Besuch bei Moritz Grossmann mit einer Gruppe von 10 Uhrenliebhabern

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Wir haben gerade mit einer Gruppe von zehn Uhrenliebhabern die Firma Moritz Grossmann in Glashütte in Sachsen besucht. Glashütte gilt heutezutage als das Zentrum der feinen deutschen Uhrmacherei und beherbergt etwas mehr als ein Dutzend Uhrenfirmen und Zulieferer. Glashütte liegt im Erzgebirge, und Erz hat Glashütte wohlhabend gemacht und wieder arm, als es kein Erz mehr gab. Daraufhin kam die Uhrmacherei und hat sich dort angesiedelt im frühen 19. Jahrhundert.
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Glashütte's frühe Uhrmacherei ist gekennzeichnet von 4 grossen Namen:
  1. Ferdinand Adolph Lange
  2. Moritz Grossmann (Wikipedia Informationen)
  3. Julius Assmann
  4. Adolf Schneider
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Moritz Grossmann wurde 1826 in Dresden geboren und verstarb 1885. Zu seiner Beerdigung sollen über 1.000 Leute gekommen sein. Er war zweifelsohne hochtalentiert, sprach 4 Sprachen, war Mitglied bei der freiwilligen Feuerwehr und zeitweise Abgeordneter des königlich sächsischen Landtages. Er schrieb auch Bücher über die Uhrmacherei, sein berühmtestes wohl das Werk mit dem Titel „Über die Konstruktion einer einfachen, aber mechanisch vollkommenen Uhr“.

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Wie man unschwer erkennen kann, ist der Name Moritz Grossmann wichtig für die deutsche Uhrmacherei. Warum wurde dieser Name eines berühmten und historisch bedeutsamen Uhrmachers gewählt? Man wollte diesen historischen Namen wiedererwecken, und nicht einen eigenen auf das Zifferblatt schreiben. Das war von Anfang an klar.

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Uhren von Grossmann sind heute immer noch begehrt, auch wenn Taschenuhren derzeit weniger Nachfrage erfahren. Es gibt sogar Taschenuhren von Grossmann, die doppelt signiert sind und wo der Name von Lange auch drauf steht (solche Uhren lassen sich auf (vergangenen) Auktionen finden.
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In 2008 hat man sich die Namensrechte gesichert, nachdem die Gründerin vorher in Zermatt bei Juwelier „Haute Horlogerie Schindler“ als Geschäftsführerin tätig war. Vorher war sie bei A. Lange & Söhne für das operative Marketing weltweit und den Vertrieb im Mittleren Osten seit 1998 zuständig. Sie hatte festgestellt, dass niemand die Namensrechte hielt und musste sich jedoch eine ganze Weile gedulden. Im selben Jahr 2008 wurde in der Schweiz eine AG gegründet und eine GmbH in Deutschland.

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Im Jahr 2010 wurde die erste Uhr fertiggestellt mit dem Namen Benu. Und wie das Leben so spielt, waren die ersten 100 Uhren sehr schnell verkauft, besonders zur Überraschung von der Firmengründerin, die damit nicht gerechnet hat.

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(CNC-Maschine)

Die Anfänge von der modernen Neugründung fanden in einem kleinen Atelier gegenüber von dem Gebäude statt, wo Moritz Grossmann ursprünglich gelebt und gewirkt hatte. Das Atelier wurde nach ein paar Jahren zu klein, weswegen man das heutige prachtvolle Gebäude, das 2013 eröffnet wurde, gebaut hat. Dort werden derzeit weniger als 500 Uhren jährlich produziert, das Gebäude ist ausgelegt auf eine Jahresproduktion von 800 bis 1000 Uhren maximal. Bisher kann die Firma schon auf ein beachtliches Wachstum in kurzer Zeit zurückblicken.
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Ich finde die Möglichkeit eine Uhrenmanufaktur direkt zu besuchen immer eine interessante und spannende, zugleich auch lehrreiche Erfahrung. Man kriegt einen Blick hinter die Kulissen und hat die Möglichkeit, offene Gespräche zu führen, die das Verständnis für die Marke, die Produktion und die Vision hinter der Marke verbessern. Was ich immer eine grosse Bereicherung finde, ist auch das Gespräch mit den Mitarbeitern, sei es in der Herstellung, sei es in der Designabteilung oder auch mit den Uhrmachern.

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Grossmann hat einen sehr hohen Anteil an Eigenfertigung, der etwa um die 85 – 90% liegt. Das ist eine sehr hohe Produktionstiefe, die nur wenige Firmen übertreffen. Darüber hinaus legt Grossmann sehr grossen Wert auf eine sehr hochwertige Finnisierung. Zwei Drittel der Wertschöpfung entstehen bei der Finissage. Die Komponenten werden mit Drahterosion und CNC-Maschinen hergestellt, um die nötige Präzision zu erreichen.

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(Zeigersatz, mit den Schritten der Polituren wie auch Einfärbung, Details dazu weiter unten im Text)

Bei Grossmann dauert nur das Fertigen eines Zeigersatzes im Durchschnitt um die 6 bis 8 Stunden, also mehr oder weniger einen ganzen Arbeitstag. Das sind Dinge, die man der Uhr nicht direkt ansieht, oder sagen wir so, die man ihr vielleicht ansieht, wenn man sehr erfahren ist in der Uhrmacherei. Diese Dinge tragen einen massgeblichen Anteil zur Wertschöpfung bei. Handarbeit wird gross geschrieben bei Grossmann. Die Schrift in den Werken ist handgraviert, was eigentlich keine Uhrenmanufaktur mehr macht. Das erkennt man daran, dass zum Teil die Tiefe und die Ansätze der Gravuren nicht ganz gleichmässig sind. Um dies zu erkennen, benötigt man wohl eine sehr hochauflösende Lupe.

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Im Werk werden weisse Saphire verwendet. Auf der 2/3tel Platine werden im Gegensatz zu anderen Fimen keine gebläuten Schrauben verwendet. Das Logo-Design von Grossmann Uhren ist angelehnt an die From der Zwei-Drittel-Platine. Diese ist aus Neusilber und hat „nur“ vier Streifen, wodurch man den gravierten Text besser lesen kann. Das Uhrwerk wirkt dadurch insgesamt ruhiger.

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Bei Grossmann werden auch die Werkzeuge und Vorrichtungen selbst im Haus gebaut. Dies erhöht die Unabhängigkeit des Unternehmens. Die Werke sind reine Eigenentwicklungen und werden vollständig inhouse hergestellt. Das Sperrrad wird mit einer eigens entwickelten Maschine dreifach sonnengeschliffen (siehe das Bild obendrüber). Die Zeiger werden über einer offenen Flamme angelassen, d.h. erhitzt und dadurch „eingefärbt“, bei ca. 285 Grad werden sie braunviolett, ab 290 Grad blau. Der Farbverlauf geht von Gelb über Rot, zu Braunviolett und dann zu Blau. Das geht sehr schnell und der Uhrmacher muss dabei sehr aufmerksam sein.

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Der gesamte Prototypenbau erfolgt im eigenen Werk. Und jede Uhr durchläuft eine „Zweifachmontage“ bevor sie an den Kunden gehen darf. Das bedeutet, dass jede Uhr vor Auslieferung zweimal auseinandergebaut und wieder zusammengesetzt wird. Nach dem zweiten Mal ist sie fertig zur Auslieferung an den Kunden. So wird die Uhr ausgiebiger getestet und sichergestellt, dass sie den hohen Ansprüchen der Firma Moritz Grossmann und natürlich denen des Kunden genügt.
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Im Gespräch mit Frau Hutter habe ich sehr stark spüren können, wie visionär sie ist, wie mutig und ideenreich. Bewundernswert muss ich sagen.

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Das Vertriebskonzept wurde für die Zukunftsausrichtung geändert. Man wird nicht mehr an der Baselworld Messe teilnehmen, dafür wird es Roadshows in wichtigen Kernmärkten geben, bei denen man die Uhren direkt den Kunden präsentiert. Wichtige Märkte von Moritz Grossmann sind derzeit in Japan mit eigener Boutique in Tokio, Dubai, Hongkong und USA mit New York City. Auch in Doha und Madrid werden die Uhren präsentiert.

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Nach jeder Menge Informationen über historische und technische Details im ersten Teil des Berichts, möchten wir nicht versäumen zu erwähnen, dass redsubmariner diese kleine Manufakturbesichtigung für unsere Gruppe organisiert hatte.

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Es waren User verschiedener Plattformen und auch Gäste dabei, die keinem Forum angehören. Dennoch herrschte von Anfang an eine recht lockere Stimmung unter den Gästen. Einen großen Beitrag dazu leisteten redsubmariner und Watch-Watcher, die hervorragend vernetzt, immer wieder User der verschiedenen Foren zusammenbringen. Ein Übriges tat der überaus herzliche Empfang durch die Mitarbeiter der Firma Moritz Grossmann.

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Bemerkenswert war der freundliche Umgang der Mitarbeiter untereinander. Hier wurde nicht nur eine freundliche Fassade für Besucher aufgezogen wurde. Und das gute Klima dort wirkte auf mich sofort sehr ansteckend. Dazu muss man auch sagen, dass die Mitarbeiter durchweg eine gewisse Routine im Umgang mit Besuchern haben. Die Art zu erklären und Vorgänge zu zeigen zeugt davon, dass die Mitarbeiter das nicht zum ersten Mal machen. Auf meine Nachfrage sagte man mir auch, dass die Manufaktur jede Woche Besucher zu Besichtigungen empfängt. Diese Routine zahlt sich aus. Man fühlte sich wohl und bekam stets kompetente Erläuterungen zu seinen Fragen.

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Was mir persönlich auffiel, war das unprätentiöse Auftreten von Christine Hutter, der Inhaberin von Moritz Grossmann. Sie tritt offen in Gesprächen auf und man merkt deutlich, dass sie das Uhrmacherhandwerk nicht nur gelernt hat, sondern es auch heute dafür brennt. Anders ließe sich auch ein so großes Projekt gar nicht umsetzen.

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Auch wenn wir ständige Begleiter hatten, hatte ich nur einmal das Gefühl, unter Zeitdruck zu stehen. Und das lag daran, dass wir noch einen zweiten Termin hatten und ich im Gespräch mit Frau Hutter ganz die Zeit vergessen habe, dass ich es nicht mehr schaffte die Kollektion zu fotografieren. Und das war mein eigentliches Anliegen. Wenn Ihr die Uhren betrachten wollt, muss ich auf den ersten Teil des Besuchsberichts von @redsubmariner verweisen.

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Abschließend ein Dankeschön bei redsubmariner für die Organisation, bei all den anderen Uhrenfreunden, dass sie dabei waren und mit ihrem sympathischen Auftreten für eine angenehme Stimmung sorgten. Es bleibt allen Usern des Uhrforum nur zu empfehlen, sich die Mühe zu machen, einmal eine Uhrenmanufaktur zu besuchen. Für mich war es ein großartiges Erlebnis, das kein Freund der Haute Horlogerie versäumen sollte.

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