Sicher gibt es auch eine analoge Version (mit Stunden- und Minutenzeiger) des Basiskalibers. Obwohl der allgemeine Aufbau des Werkes quasi identisch ist mit dem Werk in der 'Inventic' (mit dem Patent 136702) gibt es doch 2 auffällige Unterschiede:

1) Das Werk mit der Digitalanzeige ist deutlich dünner als das Werk in der 'Inventic'. Von der Grundplatine zur Deckplatine gemessen (also Werk an den Platinen zwischen Schieblehre geklemmt), ohne Einbeziehung weiter aufragender Objekte wie Kloben, Schraubenköpfe, Sperrad-Kronrad-Brücke etc:
  • Digitales Werk: 5,1 mm Platine zu Platine
  • Inventic: 6,0 mm Platine zu Platine
Viele wesentliche Teile sind wegen unterschiedlicher Achsenlänge bzw. Höhe zwischen den beiden Werken also nicht austauschbar (Federhaus und Feder, Räder, Unruh). Man müsste sie also als zwei verschiedene Kaliber klassifizieren.

2) Auf der Zifferblattseite hat die Grundplatine des dünneren digitalen Werks zwischen den Lagern des Ankers und des Ankerrades zwei runde Löcher (X auf den Bildern weiter unten), durch die man genau auf die kreisförmig erweiterten Enden der Ankerfortsätze mit den Ankerstiften schaut. Sie sind wohl dafür gedacht, die Hemmung zu ölen (wenn auch die Ankerstifte auf der abgewandten Seite sind).
Bei dem dickeren Werk der 'Inventic' fehlen diese beiden Löcher.

Im Vergleich mit der analogen Basisversion (vertreten durch das Werk in der Inventic) hat die Werksvariante mit Scheibenanzeige und springender Stunde einige Besonderheiten zu bieten:

Das Stundenrohr fehlt (denn es gibt ja auch keinen Stundenzeiger), und auch das Wechselrad auf der Federhausvorderseite (zum Zeigerantrieb) ist nur einstöckig mit nur einem Zahnkranz (Minutentrieb Wr M), ein Stundentrieb wäre nutzlos und fehlt.
Der zentrale feste Zapfen auf der Werks-Zifferblattseite (typisch für alle Roskopf-Werke mit Zeigerantrieb von der Seite) an der Spitze mit Schraubenloch.

EB.digital.8.png
X = zwei runde Löcher, durch die man auf die Ankerstifte sieht (diese aber abgewandt, zur Werksrückseite zeigend)
Wr M = Wechselrad auf Federhaus zum Zeigerantrieb, Minutentrieb (das Stundentrieb fehlt der digitalen Version)
Zsr = Zeigerstellrad

Anstatt eines normalen Minutenrohrs wird eine Minutenscheibe auf den Zapfen gesetzt und mit einer kleinen Schraube auf dem Zapfen verschraubt (wobei die Scheibe aber natürlich leicht drehbar bleibt). Auf der Rückseite, fest mit der Aluminium-Minutenscheibe vernietet, ein Minutentrieb aus Messing, das identisch ist mit dem Minutentrieb eines normalen Minutenrohrs (18 Zähne). Die Minutenscheibe rotiert also langsam im Uhrzeigersinn wie das auch ein Minutenzeiger tun würde.

Oberhalb der Minutenscheibe, weitab von der Werksmitte, befindet sich die Stundenscheibe, die ebenfalls aus Aluminium besteht. Sie hat keinen eigenen Antrieb, auf ihrer Unterseite befindet sich ein fest damit vernieteter Schaltstern aus Messing mit 12 Zähnen. Sie überlappt die Minutenscheibe, deren Rand knapp am Stundenscheiben-Schaltstern vorbeikommt. Kurz vor der 30 min-Markierung (bei min 28:30) hat der Rand der Minutenscheibe einen kleinen spitzen Zahn. Dieser kommt nicht am Schaltstern vorbei, wenn er stündlich die Stundenscheibe passiert, sondern erfasst diesen und dreht ihn einen Zahn weiter gegen den Uhrzeigersinn. Dies passiert dann, wenn auf der gegenüberliegenden Seite der Minutenscheibe die Zeit 'min 58:30' angezeigt wird. Der Wechsel dauert ca. 90 sec und ist also bei min 00 beendet.
Die Stundenscheibe wird von einer Rastfeder aus Stahl in Position gehalten.

EB.digital.9.png

EB.digital.10.png

Das Zentrum der Stundenscheibe, die nur aufgelegt ist, liegt genau an der gleichen Position wie die Achse des Zeigerstellrades (Zsr), das auf der Innenseite mit der Grundplatine vernietet ist. Durch die Vernietung ist die Grundplatine auf der Aussenseite ganz leicht 'kraterartig' vertieft und mitten darin steht die Achse des Zeigerstellrads als kleine 'Beule' hervor, wodurch die Stundenscheibe leicht in die richtige Position rutscht. Oben wird sie von einem von rechts kommenden Kloben abgedeckt. Oben auf der Scheibe gibt es in der Mitte ein Loch und auf der Klobenunterseite einen kurzen Zapfen, der in das Loch greift. Die Scheibe wird so sicher in Position gehalten und ist gleichzeitig leicht und mit ganz wenig Kraft drehbar. Insgesamt würde ich diese Scheibenmechanik als gut, zuverlässig und langlebig bezeichnen, etwas Besseres findet man auch bei wesentlich hochwertigeren digitalen Uhrwerken der '30er meist nicht. Besonders positiv sticht hervor, dass die Minutenscheibe aufgeschraubt ist und deshalb kinderleicht abgenommen werden kann, wie überhaupt die ganze Scheibenmechanik sehr servicefreundlich ist. Bei anderen damaligen digitalen Werken mit der Zeigerreibung auf einer zentralen Minutenradwelle mit aufgepresster Minutenscheibe incl. Trieb kann das Abnehmen der Minutenscheibe eine Horroraufgabe sein.

Nahe des Werksrandes gibt es drei Schrauben mit hohen Schraubenköpfen, die als vordere Abstandhalter zwischen Werksvorderseite und Gehäuse dienen (in der Werksabbildung der Zifferblattseite mit 3 roten Pfeilen markiert).

Die hier verwirklichte Scheibenmechanik, bei der die Minutenscheibe fest auf dem Minutentrieb befestigt ist und (bei Werken mit zentralem Minutenrad) direkt angetrieben wird (bei Roskopf-Werken immer beide Zeiger indirekt von der Seite angetrieben), wobei ein kleiner Dorn am Scheibenrand bei Minute 30 die Stundenscheibe weiterschaltet, ist sehr weit verbreitet bei den Scheibenuhren der 1930er Jahre. Diese Methode, bei der die Minutenscheibe selbst die dezentral gelegene Stundenscheibe weiterschaltet, war damals am häufigsten. In den 1970er Jahren, als die Scheibenuhren noch einmal eine kurze Blüte erlebten, wurde diese Methode kaum noch verwendet, wahrscheinlich deshalb, weil die mögliche Grösse der Scheiben und damit die Ablesbarkeit (v.a. bei der Minutenscheibe) eingeschränkt ist.

Die zweithäufigste Methode damals war es, sowohl die Minutenscheibe als auch die Stundenscheibe dezentral zu befestigen und beide Scheiben durch eine zentral auf dem Minutentrieb sitzende Treib- und Schaltscheibe anzutreiben, siehe hier: Die Scheibenuhren der 1930er.

Ansonsten ähnelt das Werk, abgesehen von seiner geringeren Dicke von 5,1 mm von Platine zu Platine (beim Werk der Inventic 6,0 mm) und den beiden Löchern in der Grundplatine bei den Ankerstiften (X in den Abbildungen) dem Werk in der Inventic sehr. Der Pendant ist auf gleiche Weise mit dem Werk verschraubt, auch hier gibt es den langen federnden Kupplungshebel und die Federhausseitenwand ist geschlossen.

In der nächsten Abbildung sieht man noch den Anker mit den beiden u-förmigen Schlingen, an deren Spitzen die Ankerstifte sitzen (sieht genau gleich aus beim Werk der Inventic).

EB.digital.7.png

Die Unruh hat eine Zapfenlagerung, oben ist ein Metall-Deckplättchen mit 2 Schrauben befestigt, unten gibt es ein seitlich mit einer Schraube verschraubtes Metall-Deckplättchen. Bei den EKB / EB-Werken sind sowohl Unruhen mit genieteten Körnerlagern (Patent 136702) als auch traditionell zapfengelagerte Unruhen verbreitet. Daneben gab es auch noch Unruhen mit einem Schraubenschlitz auf der Abdeckung des hinteren Lagers (in Ebay-Angeboten gesehen), hierbei handelt es sich wohl um ein eingeschraubtes Körnerlager. Die Gestalt der Unruhlager kann man also nicht gut zur Werksbestimmung heranziehen, abgesehen davon, dass Patent 136702 beweist, dass es ein EKB / EB-Werk ist.

Vorläufiges Fazit:

Die EKB/EB-Werke kann man provisorisch von den Lapanouse-Werken durch diese Merkmale unterscheiden:
  • Federhaus mit vollständiger, geschlossener Seitenwand (bei den Lapanouse-Werken nur ein Kranz aufgebogener Laschen des Federhausbodens)
  • Kupplungs-Umschaltmechanismus mit langem federndem Kupplungshebel. Bei den Lapanouse-Werken fehlt hingegen ein Kupplungshebel, statt dessen eine unsichtbare Feder im Inneren des Pendanten, wohl eine Spiralfeder wie in einem Kugelschreiber
  • Andere Übersetzung des Zeigerwerkes: Minutenrohr mit 18 Zähnen, Stundenrohr mit 66 Zähnen. Bei den Lapanouse-Werken Minutenrohr mit 12 Zähnen, Stundenrohr mit 36 Zähnen)
  • Ankerkoben kurz, weitab vom Rand mit einer eigenen Schraube befestigt, Form asymmetrisch (gab es aber so oder zumindest ähnlich auch bei weiteren Herstellern). Bei den Lapanouse-Werken ein langer Ankerkloben, der bis zum Werksrand geht und mit einer Pfeilerschraube festgeschraubt wird (gab es aber auch noch bei weiteren Herstellern)
  • Anker mit 2 u-förmigen Schlingen, an den Spitzen die Ankerstifte (diese Ankerform ist weiter verbreitet und kommt auch noch bei weiteren Herstellern vor). Bei den Lapanouse-Werken Anker anders geformt und mehrere verschiedene Ankerformen
Der federnde Kupplungshebel und das seitlich geschlossene Federhaus, die man bei den EKB/EB-Werken findet, sind im Vergleich zu den ungewöhnlicheren Lösungen bei den Lapanouse-Werken noch altmodische, aus der Frühzeit der Roskopf-Uhren stammende Bestandteile. Sicher findet man das ganz ähnlich bei manchen anderen Herstellern dieses Roskopf-Werk-Typs mit fest integriertem Pendant, ich habe da theoretisch noch viele zu untersuchen, es gab den Werkstyp definitiv auch von AM (A. Michel), AS (A. Schild), Oris, Amida, Ebosa, Baumgartner und weiteren.
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Äusserlich habe ich die beiden Uhren wieder so gut es ging auf Glanz gebracht. Bei der Scheibenuhr habe ich das Zelluloid-Plättchen hinter dem Fenster durch ein transparentes Plastik-Plättchen ersetzt. Das Gehäuse, das stellenweise schwarz von Rost war, habe ich entrostet und dann dünn neu mit Nickel beschichtet (Tifoo-Nickel Star), es ist besser geworden, nun sehen die vorher schwarzen Stellen halt ein wenig aus wie weisser Mehltau, aber aus einem Apfelbutzen kann man halt keinen Apfel mehr machen… Die Uhren müssen von mir nun aber noch zerlegt werden, dann habe ich sicher noch einiges zu berichten. Da muss ich aber erst mal sehen, wann ich dazu komme. Sie haben aber beide eine Werksreinigung und neues Öl dringend nötig.

Die Inventic läuft ein wenig schlapp vor sich hin und bleibt ständig stehen. Hier reicht dann evtl. eine einfache Reinigung und Schmierung. Allerdings könnte es sein, dass die Körnerspitzen der Unruh schon abgenutzt sind.

Bei der digitalen Scheibenuhr, die gar nicht läuft, dachte ich zuerst, der vordere Unruhzapfen sei gebrochen, denn die Unruh hing schief und liess sich nicht anstossen. Nachdem ich Unruh und Anker ausgebaut hatte, sah ich, dass der vordere Unruhzapfen nur schief war, weil der Kloben wohl festgeschraubt wurde, obwohl der Zapfen nicht im Lager war. Den konnte ich zum Glück wider gerade richten und die Uhr tickt wieder. Allerdingst kann ich keine Federspannung aufbauen (Feder gebrochen oder sonstwas). Da muss ich dann noch sehen, was vorliegt und wie ich es reparieren kann.

Sobald ich Neuigkeiten habe, geht es hier weiter.

Gruss Andi
 
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Badener

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Vielen Dank für diese schöne Übersicht. Man merkt, dass da sehr viel Recherchearbeit dahintersteckt!
 
Ruebennase

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.👍 Vielen Dank Andy für deine Mühe. Ich glaube ich habe alles verstanden. Schon interessant, dass eine gut durchdachte Komplikation auch zum einsparen von Teilen führen kann.
Ich drücke dir die Daumen, dass bei der Scheibenuhr es sich um einen Federbruch handelt nachdem Du sie schon so fein wieder restauriert hast.

Grüße Rübe
 
andi2

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Danke euch beiden für den Zuspruch!

@Badener: Du hast mich mit deiner Arbeit über die österreichischen Montford-Werke dazu gebracht, mir diese Roskopf-Billigheimer mit integriertem Pendant auch mal näher anzuschauen.

Hallo Rübe,
diese Werke von Billiguhren sind ein ideales Betätigungsfeld, finde ich. Nirgends findet man so viele ausgefallene technische Lösungen, gerade weil um jeden Rappen (bzw. Dollar, Mark oder Franc) der Produktionskosten gerungen wurde. Oft sind auch richtig gute Lösungen dabei, wie z.B. der fest installierte Pendant bei den Lapanouse-Werken wo der gesamte Aufzug- und Umschaltmechanismus im Pendanten integriert ist (wirkt unkaputtbar). Ausserdem sind sie nicht gut bekannt und man kann noch etwas Neues beitragen. Tja, und der Spass kostet auch nicht viel und wenn beim Schrauben mal was kaputt geht, oder sich etwas Kaputtes nicht mehr reparieren lässt, bleibe ich ganz cool.
Gruss Andi
 
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Unruhgeist

Unruhgeist

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Was es nicht alles gab :shock:
Solche Uhren habe ich zwar auch schon mal gesehen, aber nie näher beäugäpfelt. Um so besser, dass du das hier mal detailliert erklärt hast. Man kann sich ja nicht jede Uhr(technik) kaufen, um die Funktionsweisen zu erforschen.
Das ist im Übrigen die erste Uhr die ich bewusst gesehen habe, die zur vollen Stunde bei den Minuten auch die 60 anzeigt. Bisher kannte ich die Zeitangabe "Fünf Uhr sechszig, Gustav" nur von einem Lokführer aus Entenhausen, als dieser von seinem Kollegen nach der Uhrzeit gefragt wurde. (Kein Witz, in irgendeinem der lustigen Taschenbücher stand das so drin)
Und jetzt weiß ich auch, was für eine Uhr der Lokführer hatte 8-)

Grüße,
Unruhgeist
 
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