Benzing Konstatieruhr

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Zeitreisender

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Hallo zusammen,

ich bin seit 1999 im Besitz einer Taubenzüchter-Konstatieruhr, welche ich einst auf einem Düsseldorfer Flohmarkt für 60,- DM erworben hatte.

Anfangs wußte ich überhaupt nicht, was dies für ein seltsamer Kasten war. Eine uralte Kiste mit einer riesigen Kurbel und einer Uhr drin. Sie verschwand 15 Jahre lang im Keller.

Nun habe ich das gute Stück wieder hervorgeholt und da ich seit einigen Jahren auch einen Computer besitze, konnte ich mir endlich einige Informationen aus dem Internet besorgen. Sie sind leider sehr spärlich (auch im Englischen); Gebrauchanleitungen habe ich leider nicht eine einzige gefunden.

Nun habe ich angefangen, die Uhr äußerlich zu reinigen und die einzelnen Mechanismen zu erkunden. Ich bin nur Laie; von komplizierten, feinmechanischen Dingen lasse ich (noch) die Finger.

Hersteller: Benzing Original Breveté
Mechanik: D.R.G.M.
In Glasscheibe eingegossen: D.R.P.a 11230
In silberner Bodenplatte eingraviert: 71298
Uhrwerk-Gravur: 70941

Öffnet man das Holzgehäuse, sieht man sofort den Drehteller mit 14 Öffnungen für die nummerierten Ringe der ankommenden Brieftauben. Diese werden von oben in eine Öffnung gelegt (nicht die Tauben, sondern die Ringe !), fallen in den Drehteller und die Kurbel wird betätigt.
Der Teller dreht sich bis zur nächsten Öffnung weiter und ein riesiger Stempel knallt (!!!) gegen einen Papierstreifen, welcher gegen ein tintendurchtränktes Stoffband und weiter gegen die Rückseite der Uhr gepresst wird.
Dort sind scharfe Metallstempel, welche den Tag, die Stunde, Minute und Sekunde gegen das Papier pressen.
Der Kasten ist während des Wettkampfes mithilfe einer Plombe verschlossen (Löcher im Riegel).


Zur Uhr:

Auf dem Zifferblatt sieht man unten links eine Anzeige 1-7. Dies sind Tagesmarkierungen. Auch sehr praktisch, um die Gangdauer der Uhr festzustellen. Sie läuft nun bei mir den 3. Tag; also Zeiger auf 3. Zuvor wird der Zeiger händisch auf 1 gestellt.
Rechts davon ist eine Anzeige, die mir absolut unerklärlich ist !

Eine Pfeilmarkierung im Uhrzeigersinn - 15-30-45 entgegengesetzt, dazu ein dicker Stift knapp rechts oben. Nichts bewegt sich. Was soll das ???
Ich habe verzweifelt alle deutschen und britischen Google-Seiten durchforstet. Dutzende Bilder. Fast alle habe diese komische Anzeige, was zum Teufel ist das ?

Die Uhr wird durch Drehen des Minutenzeigers gestellt.
Extrem feinfühlig ist die Justierung über ein Rändelrad, rechts oben an der Uhr. Anzeige "R" und "A". Ich vermute, daß "R" = rapide, also schneller bedeutet.

Oben auf der Uhr ein Hebel, der die Uhr nach wenigen Sekunden anhält. A = anhalten, M = weiterlaufen. Welchen Sinn das bei einem Wettbewerb hat, weiß ich nicht. Dabei wird ein Stift gegen das Papier gestoßen. Die Ausstanzung sammelt sich in einem Rohr, welches bei meinem Exemplar nach etwa 90 Jahren gut gefüllt ist. Kurbeln wurden lt. Internet schon in den Dreißiger Jahren durch Kreuzschlüssel ersetzt.

Die Uhr selbst wird von zwei Bodenschrauben gehalten und nach entfernern dieser nach oben herausgezogen; wird die Uhr wieder eingesetzt, wird nach Festschrauben derselben von vorne ein messingfarbener Aufsatz in Richtung des Zifferblattes geschoben und schlußendlich eine dicke Glasscheibe vorne von oben in den Holzkasten gesetzt. Der messingfarbene Aufsatzring beinhaltet eine Cellonscheibe, welche innen durch einen Ringe festgepresst ist.


Sonstige Beobachtungen:

Zur Herausnahme der Ringscheibe wird ganz rechts im Kasten ein Sperrhebel nach rechts bewegt; der Ring-Drehteller danach nach oben herausgenommen.
Die gestempelte Papierrolle kann erst nach Betätigen eines weiteren Hebels oberhalb der Rolle entfernt werden.

Alles in allem eine absolut bomben- und fälschungssichere Angelegenheit. Schließlich ging es hier um hohe Wetten, also auch um viel Geld. Und das in der Weltwirtschaftkrise Ende der Zwanziger Jahre !
Laut meinen Internet-Recherchen hat Benzing solche Kisten nahezu unverändert zwischen 1920 und 1965 gebaut. Erste Exemplare tauchten von anderen Firmen etwa ab 1890 in Belgien auf.

Breveté bedeutet vermutlich eine Art "Rechtssicherheits-Zeichen", da Patente (überwiegend in Belgien) zwar staatlich erteilt wurden, aber jegliche weitergehende Rechtsansprüche dadurch nicht an den Staat gestellt werden konnten (wenn ich das auf einer englischen Seite richtig interpretiert habe).

Den knochenharten Ledergriff habe ich mit Brooks-Sattelfett eingeschmiert und 3 Tage einwirken lassen. Das Holzgehäuse wurde mit Clou Fernol Klarpolitur eingepinselt, die Messingteile mit Ballistol-Waffenöl gewienert.

Hier nun ein paar Bilder:
 

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Der Stromer

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Toll. Einfach toll.

Kein Strom, kein Komputer und hat bestens über Jahrzehnte hinweg funktioniert. Wieviele Tauben da wohl vorbei geflogen sind?

Schön, dass Du es erhältst.
 
P

Pommes

Gast
Hallo "Zeitreisender",
zu dieser Uhr gehören noch Messingnäpfchen, mit denen die Zettelchen (welche die Tauben mitführen) in der Uhr unter Protokollierung des Tages und der Uhrzeit versenkt werden.

Diese "komische Anzeige" auf der rechten Seite des Ziffernblattes zeigt Dir an, ob und wie lange die Unruhe in der Uhr geprellt hat.
Dies ist im Prinzip ein Zählwerk, das ab Fabrikation? auf 45 Irgendwas gestellt, bzw. aufgezogen wird, um dann mittels eines Mechanismus am Anker der Uhr bei Prellen der Unruhe auf Null herunterzählt. Dadurch können Manipulationen durch Anhalten, und dann das Zeitaufholen durch absichtliches Prellen sichtbar gemacht werden. So habe ich mir wenigstens diese Mechanik erklärt, als ich eine solche (defekte) Uhr zerlegt habe.
Gruß, C.

Hinzugefügt:
Der Hebel zum Anhalten des Uhrwerkes wird bei einer Stempelung automatisch auf "M" , also auf "laufen" gestellt, ich nehme an, daß dies der Synchronisierung aller Uhren eines Wettkampfes dient. Man kann sich das vielleicht so vorstellen, daß alle Uhren angehalten werden, dann aufgezogen und auf z.B. 12:00Uhr gestellt werden, und dann jedes Vereinsmitglied um genau 12:00Uhr eine Stempelung vornimmt.

Meine beiden funktionierenden Uhren haben eine Gangdauer von 8Tagen und 11Stunden, bzw. 9Tage und 14Stunden.
 
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Zeitreisender

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Hallo zusammen,

zunächst einmal vielen Dank für Eure Antworten.
So ganz habe ich den Mechanismus der von mir beschriebenen Anzeige noch immer nicht verstanden - aber das wird sich hoffentlich auch noch finden.

Ich möchte Euch heute ein paar interessante Links mitteilen, die ich bei meinen Suchen entdeckt habe:

Zunächst eine Übersicht des wohl bekanntesten Herstellers, nämlich Benzing:

Benzing


Hier nun alle bekannten und unbekannten Hersteller (alle Namen zum Anklicken zur Detailauswahl). Ganz unten auf der angezeigten Seite folgt Part 2. Dort dann ganz unten rechts klicken und es erscheint eine Art Katalog, in welchem sogar Zeichnungen des Innenlebens mancher Uhren gezeigt werden !:

Overview of all pigeon timers


Diese Übersichtsseite ist auch recht informativ:

Taubenuhren

Gruß, Michael
 
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