Bau einer Sekunden-Pendeluhr in Anlehnung an die Furtwangener Schuluhr

Diskutiere Bau einer Sekunden-Pendeluhr in Anlehnung an die Furtwangener Schuluhr im Sonstige Uhren Forum im Bereich Uhren-Forum; Hallo zusammen, ich bin seit einigen Tagen hier angemeldet und möchte mich deshalb euch vorstellen. Mein Name ist Dieter, ich bin 54 Jahre alt...
teslak

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Hallo zusammen,

ich bin seit einigen Tagen hier angemeldet und möchte mich deshalb euch vorstellen. Mein Name ist Dieter, ich bin 54 Jahre alt und lebe im schönen Mittelfranken. Ich begeistere mich seit einigen Jahren für PPU`s und für alles was da außen herum dazu gehört. Das ging so weit, dass ich vor gut zwei Jahren damit begonnen habe mir selbst eine Sekunden-Pendeluhr zu bauen.

Angeregt von den Aufsätzen von Hr. Merkel in der Zeitschrift Alte Uhren wollte ich die Schuluhr aus Furtwangen nachbauen. Ich habe bei meinen Vorhaben auf sehr viel Unterstützung durch die DGC und andere "kundige Großuhrenbauer" erfahren. Ohne diese Hilfe wäre es mir nicht möglich gewesen so weit zu kommen.

Als Randbedingung habe ich für mich festgelegt, dass alle Teile der Uhr bei mir Zuhause in der Kellerwerkstatt auf handgeführten Maschinen hergestellt werden sollen. In einem Punkt bin ich von meiner Vorgabe abgewichen, bei den Schrauben. Diese kann man natürlich selbst herstellen, mir war es aber schlicht zu Zeitaufwändig diese selbst zu erstellen und habe deshalb auf gekaufte Schrauben zurückgegriffen.

Die Uhr selbst ist noch nicht fertig, aber sie läuft bereits seit einigen Wochen sehr zufriedenstellend. So benötigt sie nur ein Gewicht von rund 520 Gramm an der Umlenkrolle und hat dabei eine Pendelamplitude von 45 Bogenminuten. Aktuell habe ich das Gewicht auf 1.0120Gramm erhöht und dabei eine Amplitude von 65 Bogenminuten erreicht. Mit diesem Gewicht werde ich die Uhr momentan laufen lassen.

Ich habe ein paar Bilder vom Bau der Uhr der letzten Monate herausgesucht. Sie sollen einen kleinen Eindruck vermitteln, dass man mit relativ einfachen Maschinen auch zu einen einigermaßen Ergebnis kommen kann.

Hier die versprochenen Bilder:

1-RIMG2372.JPG
Werkhalteplatte mit Pendelbock und Feder

1-RIMG2381.JPG
Komplettsicht auf die Werkhalteplatte

1-RIMG2366 (2).JPG
Besonders stolz bin ich auf die Rändelschrauben, da ich das dafür benötigte Werkzeug selbs hergestellt habe (man möge mir das Eigenlob verzeihen)

1-RIMG2402.JPG
Das Laufwerk, noch ohne Zeigerwerk auf einen Wandbrett befestigt

1-RIMG2408.jpg
Die Anfertigung der Pendellinse auf meiner kleinen Drehmaschine im Kelle war eine Herausforderung und absolut grenzwertig. Für solche Größenordnungen ist meine Optimum D240x500 G nicht wirklich geeignet.

1-RIMG2407.JPG
Die Kompensationseinrichtung besteht aus einer Messing und einer Stahlhülse.

Mein Ziel ist es die Uhr bis Ende nächsten Jahres fertig zu stellen, momentan arbeite ich an den Zeigern, danach kommt das Zifferblatt an die Reihe. Am Ende dann noch Kleinigkeiten, wie Amplitudenskala, Gewichtshülse (aktuell ist eine gekaufte eingesetzt), Vergoldung der Räder und Einbau ins Gehäuse (was schon seit zwei Jahren auf seinen Einsatz wartet).

Danach möchte ich mich mit Taschenuhren und Armbanduhren beschäftigen und hoffe weil ich diesbezüglich keinerlei Ahnung habe auf Unterstützung hier aus dem Forum.

Viele Grüße,
Dieter
 

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fantomaz

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Megaklasse!

Das Forum wird Deine Berichte und Bilder lieben, ganz sicher.
Willst Du nach dem Projekt auch Taschen- und Armbanduhren bauen?
Zumindest in Teilen?

Willkommen im Forum und ganz viel Spaß hier!

Alexander
 
Nippon-Fan

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Hallo Dieter!

"Wow" ist alles was mir dazu einfällt. Ich bin ja ebenfalls ein großer Fan von Pendeluhren, muss diese allerdings kaufen und bin froh kleinere Reparaturen selbst ausführen zu können.
Wenn es dir nichts ausmacht, könntest du vielleicht etwas zum technischen Hintergrund schreiben, z.B. das Verhältnis Gewicht an der Umlenkrolle und Amplitude. Mich würde das sehr interessieren.
Sekunden-Pendeluhr bedeutet wohl, eine Pendellänge von 116cm und eine Pendelbewegung im Sekundentakt, oder?

Schönen Gruß!
Markus
 
teslak

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Hallo zusammen,

vielen Dank für die positiven Rückmeldungen zu meiner Uhr.

@Alexander,
ja, mein Traum wäre es, nach Fertigstellung der Pendeluhr, mich an einer einfachen Taschenuhr zu versuchen.
Ob das funktioniert weiß ich nicht, möchte es aber probieren. Meine Vorstellung geht in Richtung einer einfachen Schuluhr. Von der Herstellung von Rädern und Trieben habe ich keine Angst, da ich schon einige, wenn auch mit deutlich größeren Durchmessern angefertigt habe.
Was sicherlich sehr schwierig wird, ist das Schwingsystem. Aber bisher stehe ich ja noch ganz am Anfang und will in erster Linie dazulernen. Es ist auch ein Lernerfolg, wenn man einsehen muss, dass bestimmte Dinge auf Grund eigener Beschränkungen eben nicht gehen. Gibt es Zeichnungen, Skizzen oder sonstige Aufzeichnungen zu den alten Schuluhren? Wenn ja, wo kann man so etwas ausleihen?

@ Markus,
ja, das Pendel benötigt für eine Halbschwingung 1 Sekunde. Als Pendelstab ist ein 10mm Invar-Rundstab von der Fa. Imphy aus Frankreich eingesetzt. Ich hatte das Glück noch einen Rohstab aus der damaligen Uhrenfertigung zu bekommen.
Die Konstruktion des Pendels ist an die Bauart Riefler angelehnt, mit der Abweichung, dass es mir nicht möglich war die Kugelabschnitt-Form zu fertigen. Deshalb habe ich einen Doppelkegelstumpf auch nach Riefler, aber mit einen etwas größeren Außendurchmesser gewählt.
Zum Verhältnis von Zuggewicht und Amplitude kann ich dir momentan noch nicht allzu viel erzählen. Meine Uhr würde auch mit weniger Gewicht als die 500 Gramm an der Umlenkrolle laufen.
Da ich aber, um die Uhr in Betrieb nehmen zu können, auf ein gekauftes Gewicht zurückgegriffen habe, konnte ich die Bleihülse nur in drei Teile zersägen.
So kommen die gut 500 Gramm zustande. Im direkten Zug wirken auf das Uhrwerk dann aber nur gut 250 Gramm, da durch die lose Rolle, als Flaschenzug die Zugkraft um die Hälfte reduziert wird.
Man kann dann also die Aussage treffen, je geringer die Antriebskraft zum Betreiben des Uhrwerks ist, desto geringer sind die "inneren" Wiederstände innerhalb des Rädergetriebes.

In der Literatur habe ich gefunden, dass ein Grahamgang üblicherweise zwischen 65 und 90 Bogenminuten auslenken soll. Dazu steht aber im Gegensatz auch die Aussage, dass je geringer die Amplitude desto genauer kann die Uhr sein.

Da meine ersten Messungen ohne Zeigerwerk waren, welche den Wiederstand des Gesamtsystems erhöhen, werde ich diese nach Anbau der Zeiger wiederholen.

Wenn gewünscht, dann kann ich noch ein paar Bilder von der Anfertigung verschiedener Teile einstellen.

Viele Grüße,
Dieter
 
Nippon-Fan

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In der Literatur habe ich gefunden, dass ein Grahamgang üblicherweise zwischen 65 und 90 Bogenminuten auslenken soll. Dazu steht aber im Gegensatz auch die Aussage, dass je geringer die Amplitude desto genauer kann die Uhr sein.
Das würde der Tatsache entsprechen, dass bei den "echten" Regulatoren das Pendel nur gering ausschwingt, während bei den preiswerteren Pendeluhren das Pendel meist sehr weit ausschwingt.

Du scheinst alle Triebe in Bouchons zu lagern. Verwendest du darin auch Rubine und Kugellager? Das kann ich auf den Fotos nicht richtig erkennen.
Klar würde ich mich über weitere Fotos freuen. Mich würde besonders auch der Aufbau des Räderwerks interessieren.

Auf jeden Fall eine tolle Arbeit.
Gruß!
Markus
 
Althans

Althans

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Hallo Dieter,

das ist großes Kino, Kompliment für deine Arbeit!

Freundliche Grüße
Peter
 
teslak

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Hallo Markus,

ja, das hast du richtig erkannt. Alle Achsen, außer der Walzenradachse sind mit Rubinlager ausgestattet. Da ich dummerweise bzw. aus Unwissenheit die Zapfendurchmesser nicht auf glatte Maße gefertigt habe, musste ich alle Bohrungen der Steine den Zapfen anpassen und diese entsprechend bearbeiten. Da ich das vorher noch nie gemacht hatte, benötigte ich einiges an Zeit und auch einige Übungssteine. Aber am Ende war es so, dass die Zapfen in ihren Lagersteinen die von mir gewünschten 2,5/100mm Spiel hatten.

Hier die Gewünschten Bilder, diese sind nicht so gut, da sie in der Werkstatt aufgenommen wurden und als Hintergrund nur ein einfaches grünes Handtuch vorhanden war.

2-RIMG2001.JPG
Der Antrieb der Uhr war die aufwendigste Baugruppe der Uhr. Darin sind verbaut das Sperrad mit Sperrkegel, das Gegensperrad und eine Blockier-Einrichtung um zu verhindern dass das Gewicht zu hoch gezogen wird. Man sieht in der Walze eine kleine vorstehende Klinke, wenn diese durch das Seil eingedrückt wird, wird eine Welle in Drehbewegung versetzt, welche am anderen Ende eine Blockiertaste trägt, welche wiederum auf ein auf der Innenseite der Frontplatine aufgeschraubtes Wiederlager das weitere Aufziehen verhindert.
Das braucht eigentlich kein Mensch und ist wahrscheinlich für das Gangverhalten der Uhr eher negativ wenn der Hebel auf sein Gegenstück aufschlägt, aber die Furtwangener haben es so in ihrer Schuluhr verbaut.

3-RIMG2002.JPG
Hier sieht man das Minuten und das Zwischenrad. An der Minutenradwelle fehlt noch das Gewinde, welches in der Zwischenzeit eingebracht wurde.

4-RIMG2003.JPG
Das Hemmungsrad wurde nicht von mir angefertigt, ich hatte das Glück ein originales abwälzgefrästes Original-Hemmungsrad zu erhalten. Ich werde aber auch im Laufe der Zeit ein eigenes anfertigen, da es ja "meine Schuluhr" sein soll. Man sieht auch an der Schenkelung des Hemmungsrades, dass das freifeilen der Ecken noch verbesserungsfähig ist,

5-RIMG2004.JPG
Blick auf alle Wellen der Uhr, rechts unten im Bild sieht man die freie Bohrung welche den Gegensperrhebel aufnimmt.

7-RIMG2008.JPG
Wie man auf diesen Foto sehen kann, hat das Freifeilen der Ecken bei den anderen Rädern etwas besser funktioniert.

9-RIMG2010.JPG
Jetzt ist auch der Gegensperrhebel mit eingesetzt.

Viele Grüße,
Dieter
 

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seiko

seiko

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Hut ab angesichts dieser Leistung. Ich bin sehr beeindruckt.
Gerne lese ich mehr von dir.
 
uhrangutan

uhrangutan

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Hallo Dieter,
Respekt vor dieser Leistung!

Deine Uhr ist ein Augenschmaus.

Bin gespannt auf die fertige Uhr.

vg Jochen
 
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osterguentermann

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Hallo Dieter,

ich bin selten sprachlos - aber hier...

Wow! :klatsch:
Wahnsinn!
Hut ab!
Beide Daumen hoch!
 
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rotbaer

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Früher Ruhrgebiet, jetzt Elbestrand
Wirklich beeindruckend! Darf ich fragen ob da eine entsprechende Ausbildung dahintersteht?
Ich bin technisch sicher nicht ganz unbegabt, aber auch mit den entsprechenden Maschinen würde ich das nicht hinbekommen.
 
teslak

teslak

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Hallo zusammen,

danke für die positiven Rückmeldungen zu meiner Uhr.
Im Prinzip habe ich nur eine Fräsmaschine (Optimum BF20) eine Drehmaschine (Optimum D240x500G) und seit diesen Jahr eine Deckel Graviermaschine 1GL. Vorher eine kleine Lienhard Graviermaschine. Für die kleineren Dreharbeiten habe ich noch den Nachbau einer Lorch-Drehmaschine in der Größe einer 70er Schaublin.

Sehr viele Teile fräse ich auf der Deckel, wobei vorher eine Schablone aus Aluminium-Blech im Maßstab 3 bis 5:1 angefertigt wird. Wenn erst einmal die Schablone gesägt und befeilt ist, werden üblicherweise 2 bis 3 Teile angefertigt, da nicht immer das Ergebnis zufriedenstellend ist. So wurden alle Räder auf der Graviermaschine geschenkelt und erst danach verzahnt.

In den letzten Tagen habe ich das Zeigerwerk fertiggestellt. Die Räder waren schon vor gut einen Jahr geschenkelt und gefräst worden. Nun ging es darum die Räder in den Ecken frei zu feilen und ein wenig aufzuhübschen.
Das Zeigerwerk selbst ist als Geradeaus-Kette konzipiert, das bedeutet, das Stundenrad hat 144 Zähne, das Minutenrohr 12 Zähne und ein Übertragungsrad greift in beide Räder/Tiebe ein, mit 72 Zähnen. Die Zykloiden Fräser bezog ich von Thornton aus England. Mit diesen Fräsern bin ich sehr gut zurechtgekommen.
Der Punkt ist, dass wenn Rad in Rad eingreift, dann muss die Zahnstärke beider Räder verringert werden damit die Räder auf den vorgesehenen Teilkreisdurchmesser abwälzen können. Zu den Zeitpunkt der Herstellung habe ich das leider nicht beachtet. Darum stimmt dann auch der theoretisch berechenbare Achsabstand nicht mehr, so dass dieser ermittelt werden muss. Da ich keinen Eingriffszirkel habe musste ich improvisieren.

Dazu spannte ich ein Alu-Reststück in den Schraubstock der Fräsmaschine und positionierte die beiden Achsen willkürlich in etwa der Mitte der Längsseite und rund 10mm vom linken Rand entfernt. Dann wurde eine geriebene Bohrung eingebracht und ein passend gedrehter Bolzen eingesteckt. Die Oberseite des Bolzens hatte den Durchmesser der Radbohrung erhalten, so dass sich das Rad mit geringen Spiel drehen lies. Die Bohrposition wurde in den Achsen X und Y abgenullt. In das Bohrfutter wurde eine 2mm Welle gespannt und damit das Übertragungsrad aufgefädelt. Jetzt musste nur noch die X-Achse so lange in die Positive Richtung verschoben werden bis die Räder sauber miteinander kämmten.

1-RIMG2614.JPG
Die beiden Räder sind im Eingriff, durch verfahren der X-Achse kann das Spiel der Räder sehr feinfühlig eingestellt werden.

1-RIMG2617.JPG
Da bei der Bohrung die X-Achse abgenullt war konnte ich an der Anzeige den Achsabstand ablesen. Er war um 0,45mm größer als der theoretische Abstand bei einem Modul von 0,55.

Der Abstand Minutenrohr zum Zwischenrad konnte ich einfach ausrechnen und rechnerisch die Position auf der Platine bestimmen. Wenn man bei der Herstellung der Räder den Teilkreisdurchmesser (gemessen über den Kopfkreisdurchmesser) innerhalb 2/100mm einhält kann der Achsabstand berechnet und die Positionen in die Platine eingebracht werden. Ich habe es an der Uhr mit allen Bohrungen so gehandhabt.

1-RIMG2630.JPG
Und so sieht das Uhrwerk im Moment aus.

Viele Grüße,
 
Nippon-Fan

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Wahnsinn! Ich bin begeistert :klatsch: Das Werk war ja mit allen Finessen ausgestattet ... und du hast das auch so wieder hinbekommen. Für eine Uhr mit so einem Werk muss man sonst einen höheren vierstelligen Betrag liegen lassen. Vielen Dank für die Fotos.

Schönen Gruß!
Markus
 
P

Peter.B

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Hallo Dieter!

Stehende Ovationen sind wohl das mindeste bei Deiner Leistung!!!

Bietest Du Werkstattführungen an?

Kannst Du abschätzen, wieviel Zeit Du bisher in das Projekt gesteckt hast?

Dank und Gruß,

Peter
 
Bienenreiter

Bienenreiter

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Wunderschön! Danke für die tollen Bilder!
 
P

Pommes

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Für die Werkstattführung melde ich mich auch schon mal an.:-)
 
teslak

teslak

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Hallo miteinander,

ich will versuchen die noch offenen Fragen zu beantworten.
Ich habe vor vielen Jahren eine Ausbildung zu Werkzeugmacher (so nannte man das damals) machen dürfen. Habe dann aber den eigentlichen Beruf nicht mehr ausführen können und bin seit 20 Jahren von den Maschinen weg.
Deshalb war es mir seit damals wichtig, eine kleine Werkstatt zu haben. Über viele Jahre habe ich mich mit Modell-Dampfturbinen beschäftigt. Aber irgendwann hat mich das nicht mehr begeistert und habe mich dann den Uhren zugewendet.
Uhren haben mich schon seit meiner Jugend begeistert, aber sie erschienen mir viel zu kompliziert. Durch Kontakte zur DGC (2009) bekam ich dann Literatur, welche mich den Großuhren näherbrachte.

Wenn ich versuche aufzuzählen, wie viele Stunden bisher in die Uhr mit allen Nebenarbeiten zusammengekommen sind, komme ich auf rund 800 bis 900 Stunden.
Man darf aber dabei nicht vergessen, dass es viele Dinge gab, welche ich erst vorher lernen und verstehen musste, um an den eigentlichen Teilen der Uhr zu arbeiten. Das waren dann sicher 500 Stunden für die eigentliche Uhr.
Es wurden auch viele Teile nicht verwendet, weil ich einfach nicht in der Lage war sie mit meinen Anspruch an die Ausführung zu fertigen. Wenn man aber ein Teil zum dritten Mal macht, dann klappt es auch.
Zur Werkstatt kann ich nur sagen, sie ist sehr unspektakulär, denn außer den bereits aufgezählten Maschinen stehen nur noch ein paar selber zusammengezimmerte Tische in der 12m² Werkstatt im Keller.
Die zeige ich lieber nicht, um nicht zu enttäuschen.

Ich bin davon überzeugt, dass jeder, der bereit ist, nicht gleich aufzugeben und der bei Schwierigkeiten etwas Unterstützung erhält, in der Lage ist (ein paar Maschinen vorausgesetzt) auch so eine Uhr zu bauen.

Viele Grüße,
Dieter
 
Gorbi!

Gorbi!

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Unglaublich, Dieter! Hut ab vor dieser handwerklichen Leistung und Beharrlichkeit. Du hättest vor 2.000 Jahren auch den Mechanismus von Antikythera bauen können.
Mit besten Grüßen
Michael
 
teslak

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Hallo zusammen,

ich möchte euch von der Herstellung des ersten Zeigers meiner Uhr berichten.
Vorgegangen bin ich wie meistens wenn ich die Teile auf der Graviermaschine anfertige:
- Zeiger im CAD malen
- Zeiger auf gewünschten Maßstab hochscalieren, in meinen Fall wäre es 5:1
- Zeichnung ausdrucken und auf ein Stück Alu-Blech kleben
- Schablone mit der Säge aussägen und etwas mit der Feile nacharbeiten
- Stahlblech auf ein Trägermaterial aufkleben
- Zeiger ausgravieren

Stundenzeiger.jpg
Bei der Geometrie habe ich mich an entsprechende Vorbilder gehalten, da für die originalen Zeiger keinerlei Infos vorhanden waren. Was ich allerdings hatte, war der Durchmesser des Stundenzifferblattes als auch die Schrifthöhe und den zugehörigen Radius. Bei Jürgen Ermert habe ich mir die Bilder in Band 3 genau angesehen und festgestellt, dass der Stundenzeiger üblicherweise rund 1/5 Länge der Zahlenhöhe in die Ziffern hineinreicht. Damit hatte ich meine Länge. Der Rest wurde solange manipuliert bis mir die Zeigerform gefallen hat.

Nachdem das erledigt war, habe ich im CAD den Zeiger auf den Faktor 5 hochskaliert. Zusätzlich wurde eine definierte Länge als Vergleichsnormal in der X und in der Y-Achse eingezeichnet. Damit kann nach dem Ausdruck kontrolliert werden um welchen Wert der Drucker die Ausgabe verzerrt.
Ich habe anfangs einige Schablonen neu anfertigen müssen, weil mir erst nach dem Gravieren der Teile eine deutliche Maßabweichung aufgefallen ist. Seit dem drucke ich die Vergleichslängen mit aus und kann dann entsprechend Korrigieren.

Nachdem die Schablone ausgesägt und die Kontur nachgefeilt wurde konnte sie auf eine Trägerplatte (in meinen Fall ein einfaches Stück Sperrholz) aufgeschraubt werden. Ich schraube die Schablone in einer Entfernung von 4 mm von der Bodenplatte an, das gibt mehr Spielraum und bessere Führung des Pantographen-Taststiftes als wenn die 1mm dicke Schablone direkt auf das Holz geschraubt ist.

1-RIMG2637.JPG
Die Schablone wurde aus einen 1,5mm Alublech gesägt, welches ich im Baumarkt kaufte. Das Material ist für diesen Zweck nicht geeignet, weil viel zu weich. entsprechen viele Laubsägeblätter sind dabei auch zu Bruch gegangen.

1-RIMG2633.JPG
Als Material habe ich ein Stahlblech CK 75 (kaltgewalzter Federbandstahl, Materialnummer 1.1248) eingesetzt. Der lässt sich noch gut bearbeiten. Als Fräser wurde ein Vollhartmetall-Dreischneider mit einem Durchmesser von 1,5mm eingesetzt mit einer Drehzahl von 8.000 Umdrehungen pro Minute. Die Zustellung in der Tiefe betrug 0,1mm, wobei bei der Zustellung der Pantographenarm hin und her bewegt wurde so dass zur Tiefenzustellung auch ein Vorschub in Konturrichtung hinzukam. Dadurch halten die Fräser deutlich länger.
Das Blech wurde mittels Loctite Sekundenkleber auf eine Trägerplatte geklebt. Dadurch kann man durch das Stahlblech komplett durchfräsen und das Teil bleibt weiterhin sicher fixiert auf der Trägerplatte. Nachdem die Kontur gefräst war wurde noch einmal ein Schlichtspan (0,05mm pro Seite) in einen Schnitt gefräst.

1-RIMG2640.JPG
Der Vorteil beim Gravieren ist ja, dass man mit wenig Aufwand (nachdem die Schablone erstellt wurde) mehrere Teile herstellen kann. Ich habe vorsichtshalber gleich 6 Exemplare gefräst.

Danach kam der schwierige Teil. Die Materialstärke ist nur 1mm dick und man möchte auch an der breitesten Stelle des Zeigers eine schöne Bombierung (Wölbung) erhalten. Der Rohzeiger wurde auf ein Halteblech geschraubt (kann man auch Kleben oder Weichlöten) und mehrere Stunden lang mit der Nadelfeile darauf herumgekratzt.

2-RIMG2646 (2).JPG
Der Verbindungssteg zwischen den Zeigerauge und der Spitze ist in zwei Richtungen gekrümmt um die beiden Radien entsprechend auszuarbeiten. Für das zeigerauche habe ich ein Deckplättchen angefertigt, welches mit dem Zeiger festgeschraubt wurde. Das ging dann ganz gut.

1-RIMG2648 (2).JPG
Nach dem Befeilen der Wölbungen wurde die Oberfläche poliert. Wenn man den Zeiger ansieht, bemerkt man, dass noch Spuren vom Feilen zu sehen sind. diese müssen noch entfernt werden. Aber für mich passt der Zeiger erst einmal, es sind ja noch zwei weitere Zeiger zu fertigen, welche nach der gleichen Vorgehensweise angefertigt werden.

Ich hoffe ich habe den einen oder anderen mit dieser Beschreibung angeregt es auch einmal mit der Eigenherstellung eines Teiles zu animieren. Der Schlimmste Fall der dabei eintreten kann, ist dass man das Teil ein zweites Mal anfertigt.

In diesen Sinne, ein gutes Gelingen,
Dieter
 
Thema:

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