Aug. Schatz & Söhne 400 Tage-Uhr in einem seltenen Gehäuse

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  • Aug. Schatz & Söhne 400 Tage-Uhr in einem seltenen Gehäuse Beitrag #1
Der Stromer

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Diese Uhr habe ich - natürlich - in der Bucht gefischt. Sie hat mir sofort gefallen. Eine seltene Uhr mit diesem Gehäuse. Und damit fange ich auch gleich an. Das Gehäuse besteht aus 4 Messingplatten, 4 mm dick. Seitlich 2 schwarze Plexiglas-Platten, 6 mm mit 4 eingelassenen Gewinden. Vorne und hinten Plexiglas klar. 4 Füße zum Verstellen, wie bei guten Jahresuhren üblich.

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Die Bilder im Netz waren eigentlich ganz gut und der Preis hat gestimmt. Also Zugeschlagen. Kurze Zeit später kommt ein Paket und der Inhalt war wohl verpackt. Pendel separat, andere Teile in einer Plastiktüte.

Nun, dass ich eine funktionierende Uhr erstanden hätte, habe ich nie erwartet und so war es dann auch hier. Bevor ich jedoch weiter nachschaute, was mit der Uhr war, erstmal wichtigeres erledigt und die Uhr in den Schrank gestellt.
Letzte Woche nun war endlich die Zeit und ich nahm mir diese Uhr vor. Im Gehäuse steckt ein Aug. Schatz & Söhne, Kaliber JUM/7 aus Juni 1962. Die abgerissene Pendelfeder grinst mich höhnisch an und zusätzlich tropft noch ein übelriechendes Öl aus dem Werk.

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Wohl an! Die menschliche Nase hat zum Glück die Eigenschaft, nach kurzer Zeit zu entscheiden, dass der Geruch ganz normal wäre und schaltete einfach auf Durchzug. Na ja.

Erste Ansätze, das Werk aus dem Gehäuse zu bekommen, waren nicht sehr erfolgreich. Nach eingehenden Studium dieser "Gehäuse-Mechanik" den Zierknauf oben abgeschraubt. Die erste Messingplatte ging sehr schwer ab. Darunter 4 Schrauben, die das Werk am Gehäuse festhalten. Aha. Aber wie bitte das Werk da raus bekommen? Eine Stellschraube zum Zeiger stellen (normal wird das einfach mit den Zeigern gemacht) grinste mich hier an. Zupf, die Schraube war keine Schraube sondern besaß hinten einen Vierkant zum Stecken. FREU! Jetzt hatte ich als das Werk, das Ziffernblatt und die Hälfte des Gehäuses in der Hand, denn um weiter zu kommen, müssen die Zeiger ab. Aber der Minutenzeiger weigert sich beharrlich, seine Position auch nur ansatzweise zu ändern. Grübel, grübel, überleg und dann der Geistesblitz: Da muss es eine Mutter oder so geben, die das Biest auf der Welle festhält. Und tatsächlich: Unter Schmutz und sonstiger Pampe versteckt eine Mutter! Wie sich später herausstellte M 1,2 und der Durchmesser 2,5 mm. Und jetzt ging natürlich alle sehr schnell. Auch der Stundenzeiger gab seinen Widerstand nach einigem Zureden und sanfter Ölungsgewalt auf. Jetzt das Ziffernblatt runter - das waren zwei Teile, das schöne weiße mit silbernen Indizes geprägte, unbeschädigte Ziffernblatt und darunter ein verrosteter Blattträger. Durch den Rost fiel das Blatt einfach ab. Na ja.

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Jetzt erst einmal Hände waschen. Nicht wegen AHA oder so, nein, die Finger klebten vom Rübenöl oder so. Kannte ich eigentlich bisher nur von der Dampfeisenbahn: Nennt sich Heißdampföl. Das bekommt man (Frau) nur mit der Schere nach dem Waschen raus.

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Werk zerlegt und gleich Gedanken gemacht, wie am schlausten ich das wieder zusammenbringe! Mein US-Bad leistete Schwerstarbeit, bei 70°C und nach 15 Minuten war dann aber der Dreck runter. In der Zwischenzeit die Einzelteile des Gehäuses in die Mangel genommen. Wie sich herausstellen sollte, war das mit einer mir unbekannten Masse überzogen worden, die allen chemischen Versuchen schadlos stand hielt. Also musste rohe Gewalt mit Scheuersand und Schleifkork ran. Das ging ganz gut, aber ich spüre meine Armmuskeln noch immer. Die Kannten der 4 Messingplatten wurden natürlich mit Poliermittel auf Hochglanz gebracht. Jetzt sieht das Gehäuse schon ganz manierlich aus, finde ich.

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Die Werkteile sind nicht poliert worden, sondern nur mit Wachs behandelt eingerieben (das Werk ist bei dieser Uhr nicht sichtbar). Zähne Putzen, In den Löchern nach Schmutzresten stochern, Zapfen polieren, sind so Routinearbeiten wie das zusammensetzen. Natürlich auch die Gangfeder aus dem Haus, mit Nitroverdünnung gereinigt und Motoröl sorgte für ausreichende Schmierung und wieder rein ins Haus.

Werk zusammengebaut. Oben, da wo man normaler Weise gut an die Pendelfederaufhängung ran kommt, sind jetzt die Halterungen des Werkes im Gehäuse angebracht. Lager geölt, mal eben ohne Anker (Stiftanker!!!) durchlaufen lassen und auf Geräusche gehört - alles Bestens. Die Ankerbrücke sitzt unter der Befestigung des Werkes. Na ja, Auseinander und wieder Zusammen. Ist ja nicht zur Strafe, sondern nur zur Übung!

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So. Und jetzt zur Pendelfeder. Nach Terwilliger die richtige aus dem Fundus geklaubt .0022" (0,056 mm). Blöcke dran geschraubt, Länge genau abgemessen - der Pendelschutz gibt max. 1,5 mm Spielraum her - und die Finger verbogen! Die Rändelschraube in die Aufhängung zu bekommen ist was für Japanische Fingerchen, aber nicht für die Wurschtfinger eines Rentners! Ehrlich!
Gut. Übung macht bekanntlich den Meister und wie oft ich bei dieser Uhr die Schraube raus und wieder rein...

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Pendelfeder sollte also stimmen. Das Werk mit dem Teil des Gehäuses ins Gehäuse gehangen, denn es musste ja noch justiert werden. Erstes Problem: Die Hemmung - Stiftanker - war so versteckt hinter der Ankerbrücke, dass man sie kaum sehen konnte. Und doch muss man die Arbeit sehen können, sonst kann der Abfall nicht eingestellt werden und auch der Eingriff muss ja stimmen - die Brücke war ja auch ab - . Dazu dienten zwei Langlöcher, die natürlich mit den Schrauben der Werkhalterung verschraubt waren. Da kann Mann zum Mörder des Konstrukteurs werden, wenn er denn noch nicht von selbst das zeitliche gesegnet haben sollte!

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Wirklich, dass war der Schlimmste Part der ganzen Montage: Kopf liegt flach auf der Arbeitsplatte, Lupe klemmt schlecht im Auge und fällt dauernd raus, das Licht ist natürlich auch nicht da, wo es sein sollte...

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Aber gut. Ich kanns ja! Pendel Pendelt, Abfall ist gut, meine PC-Stoppuhr angeworfen. Nach Terwilliger soll das Pendel 10 Beats in der Minute machen. Gezählt und gemeint, verzählt (wobei meine Lehrerin und der Grundschule vor 72 Jahren sich wirklich Mühe gegeben hat, dass das mit dem Eins, Zwei und so weiter klappt...) komme ich bei 10 Beat immer nur auf ca. 49 Sekunden! Hm. Wieder mal Mist geliefert! Also neue Feder und das Ganze von Vorne. Als dann beim Zählen wieder nur 49 Sekunden heraus kamen (Zwischenzeitlich habe ich auch noch eine Feder gehimmelt!!!) mal kontrolliert, ob da nicht eventuell ein Fehler im Terwilliger vorliegt? Also den Anker von Hand hin- und her, bis 5 Minuten auf dem Ziffernblatt gezählt waren und...... 60 SECHZIG Beats. Also sind es in der Minute 12 Beats und keine 10.

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Nach diesem letzten Aufbäumen des Unwillens hat dann die JUM/7 auch gemeint, es reicht. Pendelausschlag ca. 280°, auch der Abfall ist nicht zu beanstanden.

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Schöne Uhr!
 

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  • Aug. Schatz & Söhne 400 Tage-Uhr in einem seltenen Gehäuse Beitrag #2
Westminster

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Die formale Nüchternheit der 60er Jahre ist schon zu erkennen, was der Eleganz keinen Abbruch tut.
Wieder ein Stück, das Glück hatte, in die richtigen Hände zu gelangen.

:prost:
 
  • Aug. Schatz & Söhne 400 Tage-Uhr in einem seltenen Gehäuse Beitrag #3
Uhr-Enkel

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Wow! Schöner und amüsant geschriebener Bericht. So eine Jahresuhr hätte ich auch gerne, - mal nicht so verschnörkelt wie sonst.
 
  • Aug. Schatz & Söhne 400 Tage-Uhr in einem seltenen Gehäuse Beitrag #4
CFG

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Sehr schön, vielen Dank für die Vorstellung.
 
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