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10.02.2010, 21:27 #1
Labradors Werkzeugkunde: Der Eingriffzirkel
Einen Zirkel kennen wir vermutlich alle - nicht zuletzt aus der Schule, wo er dazu da war, im Mathematikunterricht schöne, exakte Kreise zeichnen zu können. Mitunter war das aber auch ein hervorragendes Gerät, um Mitschüler ordentlich pisaken zu können...
(Natürlich nur die, die es sich auch wirklich verdient hatten....)
Keine Sorge, Uhrmacher sind dagegen sehr friedliche Leute und in der gut sortierten Uhrmacherwerkstatt gibt es neben einem normalen Zirkel auch noch den Eingriffzirkel. Auch er dient dazu einen Kreisbogen zu erzeugen - nur ergibt sich dieser Kreisbogen aus den zwei Kreisbögen zweier Räder, die im Eingriff zueinander stehen. Auf dem folgenden Bild ist der Eingriffzirkel mit zwei eingespannten Rädern zu sehen:

Der Eingriffzirkel hat an den Enden jeweils zwei metallene Spitzen, mit denen z. B. auf einer Platine (oder was eine Platine werden soll) ein Kreisbogensegment angezeichnet werden kann. Auf der anderen Seite sind die Spitzen mit kleinen Vertiefungen versehen, die als Lager für die Wellen dienen.

In der Praxis werden zwei Räder, die später im Räderwerk im Eingriff stehen sollen, zwischen den inneren Spitzen eingespannt, so dass die Radzähne des einen in die Triebzähne des anderen Rades eingreifen. Hier ist es von großer Bedeutung, dass der Abstand 100%tig passt. Der Eingriff darf weder klemmen noch überspringen. Hier eine Abbildung, wo zwei Räder im richtigen Abstand zueinander eingespannt wurden:

Um den Abstand des Eingriffs sehr dosiert verstellen zu können, hat der Eingriffzirkel eine Rändelschraube, mit der - ähnlich wie bei einer Feinregulierung - der Zahneingriff angepasst wird.

Auf der anderen Seite drückt eine Stahlfeder dagegen, damit kein Spiel im Zirkel enstehen kann.

Hier der geöffnete Eingriffzirkel. Man kann im unteren Bereich sehr gut die Wirkungsweise der Rändelschraube erkennen.

Hat man nun den Eingriff korrekt eingestellt, wird mit den Spitzen entlang einer Linie oder Kurve (kommt auf das Werk an) der Lagerpunkt angezeichnet. Hier habe ich einfach eine Linie auf eine Messigplatte gezeichnet. Ein gutes Beispiel für eine "linear" verlaufende Werkskonstruktion ist die Corum Golden Bridge oder die Stabwerke von JlC.

Aufgrund der Tatsache, dass die Räder, die hier als Beispiel herhalten müssen, aus einer Grabbelkiste stammen, lassen sich die Spitzen nicht exakt auf gleiche Länge bringen. Im Ernstfall muss das jedoch so sein, damit kein Fehler durch Abkippen des Zirkels ensteht.
Angezeichnet sieht das dann so aus:

Dort, wo sich die Linien kreuzen, muss das Lager gebohrt oder gefräst werden.
Der Eingriffzirkel dient nicht nur zur Konstruktion selbst entworfener Uhrwerke (das habe ich noch nicht gemacht - das kommt aber wenn ich genügend Zeit habe auch noch), sondern ist hilfreich, wenn Eingriffe bei Uhren nicht mehr passen. Grund dafür kann übermäßiger Verschleiß oder fehlerhafte Reparaturen sein. Er findet in der Praxis eher Anwendung, wenn sehr alte Uhren repariert werden müssen.
Habt bitte keine Hemmungen (alter Uhrmacherwitz!) Fragen zu stellen.
Viele Grüße vom
Labrador
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10.02.2010, 21:31 #2
Ich hab' zwar keine Hemmungen - aber auch keinen (uhrmacherischen) Verstand.
Du weißt ...
Aber man lernt ständig dazu - und das soll ja auch schon viel wert sein, habe ich mir sagen lassen.
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Meine Frage wäre tatsächlich gewesen: Wann zum Teufel kann man das Teil als nicht in der Uhrenindustrie Beschäftigter brauchen?
Aber Du hast ja die Antwort bereits gegeben:
Wie immer: Danke!
Geändert von RiGa (10.02.2010 um 21:35 Uhr)
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10.02.2010, 21:33 #3
...bitte liebe Moderatoren...das darf nicht im Schlund der Fragen nach Uhrbandausbau untergehen...
Vorschlag: Unterrubrik Uhrenwerkstatt für Fortgeschrittene....verlieren keine Zeit, denn uns lässt die Zeit altern und in unserem Zeitalter hat man keine Zeit- Alter...
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10.02.2010, 21:42 #4
@RiGa: Danke, Richard. Die Berufsbezeichnung Uhrmacher nehme ich persönlich auch ernst - deshalb drängt es mich auch mal eine komplette Armbanduhr zu machen... Ideen sind da, wenn das auch noch nicht komplett durchgeplant ist. Hoffe, ich habe noch Zeit, das umzusetzen. LG Jörn
@Aeternitas: Vielleicht lässt sich auch dieser Beitrag als Tutorial kennzeichnen?
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10.02.2010, 21:43 #5
Verstehe ich das richtig, lieber Labrador?
Du überträgst mit dem Eingriffszirkel den exakten Achsabstand der beiden Zahnräder auf ein Metallteil welches später als Platine (ich würde das Teil völlig unfachmännisch 'Zahnradgehäuse' nennen) dienen soll?
An den beiden markierten Stellen sitzen die Mitten der neu herzustellenden Lager der Zahnradachsen?
Sorry, ich bin Laie...Viele Grüße
Volker
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10.02.2010, 21:51 #6
Jörn, vielen Dank für die Fortsetzung!
Das war wie das Warten auf einen Liebesbrief: man geht jeden Tag an den Briefkasten und hofft, das was drin ist und freut sich ein zweites Loch in den Hintern, wenn er da ist
Nun haben wir die Werkstatt verlassen und sind in der Konstruktionsabteilung.
Äusserst spannend und toll bebildert.
Ich freue mich auf nächste Folge von "Labradors Haute Horlogerie".
100% Unterstützung für Aerternitas´ Idee!
Gruss
MathiasClemens darf Torben zu mir sagen.
Hier wird lediglich meine eigene Meinung veröffentlicht.
Die Rechtslage macht diese Erklärung leider notwendig, sie hat nichts mit der Qualität der Ware zu tun.
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10.02.2010, 21:54 #7
@Rocketman: Hallo Volker, genau so ist das. Bei alten Uhren gibt es ja keine technischen Zeichnungen, denen man ein Achsabstand entnehmen könnte. Wichtig beim Entwurf eines neuen Werkes ist natürlich auch eine Verlaufslinie, wo die Räder sitzen sollen. Viele Grüße, Jörn
@mini: Danke, aber noch bin ich nicht so weit. Das kommt sicher noch... Viele Grüße, JörnGeändert von Labrador (10.02.2010 um 21:56 Uhr)
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10.02.2010, 22:12 #8
Wie pflegte Mr. Spock zu sagen?
"Faszinierend!"
Danke Jörn, jeder Deiner sehr sorgfältig gestalteten 'Tutorial' - Beiträge ermöglicht (mir) Einblicke in (mir) bisher unbekannte Welten.
Und das auf sehr anschauliche und informative Weise.
Vielen Dank dafür.
Viele Grüße
Volker
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10.02.2010, 23:03 #9
Danke, Jörn! Wieder eine sehr anschauliche und verständliche Vorstellung eines allerdings in der Armbanduhren-Reparaturpraxis kaum gebrauchten Werkzeugs.
Wie wäre es denn, wenn Du uns mal eine Auswahl der verschiedenen Anwendungen der Triebnietmaschine zeigen könntest? Dieses Gerät ist so wichtig und vielfältig einsetzbar, dass ich auf die Kniffe eines Profis wie Dir sehr gespannt wäre.Grüsse Gerd
Die Beschäftigung mit Uhren lässt die Zeit vergessen.
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11.02.2010, 02:54 #10Uhrenlaie
- Dabei seit
- 15.01.2010
- Beiträge
- 41
Hallo Joern
Vielen Dank fuer den Super Beitrag!!
Ja, bei Labrador, da hamm wa wat jelernt
Wie findest du die Genauigkeit vom diesem Instrument? Ich habe wo gelesen das es einiges zu wunschen uebrig laesst weil man die Linien nie so genau hinbekommt in der Praxis.
@Moderator:
Ich finde das dieses das richtige Forum fuer Labrador und aehnliche Beitraege ist aber eigentlich brauchen wir ein anderes Forum "Uhrenreperatur" oder so fuer die Armbandfragen usw.
Gruss
Bernt
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11.02.2010, 22:46 #11Member of the TWOC
Ich liebe Uhren - keine Marken
Wie spät ist es eigentlich ?...
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12.02.2010, 01:46 #12
Hammer - mal wieder ein absoluuuuter Hammer!
Vielen Dank - das wertet das Forum richtig auf!
Leider verleitet mich das dazu, mitziehen zu wollen...
Wenn's nicht all zu sehr in die Hose geht, kann ich bald ein paar Bilder liefern...
Neben der von Falko angesprochenen Triebnietmaschine würde ich mir eine Anleitung á la:
"Labradors Werkstatt - Das richtige Ölen mit dem Ölgeber"
wünschen wollen.
Aber auch gerne von einem anderen anwesenden Uhrmacher - sollst ja nicht alleine schuften...
Liebe Grüße
Michael
1. Rittmeister des TWOC
Suche ständig zum Selbststudium: (Taschen-) Uhren, Werke, "Schrott", Reste...:
http://uhr-forum.de/taschenuhren-t35441
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12.02.2010, 08:07 #13
Klasse!
Wie immer ein Vergnügen zu lesen!Grüße aus Augsburg,
Michael
Präsident des S.N.B.O.C. - S.M.O.C.
Mitglied des C.L.G.U. - S.L.M.O.C. - S.O.C. - S.T.O. - S.A.C. - O.S.M.P.C. - B.O.C.
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12.02.2010, 10:34 #14
Coole Sache! Das bestätigt wieder meine Meinung, dass die Leute "früher" auch schon echt geniale Ideen gehabt haben (also...bevor es CAD/CAM und LASER gegeben hat)!
Danke Jörn!2,780,285,630th
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13.02.2010, 10:32 #15
Immer wieder Klasse solche beiträge zusehen und zu lesen,vielen vielen DANK dafür
"Die Welt ist numal schlecht und wo gehobelt wird..." - "...da
sterben Schwäne"
______________
MfG Eric
Seiko Monster Wearers' Club
S.N.B.O.C.
Steinhart -Tiefsee -1000 - No.25/111
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13.02.2010, 11:41 #16
Interessantes Werkzeug.
Du kopierst praktisch den Abstand zwischen den beiden Achsen wenn ich das richtig verstanden habe.
Mich würde die Genaugkeit des übertragenen Achsabstandes interessieren.
Und mit welchen Abweichungen (Tolleranz) kann man leben.
Vielen Dank für den Beitrag und deine Bilder.
Gruss vom LexiGruss vom Lexi
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13.02.2010, 17:43 #17
@Alle: Freut mich, dass das so viele hier interessiert. Danke auch für eure netten Worte!
Die Themen Treibnietmaschine und Ölen werde ich gerne auch einmal vorstellen. Das sind gute Anregungen.
@Lexi: Sofern die Spitzen nicht verbogen sind, ist die Genauigleit immer so groß (bzw. gut) wie man den Eingriff im Zirkel eingestellt hat. Moderne CNCFräsmaschinen sind bestimmt genauer. Das ist ja auch eher die handwerkliche Genauigkeit und das Feeling für das Zusammenspiel der Teile - denke da an die alten Spindeluhren, die komplett von Hand gefertigt wurden.
Viele Grüße
Jörn (Labrador)
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