Auch eine Uhr, obwohl es nicht so aussieht.

Diskutiere Auch eine Uhr, obwohl es nicht so aussieht. im Sonstige Uhren Forum im Bereich Uhren-Forum; So, da bleibe ich also, dem Rat von Pet.sch folgend, bei meinen Leisten. Soll heißen, Jahresuhren:ok:. Ja, auch das soll wieder eine Uhr...
Der Stromer

Der Stromer

Themenstarter
Dabei seit
14.03.2011
Beiträge
1.653
Ort
92272 Hiltersdorf
So, da bleibe ich also, dem Rat von Pet.sch folgend, bei meinen Leisten. Soll heißen, Jahresuhren:ok:.

Ja, auch das soll wieder eine Uhr (Jahresuhr) werden.
5939-Lack-und-Fett.jpg

Das gute Stück ist im März 1959 hergestellt worden - steht jedenfalls so hinten drauf (für Pet.sch). Diese Uhren, Kal. 54, Aug. Schatz & Söhne, waren sehr empfindlich. Und Uhrmacher mögen keine Jahresuhren (Bitte, nicht alle Uhrmacher sind gemeint, aber viele)! Und diese 1000-Tage-Uhren schon gar nicht. Das war wohl auch der Grund für den recht schlechten Zustand dieser Uhr. Scheint sie doch über Jahrzehnte in einem Raucherhaushalt auf dem Schrank als Standuhr, die ja bekanntlich auch 2 x am Tag die genaue Zeit anzeigt, gestanden zu haben.
Ich bin eigentlich nur durch Zufall vor einigen Jahren an diese Uhr gekommen. Aber als sie denn da war.... Na ja, auch wieder ab ins Regal. Wenn ich mal Zeit habe, dann...
Gut. Draußen 39,4°C, drinnen NUR 35°C und ne 1000-Tage-Uhr. Aber ich bin - im Alter - ehrgeizig geworden und so musste es sein.
Die Uhr aus dem Regal. Angeschaut und wieder in Richtung Regal... Aber dann der Ehrgeiz: Mensch, mach dir nicht ins Hemd, ran an das Scheuerpulver und los gehts.
Vorab aber noch etwas zu dieser Serie von 1000-Tage-Uhren der Firma Schatz:

Diese Uhr wurde im März 1959 hergestellt. Und zwar von der Firma August Schatz & Söhne / Jahresuhrenfabrik in Triberg im Schwarzwald.
Auf dem Ziffernblatt steht über der 6 „1000 Day“. Diese Uhr ist also für eine Laufdauer von über 3 Jahren konzipiert worden. In der „vor digitalen Zeit“ eine enorme Laufdauer für eine mechanische Uhr! Und das war auch schon ihr Todesurteil. Eigentlich für den Amerikanischen Markt gedacht (Übersee war ein Großabnehmer solcher Drehpendel-Uhren), stellte sich aber bald heraus, dass auch in Amerika die Menschen, die nur alle drei Jahre ein Jubiläum, Familienfest, etc. feiern, eigentlich sehr wenige sind. Und so wurde die lange Gangdauer der Uhr nicht gewürdigt, denn auch der Preis der Uhr lag mit ca. 600,- bis 750,- DM (1959 wohlgemerkt! Nach einem alten Aufkleber im Sockel von einem Juwelier in Stuttgart) weit über dem Preis anderer Uhren. Die 1000-Tage-Uhr wurde ein Flop☹.

Auch auf anderen Märkten wurde dieses Produkt nicht gut verkauft, und so wurde die Produktion schon nach bald wiedereingestellt. Daher gibt es diese 1000-Tage-Uhren heute nur noch selten. Da aber kaum ein Uhrmacher Willens und / oder in der Lage ist, bei diesen Uhren eine Revision durch zu führen, wanderten leider viele auf dem Schrott der Geschichte oder stehen als „Standuhr“ auf irgendwelchen Schränken herum. Schade. Denn wie Sie sich ja selbst überzeugen können, hat diese Uhr ohne weiteres ihre Reize.

Der spätere Besitzer der Firma, eben der August Schatz, war der Nachfahre von August Schatz (August wurde immer der älteste Sohn genannt). Dieser August hat mit 4 anderen Arbeitslosen Uhrmachern in 1870 die Firma „Gerson Wintermantel & Cie“ gegründet. Auf verschlungenen Wegen kam dann ca. 1875 der Besitzer der US-Patente zu einem Werk, dass auf eine lange Laufzeit hin konzipiert war, Anton Harder, Gutsverwalter aus Ransen (poln.: Reszow) Landgemeinde Scinawa (Steinau a. d. Oder), Kreis Lubin (Lüben), Niederschlesien über Freiburg in Schlesien nach Triberg und suchte auf Zuspruch von Herrn Siedle, Besitzer eine Uhrenteile Gießerei die Firma G.W. & Cie auf und stellte sein Projekt vor. Aug. Schatz war dann der Uhrmacher, der diese Uhrenart als erster mit einer Graham-Hemmung zum Laufen brachte und damit eine Serienproduktion erst möglich machte. Auch gleich mit einem Märchen aufräumen: Anton Harder hat NIE eine eigene Uhr gebaut. Im Jahr 1881 war das und damit die Geburtsstunde der Drehpendel-Jahresuhr. G.W. & Cie wurde öfter umbenannt und letztlich hat August Schatz die Mehrheit übernommen und wurde Alleininhaber. Bis 1900 war diese Uhrenart durch Patente geschützt, die der Niederländische Geldgeber - DeGruiter hieß er, von Anton Harder gekauft hat. Erst danach – die Patentgebühren wurden nicht mehr bezahlt – stürzten sich alle anderen großen Hersteller von Uhren im Deutschen Reich auf diesen Markt. Otto von Bismarck soll so eine Jahresuhr in seinem Büro im Berliner Stadtschloss besessen haben, der Kaiser hat ein solches Geschenk abgelehnt.
Der erste große Boom war dann nach dem WK I. Die Amerikanischen Soldaten entdeckten diese Uhren für sich und jeder wollte eine solche Uhr für die Lieben daheim. In England war der Hype nicht ganz so ausgeprägt, hier waren die Hauptabnehmer Juweliere, die diese Uhren-Art an das gehobene Bürgertum weiterverkauften. Der zweite Boom war dann nach dem WK II. Zu Tausenden gingen diese Uhren Woche für Woche in die USA und wurden von Firmen wie z.B. Tiffany, Wollworth oder Walmart vertrieben.

1981 Feierte die Firma August Schatz & Söhne noch groß das 100-jährige, aber die in einer limitierten Serie aufgelegte „1881 – Jahresuhr“ wurde von der Konkurrenz, der Firma Kern, hergestellt, da es bei Schatzens keine Maschinen mehr für diese Uhren gab. 1986 musste dann die Firma, dem Trend der Uhrenindustrie in Deutschland folgend, Konkurs anmelden. Unterlagen wurden im Hof der Fabrik in Triberg verbrannt, Einzelteile und Maschinen gingen auf den Schrott. Aber wichtige Sachen wurden von einem Amerikaner aufgekauft: Charles Terwilliger. Diesem Herrn ist es eigentlich zu verdanken, dass es heute noch einige Ersatzteile für Jahresuhren gibt. Er hat auch ein sehr gutes Buch über Jahresuhren und deren Reparatur geschrieben. Aus diesem Buch beziehe ich meine „Weisheiten“ zu Jahresuhren😊.

Aber wieder zurück zu den "Leisten".
Das zerlegen der Uhr war die kleinste Übung. Normal ist ja an so einer Uhr nicht viel dran. Anders bei diesen. Schrauben über Schrauben, Teile des Gehäuse und so weiter. Und dann das reinigen. Wie oben schon kurz angesprochen, habe ich die Gehäuseteile mit Scheuersand und einem Stück Kork auf Vordermann gebracht. Immer schön in gerader Richtung der Rauen Striche im Messing nach, denn es sollte ja kein eigenes Muster drauf, sondern das alte möglichst ohne Schmutz aber ein wenig Patina in den Rillen sollte erhalten bleiben.
5942-Gehäuseteile-poliert.jpg
4 Tage hat diese Prozedur für alle Teile gedauert:motz:. Dann kamen noch die Teile dran, die Hochglanz wollten. Nicht ganz so anstrengend.


Die Gangfeder kam auch aus dem Haus und wurde mit Nitroverdünnung gewaschen und anschließend in Motoröl gebadet. Einen Eindruck von der Feder zeigt das Bild auf der Zeitung. Ein echtes Trum von Feder.
5944-Nach-Nitro-Bad-und-Mot.jpg

5946-Wertvolles-Hilfsmittel.jpg
Unentbehrlich für solche Federn: Der Federwinder! Die Abmessungen der Feder sind: Breite 21 mm Klingendicke 0,38 mm und die Länge der Feder 2540 mm

Die Teile vom Werk brauchten 3 Durchgänge im US-Bad, bis der meiste Dreck ab war. Dann das obligatorische "Zähne putzen". Zum Glück - auch, da diese Uhr ja eine Standuhr war - waren die Zapfen und Lager alle noch in bester Ordnung. Da habe ich schon schlimme Sachen gesehen!
5948-Da-muss-gründlich-gepu.jpg

Nach der Reinigung der Werkteile dann der Zusammenbau. Und natürlich auch hier Besonderheiten: Auf die Länge der Schrauben für den Werkkäfig muss man besonders achten. Denn hat man eine falsche Schraube erwischt, klemmt sicher irgend wo etwas. Zum Beispiel ist es möglich, dass eine Schraube auf das Federhaus drückt. Diesen Fehler dann später finden ist gar nicht so einfach, weil die Druckstelle nach dem Zusammenbau nicht mehr zu sehen ist:motz:.

Und natürlich die Pendelfeder. Auch hier im oberen Teil zerknautscht durch die Versuche, die Uhr zum Laufen zu bringen. Und das obligatorische Öl an der Gabel...
5956-Alte-Pendelfeder.jpg

Im Fundus hatte ich noch 1 HOROLOVAR mit .0024". Nun gut. Angepasst und eingebaut: Uhr um einiges zu Langsam! Da hat sich beim Lieferanten irgendwie eine zu dünne Feder ins Päckchen geschmuggelt. Also eine NIVAROX aus der Lade genommen: natürlich zu schnell! Also anpassen durch Abschleifen. Ist ja nicht zur Strafe, sondern nur zur Übung.

Das zerlegte Pendel
5955-Vor-dem-Bad.jpg
Auch das Pendel musste eine gründliche Reinigung über sich ergehen lassen!

5959-Glänzt-auch-wieder.jpg
Nicht wieder zu erkennen, das Pendel!

5961-Die-Marken.jpg
...und hier die Marken: Links das Herstellungsdatum 03 59 und rechts das Kaliber 54.


Ps.: Zur Pendelfeder. Da hatte ich Neulich Jemanden, der mich um Rat gefragt hat. Habe ihm die Maße der Pendelfeder geschrieben und weil er bei seiner "Bestellung" die Abmessungen Klingendicke und Breite auf die 3. Nachkommastelle angegeben hatte, gefragt, wie er den das gemessen hätte. Antwort: Mit einer Mikrometerschraube und die 3. Nachkommastelle geschätzt. Er kann das ganz gut:shock:. Mein Hinweis auf die Genauigkeit der 3. Stelle hinter dem Komma interessiert den guten Mann recht wenig. Nun ja. Aus Schaden wird man(n) meist klug, oder?

So. Auch ich habe es geschafft. Hier das Bild der fertigen Uhr. Und sie Zählt wieder die Zeit:klatsch:
5962-Testlauf.jpg
Hier im Testlauf

5964 Fertig.jpg
...und fertig. 1000-Tage-Uhr von Aug. Schatz & Söhne / Triberg
 
clavicembalist

clavicembalist

Dabei seit
29.07.2010
Beiträge
465
Ort
Münsterland
Sehr schön geworden, danke für Deinen ausführlichen Bericht.

Ich besitze ebenfalls die gleiche Uhr, Baujahr 9/1958, aus der Serie 1040, und habe sie auch wieder aufgehübscht ;-)

IMG_20190710_130044.jpg
Das Schwesterlein habe ich auch , Baujahr 4/1961, aus der Serie 1000.
2561994

Und oftmals fehlt sie, aber ich habe noch eine originale Anleitung zur Uhr.
LG,
Christian
 
clavicembalist

clavicembalist

Dabei seit
29.07.2010
Beiträge
465
Ort
Münsterland
Definitiv :super:
Und beide laufen jetzt seit circa eineinhalb Jahren ohne nennenswerte Abweichungen. Wenn die Firma Schatz pfiffig gewesen wäre, hätten sie eine Uhr mit einer Gangdauer von 1500 Tagen bauen sollen. Somit wären dann die Geburtstagskinder vom 29.2. auch abgedeckt gewesen:-P
 
B

Bernzen

Dabei seit
29.05.2017
Beiträge
50
Wunderschöne Uhr. Manche haben ja auch einen Dekorationswert und haben so zumindest die Mülltonne überlebt. Durch diesen schönen Beitrag finden sie ja auch neue Retter.
 
Bifora Fan

Bifora Fan

Dabei seit
18.06.2019
Beiträge
323
Ort
Dinslaken
Ich bin als Kind immer vor dem Schaufenster des örtlichen Juweliers gestanden wegen dieser Drehpendeluhren....
Irgendwann fand eine Haller Quarz den Weg zu mir, aber da wollte der Funke irgendwie nicht überspringen und ich hab sie verschenkt...
Eine mechanische oder halt doch eine JLC Atmos wäre mein Traum...
 
R

rotbaer

Dabei seit
17.02.2015
Beiträge
208
Ort
Früher Ruhrgebiet, jetzt Elbestrand
Schöner informativer Beitrag und eine schöne Uhr.
Meine Eltern hatten auch eine Uhr die ein Drehpendel hatte. (Irgendwann in den 60er Jahren gekauft.)
Das war aber auch eine Uhr mit einem Batterieantrieb.
(Quarz gab es zu der Zeit wohl noch nicht) Gefiel mir immer gut, bis ich das mit der Batterie herausbekommen habe.:shock:
 
Thema:

Auch eine Uhr, obwohl es nicht so aussieht.

Auch eine Uhr, obwohl es nicht so aussieht. - Ähnliche Themen

  • Neue Uhr: Favre-Leuba Raider Sea Sky Chronograph Orange und Yellow

    Neue Uhr: Favre-Leuba Raider Sea Sky Chronograph Orange und Yellow: Gehäuse: Stahl Durchmesser: 44,0mm Höhe: 15,7mm WaDi: 200m Werk: Valjoux 7753 Gangreserve: 48 Stunden Preis: CHF 3.300 (an Gummi), CHF 3.400 (an...
  • Neue Uhr: Zenith DEFY Classic Farfetch

    Neue Uhr: Zenith DEFY Classic Farfetch: Gehäuse: Keramik Durchmesser: 41,0mm WaDi: 100mm Werk: Elite 670 SK Gangreserve: 50 Stunden Limitierung: 25 Stück (nur erhältlich bei Farfetch)...
  • Neue Uhr: Sartory Billard SB04 Blue polished titanium

    Neue Uhr: Sartory Billard SB04 Blue polished titanium: Mal eine günstige Chronomètre Bleu-Alternative imo. Gehäuse: Stahl Durchmesser: 40,0mm Höhe: 11,0mm Werk: "Automatic Swiss movement, 26 jewels...
  • Neue Uhr: Hodinkee Fifty Fathoms Bathyscaphe

    Neue Uhr: Hodinkee Fifty Fathoms Bathyscaphe: (HODINKEE Shop: New and Vintage Watches, Straps, and Accessories) Preis: $ 9.900.- im Hodenknie Shop
  • Neue Uhr: Carl F. Bucherer Patravi TravelTec Blue

    Neue Uhr: Carl F. Bucherer Patravi TravelTec Blue: Gehäuse: Stahl (mit Keramik-Lünette) Durchmesser: 46,6mm Höhe: 15,5mm WaDi: 50m Werk: CFB 1901.1 (ETA 2894 + Modul, Chronometer) Gangreserve: 42...
  • Ähnliche Themen

    Oben