Bauhaus extrem: Taschenuhren 'Rodana' und 'Rey' mit kubistisch gestalteten Uhrwerken der A. Schild SA (ca. 1940)

Diskutiere Bauhaus extrem: Taschenuhren 'Rodana' und 'Rey' mit kubistisch gestalteten Uhrwerken der A. Schild SA (ca. 1940) im Taschenuhren Forum im Bereich Taschenuhren; Manchmal findet man beim Suchen etwas, wonach man gar nicht gesucht hat - und ist glücklich. So wie ich mit meiner neuen Uhr. Mein Plan war, das...
#1
andi2

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Manchmal findet man beim Suchen etwas, wonach man gar nicht gesucht hat - und ist glücklich. So wie ich mit meiner neuen Uhr.
Mein Plan war, das zwanzigste Jahrhundert mal links liegen zu lassen und mich bei Ebay unter den etwas älteren Jahrgängen umzusehen. Da bin ich über dieses Angebot in den USA gestolpert. Von aussen sah die gut fotografierte 'Rodana' schon nicht schlecht aus:

Ein sehr gut erhaltenes schwarzes Metallzifferblatt, ausnahmsweise einmal ohne die fast unvermeidliche Leuchtmasse, sondern silbern bedruckt: ein Design in reinstem Bauhaus-Stil mit schlichten arabischen Sans-Serif-Zahlen und schmalen silbernen Stabzeigern in einem glatten verchromten Gehäuse.

Elektrisiert war ich, als ich das Werk sah! Alle Platinen rechtwinklig gestaltet! Das kenn ich doch, dachte ich, von der skelettierten und mit Glasboden versehenen 'Shell' Advertising Pocket Watch, die von Girard-Perregaux in den 1940ern hergestellt worden war.

Ich habe die Uhr erst seit gestern, aber ich kann jetzt schon sagen: Ich bin begeistert: Sie ist sehr gut erhalten. Das Zifferblatt hat nur kleinste Korrosionsspuren, die man auf der schwarzen Fläche kaum sieht, die Zeiger würde ein Pedant wohl neu polieren- ich lasse es lieber.
Die Uhr war wohl kaum in Gebrauch. Das Nickel-Chrom- Gehäuse zeigt kaum Nutzungsspuren, aber dafür grobe Öffnungsspuren auf dem hinteren Deckel.
Von der Ganggenauigkeit bin ich begeistert. Sie läuft jetzt seit etwa 36 Stunden und hat nur etwa 3 Sekunden verloren. Auch sonst sind alle technischen Funktionen offenbar perfekt.

Die Uhr lässt sich nicht genau datieren, stammt aber aus den 1940ern. Sie hat eine elegante flache Form, bei 4,6 cm Durchmesser ist sie 9 mm dick.
Trotzdem würde ich sie nicht als 'Frackuhr' bezeichnen.

Falls man den Begriff nicht für jede flache Taschenuhr ab den 1930ern verwendet, könnte man eine Frackuhr m.E. so definieren:
Sie wurde in der Brusttasche des Jacketts getragen und war mit einer Knopflochkette am Kragen befestigt. Besser wäre der Name Jackettuhr.
Sie hat ein Armbanduhrkaliber mit Zentralsekunde oder ohne Sekunde.
Sie hat i.d.R. kein dreiteiliges Taschenuhr-Gehäuse, sondern ein zweiteiliges.
Sie hat meist ein gewölbtes Zifferblatt.
Solche Uhren kamen erst im Lauf der 50er Jahre auf, gleichzeitig mit dem Aufblühen der Zentralsekunde.

Ich finde, eine glatte Schlangenkette passt besonders gut zu der Uhr. Hier nun endlich die Fotos:

wer3F.JPG

wer5F.JPG

asd4F.JPG

aaa4F.JPG

aaaa2F.JPG

bb4F.JPG

Das Werk, das bei der Rodana verbaut wurde, stammt von der Adolph Schild S.A., es ist das Kaliber AS 1052. Im Netz findet man mehrere Rodana-Taschenuhren mit diesem Kaliber, immer ist eine 15 Jewels-Version, wobei die Lagersteine direkt in die Platinen gepresst sind, mit einer monometallischen Schraubenunruh und Flachspirale.
Die genaue Bestimmung ist schwieriger als man denkt. Es hat mehrere AS-Kaliber mit diesem ausgefallenen Design gegeben, die sich z.T. nur von der Zifferblattseite her unterscheiden lassen.
Es gibt bei der geteilten Dreiviertelplatine und dem Unruhkloben nur gerade Kanten und rechte Winkel.

Zusätzlich hat mein Werk noch einen Karo-Zierschliff (Checkerboard), der die geometrische Gestaltung noch steigert.
Diesen Zierschliff habe ich sonst bei diesem Werk noch nie gesehen, er fehlt auch bei den beiden anderen 'Rodana'-Uhren, die ich kenne. Alle drei haben verschiedene Zifferblätter, bei meiner unterscheidet sich auch das Gehäuse von den anderen beiden.

wer2F.JPG

yui4F.JPG

wer1F.JPG

'Rodana', das ist Rodania SA / Rodana SA / Rodania Watch Co. / Joba Watch Ltd. in Grenchen, Lengnau und Biel, Schweiz, siehe http://www.mikrolisk.de/

Hier ein Link zu einer 'Rodana' mit kupferfarbenem Blatt und dem AS 1052 ohne Karo-Zierschliff:
http://wansor.vs120138.hl-users.com/Uhrenseite/eig_Taschenuhren_Bilder/dritte_Seite_Rodana1.php

Girard-Perregaux hatte ein Kaliber, das wohl auf dem AS 1052 (oder einem sehr ähnlichen As Werk) als Rohwerk basiert, wenn ich mich nicht irre, heisst die Kalibernummer 23 4483. Es gab mindestens zwei Versionen davon: Eine 7-Jewels-Version in der skelettierten 'Shell'-Advertising-Pocket Watch, die auch hinten einen Glasboden hatte, und eine 17-Jewel-Version in einer vergoldeten Dresswatch in einem Keystone-Gehäuse, zu sehen in diesen Links. Es fällt auf, dass bei Girard-Perregaux die Lagersteine in gepressten Chatons sitzen:
http://home.watchprosite.com/show-forumpost/fi-6/pi-2281767/ti-277045/s--4/
Hier das gleiche Modell, man sieht auch die Form des Bügels:
http://www.xmarksthescot.com/forum/f243/need-info-pocket-watches-71956/index2.html

Hier sieht man die ungewöhnliche 'Shell' Oil Pocket Watch. Es gibt die Anekdote, dass es deshalb nur noch wenige funktionierende Exemplare der Massenuhr (Preis 5 $) gibt, weil die Uhren auf Geheiss von Shell aus Werbezwecken mit Motoröl geschmiert wurden:
http://jewelry.ha.com/c/item.zx?saleNo=5028&lotIdNo=14020

Neben Girard-Perregaux und Rodana kenne ich noch eine 'Ogival' mit dem AS-Werk.

Und hier für die Leseratten noch als Ergänzung etwas über andere Uhren im Bauhaus-Stil:

Seine erste Blüte hatte der so genannte Bauhaus-Stil bei den Taschenuhren in den 1930er und 40er-Jahren. Einige Jahre lang dominierte dieser reduzierte, strenge und geometrische Stil die Uhrenmode. Man könnte wohl auch späteres Art Deco im geometrischen Stil sagen. In der Architektur entspräche dem etwa das Empire State Building in New York. Ein deutlicher Bezug zum Bauhaus in Dessau oder seinen Nachfolgern lässt sich wohl gar nicht nachweisen. Es gibt heute noch viele dieser Taschenuhren, das meist zu moderaten Preisen. Hier ein paar Beispiele:
http://www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db.cgi?11&ranfft&0&2ustu&1253718032
http://www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db.cgi?11&ranfft&0&2ustu&1190818827

Bekannt und beliebt ist das Design von Max Bill für Junghans, es wird heute noch mit mehreren Armbanduhren fortgeführt. Max Bill hatte wirklich am Bauhaus in Dessau studiert. Seine Entwürfe verdienen also die Bezeichnung 'Bauhaus' definitiv. Dass es auch eine Junghans Astra-Taschenuhr von Max Bill gab, hat sich mittlerweile schon etwas herumgesprochen. Es ist diese hier aus den 1960er Jahren:
http://www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db.cgi?00&ranfft&&2ustu&1260979224
Hier handelt es sich eigentlich nicht um eine richtige Taschenuhr, sondern um eine Jackettuhr bzw. Frackuhr im engeren Sinn mit einem kleinen Armbanduhrwerk. Bei der im Link abgebildeten Uhr ist der Sekundenzeiger zu kurz, der Originalzeiger ist schmaler und erreicht die Minuterie.

Auch gegenwärtig ist das Bauhaus-Design wieder (oder noch immer) beliebt- bei Armbanduhren:

Die Glashütte Nomos (besonders das Modell Tangente, seit 1992) ist reinstes Bauhaus, man beruft sich in der Beschreibung beim Design der Nomos Tangente auf den 'Deutschen Werkbund', einen Vorläufer des Bauhauses. Dass mit der Tangente ein Entwurf einer alten 'Lange' aus den 1930ern mit kleinen Änderungen wiederbelebt wurde, wird gar nicht erwähnt:
http://www.nomos-glashuette.com/uhren/tangente/tangente/

Die Chinesen lassen sich nicht lange bitten und bieten ein 'entfernt ähnliches' Design an. Und weil es Bauhaus ist, darf diese Uhr 'Rodina' heissen (Wer hat's erfunden?):
https://uhrforum.de/bauhaus-hommage-t127631
 
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#2
Don Jorge

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Ein kubistisches Werk! Ich bin begeistert! Vom Rest natürlich auch, tolle Uhr!
:klatsch:
 
#4
Kaliber 66

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Durchaus gefaellige Uhr, die es verdient, getragen zu werden. Kommt irgendwie ganz laessig, wenn man die Uhr aus der Brusttasche des Jackets zieht, ist eben doch anders als Westen-oder Hosentasche ;-)
 
#5
andi2

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Danke für den Zuspruch!

@Don Jorge: Sogar die Pillen waren damals eckig, wie man sieht...

@Hans: Die Sony ist selbst ein Museumsstück mit Disketten als Speichermedium- aber die Optik ist sehr gut. Leider spiegelt das Glas wie verrückt bei einem schwarzen Zifferblatt. Das war das beste, was ich tun konnte.

@Kaliber66:
Das könnte ich bei der Uhr machen, aber ich bräuchte noch eine Knopflochkette und trage auch nicht oft Jacketts.
Die Mode kam auch erst später, so in den 50ern und 60ern.
Als die Rodana entstand, hätte man sie wohl in der Weste (am Bauch) oder in der Hosentasche getragen, z.B. mit einer Schlangenkette mit Rundkarabiner oder T-Bar-Endstück (Albert Chain). Mit einer T-Bar-Kette geht das auch mit der Brusttasche.
So sah das aus, wenn eine Jackettuhr getragen wurde (man sieht natürlich nur die Uhrkette). Szenenaufnahmen mit Theo Lingen als Schuldirektor am Anfang der 70er Jahre (Die Handlung war belanglos, man sieht, die Szenen wiederholen sich):
DieLmmel.jpg
die-luemmel-von-der-ersten-bank.jpg
 
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#7
Rata

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Aber hallo, Andreas,

die "Rodana" ist ja nun mal wirklich was Tolles und Ungewöhnliches, herzlichen Glückwunsch dazu:klatsch:! Diese Brückenformen und diese Art der Verzierung habe ich bisher noch nie gesehen, da hat sich wohl ein Piet Mondrian-Fan daran ausgetobt:super:. Vielen Dank für die gelungene Vorstellung und die vielen, interessanten Links:-).

Was das Fotografieren von schwarzen Zifferblättern angeht: Das bekomme ich auch mit moderner Digtialtechnologie (Pentax K5 und Sigma 17-70 ) nicht besser hin als du mit der "Steinzeit-Sony". Ein bisschen einfacher wird es mit der "Sahne im Joghurtbecher" (Cosina Macro 100/3,5), obwohl bei der Optik der AF wie wild hämmert...;-). Aber man ist halt selber nicht so "im Bild" zu sehen.

Viele Grüße, Otto
 
#8
andi2

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Hallo Otto,
ja, das geht sicher viel besser als mit meiner Steinzeit-Sony. Ich bin halt ein Gewohnheitstier. Nur mit ihr bekomme ich brauchbare Bilder der Uhren hin- mit moderneren Digitalkameras nicht.
Bei der Sony kann ich alle Programme abschalten und manuell scharf stellen, Blende und Belichtungszeit variieren etc. und ich sehe im Sucher ein Bild durchs Objektiv...

Manche Leute entfernen ja sogar das Glas oder fotografieren schräg von der Seite. Oder es wird retuschiert mit Photoshop oder so...

Ich fand es noch erträglich mit der Spiegelung, aber Schwarz und spiegelnde Oberflaechen sind schon nicht so meine Freunde...

Das Werk hatte ich schon lang auf meiner Langzeit-Suchliste. Die Shell-Uhren sind zu teuer, aber ab und zu werden auch andere Uhren mit dem AS 1052 (bzw. ähnlichen Kalibern) angeboten.
Den coolen Karo-Zierschliff habe ich sonst nie gesehen, das ist noch eine weitere Steigerung des Designs.
An Mondrian musste ich auch denken und wollte die Uhr zuerst auf einem Mondrian-Bild ablichten.
Dann fand ich aber ein Werbeplakat von Nikolaus Stoecklin für Lutschpastillen doch schöner, ausserdem kommen der Künstler und die Firma aus meinem Wohnort Basel.

Gruss Andi
 
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#9
Rata

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Hallo, Andi,

nein, mit der modernen Digitaltechnik geht es nicht besser, schwarze Zifferblätter gut abzulichten...:-(. Diese sind einfach ziemlich divenhaft, am Besten geht es plein air bei leicht bedecktem Himmel. Eben manchmal mit Einsatz von manuellem Fokus und auch sonst in M-Einstellung. Da macht mir der helle Sucher in der relativ modernen "Pentax K5" die Arbeit schon recht einfach, noch etwas optimaler als bei der vorher eingesetzten "Pentax K100 D". Und, wie gesagt, die Spiegelungen lassen sich nur sehr, sehr schwer vermeiden oder eben, wie du schreibst, per Bildbearbeitung reduzieren oder kaschieren.

Der Hintergrund für deine Fotos ist passend ausgewählt, eine richtig gute "Gebrauchsgrafik":super:. Niklaus Stöchlin sagte mir bisher nichts, aber das wird sich ändern: Er erinnert mich von der Malweise her an einen meiner Lieblingsmaler, Otto Dix:-D. Dass die Dichterin Franziska Stöcklin seine Schwester war, weiß ich auch erst seit heute, also danke für den Namen des Malers.

Nochmmals danke für die Präsentation der ungewöhnlichen "Rodana" und das Hintergrundwissen.

Viele Grüße, Otto
 
#10
andi2

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Meine ‘Rey’, eine zweite Uhr mit kubistischem AS-Kaliber (AS 1054).
Die kubistischen Uhrwerke der A. Schild SA, es sind mindestens zehn Kaliber.



Schon seit einigen Jahren habe ich noch eine zweite Taschenuhr mit dem kubistischen AS-Werk, die ich gar nicht so lang nach der ‘Rodana’ gekauft hatte. Nun dachte ich mir, die könnte ich mit ein paar Bildern hier kurz zeigen. Ich hatte schon ein paar Bilder bei Tageslicht im Herbst gemacht und experimentierte nun herum, um auch bei Kunstlicht vernünftige Fotos hinzubekommen (was ich bisher vermieden habe).

Als ich das Werk der ‘Rey’ mit dem der ‘Rodana’ verglich, sah ich, dass es zwei verschiedene Kaliber sind. Aha, interessant, was haben wir denn da?
Die Frage nach der Identität der Kaliber erwies sich als kompliziert. So wurde es doch wieder etwas mehr Text…

Doch zuerst einmal die Uhr. Es ist diese ‘Rey’, eine kleinere, flache und elegante Taschenuhr (Ø 45,5 mm, Dicke 10,5 mm) im geometrisch-minimalistischen Stil der ‘40er Jahre, der heute gern Bauhaus genannt wird.


Rey.A.1.png

Rey.Aa.2.png

Rey.Aa.1.png

Das Zifferblatt ist matt silberweiss mit arabischen Stundenzahlen in einer einfachen serifenlosen Schrifttype und breit auseinandergezogenen Zahlen, das leicht vertiefte Sekundenzifferblatt hat durch konzentrischen Schliff einen seidenmatten Glanz und die Minuterie ist glatt und hochglänzend. Die Zifferblattbeschriftung ist französisch: ‘REY / Ancre 15 Rubis / Antimagnetique / Swiss’.

Rey.Bild3.png

Das Gehäuse besteht ganz aus Edelstahl. Auf konvexe Rundungen wird ganz verzichtet, der Glasrand und der Rand des Rückendeckels sind konisch, die Fläche des Deckels ganz eben und durch einen Streifenschliff mattiert.

W.Rey.1.png

W.Rey.2.png

W.Rey.3.png

Das Werk hat eine andere Finissierung als das in der Rodana. Es ist rotvergoldet, die Vergoldung der Federhausplatine hat schon etwas gelitten. Die Beschriftungen sind interessant: die Worte ‘Swiss’ und ’15 Jewels’ sind gepunzt, der Rest der Beschriftungen wurde von Hand eingraviert: ‘Fifteen / Unadjusted / ACE Watch Co’ und der US-Importcode ‘AXB’. Diese Gravuren sind tief und dunkel (evtl sogar gefärbt), ausserdem gibt es noch eine flache Handritzung mit einer dünnen Nadel (wie bei Uhrmacherzeichen innen im Deckel) mit der Kaliberbezeichnung ‘AS 1054’.

Rey.Bild5.png

Rey.Bild4.png

Innen im Rückendeckel ist ‘Acier inoxydable’ gepunzt. Zusätzlich wurde von Hand graviert ‘Rey Watch Co Swiss’. Die Handgravuren lassen darauf schliessen, dass zur Entstehungszeit des Werks und der Uhr gerade die neuen Zollbestimmungen der USA in Kraft getreten waren, die bestimmte Angaben auf dem Werk und der Uhr vorschrieben. Fertige Werke mussten nachträglich beschriftet werden. Leider weiss ich nicht, wann die Regelung eingeführt wurde, ich schätze ca. 1938.
________________________________________________________________________________________________________________

Welches Kaliber ist es denn nun?


Als ich das Werk der ‘Rey’, mutmasslich ein AS 1054, mit dem Werk der ‘Rodana’ verglich, sah ich, dass es zwei verschiedene Kaliber sind. Die Identität dieser kubistischen AS-Kaliber wurde ja schon mehrfach in verschiedenen uhrenbezogenen Foren im Netz diskutiert. Oft mit falschem Ergebnis. Zunächst hielt ich das Rodana-Werk für das AS 1052.

Dann zeigte Alex (@Scholle) seine 'Ruxton'...

https://uhrforum.de/threads/unscheinbare-ruxton-tu.167406/#post-2048551

…und seine ‘Rodana’:

https://uhrforum.de/threads/eine-bravingtons-london-rodana-tu-aus-den-1940-1950zigern.169175/

Und nachdem er eine BWC mit dem anders gestalteten AS 1052 zeigen konnte, klassifizierten wir unsere kubistischen Werke als AS 1054:

https://uhrforum.de/threads/eine-bravingtons-london-rodana-tu-aus-den-1940-1950zigern.169175/

Man hätte natürlich den ‘Paulson’ zu Rate ziehen können, vielleicht steht auch etwas erhellendes im ‘Flume’. Wieder ärgere ich mich, dass ich diese Bücher nicht habe (bin gerade dabei ein Digitalisat des Paulson zu suchen, wo ich mit Paypal zahlen kann, Tipps willkommen).

Zum Glück hat aber inzwischen Roland Ranfft diese AS-Werke im Ranfft-Uhrwerkarchiv aufgearbeitet. So kann man der Wahrheit ein Stück näherkommen.

http://www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db.cgi?00&ranfft&&2uswk&AS_1054

http://www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db.cgi?00&ranfft&&2uswk&AS_1058

http://www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db.cgi?00&ranfft&&2uswk&AS_1059

http://www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db.cgi?00&ranfft&&2uswk&AS_1068

http://www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db.cgi?00&ranfft&&2uswk&AS_1072

http://www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db.cgi?00&ranfft&&2uswk&AS_1073

http://www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db.cgi?00&ranfft&&2uswk&AS_1074

http://www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db.cgi?00&ranfft&&2uswk&AS_1076

http://www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db.cgi?00&ranfft&&2uswk&AS_1121

http://www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db.cgi?00&ranfft&&2uswk&AS_1148


Hier zunächst nochmal ein paar neue Bilder meiner ‘Rodana’ und ihres Uhrwerks mit dem schönen Quadratgitter-Zierschliff.

Rodana.Aa.1.png

Rodana.Aa.2.png

W.Rodana.1.png

W.Rodana.2.png

W.Rodana.3.png

Beim Vergleich der beiden Werke der ‘Rey’ und der ‘Rodana’ sieht man, dass das Rodana-Werk etwas grösser ist (17’’’) als das Rey-Werk (16’’’).
Der Einbaudurchmesser (d.h. der Durchmesser der Platinen ohne die etwas grössere Grundplatine, entspricht Durchmesser Dn im Ranfft-Uhrwerksarchiv) ist bei den 16’’’-Werken 35,5 mm und bei den 17’’’-Werken 36,8 mm.


Man kann die 16’’’-Werke und 17’’’-Werke gut auseinanderhalten, auch ohne sie auszumessen (ich habe die Werke nicht ausgebaut und genau vermessen):

Z.A.Vergleich.png
Bei den kleinen 16’’’-Werken liegt die Winkelhebelschraube (rot WHS) ganz nah beim Rand, weniger als der Schraubendurchmesser. Ausserdem liegt die untere Werkhalteschraube (rot W1) ganz nah bei der einen Schraube der Räderwerksplatine (gelb 1). Der äussere Rand des Ankerklobens (gelb AK) liegt auf einer Linie mit dem Aussenrand der Platinen (Räderwerksplatine und Federhausplatine).

Bei den grossen 17’’’-Werken liegt die Winkelhebelschraube (rot WHS) weiter vom Rand entfernt, mehr als einen Schraubendurchmesser. Ausserdem liegt die untere Werkhalteschraube (rot W1) an einer anderen Position, weit entfernt von der Schraube gelb 1 und der Aussenrand des Ankerklobens (gelb AK) liegt weiter innen als der Aussenrand der Platinen.

Auch sonst sieht man, dass die äusseren Schrauben und das Gesperr beim grossen 17’’’-Werk weiter vom Rand entfernt liegt. Man kann davon ausgehen, dass die Anordnung der Räder bei allen Werken gleich ist und dass wohl alle Teile, die unabhängig sind von der Werkshöhe (Aufzugteile, Kronrad, Sperrrad, Gesperr, Zeigerwerk) gleich und somit austauschbar sind.

Es gibt aber zwei verschiedene Werkshöhen, entweder dicker mit 4,15 mm Höhe, oder flacher mit nur 3,5 mm Höhe. Um die Werke genau zu bestimmen müsste man das Zifferblatt abnehmen und die Dicke vermessen.
Das habe ich mir gespart, denn man könnte die Werke immer noch nicht genau bestimmen, es gibt von jeder Grössen-Dicken-Kombination mindestens zwei Kaliber.

In der Tabelle nicht enthalten ist das einzige Werk aus der Gruppe, das sich eindeutig bestimmen lässt. Das AS 1076 ist mit 17 ½ ‘’’ noch etwas grösser als alle übrigen. Ich vermute, dass der Einbaudurchmesser (Werk ohne die grössere Grundplatine) gleich ist wie bei den 17’’’-Werken. Das Werk hat eine sogenannte amerikanische oder umgekehrte Kronenschaltung. Die kurze Aufzugwelle bleibt beim Entnehmen des Werks fest mit dem Gehäuse verbunden. Deshalb muss auch keine lange Aufzugwelle entriegelt werden und es gibt deshalb keine Winkelhebelschraube (vergleiche die Abbildung in der Tabelle rot WHS).

Z.Paulson.2.AS1076.jpg

Das AS 1076 in der Abbildung in Paulson (1950).

Z.Paulson.1.jpg

Die übrigen Kaliber mit normalem Aufzug und mit Winkelhebelschraube haben auf der Werksvorderseite auch eine ganz anders geformte Aufzugdecke mit Winkelhebelfeder (das schwarze Bauteil jeweils links oben). Ich vermute, dieses Bauteil ist bei allen 9 Kalibern gleich.

Abschliessend muss ich also sagen, dass ich das schön karierte Werk meiner Rodana nicht eindeutig bestimmen kann. Es ist ein 17-liniges Werk und definitiv nicht das AS 1054 (natürlich auch nicht das AS 1052), sondern ein anderes Kaliber.

Auch die Uhren von Alex (@Scholle) tragen 17-linige Kaliber in sich, die nicht das AS 1054 sein können.

In der Rey arbeitet ein 16-liniges Werk. Ich habe die Dicke nicht gemessen, aber es ist von Hand eingeritzt ‘AS 1054’. Das könnte stimmen.

So, das war nun alles. Ich hoffe, es ist interessant.


Gruss Andi
 
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#11
Badener

Badener

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Hallo Andi,

vielen Dank für deine interessante und aufwendige Recherche! Viele Kaliber lassen sich leider nur mit einem Blick auf die Zifferblattseite unterscheiden. Und auch das reicht nicht immer aus...
Ich schicke dir noch eine PN, wo du den Paulson als durchsuchbares PDF erwerben kannst.

Gruß

Badener
 
#12
andi2

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Das ist prima! Den Paulson als PDF könnte ich wirklich gut gebrauchen, die Angebote, die ich kenne wollen alle ein Kreditkartenzahlung (ich will aber keine Kreditkarte). Ohne die alten Werksucher kommt man nicht zu einem vernünftigen Ergebnis bei der Kaliberbestimmung.
Gruss Andi

Und schon bestellt! Vielen Dank für den Tipp...
 
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#13
kater7

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Eine ganz tolle Abhandlung mit der ich noch nicht durch bin. Danke.

PS: auf Wunsch TS Überschrift geändert.

LG, Frank
 
#14
andi2

andi2

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Vielen Dank, Frank, das ging aber schnell. Die neue Überschrift gefällt mir besser...
 
#17
kater7

kater7

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Ja da kannst nix mehr schreiben, nur den Hut ziehen oder vor Ehrfurcht erstarren .... :super:
 
Thema:

Bauhaus extrem: Taschenuhren 'Rodana' und 'Rey' mit kubistisch gestalteten Uhrwerken der A. Schild SA (ca. 1940)

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