Ergebnis 1 bis 10 von 10
  1. #1
    Avatar von mahlekolben
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    Kienzle Taschenuhr mit "seltenem Werk"...

    Werte Forianer!

    ---# Schwierigkeiten...

    Inmitten des Hochladens der Bilder (welche habe ich schon, welche muss ich noch, mühsam ausgewählt, nochmals verglichen - OK - Hochladen kann beginnen) - Was ist DAS denn? Das Forum ist aufgrund von Wartungsarbeiten kurzzeitig geschlossen! Bitte um Verständnis? Jetzt??? Näää! Mist! Alles noch mal...

    ---#

    Hier ein Beispiel aus meiner Bastelbude, das ich euch schon lange schuldig blieb:

    Da ich mir immer mal wieder Uhrenschrott wünsche, hat schon die eine oder andere Uhr ihren Weg zu mir gefunden.

    Diese allerdings wurde mir von meinem Bruder vorenthalten. Lümmel!

    Diese Vorselektion brachte ihm nicht viel, sie lief nicht. Und so kam sie - quasi als "Auftragsarbeit" - dann doch noch zu mir:



    Kienzle Taschenuhr mit Werk aus einer Armbanduhr (Marriage mal anders rum?)?



    Das Werk selbst scheint recht unbekannt zu sein, vergl. Link:

    Das Metatechnische Kabinett - Unbekanntes Stiftankerwerk



    Habe mir das gute Stück angesehen:

    Trotz Vollaufzug wollte sie nicht so richtig anlaufen, wenn sie dann lief, durfte sie nicht aus der Lage gebracht werden. Also: Deckel auf und gucken.

    Zunächst viel auf, dass die Unruhfeder verbogen war.



    Beim Abspannen der Aufzugsfeder vermisste ich den gewohnten "Schmackes", was auf eine vergammelte Zugfeder hinweisen wollte.

    Also: Ran ans Werk...





    Völlig hemmungsfrei ging es dann ans Räderwerk:





    Doch irgendwann ist schluss und es muss von vorne begonnen werden:









    Gerne nehme ich zwei Lagen Notizzettel, um das Zifferblatt vor Beschädigungen durch den Zeigerabheber zu schützen:





    Völlig nackig kann das Werk nun nach vorne herausgenommen werden:







    Zwischenstand, bevor es in den Ultraschall-Reiniger geht:



    Mit Fettlöser verbringen die Teile jeweils etwa 5 Minuten im lecker warmen Sprudelbad. Durch den Becher sind die Kavitationskräfte nicht allzu agressiv:



    Schön sauber kann nun der Zusammenbau beginnen:



    Ach ja - da war ja noch etwas: Die Zugfeder. Hier sieht man schön, dass der Gammel zugeschlagen hat:



    Vorsichtig wird die Feder ausgebaut, um sie zu reinigen:



    Richtig rum wieder eingefädelt und mit einigen Tröpfchen Öl versehen sollte sie wieder ziehen:



    Weiter geht es mit dem Zusammenbau auf der Räderwerksseite:





    Recht unspektakulär, aber wenn das Werk so selten ist, gibt es hier Bilder des Ankers:





    Die Unruhe stellt ein eigenes Kapitel dar. Die Spirale hatte einen Höhenschlag, sodass sie einem schönen Lauf verhinderte. Nach einem Bad in Feuerzeugbenzin hatte ich nun die Schwierigkeit, die Spirale in angebautem Zustand zu richten.



    Einige Stunden später gab ich dann auf. Da die Spirale im Spiralklötzchenträger verklebt war, habe ich sie kurzerhand nahe des SKT mit einem feinen Seitenschneider abgetrennt.

    Mit dem feinsten Bohrer im Stiftenklöbchen habe ich Klebstoff von oben aus dem SKT herausgepult.



    Doch von der Seite - wo die Spirale reinkam - war der Boher zu dick. Ich habe eine Ader aus einem Kabel genommen (Durchmesser 0,2mm) und per Feile mit einem feinen Hieb versehen, um den SKT von Kleberesten sauber zu befreien:





    Probe, ob's auch passt:



    Nun geng's ans Richten der Spirale. Hier schön der unschöne Höhenschlag:



    Für das Richten der Spirale habe ich mich folgendermaßen ausgerüstet:

    - Rote Krawatte um den Kopp, um das rechte Auge dauerhaft und sicher zu verschließen
    - Stuhl weg und Bierkasten her, damit ich tiefer sitzen konnte (ich hab' doch Rücken...)
    - Okular links in den Schädel getackert

    Kam mir vor wie Rambo mit Zielfernrohr...

    Den Unruhkloben habe ich dann mit Rodico an die Unterlage gepappt, dann ging es mit zwei Pinzetten, Ölgebern und weiterem feinsten "Zeugs des Werks" ans Werk.



    Viiiel später und einige Pullen Bier weiter:



    Dann kam die Frage auf mich zu, wie ich denn die Spirale wieder festkleben könnte. Ich hatte zunächst die Idee, einen kleinen Span Heißkleber in das Loch zu fummeln. Diesen wollte ich dann mit einem Lötkolben schmelzen. Als ich an die aufkommende Hitze dachte, habe ich diesen Gedanken jedoch schnell wieder verworfen.

    Mit einer Sicherheitsnadel habe ich dann ein winziges Tröpfchen Nagellack in den SKT laufen lassen - Frauen sind doch für was gut...



    (hier fehlen einige Fotos... `Schullijung - warschonspäät - undichwolltejanoch "hicks" unbedingtdaswerklaufensehen...)

    Nerven sammeln und Goldfeder suchen, die einzige Feder für das einzige Steinlager - und die ist mir (mal wieder und wie immer!) weggeschnippst...

    Und - als wenn es so sein sollte - knallt mir just in diesem Moment der Rechner weg. Und das mir... Während Stefanie Heinzmann zum millionsten Mal heute ihr "Roots To Grow" durchs Radio quetscht, dazu Papa Schnitzer, der über Panini-Bücher referiert und dämliche Schumi-Witze...

    DA! Da ist die Feder ja! Ab auf den Rodico-Knubbel!

    Das Werk lief!!! Was aber nicht hieß, dass man es nicht noch schöner machen konnte.

    Also alles wieder auseinander gebaut und alle Zahnräder und Triebe mit einem Glasfaserstift gereinigt. Alle Lager habe ich mit fein angespitzten Hölzchen saubergepult. Alles neu zusammengebaut, geschmiert und geölt. Hier ein "Gruppenfoto":



    Ein Zwischenstand:



    Danach ging es an den Gehäuseteilen weiter:





    Das Plexi erhielt die bewährte Methode: Schmirgelpapier,



    Zahnpasta:



    und abschließend Polywatch mit Microfasertuch:



    Auch der Gehäuseboden bekam eine Politur - allerdings ohne Maschineneinsatz:



    Abschließend noch ein Blick ins Blitzsaubere Werk:



    Durch das Kürzen der Unruhspirale stimmte der Auslösepunkt natürlich nicht mehr. Ich habe das Werk mit zwei, drei Kronenumdrehungen leicht aufgezogen und den Spiralklötzchenträger vorsichtig bewegt, bis die Unruhe angestoßen wurde.

    Die Uhr lief dann gut 35 Stunden durch, die Feinjustage übernahm der Uhrmacher meines Vertrauens zum fairen Preis. Nach ein wenig Fachsimpeln fragte ich nach dem Hersteller des Werks - behalten habe ich allerdings nur, dass es aus Frankreich stammen soll.

    Die Uhr habe ich dann mit einer feinen Kette versehen meinem strahlenden Bruder übergeben können. Er trägt sie gerne in der kleinen Tasche der Jeanshose, denn "das ist ja auch viel cooler, als eine schnöde Quarzuhr am Handgelenk!"

    Stimmt!

    Hoffe, es hat nicht gelangweit...
    Liebe Grüße

    Michael

  2. #2
    Avatar von Philipp
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    total langweilig

    Schon wieder ein detaillierter Werkstattbericht mit guten Bildern - oh man, total langweilig...

    Jetzt mal im Ernst, Mahlekolben !

    Respekt, was du mit der Unruhspirale angestellt hast das erfordert echt Geduld und Gefühl.
    Insgesamt ein sehr schöner Bericht - Danke fürs Teilhaben lassen.
    Gruß aus Berlin
    Philipp
    "チトーニ / 梅花錶 / 티토니"

  3. #3
    Avatar von uhrenbastler
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    Ein wirklich erfrischender Bericht - so richtig schön do-it-yourself, gefällt mir

    Das Werk sollte ein Sonceboz 95 (aka "Semag 95") sein, ich muß das bei Gelegenheit nochmal verifizieren und dann richtig einsortieren in meiner Datenbank.

    Ciao
    Christoph
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  4. #4
    Avatar von Aeternitas
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    Tolle Bilder, sehr kreative Lösungen nebenbei!
    Beim Werk tippe ich auf ein France Ebauches, die Stoßsicherung kommt mir bekannt vor.
    Mein Senf ist besonders lecker und bekömmlich!

  5. #5
    Avatar von Labrador
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    Hallo Michael,

    ein toller Bericht mit guten Bildern und sehr lebensnah und ehrlich geschrieben - echt klasse! Danke dafür. Das Richten der Spirale (einer der schwierigsten Aufgaben im Uhrmacherhandwerk) ist dir anscheinend gut gelungen.

    Meist ist es so, dass man die geklebten Spirallötzchen von oben nach unten herausdrücken kann. Das erspart einem dann den Aufwand, den du damit hattest.

    Auch bin ich mir recht sicher, dass es sich bei dieser Uhr nicht um eine Marriage handelt. Es war nach dem Krieg durchaus üblich, die viel häufiger verwendeten Armbanduhrkaliber auch in Taschenuhrgehäuse zu setzen - als Einsparungsmaßnahme sozusagen.

    Ein tolles Ergebnis, wobei ich (auch) bei dir den Verdacht nicht loswerde, dass der Weg das Ziel ist.

    Viele Grüße

    Jörn (Labrador)

  6. #6
    Avatar von uhrenbastler
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    "Nach dem Krieg" ist aber etwas relativ, das Sonceboz 95 dürfte erst Mitte/Ende der 70er Jahre auf den Markt gekommen sein Anhand der Zeiger erkennt man auch, daß diese Uhr zwar auf altmodisch getrimmt wurde, aber die Zeiger sprechen ganz klar eine moderenere Formsprache.

    Die Stoßsicherung ist übrigens eine Novodiac. Ziemlich eklig dank fast perfekter Flugeigenschaften der Feder

    Ciao
    Christoph
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  7. #7
    Avatar von falko
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    Sehr schöner Bericht, vielen Dank! Beim Werk tendiere ich auch zur Herkunft Ebauches Sonceboz. Die Spirale hätte ich nicht einfach abgeschnitten. Jetzt hast Du einen Abfallfehler. Das Flachlegen der Spirale ist Dir aber gut gelungen, Respekt!
    Grüsse Gerd
    Die Beschäftigung mit Uhren lässt die Zeit vergessen.
    Man sollte nicht alles tun, was man könnte,
    aber man sollte alles können, was man tut!

  8. #8
    Avatar von Aeternitas
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    Ja...das Werk ist ein ES...da hatte ich doch tatsächlich ein Werk mit fremder Stoßsicherung. FE haben diese Novodiac gar nicht.

    Danke!
    Mein Senf ist besonders lecker und bekömmlich!

  9. #9
    Avatar von mahlekolben
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    Herzlichen Dank für Eure Meldungen!

    Ebauches Sonceboz - das ist es gewesen! Kein Wunder, dass ich mich daran nicht mehr erinnern konnte...

    Die Uhr selbst stammt sicherlich aus den 70ern und wurde nur optisch auf militärisch-alt getrimmt, was aber auch gut gelungen ist, wie ich meine.

    Dass man das Spiralklötzchen hätte rausdrücken können wusste ich nicht, hätte einerseits die Arbeit erleichtert, andererseits bestimmt auch erschwert: Durch sein Gewicht wäre es bestimmt schwer geworden, den Höhenschlag richtig herauszubekommen.

    Das Richten einer Spirale ist aber auch wirklich nur etwas für absolute Liebhaber:

    Wenn ich überlege, wie viele Stunden ich an diesem Blechspan gebogen habe... Bei einem Stundenlohn von 60 Euro wird's spannend und überlegenswert - anbieten kann man es wohl kaum jemandem.

    Ein Fallfehler tritt wohl nicht mehr auf, da der Spiralklötzchenträger nachträglich justiert wurde um die verkürzte Spirale zu kompensieren. Wie beschrieben lief die Uhr bereits bei meiner "groben" Einstellung bei minimalem Aufzug von alleine an, sodass ich zumindest in etwa nahe der richtigen Stellung gewesen sein muss.

    Die Feinjustage habe ich dann mangels Gerätschaften einem Profi überlassen. Obendrein gab er mir ein Jahr Garantie (auf meine Arbeit! - na danke auch... ): "Wenn die ein Jahr läuft, läuft die auch die nächsten 10 Jahre!"

    Die hervorragenden Flugeigenschaften der angesprochenen Stoßsicherungs-Teile kann ich nur bestätigen!

    Das Projekt wurde im letzten September fertiggestellt, daher liest sich der Text auch ein wenig hakelig. Hin und wieder halte ich in der Arbeit inne, knipse ein paar Fotos und schreibe ein paar Notizen. Über die Zeit, die bis hier verflossen ist, ist natürlich die Stimmung verblasst. Doch durch meine Notizen konnte ich noch den einen oder anderen Eindruck festhalten.

    Wenn ich nur mehr Zeit hätte... Dann käme ich auf dem Weg auch ein Stückchen weiter.

    Gerne würde ich diesen Weg noch viel weiter erkunden - und auch seine Nebenwege, Stiegen und Sackgassen, auch wenn es über Kopfstein, Pfützen und durch tiefe Schlaglöcher ginge!

    Dummerweise muss ich mit meinem Einkommen ein Auskommen haben, sodass die Uhrmacherei zwar ein feines, aber immer noch "nur" ein Hobby bleiben muss.

    Oder?
    Liebe Grüße

    Michael

  10. #10

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    Das sind genau die ausführlichen Berichte und Fotos, die warscheinlich jeder "Uhrenlaie" mit grösstem Interesse verschlingt.
    Vielen Dank dafür!

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