Uhrenbestimmung Alte französische Taschenuhr mit Schlagwerk auf Glocke

Diskutiere Alte französische Taschenuhr mit Schlagwerk auf Glocke im Taschenuhren Forum im Bereich Uhrentypen; Hallo, zwar war ich bisher ab und zu im Armbanduhrenforum unterwegs, bin jedoch auch begeisteter Sammler von alten Schlüsseluhren. Gerne möchte...
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bobo_x

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Hallo,

zwar war ich bisher ab und zu im Armbanduhrenforum unterwegs, bin jedoch auch begeisteter Sammler von alten Schlüsseluhren. Gerne möchte ich euch daher eine Taschenuhr vorstellen, die ich in den letzten Tagen instand gesetzt habe und die aufgrund ihrer Herkunft und Technik für mich (und ich hoffe auch für euch) besonders interessant ist. Die Uhr besitzt ein massives Silbergehäuse (mit Punze "GROS"), hat einen Durchmesser von ca. 57 mm und eine Dicke von 25 mm. Im inneren, vergoldeten Staubdeckel ist ein Gravur zu erkennen:

IMG_0105.jpg

"Ches Dubern a Bordeaux.
Si cette Montre s'egarre,
j'en promets la valeur
a qui la rapportera"

Mit meinen begrenzenten Französischkenntnissen und google-Übersetzer lese ich da Folgendes:


"Ches Dubern aus Bordeaux.
Wenn diese Uhr verloren geht,
verspreche ich dem den Wert,
der sie zurückbringt."

Die Taschenuhr sieht auf den ersten Blick aus wie eine Spindeltaschenuhr (später dazu mehr) mit 1/4 std Repetition und Schlag auf Glocke. Auch auf dem Werk ist eine Gravur zu erkennen:

IMG_0103.jpg

"Dubern ainee a Bordeaux" -> Dubern der ältere aus Bordeaux

Als ich die Uhr bekommen habe, war sie in einem nicht so guten Zustand. Die Kette war ausgehangen und auch nach dem Einhängen ließ sie sich nicht aufziehen, da kein Widerstand vorhanden war :(. Das Schlagwerk funktionierte zwar grundlegend, jedoch schepperte es nur und war sehr träge. Die ganze Uhr war durch den Dreck der Jahrhunderte sehr verharzt und angegriffen. Das Ziffernblatt hat leider eine kleine Fehlstelle.

20180302_191301.jpg

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Zunächst interessierte mich die Hintergrundgeschichte dieser Uhr - besonders wegen der Inschrift. Wenn man so etwas auf eine Uhr schreibt, muss man ja schon sehr bekannt sein. Immerhin war keine Adresse angegeben. Nach einigen Stunden bei Google und französischen Geneawiki Seiten komme ich zu folgendem Ergebnis:

Die Uhr müsste aus einer mächtigen Händler- und Militärsfamilie namens Dubern aus der Zeit der franz. Revolution stammen. Charles (Ches?) Dubern (1767 -1834, ältester Sohn von Pierre Dubern) war ein angesehener Händler und Marinekomissar, der um 1792 in Bordeaux u.A. als Rohstoffhändler tätig war. Seine ganze Familie und besonders sein Sohn Eugene Dubern scheint in der französischen Geschichte eine große Rolle als General und über die Familie Le Grand Boislandry als Erbe verschiendener Ländereien und Schlösser zu spielen.
Es ist schon sehr spannend, eine solche Uhr einer konkreten historischen Persönlichkeit zuordnen zu können und dass diese nach den Jahrhunderten und Ereignissen auf der Welt nun auf meinem Tisch liegt :D.
Bei der Zeitzuordnung sagen verschiedene Kalulatoren im Internet aufgrund der Eigenschaften Spindelhemmung, Schlagwerk auf Glocke und runder Bügel bzw. Schlüsselaufzug eine Entstehungszeit zwischen 1750 und 1820 an. Das Jahr 1792 würde also dazu passen.

Als nächstes habe ich mir dann vorgenommen, das Werk zu reinigen und gangbar zu machen. Da ich kein Uhrmacher bin, stellte dies für mich eine große Herausforderung dar. Zwar habe ich bereits Spindeluhren zerlegt, gereinigt und geölt, jedoch ist eine Uhr mit 1/4 std Repetition für mich als Amateur doch ungemein komplexer. Also erstmal alles beobachten, fotografieren und die Funktionalität versuchen zu verstehen. Anschließend habe ich das Werk Stück für Stück zerlegt.
Beim Abnehmen der oberen Plantine bin ich dann stutzig geworden: Irgendwie fehlt hier doch das Kronrad. Beim weiteren Zerlegen ist mir dann aufgefallen, dass es sich nicht um eine Spindeluhr, sondern scheinbar um eine frühe Zylinderuhr handelt!
Diese Hemmung hätte ich Uhren ca. 100 Jahre später zugeordnet! Auch die Kalkulatoren im Internet spucken bei der Kombination Schlagwerk auf Glocke und Zylinderhemmung nur "Fehler" aus?!?

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Naja erstmal weiter im Text: Ich habe dann alle Teile in Elma 9:1, destiliertem Wasser und Wundbenzin gereinigt. Die Teile waren in einem guten Zustand, auch die Kette für den Aufzug, sowohl des Uhrwerks als auch der Repitition. Beide wurden gereinigt und geölt, sodass diese wieder geschmeidig waren.

Der Grund dafür, dass die Uhr sich nicht aufziehen ließ, war das Gesperr in der Schnecke. Hier war der Sperrhebel abgebrochen. Als Lösung habe ich dann bei Ebay einige defekte Spindeluhren gekauft und den Sperrhebel ausgetauscht. Dies war nur unter Einsatz eines Dremels möglich, da der alte Sperrhebel ausgefräst werden musste. Danach alles wieder zusammensetzen, fetten, testen und einbauen. Hier hat mir die Seite von Ganywatch.de sehr geholfen.

20180304_182406.jpg

Besonders knifflig beim Zusammenbau war die Einstellung des Repetitionsmechanismus auf der Zifferblattseite. Zwar kann man diesen anhand von Fotos wieder zusammenbauen, jedoch muss dieser mit der richten Federvorspannung eingestellt werden. An diesem Punkt ist der Text Uhrenwissen Kompakt Nr. 2 Kapitel "Die Spindelrepetieruhr" Gold wert. Hier wird das Vorgehen sehr genau beschrieben. Nichtsdestotrotz ist das Aufsetzen der Stahlrolle zum Aufzug der Repetitionsfeder sehr schwierig, aber ebenso entscheidend und man braucht viiiel Geduld bzw. Fingerspitzengefühl (falls ihr das schonmal gemacht habt wisst ihr was ich meine ;)). Danach alles geölt und getestet. Nach weiteren Reguliereinstellungen, sowohl am Uhrwerk als auch an der Repetition, läuft die Uhr nun mit einer Abweichung von ca. 1 min in 24 std (nur in einer Lage und bei Zimmertemperatur getestet), was mir für eine so alte Uhr vollkommend ausreicht. Das Schlagwerk schlägt nun sauber und kräftig :D.

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IMG_0103.jpg

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Nach einiger Recherche konnte ich dann auch das Rätsel um das Alter der Uhr lösen: Laut Watchwiki wurde die Zylinderhemmung bereits 1726 durch George Graham entwickelt. Die Zylinderhemmungsräder waren wohl bis ca. 1800 aus Messing. Dies ist bei meiner Uhr auch der Fall.
Somit passt dies auch zur oben genannten Geschichte mit Datum um 1792. :)

Zwei Geheimnisse konnte ich der Uhr jedoch nicht entlocken: Wenn ihr mir hier ggfs. weiterhelfen könntet, wäre das echt klasse:

- Was bedeutet die Punze "GROS" im Uhrengehäuse? Ist dies der Gehäusehersteller oder eine Silberpunze?
- Auf der Unterseite der silbernen Scheibe mit der Skala zum Regulieren des Uhrwerks ist eine weitere Gravur, die ich nicht entziffern kann. Es scheint sich dabei um zwei Wörter zu handeln. Evtl. kann jemand hier besser Französisch als ich und kann dies entziffern?

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Ich hoffe, ihr findet diese Uhr genauso spannend wie ich und ihr wurdet mit diesem kleinen Bericht etwas unterhalten.

Viele Grüße und ein schönes Wochenende,

Jan
 
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Gast36883

Gast
Herzlichen Dank für diese tolle Vorstellung, bei Deinen Fragen kann ich Dir leider nicht weiterhelfen. Eine Gangabweichung von ca 1min/Tag ist mMn ein sehr guter Wert für eine Uhr aus dieser Zeit, genauer dürfte sie auch im Neuzustand kaum gegangen sein.

PS: jetzt bin ich baff ..... hab mal nach Deiner Silberpunze gegoogelt und finde eine gleich aussehende, aber deutsche (!) Punze, letzte Reihe der Bildchen vorletztes Bild, Ludwigsburg, 1830, Sebastian Gottlieb Gross

http://silberpunze.freehost.ag/index.php?id=20&sw=index
 
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bobo_x

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Hallo Frank,

vielen Dank für deine Antwort! Falls dies die Punze ist, würde das ja fast dafür sprechen, dass das Uhrwerk im Laufe der Zeit bereits einmal umgezogen ist. Ist ja echt spannend, den Stempel für Ludwigsburg ist aber nicht vorhanden.
 
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Gast36883

Gast
Sind denn überhaupt irgendwelche amtlichen Beschauzeichen oder Silberpunzen vorhanden? Das fehlende Beschauzeichen der Stadt Ludwigsburg besagt genau ...... gar nichts. Siehe Wiki https://de.m.wikipedia.org/wiki/Silberstempel Arbeiten mit geringem Gewicht wurden häufig gar nicht gestempelt, die Abbildung ist von einer Arbeit von 1830, Deine Uhr früher ...... warum sollte die Meisterwerkstatt nicht 40-50 Jahre bestanden haben? Der Nachfolger könnte den Stempel weiterhin benutzt haben. Möglicherweise wurde vor 1800 gar kein Beschauzeichen der Stadt verwendet .....

Nicht gänzlich außer Acht zu lassen: wir reden von einer politisch sehr unruhigen Zeit, der Zeit der französischen Revolution https://de.m.wikipedia.org/wiki/Französische_Revolution in der viele Adlige (sicher auch andere höhergestellte Persönlichkeiten) zeitweise das Land verließen und von der Zeit des ersten Koalitionskrieges https://de.m.wikipedia.org/wiki/Erster_Koalitionskrieg
 
Baumeister

Baumeister

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Wow! Ganz toll. Ein echter Zeitzeuge.

Ich mag mir gerne vorstellen, was so ein Maschinchen wohl schon alles erlebt hat. Die Welt war eine völlig andere.
Und ganz toll, dass sie jetzt fit ist für die nächsten 200 Jahre.
 
husky

husky

R.i.P
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Hallo,
sehr schöner Bericht mit guten Recherchen.
Hat soviel Spaß gemacht, daß ich versucht habe, die Inschrift der Rückseite der Regulierscheibe zu deuten.
Was haltet ihr denn von Godemar > ein Ort ca 50 klm von Ludwigsburg entfernt?
Man muß sich von der Vorstellung trennen, daß alle Teile einer Uhr in einer Werkstatt angefertigt wurden.
Mit freundlichen Sammlergrüßen
Michael
 
pretium intus

pretium intus

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Wirklich wunderbare Restauration! :klatsch:
War für mich auch neu, daß da schon die Zylinderhemmung zum Einsatz kam!
Wer die Uhr wohl alles besessen hat?
Ein außergewöhnlicher Zeitzeuge!
Noch viel Spaß mit dem Museumsstück!
L G aus dem Wasgau
Hans
 
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Gast36883

Gast
Was haltet ihr denn von Godemar > ein Ort ca 50 klm von Ludwigsburg entfernt?

Michael,
Du kannst wirklich genial entziffern ...... nur Deine Schlußfolgerung teile ich nicht. Godemar Freres, ein Uhrwerkhersteller aus Genf, klingt für mich wahrscheinlicher.

Ein frühes Exportwerk das in Deutschland mit einem Silbergehäuse versehen wurde und dann von einem Mitglied einer wohlhabenden französischen Familie dort in Ludwigsburg gekauft wurde .....

https://pocketwatchdatabase.com/profile/tomc1234/collection/view/79415
 
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bobo_x

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wow, vielen Dank für das tolle Feedback!
Auf der Uhr sind sonst keine weiteren Markierungen zu sehen. "Godemar"....wenn mans weis, dann erscheint es doch so klar. Danke Frank! Mich hatte das hochgezogene d verwirrt, sodss ich dachte es wären zwei Wörter.
Bei der Deutung würde ich so wie Frank eher einen Uhrmacher (Godemar Freres) vermuten, da es für mich keinen Grund gibt den Namen eines Ortes versteckt unter die Regulierscheibe zu gravieren. Aber wer weis...Gibt es das ggfs. häufiger, dass die Regulierscheibe für Uhrmacherkennzeichnungen genutzt wird?

Man man man wenn die Uhr nur reden könnte ;-) Aber es ist genau auch diese Detektivarbeit die das ganze Sammelgebiet so spannend macht..

Nochmals vielen Dank für eure Hilfe und einen schönen Abend!

Jan
 
Thema:

Alte französische Taschenuhr mit Schlagwerk auf Glocke

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